Startseite ::: Aus der Wirtschaft ::: Trend zum Studium – Der Wirtschaft gehen die Lehrstellenbewerber aus

Trend zum Studium – Der Wirtschaft gehen die Lehrstellenbewerber aus

BERLIN. Die Ausbildung verliert bei Schulabgängern weiter an Beliebtheit. Zum neuen Ausbildungsjahr kann fast ein Drittel der ausbildungswilligen Betriebe nicht alle Stellen besetzen. Rund 14.000 haben laut DIHK Präsident Eric Schweitzer überhaupt keine Bewerber mehr. Dabei sei die Arbeitsplatzsicherheit mittlerweile in Ausbildungsberufen sicherer als die von Akademikern. Das Gute an der Entwicklung: Die Chancen von Hauptschülern steigen.

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres stehen den jungen Menschen noch Zehntausende Plätze offen. 172 224 Ausbildungsstellen waren laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nach den jüngsten Zahlen Ende Juli unbesetzt. «Jugendliche Lehrstellenbewerber haben in diesem Jahr allerbeste Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden», sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer in Berlin.

Auch in beliebten Lehrberufen wird es für Betriebe zunehmend schwerer, alle Ausbildungsstellen zu besetzen. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)

Auch in beliebten Lehrberufen wird es für Betriebe zunehmend schwerer, alle Ausbildungsstellen zu besetzen. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)

«Ende Juli waren bei den Agenturen für Arbeit 24 000 mehr Ausbildungsangebote als suchende Jugendliche gemeldet», sagte Schweitzer. Demnach waren noch mehr als 12 800 Plätze für angehende Einzelhandelskaufmänner und -frauen offen, rund 11 400 als Verkäufer und rund 6200 Plätze für Köche. Im Beruf des Hotelfachmanns und der Hotelfachfrau waren es rund offene 4400 Plätze. Freie Plätze als Kaufleute im Büromanagement gab es rund 5300. Tausende offene Plätze gab es auch bei den Friseuren (4300), Lagerlogistikern (4000), KFZ-Mechatronikern (4000) und medizinischen Fachangestellten (2200).

Schweitzer wies auf Probleme für viele Unternehmen hin. «Ihnen gehen die Bewerber aus.» Laut der jüngsten DIHK-Ausbildungsumfrage würden mittlerweile in fast jedem dritten Ausbildungsbetrieb Lehrstellen unbesetzt bleiben. «Rund 14 000 haben überhaupt keine Bewerber mehr.» Der Trend zum Studium und die sinkende Zahl an Schulabgängern schlügen hier durch. So hätten 2015 rund 150 000 junge Leute mehr ein Studium begonnen als 2005. In dieser Zeit sei zugleich die Zahl der Lehrstellenbewerber um etwa 190 000 gesunken – das sei ein Minus von 25 Prozent.

«Viele junge Leute sind sich nicht im Klaren darüber, dass die Gefahr von Arbeitslosigkeit bei einer Kombination von betrieblicher Aus- und Weiterbildung geringer ist als bei Akademikern», sagte Schweitzer. «Und häufig verdient eine Fachkraft keineswegs schlechter als jemand, der eine Hochschule besucht hat.»

Die Gymnasien rief der DIHK-Chef auf, die Schüler nicht vorrangig in Richtung Hochschulen zu mobilisieren, sondern ihnen Berufsorientierung zu geben. Mit der Allianz für Aus- und Weiterbildung von Bund, Ländern, Wirtschaft und Gewerkschaften solle die berufliche Bildung gestärkt werden, betonte er. Viele Betriebe würden sich zudem gegen den aktuellen Trend stemmen und intensiv für ihre Ausbildung werben. Auch die Chancen von Hauptschülern würden immer besser. (Basil Wegener, dpa)

• zum Bericht: Kaufmann, Friseurin, KfZ-Mechatroniker: Warum Jugendliche immer in die gleichen Lehrberufe drängen

 

6 Kommentare

  1. Marktwirtschaft – oder was.

    Wenn ein Produkt nicht attraktiv genug ist, dann muss es eben vom Markt genommen werden oder es muss attraktiver gemacht werden, um nachgefragt zu werden.
    Es ist vielleicht an der Zeit, das Gestrüpp von unterschiedlichen Berufsausbildungen zu durchforsten und auf ein Minimum an grundlegenden Ausbildungen, die für Berufsfelder qualifzieren, zu reduzieren. Ebenfalls müssten in den meisten Berufen die Ausbildungsvergütungen deutlich nach oben angepasst werden, um attraktiver zu sein. Die meisten Zehntklässler haben heute „Nebenjobs“, in denen sie während der Schulzeit schon deutlich mehr verdienen, als sie als Azubis bekämen. Wozu also eine Berufsausbildung im dualen System? Dann doch lieber eine schulische Vollzeitberufsausbildung an einem BK, um anschließend evtl. ein Studium beginnen zu können.

