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Petra Gerster im Interview: „Es ist menschenunmöglich, 25 Kinder unterschiedlichster Herkunft zur selben Zeit am selben Ort für dasselbe Thema zu interessieren“

DÜSSELDORF. PISA-Punkte und Credit-Points? Die bekannte Journalistin und Bestseller-Autorin Petra Gerster hält nichts davon, Bildung in diesen Einheiten zu messen. Auf dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf spricht sie über einen neuen Wert für Bildung: Charakter. Dafür sind ihrer Meinung nach aber nicht nur die Schulen verantwortlich. Wir sprachen mit ihr.

Fordert ein Ende der "Lehrplandiktatur": Petra Gerster. Foto: Rico Rossival / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Fordert ein Ende der „Lehrplandiktatur“: Petra Gerster. Foto: Rico Rossival / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

In Ihrem Buch heißt es: „Es geht nicht mehr ohne Charakter“. Was meinen Sie mit dem Begriff Charakter? Welche Persönlichkeiten und welche Charaktereigenschaften braucht unsere Gesellschaft?

Gerster: Jeder weiß ungefähr, was mit „Charakter“ gemeint ist, aber niemand hat eine verbindliche Definition, und man kann Charakter auch nicht messen. Aber man liegt nicht ganz falsch, wenn man unter Charakter den Wesenskern einer Person versteht. Und dieser ist eben etwas ganz anderes als das, worauf heutzutage in der Schule, an der Uni und in der Wirtschaft Wert gelegt wird. Dort geht es vor allem um eine formale Bildung, um Wissen, Können, Know-how und das, was heute mit dem Modewort „Kompetenzen“ umschrieben wird. Wer über all das verfügt, ist begehrt, weil man ihn als gut geöltes Rädchen überall einsetzen und unter „human resources“ verbuchen kann.

Charakter aber haben solchermaßen kernlose oder entkernte Könner nicht unbedingt. Mit ihnen kann man, wie die jüngste Vergangenheit gezeigt hat, beispielsweise in der Deutschen Bank ein paar Jahre lang Milliardengewinne erwirtschaften, die aber später als Bußgelder mehrfach wieder zurückgezahlt werden müssen, weil sie mit unlauteren Methoden erwirtschaftet wurden. Und VW bezahlt gerade die Gewinne zurück, die mit Betrugs-Software erzielt worden waren. Diesen und vielen anderen Unternehmen ginge es heute besser, wenn sie während der letzten Jahrzehnte nicht nur bonusgetriebene Funktions-Eliten eingestellt hätten, sondern Persönlichkeiten mit widerständigem Charakter. Die hätten das Abgleiten ganzer Konzerne in die Grauzonen der Legalität und darüber hinaus verhindert. Personen mit Charakter wissen, wann sie Nein sagen müssen. Und genau solche Charaktere braucht jede Gesellschaft.

VBE: Lernerfolg hängt auch von der Erziehung ab – also: Verantwortung der Eltern (bei PISA und Co.) nicht vergessen!

Sie sagen, dass Lehrer und Erzieher die Macht haben, Kindern zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Welche Lehrer braucht es für eine gute Charakterbildung?

Gerster: Das ist eigentlich ganz einfach: Wer Kinder und Jugendliche zu charakterstarken Persönlichkeiten erziehen will, muss selbst eine sein. Erfüllt er diese Bedingung, wird er ganz von selbst vorleben, was ein Charakter so denkt und tut, und daran können sich Schüler ein Beispiel nehmen. Erzwingen lässt sich das allerdings nicht. Das muss der Schüler schon selber wollen. Außerdem, und da wird es nun schwierig, helfen bei diesem Geschäft natürlich Selbstvertrauen, Empathie, Glaubwürdigkeit, sicheres Auftreten und überzeugendes Können. Es ist klar, dass nicht jeder einzelne Lehrer so hohe Ansprüche hundertprozentig erfüllen kann. Aber jeder Lehrer sollte zumindest anstreben, sie so gut wie möglich zu erfüllen.

Im Bildungsbereich ist natürlich vieles auch vom System vorgeschrieben, in dem Lehrer nur bedingt Freiräume haben. Was müsste sich vielleicht auch am System ändern?

