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KMK-Präsidentin Bogedan: Mit der Integration von Flüchtlingskindern in die Schule geht’s jetzt richtig los

BERLIN. Rund 250.000 Kinder und Jugendliche kommen nach dem enormen Flüchtlingsandrang des Vorjahres in die Schulklassen. Das Bildungssystem hat sich bisher bewährt, lobt die oberste deutsche Länder-Kultusministerin. Doch jetzt folgt Teil zwei des Kraftakts – und dafür werden dringend mehr Lehrkräfte benötigt.

Lobt die Schulen für deren bisherige Integrationsleistung: Claudia Bodegan. Foto: Foto-AG Gymnasium Melle / Wikipedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Lobt die Schulen für deren bisherige Integrationsleistung: Claudia Bodegan. Foto: Foto-AG Gymnasium Melle / Wikipedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Claudia Bogedan, sieht Deutschland bei der Integration der Flüchtlingskinder ins deutsche Bildungssystem vor der entscheidenden Phase. «An vielen Orten, in den meisten Flächenländern, beginnt jetzt die Zuweisung der Menschen aus den Erstaufnahmeeinrichtungen an die Kommunen. Und damit beginnt auch der Übergang der Kinder und Jugendlichen ins Regelschulsystem», sagte die Bremer SPD-Bildungssenatorin auf Anfrage in Berlin.

Nach der immer noch vorsichtigen KMK-Schätzung sind 20 bis 30 Prozent der Geflüchteten Minderjährige im schulpflichtigen Alter – bei einer Flüchtlingszahl von gut einer Million im Vorjahr also etwa 250.000 bis 300.000. Viele davon gehen derzeit noch in sogenannte Willkommensklassen für einen möglichst raschen, konzentrierten Spracherwerb. Viele Experten raten aber zu einem forcierten Unterricht in den Regelklassen zusammen mit deutschen Schülern.

Angesichts der bisher gezeigten Fähigkeiten des Bildungssystems sei ihr auch vor der neuen Herausforderung nicht bange, sagte Bogedan. «Die Aufnahmebereitschaft und Integrationsleistung, die von den Schulen erbracht wird, ist enorm. Wir haben aber auch gute Rahmenbedingungen: In allen Ländern sind zusätzliche Lehrkräfte eingestellt worden, nicht nur für Deutsch als Zweitsprache, sondern auch für den Regelbetrieb. Neue Klassen wurden aufgemacht. Das alles wird zu Beginn des nächsten Schuljahres so richtig spürbar werden.»

Auch die Landesfinanzminister seien zu loben, weil sie bei diesem Kraftakt mitgezogen hätten. «In allen Bundesländern wurde die Einstellungspraxis flexibilisiert», hob Bogedan hervor, die dieses Jahr turnusgemäß der KMK als Zusammenschluss der Länder-Kultusministerien vorsteht. «In Bremen stellen wir jetzt täglich neue Lehrer ein – nicht mehr nur wie sonst üblich zu festen Terminen, sondern nach Bedarf. Und alle Länder bemühen sich wirklich, eine gute Durchmischung der Klassen hinzubekommen.»

„Wir brauchen Lehrkräfte – schnell“

Aber: «Wir brauchen Lehrkräfte. Und zwar schnell», sagte Bogedan heute bei einer internationalen KMK-Fachtagung zum Thema am Montag in Bonn. «Das System kommt doch an seine Grenzen.» Man müsse auch mehr Seiteneinsteiger und Pensionäre mobilisieren.

Von Verbänden aufgerufene Zahlen zum Lehrereinstellungsbedarf hatte die SPD-Politikerin allerdings zuvor zurückgewiesen – dafür sei die Entwicklung viel zu dynamisch. Bogedan hielt den Forderungen entgegen, dass alle Bundesländer jetzt von «demografischer Rendite» profitierten. «Das heißt: Es wurden über Jahre nicht so viele Lehrerstellen abgebaut wie die Schülerzahlen zurückgingen. So war es bisher ohne Überschreiten von Klassenfrequenzen möglich, die Kinder ins bestehende Bildungssystem zu integrieren.» Nach Gewerkschaftsschätzungen müssten die Schulen bundesweit etwa 8.000 zusätzliche Lehrer bekommen.

Auch eine von manchen Bildungsforschern angeregte Absenkung von Standards – etwa durch eine Abschaffung der Pädagogenausbildung in einem Referendariat – lehnte Bogedan im Gespräch ab: «Was in der KMK keiner will, sind irgendwelche Qualitätsverschlechterungen.» Sie riet zu einer gewissen Gelassenheit: «Deutschland hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: nicht lange abwarten, sofort mit der Integration beginnen, und vor allem die Sprache vermitteln.»

Die wachsende kulturelle Vielfalt in den Klassenzimmern sei Chance und Herausforderung zugleich, betonte Bogedan heute. Gerade mit Blick auf die älteren Flüchtlinge unter den Schülern seien noch viele Fragen offen – etwa, wie die Übergänge in Ausbildung und Beruf verbessert werden könnten.