  2. Sie haben völlig recht, dickebank. Darüberhinaus ist noch zu klären, wieviele der aktuellen Schulabgänger überhaupt Ausbildungsfähig sind. Ein Allgemeines BGJ wäre auch in Betracht zu ziehen, da es mit den Grundrechenarten und der Lese- und Textverständniskompetenz bei manchem angehenden Azubi auch nicht weit her ist.

    Außerdem wissen, viele Schulabgänger gar nicht, dass man auch mit einem Beruf studieren kann. Das Duale System sollte dahingehend auch schauen, was angeboten werden kann oder nicht. Auch die Anerkennung von bestimmten Studienleistungen sollten sich die Kammern/Innungen mal überleben. Dann würden evtl. mehr Azubis „auftauchen“.

    Als weitern Punkt lässt sich die Entlohnung nennen, dickebank, Sie haben es angesprochen. Schüler verdienen neben der Schule mehr wie der Azubi, und das ist kein Witz sondern Realität. Ein Schüler bekommt rund 5,00€/Stunde, ein Azubi ca. die Hälfte oder sogar weniger (Gastronomie). (Die Werte sind jetzt mal angenommen, für aktuelles gerne nachforschen.) Wer will dann schon eine Ausbildung in dem Bereich machen, wenn der Azubiverdienst unter dem liegt, was ich als Schüler „nebenbei“ verdiehn?
    ABER, kein Gast/Kunde ist auf der anderen Seite bereit mehr für sein Essen zu Zahlen. In diesem Fall muss sich die Gesellschaft mal an die Nase packen und zu sehen, wie sie das ändern kann. Wer bereit ist mehr zu zahlen und auch den Angestellten/Azubis Respekt entgegenbringt (sowohl als Gast/Kunde als auch als Ausbilder), der hat keine Probleme mit Azubis.

    Ein weiterer Punkt ist, dass sich die Schulabgänger zum Teil sehr spät auf ihren „Lieblingsberuf“ bewerben und dann feststellen, dass sie nicht mehr genommen werden. Sie haben sich aber auch nicht um Alternativen gekümmert oder keine Ahnung, dass es Alternativen gibt.
    Die sich kümmernden Eltern sprechen schon in der 8. Klasse mit ihrem Nachwuchs und fragen nach den Berufswünschen. Sind die Eltern besonders aufmerksam, schicken sie den Nachwuchs zu einem Praktikum oder mehreren Praktika (nicht mehr wie 2) in den Ferien (Die Kinder sollten allerdings auch von sich aus „mitspielen“). Schließlich sind die Ferien ja auch zum Erholen da.

    • Dass zumindest in NRW und einigen anderen Bundesländern, selbst SuS, die die allgemeinbildende Schule mit einem HA (Hauptschulabschluss nach Klasse 9) verlassen, eine zumindest zweijährige Ausbildung z.B. als Verkäuferin oder Kfz-Servicemechaniker mit mindestens der Note „befriedigend“ abschließen, auf diesem weg den MSA zuerkannt bekommen und somit die FOR erlangen. Diese Tatsache haben nicht einmal viele Kollegen und Kolleginen auf dem Radar.

      • wie oft kommt das vor? zumindest meinen vorurteilen folgend, ist aus ha klasse 9 ohne einen gehörigen gesinnungswandel innerhalb von zwei jahren kein msa auf dem von ihnen vorgeschlagenen weg möglich. die frage ist auch, wie viele lehrer und berufsberater den betroffenen schulabgängern dieses modell deutlich machen.

        • Häufig, sehr häufig sogar.

          Meist erhalten die ehemaligen SuS, die die Schule mit dem HA verlassen haben, über ein Langzeitpraktikum eine zweijährige Ausbildung angeboten. Diejenigen, die durchhalten, bekommen im Anschluss die Möglichkeit das dritte Ausbildungsjahr zu machen und somit an den Berufsabschluss des entsprechenden Berufes zu kommen.

          Mal sehen, ob das Projekt KAoA die selben Erfige zeitigt wie das Vorgängerprojekt BuS (Beruf und Schule), das an einer Schule, die ich gut kenne, große Erfolge zu verzeichnen hatte.

  3. Vielleicht sollte die Wirtschaft aber auch mal die Anforderungen überprüfen. Ich habe Schüler, die trotz 40 bis 50 Bewerbungen keinen Ausbildungsplatz finden, und dann auch noch in die Akademisierungsschiene geschoben werden, weil sie aus Verlegenheit auf der Fachoberschule landen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*