Gerster:  Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder entscheidet man sich für behutsame, permanente Verbesserungen oder man macht eine wirklich radikale Reform. Beides setzt aber erst einmal voraus, dass man erstens weiß, wohin mal will und zweitens bereit ist, die Mittel bereit zu stellen, die dafür nötig sind. Und da scheint es mir an beidem zu hapern, vor allem am zweiten, den Mitteln. Beim ersten, wissen wohin mal will, scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass man bei PISA gut abschneiden soll. Das ist mir persönlich zu wenig. Ich erwarte von der Schule mehr, daher neige ich eher doch zur großen radikalen Reform. Essentials dieser Reform wären:

  • Ende der Lehrplanerfüllungsdiktatur
  • Ende des Bulimie-Lernens
  • Ende des Leistungsdrucks
  • Anerkennung der Tatsache, dass es menschenunmöglich ist, 25 Kinder unterschiedlichster Herkunft zur selben Zeit am selben Ort für dasselbe Thema zu interessieren

Jedes Kind kann irgendetwas, aber nur das Wenigste dessen, was Kinder können, wird in der Schule abgerufen. Sie ist zu sehr fixiert auf kognitive Fähigkeiten. Der Sport kommt zu kurz. Kunst, Musik, Malerei kommen zu kurz. Theater entfällt fast komplett. Ganz zu schweigen davon, dass Kinder, wie an Waldorfschulen üblich, tischlern, gärtnern, bauen, kochen, tanzen.

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Was verstehen Sie unter dem Begriff Bildung. Und was sollten Kinder in der Schule vermittelt bekommen – auch als Vorbereitung auf die Zukunft?

Gerster: Vor allem sollte die Neugier vermittelt werden, ohne die das Lernen keinen Spaß macht. Nur wer neugierig ist, will etwas wissen, erfahren, verstehen. Und nur, wer etwas verstehen will, sucht sich selbständig die Wissensbruchstücke zusammen, die es dafür braucht, und stellt Verbindungen und Zusammenhänge her zwischen seinen Bruchstücken. Das führt dann im Idealfall zu Erfolgserlebnissen, die Lesen und Lernen nicht als Last, sondern als Lust erfahrbar machen – und das ein Leben lang. Wenn die Schule das schaffen würde, hätte sie schon viel geleistet, aber Bildung wäre es noch nicht. Zur Bildung gehört auch, dass man sich in andere hineinversetzen kann, die Welt aus Sicht der anderen wahrnehmen kann. Zur Bildung gehören außerdem Herzensbildung und Empathiefähigkeit. Zur Bildung gehört die Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst, für andere und für sein Gemeinwesen zu übernehmen. Und zur Bildung gehört schließlich auch Charakter. Das ist die Fähigkeit, Rückgrat zu beweisen, Haltung zu bewahren, wenn einem der Wind heftig ins Gesicht bläst, um einer Überzeugung oder einer Freundschaft willen lieber Nachteile in Kauf zu nehmen, als sich opportunistisch anzupassen. Bildung ist also ein äußerst anspruchsvolles Programm, das ohne die Mithilfe des Elternhauses, der Gesellschaft und der Medien kaum zu realisieren ist.

Viele Lehrer haben Angst vor neuen Herausforderungen, vor allem der Integration von Flüchtlingskindern sowie der Inklusion. Sind aber gerade diese Veränderungen vielleicht ein Vorteil für die Kinder, die jetzt zu Schule gehen – auch im Sinne der Charakterbildung?

Gerster: Davor hätte ich auch Angst, wenn ich Lehrer wäre. Es war ja in der Vergangenheit schon schwierig bis unmöglich, jeden Tag allen 25 sehr verschiedenen Kindern unterschiedlichster Herkunft immer gerecht zu werden. Das wird jetzt durch Flüchtlingskinder und durch den Inklusions-Imperativ noch viel schwieriger. Zwar kann es von Vorteil sein, wenn ein Kind nicht – wie ich selbst zu meiner Zeit – in einer homogenen Klasse aus lauter weißen Akademikerkindern aus demselben Milieu sitzt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Kinder aus verschiedenen Kulturen voneinander lernen und eine höhere soziale Kompetenz erwerben können. Dazu gehört dann aber auch, dass die Lehrer darauf vorbereitet und dafür ausgebildet werden und das Personal und die Infrastruktur bereitgestellt werden, die man dafür braucht.

