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Lernforscher Gigerenzer zur digitalen Bildung: „Schule muss sich revolutionieren“ – ein bisschen

BERLIN. Tschüss Auswendiglernen – hallo Problemlösen! Wenn der Nachwuchs fit werden soll für die digitale Arbeitswelt der Zukunft, müssen Schulen ihren Unterricht ändern. Das fordert einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland: Prof. Gerd Gigerenzer.

"Wir müssen lernen, mit Unsicherheiten zu denken": Kognitionsforscher Gigerenzer. Foto: Franz Johann Morgenbesser / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

„Wir müssen lernen, mit Unsicherheiten zu denken“: Kognitionsforscher Gigerenzer. Foto: Franz Johann Morgenbesser / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Wie wäre es, wenn jemand im Büro in Zukunft der einzige Mensch in einem Team von Schreibrobotern wäre? Vielleicht kommt es nie so. Aber viele Jobs wandeln sich durch digitale Techniken. Und veränderte Arbeitswelten erfordern neue Kompetenzen bei den Menschen, die in diesen Welten leben. Der Kognitionsforscher und Psychologe Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, rät im Gespräch: Kinder sollten schon früh lernen, mit Unsicherheiten konstruktiv umzugehen. Das heißt etwa für den Matheunterricht: Mehr mit Wahrscheinlichkeiten rechnen und Statistiken bewerten.

Welche Fähigkeiten brauchen wir in einer Umwelt und Arbeitswelt, die immer mehr von digitalen Prozessen und von Robotertechnik geprägt sein wird?

Gigerenzer: Wichtig ist zunächst, sich von den neuen digitalen Techniken nicht kontrollieren zu lassen, sondern sie umgekehrt zu kontrollieren. Und wir müssen lernen, mit Unsicherheiten zu denken und mit Unsicherheiten zu leben. Es geht darum, nicht ängstlich mit potenziellen Risiken umzugehen, sondern eher interessiert und gespannt.

Was müssten unsere Kinder also lernen?

Gigerenzer: Die Schule müsste man in gewisser Weise revolutionieren und mehr Wert auf selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen legen, weniger auf sture Faktenvermittlung. Und schon Kinder können lernen, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen. Es geht vor allem darum, im späteren Leben Informationen aus den Bereichen Gesundheit, Geld und digitale Medien einordnen zu können.

Und wie sollten unsere Kinder lernen?

Gigerenzer: Lernen ist ein fundamental sozialer Prozess. Ein Beispiel: Kinder, die schon früh mit Sprachprogrammen wie „Baby Einstein“ trainieren – was in den USA oft versucht wird – lernen wesentlich weniger, als wenn ihre Eltern ihnen vorlesen. Computer können Lehrer, und auch deren Vorbildfunktion, nicht ersetzen.

Wie werden wir dann arbeiten?

Gigerenzer: Die Menschen werden immer mehr mit ihrer Arbeit vernetzt werden. Auch wenn es in Deutschland derzeit oft noch recht klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit gibt. In den USA ist das schon ganz anders. Auch bei uns werden diese Grenzen weiter verschwimmen. Eine interessante Frage ist dann, wie unsere Freizeit aussieht. Ob wir dann mehr Zeit für Soziales oder Ehrenämter einsetzen, hängt wohl vor allem davon ab, ob uns die digitale Revolution eher zu einem Menschen macht, der nur für Geld lebt, oder dessen Ziele breiter gefächert werden.

Was brauchen wir noch?

Gigerenzer: Mehr emotionale Selbstkontrolle, vor allem im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten. Das fängt damit an, dass viele Menschen lernen müssen, beim Autofahren nicht dem übergroßen Drang nachzugeben, permanent das Handy zu checken oder Nachrichten zu senden. In den USA gibt es dadurch über 3000 Verkehrstote pro Jahr. Selbst bei einem gemeinsamen Essen schaffen es viele ja kaum, das Smartphone vom Tisch zu verbannen und stattdessen ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen. Interview: Andrea Barthélémy, dpa

Zur Person
Prof. Gerd Gigerenzer (68) ist Psychologe, Kognitionsforscher und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Nach mehreren Stationen in München, Konstanz und Salzburg lehrte und forschte er in den 90er Jahren auch an der University of Chicago (USA). Er befasst sich vor allem mit der Frage, wie Menschen angesichts einer ungewissen Zukunft erfolgreiche Entscheidungen treffen, wenn sie wenig Zeit und nur beschränkte Informationen haben. Seine Empfehlung: dem Bauchgefühl vertrauen.

