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Beckmann wundert sich, dass die Politik nicht „schamesrot“ wird – Kraus hält hingegen das Schulsystem für sozial genug: Streit nach PISA

BERLIN. Die neue PISA-Studie hat eine hitzige bildungspolitische Diskussion über die Konsequenzen in Gang gebracht. Ist das deutsche Bildungssystem „vertikal durchlässig“ – und damit ausgesprochen sozial –, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, meint? Oder müsste ein nach wie vor hoher Zusammenhang zwischen der Herkunft eines Schülers und seines Schulerfolgs der Politik die „Schamesröte ins Gesicht“ treiben, wie VBE-Chef Udo Beckmann erklärt? Brauchen wir überhaupt noch weitere internationale Großstudien? Vor allem die Lehrerverbände melden Zweifel an. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth möchte dagegen die Lehrkräfte professioneller im Umgang mit heterogenen Lerngruppen machen.

Um die Deutung der PISA-Studie ist ein hitziger Streit ausgebrochen. Foto: Ben Raynal / flickr (CC BY-NC 2.0)

Um die Deutung der PISA-Studie ist ein hitziger Streit ausgebrochen. Foto: Ben Raynal / flickr (CC BY-NC 2.0)

Die GEW etwa hält eine Abkehr von der bisherigen Untersuchungspraxis exemplarischer Messungen von Schülerleistungen für notwendig. Diese förderten keine neuen Erkenntnisse mehr zu Tage. Studien, die auf Durchschnittswerten beruhen, ermöglichten nur sehr grobe Einschätzungen. Sie sagten nur sehr wenig über die Arbeit der Einzelschule und deren Möglichkeiten, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, aus. Die GEW schlägt stattdessen einen neuen Forschungsansatz vor, der das Umfeld, die Probleme und die Rahmenbedingungen von Schulen genauer beleuchtet. „Wir brauchen Studien, die die Gelingensbedingungen für eine Schule, die alle Kinder und Jugendlichen zu einer umfassenden Bildung, Verantwortungsbewusstsein und einer demokratischen Grundhaltung führt, herausarbeiten“, betont Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied Schule.

Hoffmann zeigt sich von den PISA-Ergebnissen wenig überrascht. „Die Erkenntnisse sind mehr oder weniger immer die gleichen. Was fehlt, sind die entsprechenden politischen Konsequenzen und Handlungsstrategien!“ Insbesondere müssten mehr Ressourcen für die Bildungsbenachteiligten bereitgestellt und gezielt Förderkonzepte für diese Gruppe aufgelegt werden. „Zudem brauchen wir Strukturveränderungen: die ‚eine Schule für alle Kinder‘ und einen Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsangebote“, sagt Hoffmann. „PISA bestätigt noch einmal das Kardinalproblem des deutschen Schulsystems: die starke Kopplung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen.“

Grünen-Chef Cem Özdemir mahnt angesichts der neuen PISA-Studie verstärkte Anstrengungen in der Bildungspolitik «für eine funktionierende Demokratie und eine gerechte Gesellschaft» an. Er sagt: „Es sollte uns um mehr Investitionen in Bildung gehen – aber auch um die Frage, wie wir unseren Unterricht besser machen können und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt.“ Er habe „leider nicht den Eindruck“, dass der Wert guter Bildung „in allen Parteien Konsens ist“. Özdemir plädiert dafür, die in Teilen schwächeren PISA-Ergebnisse „als Ansporn (zu) verstehen, es besser zu machen“. Vorrangig gehe es darum, das Interesse an den Naturwissenschaften und Mathematik aufrechtzuerhalten. Außerdem sprach sich der Grünen-Vorsitzende für mehr individuelle Unterstützung von Schülern aus – dies bedeute auch, „dass wir die besonders Talentierten auf ihrem Weg besser fördern“.

Auch der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bezeichnet die Ergebnisse der deutschen Schüler bei PISA als nicht überraschend. „Es war angesichts der Herausforderungen des deutschen Bildungswesens in den letzten Jahren durch die Integration von Flüchtlingskindern, die Inklusion an Regelschulen sowie durch den massiven Lehrermangel zu erwarten, dass sich der Aufwärtstrend nicht in gleichem Maße und in allen Bereichen fortsetzen würde, wie er bei den letzten vier PISA-Studien zu beobachten war“, betont der Verbandschef. Umso mehr freue er sich über die signifikanten Verbesserungen bei der Leseleistung und die Fortschritte bei der Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Gleichzeitig mahnt Meidinger an, in den Bundesländern bei bildungspolitischen Reformen wieder mehr das Kerngeschäft Unterricht in den Fokus zu nehmen. „Ich habe das Gefühl, dass bei vielen Struktur- und Bildungsreformen die Schülermehrheit, der Durchschnittsschüler zunehmend aus dem Blick geraten ist. Das muss sich ändern, will Deutschland bei der Bildungsqualität noch mehr nach vorne kommen.“