In Ihrem aktuellen Buch geht es nicht nur um Bildung, sondern auch um die Erziehung durch die Eltern. Lehrer beklagen häufig, dass Erziehungsaufgaben auf sie abgewälzt werden, weil sich die Eltern nicht mehr kümmern. Was sind Ihre Beobachtungen – vernachlässigen Eltern heute vermehrt ihre Erziehungsaufgabe?

Gerster: Ja. Weil wir genau diesen Eindruck gewannen, als unsere eigenen Kinder noch klein waren und ihre Freunde mit nach Haus brachten, sind wir überhaupt erst auf die Idee gekommen, mal zu gucken, wie Kinder heutzutage eigentlich erzogen werden. Und haben dann gesehen: Viele Kinder werden schlecht, falsch oder gar nicht mehr erzogen. Weil schon deren Eltern nicht mehr richtig erzogen wurden. Oder weil die Eltern nicht erziehen können oder aus Bequemlichkeit oder falschen Vorstellungen von Partnerschaft nicht erziehen wollen. Weil sie fürchten, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren, wenn sie ihnen Widerstände entgegensetzen, etwas von ihnen fordern, ihnen etwas verbieten oder ihnen die Einhaltung von Regeln zumuten. Oder weil beide berufstätig sind und meinen, keine Zeit zu haben. Gründe für Nicht-Erziehung gibt es viele. Daher delegiert man die Aufgabe gern an die Profis, die Lehrer und Erzieher. Von denen erwarten sie dann als gut geschulte Konsumenten der Dienstleistungsgesellschaft einen erstklassigen Service nach dem Motto: Unser Sohn raucht, tun Sie was dagegen. Dazu kommen dann auf der anderen Seite des Spektrums noch die Helikopter-Eltern, die einen Individualservice für ihr Kind fordern und darüber hinaus noch davon überzeugt sind, dass sie es viel besser können als alle Lehrer zusammen. Es ist heute nicht einfach, Lehrer zu sein.

Woran scheitern Eltern in der Realität am häufigsten? Was raten Sie überforderten Eltern, wie gelingt eine erfolgreiche Erziehung?

Gerster: Ein verlässlicher, niemals falscher Rat lautet: Liebe dein Kind und widme ihm genügend Zeit und Interesse. Davon abgesehen kann man leider fast nur todsichere Tipps fürs Scheitern abgeben. Und dieses beginnt schon damit, dass viele Eltern sich nicht genug bewusst zu machen scheinen oder nicht wahrhaben wollen, dass das Leben, das sie bis vor kurzem geführt haben, für immer vorbei ist. Ein Leben mit Kind ist völlig verschieden von einem Leben ohne Kind. Wer ein Kind in die Welt setzt, hat eine lebenslange Beziehung gestiftet, trägt ab sofort Verantwortung und hat sich eines Teils seiner früheren Freiheiten beraubt. Jetzt geht es nicht mehr nur um sie oder ihn, sondern immer auch um das Kind, oft genug mehr um das Kind als um alles andere, und manchmal sogar nur um das Kind. Haben Eltern das begriffen, geht es um die Frage, wie sie ihrer neuen Verantwortung gerecht werden, und da landen sie dann bei der Frage: Wie erziehen?

Immer mehr „Tyrannenkinder“: Warum viele Eltern bei der Erziehung versagen – eine Streitschrift

Es gibt die Diskussion um so genannte „Tyrannen-Kinder“ und den Vorwurf, dass Eltern keine Grenzen mehr setzen. Erleben Sie das auch so – müssten Eltern klare Regeln aufstellen und auf die Einhaltung achten?

Gerster: Das Zusammenleben von Menschen kann nur gelingen, wenn sich alle an gemeinsame Regeln halten. Also muss man Kindern von klein auf beibringen, dass es Regeln gibt und man sich daranhalten sollte, wenn man Nachteile vermeiden will. Genauso muss aber auch vermittelt werden, dass Regeln von Menschen gemacht werden, hinterfragt, verhandelt und geändert werden können. Daher sollte es nur wenige strikte Ge- und Verbote geben, die gut begründet und auf das Alter des Kindes abgestimmt sein müssen. Alle Regeln dazwischen werden umso mehr zur Verhandlungssache, je älter und verständiger die Kinder werden. Eltern müssen auch lernen, ihren Kindern zu vertrauen und Freiheiten zu gewähren. Kinder müssen lernen, sich dieses Vertrauens würdig zu erweisen und die Freiheiten nicht zu missbrauchen. Das ist natürlich viel schwieriger als eine Handvoll Regeln zu erstellen und deren Einhaltung durchzusetzen, aber Erziehung ist nun mal eher eine Kunst als ein Handwerk.