Zum Bericht: Regentschaft der Roboter? Was die digitale Revolution bedeutet – auch für die Schulen

30 Kommentare

  1. Dieser Satz gefällt mir besonders gut: „Ein Beispiel: Kinder, die schon früh mit Sprachprogrammen wie „Baby Einstein“ trainieren – was in den USA oft versucht wird – lernen wesentlich weniger, als wenn ihre Eltern ihnen vorlesen.“
    Schönes, altes Erfahrungswissen kann also moderner, fortschrittlicher Pädagogik überlegen sein. Welch ein Fortschritt im Denken!
    Vielleicht ist das ein kleiner Anstoß für Fortschrittsgläubige, auch mal in Erwägung zu ziehen, dass Altes nicht automatisch schlechter sein muss als Neues und abfällige Bemerkungen gegen „früher“ kein Zeichen von Klugheit sind.

  2. Aber dass Gigerenzer sich für eine neue Schule ausspricht, die „mehr Wert auf selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen legt, weniger auf sture Faktenvermittlung“, das haben Sie schon mitbekommen, oder?

    Wie Sie aus dem Interview eine Kritik an „moderner, fortschrittlicher Pädagogik“ herauslesen, lässt mich ratlos zurück.

    • Komischerweise sind in Sachen Problemlösung die Länder China, Japan, Singapur usw. vorne dran. Gerade die Länder deren Schulen als Paukschulen verrufen sind.

      • @GriasDi
        Zitat: „Während das chinesische Schulsystem lange Zeit die Vermittlung moralischer Werte in den Vordergrund stellte, liegt der Fokus seit Beginn der Reformpolitik in den 70er Jahren mehr auf Wissenserwerb.“
        https://www.travelworks.de/teens-magazin/schulsystem-china.html

        Für Deutschland müsste es heißen: Während das deutsche Schulsystem lange Zeit den Wissenserwerb in den Vordergrund stellte, liegt der Fokus seit Beginn der Reformpolitik in den 70er Jahren mehr auf der Vermittlung moralischer Werte wie soziale Kompetenz.

        Fällt da was auf?

        • Was soll mir da auffallen? Dass VW, Banken usw. moralisch handeln? Dass sich in sozialen Netzwerken die komplette soziale Kompetenz zeigt?

  3. Das ist aber sehr schlicht zusammengereimt. Unter „Problemlösen“ versteht die PISA-Studie die Fähigkeit, „Alltagsaufgaben zu lösen, wo eine Lösungsmethode nicht unmittelbar ersichtlich ist“. Bei einer sehr einfachen Aufgabe sollten die Schüler zum Beispiel herausfinden, welches das billigste Möbelstück in einem Möbelkatalog ist, in dem mehrere verschiedene Modelle und Preisklassen abgebildet sind.

    Weshalb Deutschland hier schlechter als Singapur, Südkorea und Japan abschneidet (von China ist keine Rede): Weil die in Deutschland seit PISA 2000 bekannte Problemgruppe von 15 bis 20 Prozent der Schüler auch hierbei grottenschlecht abschneiden – und den Durchschnitt gewaltig nach unten zieht. Wir haben hierzulande also vor allem ein soziales Problem in der Bildung, das sich eben auch beim „Problemlösen“ zeigt.

    Singapur, Südkorea und Japan sind übrigens allesamt Länder, in deren Schulen digitale Medien massiv im Unterricht zum Einsatz kommen.

  4. Dumme Frage! Glauben Sie „selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen“ wären Dinge, die es vor ein paar Jahrzehnten nicht gegeben hätte? Vielleicht sogar sogar mehr als heute, denn es stimmt einfach nicht, dass da nur sture Fakten eingebläut wurden und der schöpferische Geist verkümmerte.
    Allerdings wurde auf umfängliches Wissen Wert gelegt, das unverzichtbar ist für „selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen“. Vielleicht schauen Sie sich mal die Liste der deutschen Nobelpreisträger an und überdenken Ihre fortschrittsgläubige Nachbeterei.
    Sie springen auffallend unkritisch und stur auf alles auf, das als neu, modern und glückseligmachend gepriesen wird. Und die Pisa-Studien, deren Wert keineswegs unumstritten ist, sind für Sie ein Stein der Weisen.
    Warum haben denn die von GriasDi genannten Länder mit ihren Paukschulen keine Schüler-Problemgruppe von 15 bis 20 Prozent, die „den Durchschnitt gewaltig nach unten zieht“? Das wäre eine Frage, die einem erst mal kommen muss und die selbstständiges und kritisches Denken signalisiert.
    Stattdessen bringen Sie eine Argumentation, die hinten und vorne nicht stimmt und sich in den eigenen Schwanz beißt. Das nenne ich „sehr schlicht zusammengereimt“.

