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Heiligenstadt tritt vor Philologen auf – und holt sich reihenweise Watschen ab: „Verantwortungsloser Bildungsabbau“! „Erleichterungspädagogik“! „Irrweg“!

GOSLAR. Der Besuch des Philologentages ist für die Spitze des niedersächsischen Kultusministeriums Pflicht, so wie der Auftritt der bösen Hexe im Kasperle-Theater. Eine Freude ist das Gastspiel für die Anti-Heldin selten. Denn zumeist gibt es reichlich Haue – so auch heute wieder.

Hier lächelt sie noch: Frauke Heiligenstadt (SPD). Foto: SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag

Hier lächelt sie noch: Frauke Heiligenstadt (SPD). Foto: SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag

Zu einer Generalabrechnung mit der Schulpolitik der rot-grünen Landesregierung hat der niedersächsische Philologenverband seine Jahrestagung in Goslar genutzt. Der Landesvorsitzende des Gymnasiallehrer-Verbandes, Horst Audritz, kritisierte am Mittwoch, es gebe einen «verantwortungslosen Bildungsabbau». Dem Kultusministerium warf er «Erleichterungspädagogik» vor.

Als Beispiel nannte der Chef des Verbandes, dem rund 8000 Lehrer angehören, die Senkung der Anforderungen in der gymnasialen Oberstufe. So gebe es weniger Klausuren, nur noch eine verbindliche Fremdsprache und die Fachhochschulreife werde «zu deutlich herabgesetzten Preisen vergeben», sagte Audritz.

Auch sei die vom Kultusministerium als «modern» und «innovativ» gelobte sogenannte Präsentations-Prüfung nicht geeignet, um in der mündlichen Abiturprüfung eigene Kenntnisse nachzuweisen, sagte Audritz. Zudem biete diese Form der Prüfung keine Chancengerechtigkeit. Wer aus einem bildungsnahen Umfeld stamme oder Geld für kommerzielle Hilfe bei der Vorbereitung zur Verfügung habe, sei klar im Vorteil.

Zudem sei der Stundenanteil «der anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Fächer» im Sekundarbereich I. reduziert worden. Die sogenannte Kompetenz-Orientierung, bei der «Lerninhalte gleichgültig und Grundlagenwissen nicht mehr wichtig», seien, nannte Audritz einen «Irrweg». Alles dies führe zu einer «Inflationierung qualifizierter schulischer Abschlüsse».

Der Philologen-Vorsitzende bemängelte auch, der Wegfall der Schullaufbahnempfehlung nach der Grundschule sei ein Fehler. Die Gymnasien müssten nun Schüler aufnehmen, die nicht die Voraussetzungen für das Abitur mitbrächten. Schüler, die dem Unterricht auf gymnasialem Niveau «in keiner Weise folgen können», würden «zwangsläufig permanent frustriert», sagte Audritz. Zudem sei die Überweisung von «eindeutig überforderten Schülern auf eine für sie geeignete Schulform sehr erschwert worden».

Inklusion? Ja, aber…

Der Philologen-Vorsitzende bekräftigte seine schon vorab erhobenen Bedenken gegen die Inklusion, den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung. Der Philologenverband bejahe zwar die Zielsetzung der UN-Konvention, wonach behinderte Menschen das Recht auf die volle Teilhabe an allen Bildungsmöglichkeiten haben, sagte Audritz. An Gymnasien würden deshalb selbstverständlich seit langer Zeit auch behinderte Kinder und Jugendliche unterrichtet. «Wir sehen allerdings keinen Sinn in der Beschulung von behinderten Kindern und Jugendlichen am Gymnasium, bei denen nicht die geringste Chance besteht, dass sie die staatlich festgelegten Ziele dieser Schulform jemals erreichen», nämlich das Abitur.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) warf dem Philologenverband «rückwärtsgewandtes Denken» vor. Er habe «nicht den Eindruck, dass die Philologen der Inklusion in Niedersachsen eine echte Chance geben wollen», sagte der Landesvorsitzende Adolf Bauer.

Auch Kultusministerium Frauke Heiligenstadt verteidigte die Inklusion. «Wir können in Niedersachsen mit einer Portion Stolz sagen, dass bei uns keine Schule für Kinder mit Behinderung verschlossen ist», sagte die SPD-Politikerin in Goslar. Die Landesregierung investiere bis zum Jahr 2020 rund 1,7 Milliarden Euro für die Ausstattung und Unterstützung inklusiver Schulen sowie für die Einstellung und Ausbildung zusätzlicher Sonderpädagogen.

Nach Heiligenstadts Angaben besuchen derzeit von landesweit 15 378 Kindern, die in öffentlichen Schulen inklusiv unterrichtet werden, 374 ein Gymnasium. Landesweit gibt es 257 öffentliche Gymnasien mit knapp 221 000 Schülerinnen und Schülern.

Breiten Raum nahm in Goslar erneut das Thema «Lehrerarbeitszeit» ein. Philologen-Chef Audritz kritisierte, dass Lehrer ohne zeitlichen Ausgleich immer mehr zusätzliche Aufgaben aufgebürdet bekämen. Jüngstes Beispiel sei die vom Kultusministerium verordnete «kompetenzorientierte Berufs- und Studienorientierung» die jede Schule in jeweils eigene detaillierte Konzepte umsetzen müsse. Dabei müssten vor allem Gymnasiallehrer jetzt deutlich mehr arbeiten als die für Beamte geltenden 40 Stunden pro Woche.