Ist Erziehung sowohl in Schule als auch durch die Eltern durch digitale Medien Ihrer Meinung nach noch schwieriger geworden?

Gerster: Ja, das denke ich. Computerspiele sind Zeiträuber und können süchtig machen. Computer führen dazu, dass Kinder sich zu wenig bewegen und sich zu selten an der frischen Luft aufhalten. Die sogenannten sozialen Medien stehlen zusätzlich Zeit, fesseln zusätzlich an den Stuhl und sind darüber hinaus Meinungsmacher, die enormen Einfluss auf unsere Kinder – und auf uns selbst – ausüben können. Dem kann man nur begegnen, in dem man die Kinder zu kritischen Geistern erzieht und mit ihnen diskutiert, womit sie im Netz konfrontiert sind. Das funktioniert, wenn man ihr Vertrauen besitzt und sich dafür interessiert, was sie interessiert. Deshalb: Solange sie klein sind, die Zeit mit digitalen Medien einschränken und überwachen und ihnen – analoge – Alternativen bieten: zusammen etwas spielen, lesen, Musik machen, rausgehen, Alternativen anbieten.

Erziehung funktioniert ja in beide Richtungen. Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt und inwieweit haben Sie Ihre eigenen Erfahrungen in das Buch eingebracht?

Gerster: Das Schöne an Kindern ist ja, dass man mit ihnen seine eigene Kindheit und Jugend ein zweites Mal aus anderer Perspektive erlebt, und wenn man Glück hat, ein drittes Mal aus der Großeltern-Perspektive. Man liest noch einmal die Bücher, die man als Kind gelesen hat, guckt noch einmal die Filme, die man als Kind geguckt hat und erfährt im Gespräch darüber nicht nur etwas über seine Kinder, sondern auch über sich selbst. Und wenn sie endlich groß sind, lernt man vielleicht, dass sich die ganze Mühe und Plackerei doch gelohnt haben.

Petra Gerster wird ihre Thesen am 24. März 2017, 11.15 bis 12.30 Uhr, auf dem Deutschen Schulleiterkongress vorstellen. Ihr aktuelles Buch heißt: „Charakter: Worauf es bei Bildung wirklich ankommt“ (rowohlt, 8,99 Euro).

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11 Kommentare

  1. Wie schön, dass Petra Gerster, die selbsternannte Erziehungsexpertin, jetzt auch mal ein Buch für Erstsemester gelesen hat.

  2. Was soll man dazu sagen? Es nervt einfach nur.

    Immer wissen alle, die nie als Lehrer gearbeitet haben, am besten, wie Lehrer arbeiten sollten. 🙁