    • Vielleicht, weil die genannten Länder kein gegliedertes Schulsystem haben?

      Aber warum prügeln Sie auf mich ein? Es geht um Herrn Prof. Gigerenzer, der fordert: „Die Schule müsste man in gewisser Weise revolutionieren und mehr Wert auf selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen legen, weniger auf sture Faktenvermittlung.“

      Dem können Sie das ja mal mit den Nobelpreisträgern schreiben. Wird ihn sicher beeindrucken.

    • mehrnachdenken

      „Tatort“ Gymnasium Mitte der 60 er Jahre. In einer 11. Klasse wurde eine Mathematik – Arbeit geschrieben. Der Lehrer erlaubte, alle „Hilfsmittel“ zu benutzen – also Hefte, Rechenschieber (kennen viele gar nicht mehr), Bücher oder Formelsammlung.
      Hat uns das großartig geholfen? Im Gegenteil: Durch das ständige Blättern und Suchen verging viel Zeit. Es kam darauf an, den Lösungsansatz zu finden. Darauf gab es auch die meisten Punkte. Wer keine Problemlösungsstrategie entwickelte, sah zumindest punktemäßig recht alt aus.

      • Die Gymnasialkollegen werden mir Recht geben: Mit Rechenschieber, Büchern und Formelsammlung als Hilfsmittel wäre es heute sowieso nicht mehr getan. Die Anforderungen haben sich in den letzten 50, 60 Jahren doch ganz schön erhöht.

        • Ach ja? Zeugt es von höheren Anforderungen, wenn technische Hilfsmittel die Arbeit erleichtern?
          Mit Rechenschiebern, Büchern und einer Formelsammlung das zu leisten, wofür einem heute der Taschenrechner und digitale Hilfe zur Verfügung stehen, lässt mich gegenteilig urteilen.
          Dass Sie Lehrer am Gymnasium sind und auch noch Zustimmung von „Gymnasialkollegen“ für Ihre Behauptung erwarten, erstaunt mich.
          Da Irrtum aber nie auszuschließen ist, warte ich jetzt gespannt auf die unterstellte Zustimmung der Kollegen.

          • In den Fremdsprachen sind zweisprachige Wörterbücher zugelassen …

            Vielleicht meint lesoleil, dass die Bedienung des Taschenrechners eine höhere Anforderung ist als dieselbe Rechnung mit denselben Zahlen von Hand …

            Die Rechenknechte erleichtern in der Tat die Arbeit, die Struktur erklären sie nicht und Tippfehler kann man nur durch Überschlag erkennen. Struktur erklären und Überschlag berechnen stehen aber nicht mehr in den Kompetenzkatalogen der Lehrpläne. Mit (aus rein fachlicher Sicht) erhöhten Anforderungen hat der Taschenrechner abgesehen von der je nach Modell doch recht komplexen Bedieunung nur wenig zu tun zumal außerhalb der Schule die grafikfähigen Taschenrechner keinerlei Anwendung finden.

        • mehrnachdenken

          @lesoleil
          Ich glaube fast, Sie haben mich nicht verstanden.
          Noch einmal: Der Lehrer erlaubte uns, alle möglichen Unterlagen zu benutzen. Sogar die Mathehefte und – Bücher. Großzügig, wie es scheint.
          Üblich ist doch wohl, diese unerlaubten Hilfsmittel zu verbannen.

          Der Lehrer verhielt sich so nobel, weil die Aufgaben so konzipiert waren, dass wir oft auch nicht mit Hilfe der Hefte oder Bücher den Lösungsansatz erkannten. Zudem bestand die Gefahr, durch das Suchen und Blättern viel Zeit zu verlieren.
          Es waren eben Aufgaben, die eine besondere Herangehensweise erforderten. Da waren Problembewusstsein und Transferkompetenz gefragt.
          Ich vermute mal, dass viele der heutigen SuS ziemlich frustriert kapituliert hätten.
          Taschenrechner? Das musste schon „zu Fuß“ ausgerechnet werden.