Brigitte Balbach, Vorsitzende des Verbands „lehrer nrw“, sieht die PISA-Studie kritisch. Der Erkenntnisgewinn sei begrenzt. „Eigentlich ist PISA inzwischen überflüssig. Die Studie bildet lediglich einen sehr kleinen Teil des schulischen Geschehens ab und hat daher nur eine geringe Aussagekraft. Trotzdem ist PISA zum Heiligen Gral der Bildungspolitik geworden. Es geht nicht um gute Bildung, sondern um gute PISA-Ergebnisse. Das ist gefährlich, und es wird höchste Zeit, dass sich diese Erkenntnis auch in den Parlamenten und Ministerien durchsetzt“, sagt Brigitte Balbach,

Die PISA-Studie zeige, dass der Reichtum eines Landes nicht unbedingt Garant für eine bessere Bildung sei, meint Jens Weichelt, Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands. Deutschland wäre durchaus in der Lage, durch höhere und zielorientierte Investitionen in schulische Bildung, die Bildungsqualität zu erhöhen und insbesondere der Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Hintergrund durch nachhaltige Konzepte entgegenzuwirken.

Ländervergleichsstudien hätten allerdings belegt, dass es in Sachsen eine höhere Bildungsgerechtigkeit gebe – durch die Konzentration von Schülern mit Migrationshintergrund auf bestimmte Schulstandorte werde es jedoch wohl auch im Freistaat künftig stärkere Unterschiede zwischen sozioökonomisch begünstigten Schulen und benachteiligten Schulen geben. Weichelt sieht deshalb in einer höheren Personalzuweisung, die eine dezentralere Beschulung von Flüchtlingskindern ermöglicht, eine wesentliche Bedingung für das Gelingen des Integrationsprozesses.

Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) warnt hingegen vor Stillstand. „Wir haben noch viele Hausaufgaben zu erledigen“, meint sie. Die Ergebnisse zeigten deutlich, „dass wir uns in Deutschland ganz stark der Unterrichtsentwicklung widmen und die Professionalität der Lehrer stärken müssen.“ Schule müsse befähigt werden, mit der Heterogenität der Schüler besser umzugehen. „Das gilt für die leistungsschwachen und leistungsstarken Schüler ebenso wie auch für die Förderungen von Jungen und Mädchen sowie von Migranten und Nicht-Migranten“, sagt Kurth.

Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL/VDR) rät, die Ergebnisse der PISA-Studie  mit Gelassenheit zu betrachten, aber sorgfältig zu analysieren. „Das Ergebnis bedeutet nicht, dass wir uns ausruhen können. Es ist aber nicht verwunderlich, dass der Anstieg im Vergleich zur ersten Untersuchung ins Stocken geraten ist, haben sich doch in diesem Zeitraum die Bedingungen für die Schulen nicht vereinfacht. Hier sei zum Beispiel auf die sprunghaft angewachsene Beschulung von Flüchtlingskindern und auf die Umsetzung der Inklusion hingewiesen. Diese Situation ist von den Lehrerinnen und Lehrern in einem beispiellosen Kraftakt angenommen worden und gut gemeistert worden“, sagt Vorsitzender Manfred Busch. Für eine hohe Bildungsqualität gelte immer noch: „Auf den Lehrer kommt es an!“ Daher bereite der chronisch werdende Lehrermangel, besonders in den MINT-Fächern, dem Verband große Sorgen. Das gilt auch gerade für Niedersachsen.

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sieht das Abschneiden Deutschlands beim weltweiten PISA-Schulvergleichstest positiv. „In allen drei erfassten Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen liegt Deutschland deutlich über dem OECD-Durchschnitt“, sagt Heiligenstadt. Deutschland halte Kontakt zur Spitzengruppe – das sei eine gute Botschaft. Der Test zeige aber auch, dass die Leistungen noch zu stark vom sozialen Hintergrund der Schüler abhingen. Auch gebe es in allen drei Kompetenzsegmenten starke Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen sowie zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund. Insofern sei PISA 2015 auch eine Bestätigung niedersächsischer Bildungspolitik, die auf mehr und frühere Bildungsteilhabe setze, meint Heiligenstadt.