  3. Axel von Lintig

    Klare Worte zu einem komplexen Thema.
    Wenn man seinen Verpflichtungen als Eltern nachkommt,ändert sich das Leben vollständig.
    Jetzt ist man in seiner Freiheit eingeschränkt, um die Freiheit und Selbstständigkeit der eigenen Kinder entwickeln und zu fördern.Man hat ständig Verantwortung für diese und nicht ,wie im Beruf, nur zeitweise.
    Die Verantwortung begleitet einen ständig.
    Unsere Aufgabe als Eltern besteht darin, die Kinder schrittweise an eine Selbstständigkeit heranzuführen, Regeln zu setzen und aufzuzeigen,diese konsequent umzusetzen und auch selbst diese vorzuleben, zu lehren auf andere einzugehen und diese zu respektieren.
    Wir unterstützen unsere 5 kinder in ihrem schulischen und beruflichen Weiterkommen, stehen immer hinter ihnen, helfen, fördern und stützen sie. Dadurch machen wir sie stark, selbstsicher und zunehmend selbstständig.
    Das ist bei der heutigen Schulpädagogik um so wichtiger.
    Viel zu früh werden die Kinder ohne direkte Instruktion , Anleitung und ohne korrekte Rückmeldung, bereits in der ersten Klasse, in eine Selbstständigkeit entlassen, die dem zügigen Erwerb der Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht zuträglich ist.
    Erst recht ,wenn eines der Kinder eine Lernschwäche hat und vom Lehrerteam, von vornherein eine Ausweglosigkeit in der beruflichen Perspektive ,vermittelt wird.
    Da geht dann Vertrauen verloren, hier die Förderschule, aber man rappelt sich wieder auf und macht unbeirrbar weiter, und man glaubt an das Ziel der eigenständigen Persönlichkeitsentwicklung, auch der Tochter mit der Lernstörung.
    Wir Eltern können die Lehrer unterstützen, Anregungen geben, neue Impulse setzen. Wir wollen positive Veränderungen für alle Schüler, mehr direkte Interaktion im Dreieck Schüler, Eltern und Lehrer.
    Allein wenig wird davon angestrebt, geschweige denn umgesetzt.
    Ständig sieht man sich genötigt selbst aktiv zu werden. Unterlässt man es, werden die schlimmsten Befürchtungen wahr.
    Was läuft falsch?
    Einerseits wollen viele Eltern, dass ihre Kinder nicht überfordert werden, alles muss möglichst leicht sein.
    Auch wollen sie in den Prozess des Lesen und Schreiben Lernens nicht einbezogen werden,
    oder sie können es nicht leisten. Diese Schüler geraten deutlich ins Hintertreffen gegenüber jenen Kindern, die von zu Hause aus unterstützt werden, oder professionelle und teure Nachhilfe erhalten.

    Das ist allerdings auch bei dieser Art von staatlich organisierter , unterlassener Hilfeleistung durch den eigenständigen, selbst gesteuerten und eigen initiativen Unterricht auch dringend nötig.

    Der Lehrer fungiert nur noch als Lernbegleiter, nicht als Aktivator im Sinne Hatties.
    Die Reformpädagogik im Kreis um das Professoren-Duo Brügelmann/Brinkmann hat unser NRW-Grundschulsystem regelrecht vor die Wand gefahren.
    Verzweifelt wehren sich diese wiederkehrend in Ihrem Vereinsorgan und außerhalb gegen den Verdacht mit Schuld am dokumentierten Niedergang unseres Schul-Systems mit verantwortlich zu sein.
    Epigonen ihrer ideologisch begründeten Pädagogik , wie Herr Becker-Mrotzek, melden sich wiederholt bei kritischen Berichten, über ihnen zugewandte Medien , an ein mehr oder weniger desinteressiertes Publikum.
    Jeglicher Aufschrei unterbleibt bei der erstickenden , ministeriellen Kulturpolitik des Landes.
    Es wird immer weiter so gemacht. Kritik wird nicht wahr und nicht ernst genommen.
    Immer wieder wird die eigene Pädagogik einem Glaubensbekenntnis gleich wiederholt.
    Nie wird der eigene Weg von diesen Herrschaften selbst in Zweifel gezogen.
    Wissenschaftliches Arbeiten existiert nicht.
    Es wird lediglich auf empirische Methoden verwiesen, ohne, dass die Protagonisten dieser Methoden selbst umfangreiche , praktische und eigene Erfahrungen sammeln konnten oder auch durften, da sie selbst keine Lehrerlaubnis besitzen (Brügelm.).
    So lange die Unterrichtspraxis derart gestaltet wird, so lange werden wir Eltern dagegenhalten und unserer Verantwortung gerecht werden.
    Der Elfenbeinturm des Herrn Hans Brügelmann , ein Abglanz aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, wackelt gewaltig.
    Wir werden das Ende dieser Methoden erleben.

  4. Wer ist denn am Bulimie-Lernen schuld?
    Versucht nicht jeder Lehrer seinen Schülern häppchenweise Wissen zu vermitteln, dieses zu vertiefen und immer wieder zu wiederholen. Aber die Schüler machen es halt einfach nicht. Folge: Alles muss vor der nächsten Prüfung gelernt werden.
    Aufschlussreich ist dabei auch ein Interview mit Jörn Loviscach, Prof. an der FH Bielefeld, der seit Jahren das Prinzip des Flipped Classroom betreibt. Er bietet den Studenten seine Vorlesungen auf Video an. Häppchenweise, thematisch der Vorlesung angepasst. Die Studenten müssen „nur“ diese Videos als Vorbereitung auf die nächste Präsenzveranstaltung ansehen. Dort wird dann das Wissen in Form von Übungseinheiten vertieft.
    Auch er klagt über das Bulimie-Lernen. Die Studenten verschieben das Video-Studium bis vor die Klausur, wo sie dann alle Videos auf einmal schauen müssen.
    Er bietet also den Studenten jegliche Möglichkeiten an, Bulimie-Lernen zu vermeiden – sie tun es trotzdem.

