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Gefragte Experten: Wer „Deutsch als Fremdsprache“ unterrichtet, gibt jungen Flüchtlingen die Hoffnung auf ein neues Leben

KÖLN. Anderen Deutsch beibringen: Wer das kann, ist im Moment gefragt. Denn gute Deutsch-Kenntnisse gelten als Grundvoraussetzung, um Flüchtlinge zu integrieren. Um in dem Bereich zu arbeiten, muss man nicht zwingend «Deutsch als Fremdsprache» studieren. Es gibt mehr Optionen.

Hunderttausende von jungen Flüchtlingen lernen in Willkommensklassen Deutsch. Foto: pixabay

Hunderttausende von jungen Flüchtlingen lernen in Willkommensklassen Deutsch. Foto: pixabay

Den Unterricht beginnt Kathrin Ehrhardt immer auf die gleiche Weise. Wenn auch sonst im Leben ihrer Schüler vieles im Umbruch ist, soll zumindest das verlässlich sein. In ihrem Unterrichtsraum gibt es einen großen Kalender. «Welchen Wochentag haben wir heute?», fragt sie immer als Erstes. Vor ihr sitzen Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Sie kommen aus Somalia, Syrien, der Slowakei oder der Türkei. Der Blick auf den Kalender hilft. «Heute ist Dienstag», sagt Ehrhardt. Dann wiederholen es die Kinder – reihum.

Jeder Schüler soll im Unterricht von Ehrhardt selbst zum Sprechen kommen. «Und welches Datum haben wir heute?», fragt Ehrhardt als Nächstes. So fängt sie an mit dem Deutschlehren an der Mercator-Grundschule in Berlin-Lichterfelde.

Ehrhardt, 48, unterrichtet in einem Bereich, der nach Ansicht vieler Experten in den Schulen immer wichtiger wird. Sie bringt Kindern mit Migrationshintergrund Deutsch bei. Jedes zweite Kind an der Mercator-Grundschule hat einen Migrationshintergrund. Dazu kommen seit zwei Jahren die geflüchteten Kinder. Zeitweise gab es drei Willkommensklassen an der Schule.

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Damit die Kinder im Unterricht mitkommen, brauchen viele eine spezielle Förderung. Ehrhardt arbeitet seit 2009 an der Mercator-Grundschule. Sie übernahm die Aufgabe, den Sprachstand der Kinder festzustellen, sie in Gruppen einzuteilen und dann den Förderunterricht zu gestalten. Die Grundschullehrerin versteht die Situation ihrer Schüler: Als ihre Eltern anfingen, im Ausland zu arbeiten, musste sie als Kind selbst in eine Schule gehen, deren Unterrichtssprache sie nicht verstand.

«Deutsch als Fremdsprache» (DaF) oder «Deutsch als Zweitsprache» (DaZ) zu unterrichten, war lange Zeit ein Berufsfeld, dass nicht sonderlich im Fokus der Öffentlichkeit stand. DaF richtet sich an alle, die Deutsch völlig neu lernen, DaZ an alle, die Deutsch neben einer anderen Sprache als zweite lernen – zum Beispiel, weil sie in Deutschland leben, zuhause aber kein Deutsch sprechen.

Derzeit sind DaF- und DaZ-Experten sehr gefragt. «Seit Ende 2015, Anfang 2016 ist der Arbeitsmarkt wie leer gefegt», sagt Matthias Jung vom Fachverband Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Der Bedarf an Sprachkursen sei an den Schulen, aber auch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) durch die hohen Flüchtlingszahlen enorm gestiegen.

Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die in diesem Feld arbeiten wollen. Um DaF oder DaZ unterrichten zu können, gibt es zum einen die Möglichkeit, einen entsprechenden Studiengang an der Hochschule zu wählen. Eine weitere Möglichkeit ist es, an der Hochschule andere Fächer oder auf Lehramt zu studieren – und parallel Zusatzqualifikationen in DaZ und DaF zu erwerben. Im Wintersemester 2014/2015 schrieben sich für beides zusammen 5023 Studierende im ersten Semester ein. Im Wintersemester 2016/2017 waren es bereits 6419. «Die tatsächliche Zahl dürfte noch einmal um 10 oder 20 Prozent höher sein, da wir nicht von allen Hochschulen eine Rückmeldung haben», sagt Jung.