„Lehrerinnen und Lehrer leisten trotz vielfach unzureichender Rahmenbedingungen Hervorragendes. Die Politik ist weiterhin gefordert, die Voraussetzungen für die individuelle Förderung so zu gestalten, dass sowohl leistungsstarke als auch leistungsschwache Schülerinnen und Schüler zu ihrem Recht kommen“, erklärt VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. „Die Ergebnisse von PISA können nicht zudecken, dass das Problem der Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft weiterhin ein Kernproblem in Deutschland ist. Das, was weder TIMSS noch PISA offen legen, ist die Abhängigkeit der Bildungschancen vom Wohnort in Deutschland. Insbesondere in der Grundschule haben wir zwischen den Ländern große Disparitäten in Bezug auf die Lerngruppengröße, die Schüler-Lehrer-Relation und die Anzahl der Unterrichtswochenstunden, die Schülerinnen und Schüler in den ersten vier Jahren erhalten. Deutschland hat im internationalen Vergleich, was die Investitionen in den Bildungsbereich anbelangt, insbesondere im Grundschulbereich noch viel Luft nach oben. Wenn nachhaltige Verbesserungen erreicht werden sollen, dann muss hier angesetzt werden“, so betont Beckmann. „Mich wundert es, dass es der Politik nicht die Schamesröte ins Gesicht treibt, weil das reiche Deutschland nicht dazu in der Lage ist, endlich die bestehenden sozialen Disparitäten auszugleichen“, sagt der VBE-Chef – und fordert eindringlich eine Befassung mit diesem Thema.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, meint: „Es ist schön, wenn sich die deutschen PISA-Ergebnisse konsolidiert haben. Der Nutzen der PISA-Studien bleibt gleichwohl fragwürdig, denn PISA bildet nur einen minimalen Ausschnitt aus dem Bildungs­geschehen ab. Nicht erfasst wird mit PISA: sprachliches Ausdrucksvermögen, literarisches Verständnis, fremd­sprachliches Können, historisches, wirtschaftliches, geographisches, religiöses/ethischen Wissen und ästhetische Bildung. Gerade diese mit PISA nicht erfassten Bereiche machen Allgemein­bildung und Persönlichkeitsbildung aus. Wir müssen also wieder den nicht messbaren und über­nützlichen Wert von Bildung betonen. PISA und eine OECD, die diesen Test – wohlgemerkt als Wirtschaftsorganisation! – trägt und propagiert, reduziert nämlich ‚Bildung‘ auf sogenannte Kom­petenzen, die man in einem globalisierten Unternehmen vermeintlich braucht. Das ist zu wenig.“

Darüber hinaus sei PISA als Indikator für die soziale Ausgewogenheit eines Bildungswesens un­geeignet, denn die Studie teste 15-Jährige. Kraus: „Damit wird aber nicht erfasst, dass in Deutschland auf­grund der vertikalen und damit auch sozialen Durchlässigkeit des Schulwesens fast 50 Prozent der Studierberechtigten kein Gymnasium besucht haben. Diese ausgeprägte vertikale Durch­lässigkeit ist weltweit einmalig.“

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, meint hingegen: „Die neueste PISA-Studie bestätigt einmal mehr die Erkenntnisse, die wir in der Praxis seit langem erleben. Die Analysen sprechen eine eindeutige Sprache und die Experten in den Schulen – die Lehrkräfte – wissen es auch: Wir brauchen mehr Differenzierung und Förderung, eine deutlich verbesserte Schüler-Lehrer-Relation und multiprofessionelle Teams an allen Schulen, die sie benötigen. Das setzt echten Reformwillen voraus. Grundsätzlich muss das Ziel Integration sein – und  nicht Ausgrenzung. Möglichst viele Schülerinnen und Schüler müssen möglichst gute Abschlüsse erreichen können. Die Missstände sind längst offen gelegt, die Lehrerinnen und Lehrer wissen, wo es hapert. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem. Deshalb sollten unsere Lehrkräfte nicht mit immer neuen Studien und Evaluationen belastet werden. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an.“ Das

Vor allem in Punkto Chancengerechtigkeit bleibe viel zu tun.  Fleischmann: Der Ansatz der Inklusion ist daher kein Luxus, sondern pure Notwendigkeit. Denn, wie sich zeigt, sind vor allem diejenigen Länder bei PISA erfolgreich, die integrative und inklusive Ansätze verfolgen. Länder mit stark selektiven Bildungssystemen und geringer Durchlässigkeit schneiden dagegen eher schlechter ab. Die Ergebnisse zeigen klar auf, dass Exzellenz selbstverständlich mit Chancengerechtigkeit zu verbinden ist. Der Fokus erfolgreicher Bildungspolitik muss daher auf einer Stärkung von integrativer und inkludierender Schulsysteme liegen.“

Agentur für Bildungsjournalismus

Ein Kommentar

  1. Bernhard Färber

    Nur eine kleine Anmerkung zu dem letztaufgeführten Statement von Frau Fleischmann (BLLV):

    Man kann ja aus PISA viel herauslesen, aber dass integrierte Schulsysteme, also Einheitsschulsysteme, besser abschneiden als differenzierte, gegliederte Systeme mit Sicherheit nicht.

    Alle 20 Länder am Ende der PISA-Skala haben integrierte Schulsysteme. Und die Länder ganz oben? Das sind mit Ausnahme von Finnland alles ostasiatische Drillsysteme, wo die Eltern wie in Japan, Singapur, Korea und heute auch in Hongkong fast ihr gesamtes Familienvermögen in die Ausbildung ihrer Kinder stecken (hohe Studiengebühren, Ausbildungsversicherungen, privat finanzierter Zusatzunterricht am Abend).

    Man kann ja aber die Frage der Gliederung trefflich streiten. Was mich stört, ist diese Holzhammermethode, jede Vergleichsstudie gleich für seine verbandlichen Ziele zu instrumentalisieren. Das ist genau das, was uns am wenigsten weiterhilft.

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