Probleme könnten der KMK-Vorsitzenden zufolge künftig bei jungen Männern – oft unter den minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen – entstehen, die mitunter eine «große Ungeduld» zeigten. Manche müssten Geld für ihre Familien verdienen. Es solle geprüft werden, «welche Art von Zwischenform» zum üblichen Ablauf – zwei Jahre Sprachkurs und drei Jahre Ausbildung – entwickelt werden könnten.

Die jungen Neuankömmlinge müssten schnell und unabhängig von Aufenthaltsstatus oder -dauer in Kitas, Schulen, Berufs- oder Hochschulen aufgenommen werden, unterstrich Jens Nymand-Christensen, Vize-Generaldirektor für Bildung in der Europäischen Kommission. Mit der Flüchtlingsproblematik stehe die EU vor der schwierigsten Aufgabe ihrer Geschichte. Zur Lösung der Krise könnten Bildung und Jugendarbeit einen wesentlichen Beitrag leisten. An der Tagung nahmen etwa 350 europäische Fachkräfte teil. Von Werner Herpell, dpa

Zum Bericht: „Nicht wegducken“: Welche Hausaufgaben VBE-Chef Beckmann der neuen KMK-Vorsitzenden Bogedan aufgibt

Zur Person
Claudia Bogedan (SPD) ist promovierte Sozialwissenschaftlerin und seit Juli 2015 Senatorin für Kinder und Bildung in der Bremer Landesregierung. Neben dem Thema „Bildung in der Zuwanderungsgesellschaft“ bildet „Bildung in der digitalen Welt“ ihren zweiten Schwerpunkt während ihres KMK-Präsidentschaftsjahres. Seit August 2014 ist Claudia Bogedan Mitglied des Programmbeirats „Digital Leben“ des SPD-Parteivorstandes und bis zum Jahr 2017 Mitglied der Landesmedienkommission Nordrhein-Westfalen. Sie ist verheiratet und Mutter eines Sohnes.

Ein Kommentar

  1. Bei einem solchen Artikel und den darin enthaltenen Aussagen stelle ich mir die Frage nach dem Realitätsverlust der Bildungsexperten.
    „Das Bildungssystem hat sich bisher bewährt“ ist ein toller Anfang, wenn man alles ausblendet. Was ist denn bisher passiert? Die Kinder wurden ohne Überprüfung den einzelnen Schulformen zugewiesen und es gibt keinen Ansatz das zu ändern. So müssen Flüchtlinge mit und ohne Schulerfarhung zusammen in einer Klasse sitzen – natürlich entspricht das teilweise schon dem deutschen Standard, bei dem Kinder mit Gymnasial- und Hauptschulempfehlung zusammen in den Klassen sitzen und individuell zum Abi geführt werden. Dass einzelne Kinder traumatisiert sind oder über keinerlei Kenntnisse verfügen, juckt natürlich niemanden. Wie Hohn und Spott wirkt dann nur die Aussage „Was in der KMK keiner will, sind irgendwelche Qualitätsverschlechterungen.“, obwohl sie doch ehrlich gemeint ist.
    Schließlich stehen wir „vor der entscheidenden Phase“. Jetzt sollen alle Kinder zusammen eine Klasse besuchen – ganz im Sinne einer grünen Schule für alle. Ob und wie der Unterricht dann stattfindet, bleibt aufgrund des mangelnden Personals an den Lehrkräften hängen, die verantwortlich für Erziehung, Therapie, Integration, Sprache und … ach ja, Unterricht sind.
    „Wir haben aber auch gute Rahmenbedingungen“ ist quasi die Krone auf dem Thron aus Lügen. Betrachtet man NRW, kann der vorgeschriebene Unterricht in den Stundenplänen nicht realisiert werden. Der verminderte Unterricht fällt an allen Ecken und Enden aus, aber aufgrund von enormer Belastung wird die „Betreuung“ der Kinder weiterhin gewährleistet. Bisher wurde für die Inklusion kaum etwas getan und jetzt kommt noch die Integration daher – daneben gibt es ja noch die individuelle Förderung, weil kein Kind zurückgelassen wird, dass man nicht auch gegen alle Umstände und der eigenen Schwächen zum Trotze in die nächste Klasse versetzen kann.
    „Probleme könnten der KMK-Vorsitzenden zufolge künftig bei jungen Männern … entstehen“, denn schließlich kommen sie in Teilen aus Ländern, in denen eine Berufsausbildung so aussieht, dass man in einem Geschäft nachfragt, dort zuschaut und dann anfängt. Zeugnisse, Ausbildung und Formalitäten gibt es häufig nicht, sondern man verdient Geld und nichts weiter. Natürlich sind dann einige Menschen ungeduldig und enttäuscht.
    Bisher wird ja auch selten erwähnt, dass ein riesiger Teil der Flüchtlinge so schlecht vorgebildet, ausgebildet oder überhaupt gebildet ist, dass eine Integration in den Arbeitsmarkt im kommenden Jahrzehnt unmöglich scheint. Da ist noch nicht einmal erwähnt, dass durch den Türkei-Deal momentan nur in den seltensten Fällen Fachkräfte nach Deutschland kommen.
    Aufgrund der Sparpolitik im Bildungswesen laufen wir auf einen Super-Gau hinaus, der in den Augen von Frau Bodegan bereits erkennbar ist.

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