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Neben der Möglichkeit des Studiums gibt es die Option, nach dem Studium Weiterbildungen in DaF und DaZ zu machen. Universitäten und das Goethe-Institut bieten solche Kurse an. Das erste Studium muss aber in der Regel einen sprachtheoretischen oder -praktischen Hintergrund haben, um unterrichten zu können, erklärt Heike Uhlig vom Goethe-Institut. Wichtig sei auch, dass die Lehrer selbst schon einmal eine Fremdsprache gelernt haben. «Nur dann kann man meistens richtig verstehen, welche Probleme es gibt, wenn man eine Sprache erlernt», sagt Uhlig.

Lehrerin Ehrhardt weiß aus ihrer eigenen Erfahrung, wie hilflos man ist, wenn man sich nicht verständigen kann. Aber sie vertraut auch darauf, dass fast alle Kinder wahnsinnig schnell lernen: «Die Erst- und Zweitklässler, die die Sprache gar nicht kennen, brauchen häufig nur ein halbes Jahr, um sich mitteilen zu können.» Und noch etwas anderes erstaunt sie immer wieder: wie nüchtern viele Kinder ihr Schicksal hinnehmen.

Nach dem Üben mit dem Datum arbeitet Ehrhardt an verschiedenen Themen, etwa was in eine Schultasche hinein muss oder wer zur Familie gehört. Ehrhardt fragt dann Sachen wie: «Mit wem bist Du nach Deutschland gekommen?». Die Antworten der Schüler sind oft traurig. «Ich bin mit meiner Mutter hier. Mein Vater und mein Bruder sind tot», hörte sie neulich wieder. Ehrhardt versucht dann nicht bedrückt zu sein, sondern es wie die Kinder als Tatsache hinzunehmen.

Längst nicht jedem gelingt das. Wer DaF oder DaZ unterrichten will, sollte deshalb auf jeden Fall frühzeitig Praktika machen, rät Uhlig vom Goethe-Institut. Dabei merkt man schnell, ob das Unterrichten der eigenen Muttersprache etwas für einen ist. Das Studium und die Weiterbildungen enthalten fast alle drei Komponenten: Zum einen geht es um die Sprache an sich – etwa die grammatikalischen Grundlagen. Dann geht es um das weite Themenfeld deutsche Literatur und Kultur. Und schließlich ist die Methodik-Didaktik der Sprachvermittlung ein Thema: Wie vermittelt man eine Sprache? Welche Lernprobleme treten typischerweise auf?

Wer sich für DaF und DaZ als Berufsweg entscheidet, kann später nicht nur im Inland für Schulen oder in der Erwachsenenbildung für Volkshochschulen und private Sprachschulen arbeiten. Daneben gibt es die Möglichkeit, im Ausland an Schulen, an Goethe-Instituten oder auch an Universitäten wie der Deutsch-jordanischen Universität zu unterrichten. Mitbringen sollten Jugendliche neben einem Interesse für fremde Kulturen vor allem die Leidenschaft, mit Sprache zu arbeiten.

„Aha“-Momente

Kathrin Ehrhardt macht die Arbeit mit den Kindern besonders Spaß, wenn sie einen «Aha»-Moment haben – und sie plötzlich etwas verstanden haben. Neulich war es wieder so weit, als ein Kind sagte: «Es heißt der Mond.» Die Artikel sind für viele Kinder ein Problem. Es gibt sie nicht in allen Sprachen. Gibt es sie, ist zum Beispiel der Mond häufig weiblich, also «die Mond».

Ehrhardt arbeitet in ihrem Unterricht deshalb viel mit Bildern. Auf das Bild vom Mond klebt sie einen blauen Punkt. Das steht für «der», ein roter Punkt für den Artikel «die» und ein grüner Punkt für den Artikel «das». Die ersten Wochen haben die Kinder meistens Schwierigkeiten, überhaupt das richtige Wort für das Bild vom Mond zu finden. «Aber irgendwann macht es Klick, und sie stellen den Zusammenhang zwischen dem blauen Punkt und dem Artikel her.» Für Ehrhardt jedes Mal ein schöner Augenblick. Von Kristin Kruthaup, dpa

 

11 Kommentare

  1. Die Hoffnung auf ein halbwegs erträgliches _eigenes_ Leben müssen viele der DaZ-Lehrer hingegen aufgeben, nämlich die, die sich als extrem unterbezahlte freie Mitarbeiter an Volkshochschulen durchschlagen müssen.

    • Wie wahr.
      Und um das hochgesetzte Honorar nicht auszahlen zu müssen, gibt es jetzt Verträge, bei denen die DaZ-Lehrkräfte auf einem 40 Std. Vertrag genau diese 40 Std. wöchentlich Unterricht erteilen.

  2. Das sollten sich mal @ missis., Palim und ysnp durch den Kopf gehen lassen, bevor die wieder über ihre 28 Stunden bei 4000,- und mehr jammern und Gerechtigkeit einfordern !!!