Ministerin Heiligenstadt kündigte in Goslar eine Entlastung der Schulen durch zusätzliche Sozialarbeiter, mehr Geld für Computerspezialisten und klare Regelungen für Verwaltungskräfte an. Eine entsprechende Vereinbarung mit den kommunalen Spitzenverbänden stehe kurz vor der Unterschrift. Von Matthias Brunnert, dpa

Debatte um Inklusion: Philologen möchten keine lernschwachen Schüler am Gymnasium – und haben sie nicht tatsächlich Recht damit?

 

7 Kommentare

  1. „Der Philologen-Vorsitzende bemängelte auch, der Wegfall der Schullaufbahnempfehlung nach der Grundschule sei ein Fehler. Die Gymnasien müssten nun Schüler aufnehmen, die nicht die Voraussetzungen für das Abitur mitbrächten.“

    Anders als in anderen Bundesländern gab es in Niedersachsen bisher eine Empfehlung, die nicht bindend war. Auch vorher konnten bereits SuS ohne Empfehlung für das Gym dieses besuchen.
    Seit letztem Jahr gibt es zum Übergang Gespräche, deren vorgegebene Inhalte zu protokollieren sind. Viel Arbeit und immenser zeitlicher Aufwand (wohlgemerkt in der Grundschule) … dafür, dass die Eltern dann immer noch wählen können, auf welcher Schule sie ihr Kind anmelden möchten.

    • Aber was ist bei beratungstauben Eltern? Es muss doch eine Notbremse geben?

      • Nein, es gibt keine Notbremse.
        Die gibt es aber in Nds. seit Jahren schon nicht mehr.

        Kommt ein Kind am Gym nicht zurecht, muss es früher oder später diese Schule verlassen, heute eher später, da die Bestimmungen geändert wurden.

    • In Hessen ist die Regelung so, dass der Elternwahl durch die Schule widersprochen werden kann/muss (wieder Bürokratie!)- jedoch ein Kind, das keine Empfehlung zum Gym hat und trotz Widerspruch von den Eltern hingeschickt wird, dort dann bei Schulversagen zügig der passenden Schulform zugewiesen wird.
      D. h. es muss das Gym verlassen! Da haben die Eltern (und das arme Kind) keine Chance mehr! Wie sich das dann mit der Inklusion vertragen soll …??? DAS weiß der liebe Gott allein.
      Wenn eine Empfehlung ausgesprochen wurde und ein Kind die Leistung doch nicht ausreichend erbringen kann, ist das nicht so! Hm, …

      • Ich vergaß zu erwähnen, dass die o. a. Beratungsgespräche und Protokolle und die ganze gebündelte Bürokratie selbstverständlich auch in Hessen (GS) seit Jahren Bestandteil des Prozederes sind!

  2. Zitat: „Seit letztem Jahr gibt es zum Übergang Gespräche, deren vorgegebene Inhalte zu protokollieren sind. Viel Arbeit und immenser zeitlicher Aufwand (wohlgemerkt in der Grundschule) … dafür, dass die Eltern dann immer noch wählen können, auf welcher Schule sie ihr Kind anmelden möchten.“

    Ja, da haben wir so einen Fall von Bürokratieschrott, der uns enorm belastet und kaum was bringt. Weg damit!

  3. Bis 2004 gab’s in Niedersachsen die Orientierungsstufe (5./6. Klasse). Dann kam Herr Wulff und löste sie auf.
    Eingeführt wurde diese Schulform Ende der 70er Jahre.
    Angeblich oder tatsächlich waren vor allem Eltern von sehr guten Schülern unzufrieden, weil ihre Sprösslinge angeblich unzureichend auf das Gymnasium vorbereitet wurden.
    Anstatt diesen Punkt nachzubessern, wird gleich eine an sich erfolgreiche Schulform abgeschafft.
    Ich arbeitete lange in der OS. Der überwiegende Teil der Eltern hielt sich an unsere Empfehlungen. Unsere schulinternen Überprüfungen bestätigten uns eine Prognosesicherheit von über 98%. SuS mit einer Gymnasialempfehlung schafften fast alle das Abitur. Allerdings betrug die Gymnasialquote auch höchstens 25% bis 30% in einer Klasse.

    Erstaunlich, nachdem die Empfehlungen am Ende der vierten Klasse gegeben wurden, ignorierten sie immer mehr Eltern, und fast komplette Klassen gingen auf das Gymnasium.
    In dieser Zeit wurde ja recht offensiv eine höhere Abiturientenquote gefordert und Eltern meinten, nur mit dem Abi könne ihre Tochter/ihr Sohn erfolgreich ins Berufsleben starten.
    Auf der einen Seite erlebten wir eine m.E. grandiose Überhöhung des Abiturs. Andererseits wurde die Hauptschule von interessierter Seite schlecht geredet und systematisch „kaputt gemacht“.
    Ich lernte Hauptschulen kennen, die ihre SuS hervorragend auf das Berufsleben vorbereiteten.
    Im Ergebnis verlassen heute viele SuS die Schule mit „Schein“ – Zeugnissen, die über das wahre Können wenig bis gar nichts aussagen.
    Traurig und ärgerlich: Beim Einstellungstest des BKA werden die Defizite dieses Systems mal wieder schonungslos offen gelegt.

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