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(K)ein Weihnachtswunder: Den Kirchen laufen die Mitglieder davon – das Interesse am Religionsunterricht ist trotzdem ungebrochen hoch

HANNOVER. Religion scheint manchem überholt, die Kirchen verlieren Mitglieder. Eine steigende Zahl ungetaufter Schüler aber nimmt am Religionsunterricht teil – aus eigenem Interesse, sagen die Kirchen. Die Kinder wollen Bescheid wissen (aber möglichst nicht nur über eine Religion).

Heiliger Geist im Anflug: Arbeitsblatt im Religionsunterricht einer Grundschule. Foto: barockschloss / flickr (CC BY 2.0)

Heiliger Geist im Anflug: Arbeitsblatt im Religionsunterricht einer Grundschule. Foto: barockschloss / flickr (CC BY 2.0)

Es scheint paradox: Während die Kirchen an Bedeutung im Alltag einbüßen und Mitglieder verlieren, ist das Interesse am Religionsunterricht praktisch ungebrochen. Obwohl die Zahl christlicher Schüler sinkt und die der Muslime und ungetaufter Kinder steigt, sind der evangelische und katholische Religionsunterricht gut besucht – ungeachtet alternativer Fächer wie Werte und Normen oder Ethik. Nur eine kleine Zahl von Schülern meldet sich ab und eine steigende Zahl religionsloser Kinder entscheidet sich aus eigenem Interesse zur Teilnahme an dem Fach, wie die evangelische und katholische Kirche berichten.

In Sachsen etwa hat sich bezogen auf die Gesamtheit der Schüler der Anteil derjenigen, die den evangelischen Religionsunterricht besuchen, von vier Prozent im Jahr 1992 auf fast 25 Prozent in 2012 gesteigert, sagt der Schulreferent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Matthias Otte. In Mecklenburg-Vorpommern nehmen sogar über 50 Prozent der Schüler daran teil, etwa dreimal so viel wie es dort Kirchenmitglieder gibt. Das bedeutet, dass dort im Religionsunterricht konfessionslose Schüler oft in der Mehrzahl sind.

Nicht nur in Bayern ist der Religionsunterricht gefragt. Foto: daniel zimmel / flickr (CC BY-SA 2.0)

Nicht nur in Bayern ist der Religionsunterricht gefragt. Foto: daniel zimmel / flickr (CC BY-SA 2.0)

Aber auch in Berlin, wo der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach ist, nimmt ein Viertel aller Schüler (80 000) freiwillig und zusätzlich zum anderen Unterricht oft nachmittags am evangelischen Religionsunterricht teil. In Baden-Württemberg nehmen laut Otte knapp 40 Prozent der Schüler am evangelischen Religionsunterricht teil, ein Viertel davon (mehr als 130 000) sind nicht evangelisch, die Mehrzahl dieser Gruppe gehört keiner Kirche an oder ist teils auch muslimisch. Ähnliche Zahlen gelten in Baden-Württemberg für den katholischen Religionsunterricht. Über alle Schularten hinweg melden sich dort weniger als vier Prozent der Schüler vom evangelischen Religionsunterricht ab.

In Niedersachsen nahmen nach Angaben des Kultusministeriums im vergangenen Jahr 45,5 Prozent der Schüler am evangelischen, 9 Prozent am katholischen und 20,8 Prozent am gemischten Religionsunterricht für Katholiken und Protestanten teil, 19 Prozent wählten das Fach Werte und Normen. Wie der Direktor des Generalvikariats im Bistum Hildesheim, Jörg-Dieter Wächter, erklärt, wächst gerade der Anteil ungetaufter Kinder stark an. Gemessen an der Abmeldequote vom Religionsunterricht sei der Zuspruch zu dem Fach aber weiterhin hoch. Gerade in einer pluralen Gesellschaft trage der Religionsunterricht dazu bei, dass junge Menschen lernten, sich zu orientieren, andere Weltdeutungen zuzulassen und mit Differenzen umzugehen.

Eine neue Herausforderung für den Religionsunterricht ist nach einer EKD-Studie, dass der wachsenden Zahl muslimischer und religiös oft intensiv sozialisierter Kinder Schüler gegenüberstehen, die nur noch schwach oder überhaupt nicht mehr christlich verwurzelt sind. Diese sind in religiösen Fragen verunsichert, haben zugleich aber eine große Offenheit und Neugierde an anderen Religionen. Vom Religionsunterricht erwarten sie, dort mehr auch über nicht-christliche Religionen zu erfahren. Auch deshalb gibt es kirchlicherseits Bemühungen zu einer Kooperation des Religions- und Ethikunterrichts, ohne die Unterschiede zu verwischen.