    • Milch der frommen Denkungsart

      @dixo“:

      Sie spechen mir besonders in Ihren Eingangsausführungen aus dem Herzen, vor denen „Bernd“ – freilich mit einer mauligen Replik – kapitulieren mußte.
      Im Übrigen darf ich die Frage aufwerfen, ob man heranwachsenden Menschen ernsthaft nur mehr solche Inhalte vorlegen soll, die in eine unmittelbere Handlungs- bzw. Problemlösungsorientierung münden und Gegenstände, die auf den ersten Blick keinen sofort evidenten Nutzen zu haben scheinen, als veralteten Ballast verschreit.
      Desweiteren würde Herr Prof. Gigerenzer wohl auch beispielsweise allein einen Architekten beschäftigen, der über ein basales Faktenwissen in Statik wie Bauphysik verfügt, bevor er seiner selbständigen Kreativität freien Lauf läßt.

      • Wieso kapitulieren? Das deutsche Schulsystem war niemals so gut, wie hier behauptet wird. Es war immer schon extrem selektiv, und wenn es denn mal Spiitzenleistungen hervorbrachte, dann bezogen die sich auf eine kleine ausgesuchte Schülerschicht mit hervorragenden Lernbedingungen zu Hause. Wer da nicht mithalten kann, wird (ungeachtet seines Potenzials) aussortiert – bis heute, wenngleich sich dabei gottseidank einiges getan hat.

        Wenn jemand den Auftrag bekäme, ein effizientes Schulsystem für Deutschland zu konstruieren, verfiele er kaum auf die irrwitzige Idee, 20 verschiedene Schulformen einzuführen und die Schüler mehr oder weniger zufällig darauf (und deren Bildungschancen entsprechend) zu verteilen. Und bei der Festlegung der Inhalte käme dieser Konstrukteur wohl auch nicht auf die Idee, den Kindern zunächst möglichst sinnfreie Fächer wie Altaramäisch und Zirkuskunde zu vermitteln, weil sie irgendwie und vermutlich Geist und Körper schulen.

        Mich ärgert der reaktionäre Ansatz, der hier zum Vorschein kommt, genauso wie der der Linken: Die einen wollen Schule auf keinen Fall verändern, weil sie die Gesellschaft verzweifelt so lassen wollen wie in den 70er und 80er Jahren. Die anderen wollen Schule auf jeden Fall verändern, weil sie damit die Gesellschaft ändern wollen.

        Umgekehrt wäre aber richtig: Die Gesellschaft und mit ihr die Kinder haben sich in den vergangenen 20, 30 Jahren bereits dramatisch verändert, technisch, sozial, kulturell, ökonomisch – und Schule muss sich darauf einstellen.

        Das fängt im Kleinen an: Grundschüler haben zum Beispiel heutzutage zu Hause kaum mehr Möglichkeiten, sich körperlich frei zu bewegen, also muss die Schule verstärkt Bewegungsangebote machen – wer denn sonst? Und das betrifft auch das Große: Eine Gesellschaft, deren ökonomisches Überleben von der Innovationsfähigkeit abhängt, kann es sich nicht länger leisten, Potenziale zu verschleudern. Das tun wir aber andauernd. Wir haben zum Beispiel Millionen von Kindern in Deutschland, die Türkisch sprechen – aber niemand unterrichtet sie darin, Türkisch zu schreiben, um die Sprache dann auch im Beruf gebrauchen zu können. Stattdessen zwingen wir die besonders leistungsstarken dieser Kinder, Französisch oder Latein als zweite (für sie dritte!) Fremdsprache zu lernen, und wundern uns, dass viele diese Hürde nicht schaffen. Welchen Sinn macht das?

        Mit schlichten Verweisen auf eine vermeintlich tolle Vergangenheit, in der alle Menschen in Deutschland fehlerfrei Kopfrechnen und Rechtschreiben konnten und jeder einen Nobelpreis bekam, ist hier nicht geholfen. Insofern gebe ich Herrn Prof. Gigerenzer völlig Recht, wenn er fordert: „Schule muss sich revolutionieren.“ Nebenbei, sie tut’s vielerorts schon: Wer sich nur mal die Nominierten beim Deutschen Schulpreis anschaut, sieht – es geht ja.

        • „mit hervorragenden Lernbedingungen zu Hause. Wer da nicht mithalten kann, wird (ungeachtet seines Potenzials) aussortiert – bis heute, wenngleich sich dabei gottseidank einiges getan hat. “

          Genau von diesem Vorgang bin ich gerade Zeuge. Nach „unten“ weiterreichen, weil Schule (mit zu wenig Personal, viel zu wenig Geld und einer Ausstattung von vorvorgestern) nicht mit den Eigenheiten von Kindern umgehen kann und ein Unterricht in einer Geschwindigkeit für alle eben nicht funktioniert.