    • Hab ich schon UND Gerechtigkeit eingefordert.
      Woher Sie immer Ihre utopischen Gehaltsbehauptungen nehmen, weiß ich nicht, aber ich kenne durchaus Menschen, die genau diese Arbeit bei der VHS seit Jahren machen, in prekären Verhältnissen auf Honorarbasis zu verschiedenen Stundensätzen.
      Unfair ist dabei auch, dass die Anbieter gerne Menschen mit Lehramtsbefähigung UND Zusatzstudium DaZ haben möchten, dies aber nicht bezahlen wollen.

      Warum Sie das gutheißen, ist mir allerdings schleierhaft.

      • Nur als Beispiel:
        daz über VHS: 21€/45 min
        daz über bamf: 35€/45 min
        Allerdings brutto, ohne soziale Absicherung und kein Geld während der Ferien oder bei Krankheit. Nur bei extremer selbstausbeutung kommt man auf 1000€ netto.

  3. Das Problem in diesem Bereich ist allerdings genau das Thema des Artikels. Dass viele kein Lehramtsstudium absolviert haben und so manch einer nicht einmal Germanistik.

    • Um wirklich guten DaZ-Unterricht geben zu können benötigt man entweder ein Studium mit Sprachdidaktik oder sehr viel Eigeninitiative. Mit Erfahrung in DaZ und bei der Alphabetisierung von Erstklässlern ist man schon ein gutes Stück weiter, die Alphabetisierung innerhalb des DaZ vornehmen zu können. Dennoch ist die Aufgabe eine andere und bringt eigene Anforderungen mit sich.

      Eines der Probleme ist, dass es vor 20 Jahren kaum Universitäten mit DaZ-Angebot gab. Ansätze bzw. Inhalte wurden im Fach Deutsch vermittelt, aber nicht als DaZ ausgewiesen.

  4. @ Palim,

    was reden Sie denn? Das kann man in jeder öffentlichen Gehaltstabellle nachlesen, dass ein Grundschullehrer je nach Erfahrungsstufe um die 4000,- Euro brutto für rund 28 Unterrichtsstunden (klar + Vor- und Nachbereitung) erhalten. Was ist daran utopisch?

    Außerdem rechne ich Sie hier nicht zu den „Frischlingen“. Keine Ahung, warum, aber Sie wirken eher wie jemand mit einer hohen Erfahrungsstufe, demnach dann sicher über 4000,- Euro brutto.

    PS: Schön, dass Sie sich gegen prekäre Beschäftigungssituationen einsetzen. Wenn aber die Lehrer schon die Steuermittel „auffressen“, woher soll dann Geld für die DaF-Dozenten kommen???

    • „Keine Ahung, warum, aber Sie wirken eher wie jemand mit einer hohen Erfahrungsstufe“
      Das verbuche ich jetzt mal als Kompliment *bg*

      „Das kann man in jeder öffentlichen Gehaltstabellle nachlesen, dass ein Grundschullehrer je nach Erfahrungsstufe um die 4000,- Euro brutto für rund 28 Unterrichtsstunden (klar + Vor- und Nachbereitung) erhalten.“
      Aha. Und natürlich haben Sie sich die Erfahrungsstufen GENAU angesehen für jegliche Bundesländer und ausgezählt, wie lange es dauert, vom „Frischling“ zum „erfahrenen Lehrer“ aufzusteigen, der 4000€ brutto verdient für seine abgeleisteten 60 WS.

      „Wenn aber die Lehrer schon die Steuermittel „auffressen“, woher soll dann Geld für die DaF-Dozenten kommen???“
      Wenn die Steuermittel aufgefressen würden für bessere Unterrichssituationen und -bedingungen in den Regelschulen, wie Sie es fordern, würden ja dann die DaZ-Dozenten auch nichts mehr bekommen.
      Schön aber, dass Sie erreicht haben, dass Bundesgelder als Landesmittel ausgegeben werden können.

  5. @ Palim,

    Ihrer zweiten Stellungnahme widerspreche ich vehement.

    Was braucht man denn anders, wenn man als DaF/DaZ-Lehrer arbeitet – außer dass man zumeist mit Erwachsenen arbeitet?

    Methodik und Didaktik des Unterrichtens dürften im Kern gleich sein; Grundkenntnisse, besser aber vertiefte Kenntnisse der Materie sollten auch diese Lehrer erworben haben. Sie beschreiben eher, wie es ist und nicht, wie es auch in dieser Lehrtätigkeit sein sollte.

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