Praktische Probleme

Im Alltag zu schaffen machen dem Religionsunterricht unterdessen praktische Probleme: Angesichts des demografischen Wandels mit einer sinkenden Zahl von Schülern wird ein separater Religionsunterricht für Katholiken und Protestanten oft schwierig. Die Deutsche Bischofskonferenz arbeitet daher an Wegen, den gemeinsamen Religionsunterricht auszuweiten. Ungeachtet davon schmerzt die Kirchen, dass der Religionsunterricht im Stundenplan oft ausfällt. Bei Lehrermangel, so erklärt Bildungsexperte Wächter vom Bistum Hildesheim, entscheide die Schulleitung eher für die Fächer Englisch oder Mathematik – und Religion falle dann einfach weg. Von Michael Evers, dpa

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7 Kommentare

  1. einfache lösung: Abschaffung der Kirchensteuer …

    • Lösungen braucht man für Probleme. Besteht für Sie das Problem darin, dass so viele Schüler den Religionsunterricht besuchen wollen?
      Übrigens gibt es in den USA keine Kirchensteuer. Wir wissen ja alle, dass dort Religion fast keine Rolle spielt, oder ?

  2. Keinen Kulturkampf pflegen, nur endlich aus den veränderten Tatsachen folgern:
    – Kinder und Heranwachsende suchen überall und immer nach Orientierung und Antworten auf existentielle Fragen
    – Eine entsprechende Erziehung und ein entsprechender öffentlicher Schulunteriricht ( nicht nur als Fach), aber ohne
    konfessionelle oder religiös dominierte Ausrichtung, ist gesamtgesellschaftlich erforderlich
    – Ein “Religions”- Unterricht an öffentlichen Schulen, auch wenn er verschiedene Religionen berücksichtigt,ist heute
    unangebracht, weil immer mehr konfessionsfreie Menschen (ca36 %) gegenüber katholischen
    (ca27%), evangelischen(ca28%) und muslimischen (ca4%) nach entsprechender Orientierung fragen (Quelle: fowid 2015)

  3. Die Beispiele aus dem Grundschulunterricht erschüttern mich. Hier wird nicht über Religion informiert, sondern Kinder werden missioniert. Das finde ich falsch und wünsche mir hier die Trennung von Staat und Kirche in der Bildung. Wenn alle Menschen angeblich so interessiert an Religionsunterricht wären, dann würden sie den auch in der Kirche besuchen. Ich glaube eher, dass andere Gründe zur Wahl des Faches führen. Schließlich ist die Wahl zwischen Religion und Ethik Pflicht. Wäre beides freiwillig, wären die Zahlen wohl sehr anders.

    • Es interessiert mich sehr, welche Erfahrungen Sie und Ihre Kinder mit Religionsunterricht haben. An meinen Schulen habe ich noch nie “missionierenden” Religionsunterricht erlebt, sondern im Gegenteil waren immer die religiös gebundenen Schüler unzufrieden, weil es ihnen zu neutral und allgemein war.

  4. Marina Riemer

    Nun, ich habe in meinem eigenen Religionsunterricht die Geschichten aus der Bibel kennengelernt. Daran finde ich nichts falsch. Diese Geschichten zu kennen, die zu unserer Kultur gehören, das empfinde ich als Bildung. In höheren Klassen kann man dann auch besser darüber diskutieren, ob diese Geschichten wirklich moralbildend sind.
    Aber Grundschüler aufschreiben zu lassen, dass Jesus alle Kinder liebt und man selbst mit ihm durch das Gebet spricht. Das halte ich für Indoktrination. Das ist ungefähr so, als ließe man die Kinder in einer Lehrstunde über den Kommunismus in ihr Heft schreiben: Die Diktatur des Proletariats ist der einzige Weg, um die geschundenen Arbeitnehmer aus der Unterdrückung der Arbeitgeber zu befreien und die gerechte Verteilung des Wohlstands zu erreichen.
    Ich finde, dass Kinder über Religion lernen dürfen und sollten, aber Religionsausübung in die Kirche gehört und nicht in die Schule.

    • Diese Meinung kann ich weitgehend teilen, aber frage mich wieder einmal, ob solche (verständigen) “Religions-“Kommentare die gleichzeitige Möglichkeit , hier auch Agnostik/Atheismus zu kommentieren, bewusst ausblenden wollen oder als “blinde Flecken” vielen christlich sozialisierten Leuten nicht dazuzugehören scheinen. –
      Christliche “Geschichten” als kulturelle Bildungsinhalte zu vermitteln und zu kennen solllte aber nicht unterlassen, für die veränderte Gegenwart in Glaubensfragen auch gleichwertig (!) agnostische bzw. atheistische Ansichten zu vermitteln. .

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