        • Rechtschreiben und Kopfrechnen, wie begrenzt das doch früher alles war. Auswendiglernen und Gehorsam, zack, zack, wer ist schneller? Nein, heute sind die Anforderungen doch viel weitgehender. Hat sich mal wer Bewerbungsunterlagen von vor 30 Jahren im Vergleich zu heute angeschaut? Was, keine andere Fremdsprache als Englisch? Das kann doch jeder… neee!!! Das mit der Türkischen Sprache stimmt, warum lernt die niemand schreiben? Wirklich schade.

          • mehrnachdenken

            Ja, heute wird so manche Bewerbungsmappe allein deshalb schon zur Seite gelegt, weil bereits im Anschreiben zu viele RS- Fehler vorkommen.
            Da ist sie wieder, die unerlässliche Kompetenz, die mancher hier als „reaktionär“ beschimpft.

          • Ach so, Sie meinen mit „früher“ die Zeit vor 1945.
            Ich vermute, viele der Mitdiskutierer denken eher an die Zeit zwischen 1975 und 2000.

        • Milch der frommen Denkungsart

          @Bernd:

          Neulich noch las ich, wie sehr der Editor dieses Forums die heranwachsende deutsche Schülergeneration als zukunftsfit pries, wofür er den Ruhmeskranz durchaus dem Bildungssystem dieses Landes verlieh; und Sie legen nun erneut jene sattsam ausgeleierte Platte von dessen elitärer Anlage auf, die Eltern – darunter genug alleinerziehende wie -verdienende – quasi als antisozial stigma- tisiert, nur weil sie ihre Kinder darin unterstützen, Potentiale zu entfalten, die im Gegensatz zu solch wachsweich-schillernden Phraseologien wie „Selbstauf- merksamkeit“, „Selbstdialog“ oder „Selbstsensibilisierung“ – sämtlich termini aus heute gültigen curricula – zumindest handfest-greifbar sind.
          Im Übrigen: meinen Bewegungsdrang kanalisierte seinerzeit der Ruderverein, nicht aber die Schule; und warum man, zumal leistungsfähigen, Migrantenkin- dern keine zweite Fremdsprache zumuten dürfe, erschließt sich mir nicht.
          Zuletzt kann ich Ihrer Forderung nach einem „effizienten“ Bildungswesen nicht folgen, die endlich in nichts anderes mündet als in die Fetischisierung von Eva- luierungsrankings, Kontrolldruck und die Kurzfristperspektive von Unterneh- mensberatungen oder: die Diktatur der Geschäftigkeit (Peter Bieri), der meine Kollegen in immer steigendem Maße tagtäglich ausgesetzt sind.

          • À propos türkisch: Nehmen wir mal eine Gruppe Jugendlicher aus der „Gehssu REWE“-„Ischwöa“-Klientel. Deutsch sprechen sie akzentfrei, mit korrekter Grammatik habe ihre Sprache jedoch nur rudimentär etwas gemeinsam. Ein Teil von ihnen hat die Muttersprache deutsch, ein Teil die Muttersprache türkisch.

            Warum ist das türkisch der zweiten Teilgruppe mit türkischer Muttersprache perfekt wie lesoleil implizit annimmt? Ich weiß nicht, ob das schon einmal untersucht wurde, finde es jedoch wenig plausibel.

            Und lesoleil: Sie haben recht, die Anforderungen an Bewerber sind heute tatsächlich viel breiter als früher. Der Tiefgang an fachlichen Inhalten und Abstraktion hat jedoch überproportional abgenommen. Dazu gehören auch Dinge wie Kopfrechnen, Auswendiglernen und Ehrgeiz.

      • Ursula Prasuhn

        @dixo und Milch der frommen Denkungsart
        Die Redewendung „Erst die Pflicht, dann die Kür“ zeigt, worauf es ankommt.
        Grundlegendes Wissen und Können sind natürlich Voraussetzung für „selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösung”. Ohne diese Ausgangsbasis erweisen sich Ergebnisse in der Regel als Murks. Auch Gedankengebäude brauchen einen soliden Aufbau und nicht Heißluftballons, an denen man alles aufhängt.
        Eine bodenständige Bauweise mag bei dem einen oder anderen zwar als reaktionär gelten, doch ihr Vorteil ist, dass sie sich bewährt hat, während sich Luftschlösser zwar schön entwerfen lassen und großartig aussehen, allerdings den Praxistest nicht bestehen.
        Da hilft nur, immer wieder die Architektur zu preisen und Untauglichkeiten vergessen zu machen.

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