    • Am Bulimie-Lernen schuld ist der Lehrplan, der haarklein vorschreibt, in welchem Alter man was können muss. Das ist aber fast nie, was die Jugendlichen brauchen. Die Jugendlichen verhalten sich daher völlig richtig, wenn sie dem unnützen Wissen nur die kürzestmögliche Speicherzeit in ihrem Gedächtnis zugestehen. Wer Bulimie-Lernen verhindern will, muss die Fragen der Jugendlichen beantworten, und nicht etwa versuchen, sie für die Fragen der Erwachsenen zu motivieren.

      • Wer definiert, was unnützes Wissen ist? Fragen Sie 10 Leute, Sie bekommen 10 verschiedene Antworten. Wenn ich nur die Fragen der Jugendlichen beantworten möchte, können wir die Schule abschaffen – sie haben keine.

        • tendenziell dürfte Mathe sehr weit oben angesiedelt sein, was für die meisten im späteren Berufs- und Alltagsleben abgesehen von etwas Kopf- und Prozentrechnen rückblickend stimmen mag. Darum geht es aber nicht, weil eine Schule einen Allgemeinbildungsauftrag hat. Man könnte höchstens darüber diskutieren, was man unter Allgemeinbildung versteht. In Bezug auf die immer weiter abgespeckten Lehrpläne scheint die Menge an erforderlicher Allgemeinbildung abzunehmen oder die Lehrplanschreiber haben resigniert aufgegeben, weil das eigentlich gewünschte Maß an Allgemeinbildung in die heutige Schülerschaft aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr hineingelangt.

        • Ich. Alles, was ich nicht weiß, ist ohnehin unnütz. Wäre es nämlich nützlich, würde ich es schon wissen wollen.

      • Nein, es ist die Unfähigkeit zu vernetztem lernen, die die Schüler und Studenten bis zum Exzess beherrschen. Die lehrpläne selbst beruhen auf fächerübergreifendem Lernen. Nur legen Sie den suS ein Diagramm in einer der Gesellschaftswissenschaften vor, erschallt der Ruf „Wir haben jatzt aber kein Mathe!“

        Das Erkennen von Zusammenhängen ist ja das eigentliche Lernziel – nur haben die SuS daran keinen Spaß. Es lassen sich dann nämlich keine Probleme mit dem aktuellen Stoff und ggf. dem der letzten Stunde lösen. Nee, dazu müsste man in 11(EF) noch wissen, was in der 8 gelernt worden ist. „Learning to the test“ steht ja eben im Widerspruch zum Lehrplan, der „nachhaltiges Lernen“ einfordert, weshalb alles in „Lernspiralen durchgekaur wird.

        Nachhilfeunterricht ist ja nicht die Lösung für Lerndefizite, er ist vielmehr die Hauptursache. Die SuS überlassen dem Nachhilfelehrer die Entscheidung, was wichtig ist, und was nicht. Da sie dafür einen externen Entscheider haben, beschleißen sie für sich selbst erst einmal den eigentlichen Schulunterricht für abolut überflüssig zu erachten. Das einzige, was interessiert ist, was in der nächsten Klassenarbeit „dran kommt“. damit die richtigen Stichworte beim Nachhilfelehrer ankommen. Klappt nicht einmal das, kommt die Beschwerde, dass sich die Schule weigert, mit den „Eltern“ zusammen zu arbeiten. Der Nachhilfelehrer kann ja schlecht in der Schule anrufen, dem dürfen natürlich keine personenbezogenen Daten mitgeteilt werden.

  5. Den Dienstleistungsgedanken haben sich nicht die Eltern ausgedacht. Wenn Eltern nämlich entscheiden, dass sie die Bildung und Erziehung ihrer Kinder ab jetzt selbst in die Hand nehmen und ihre Kinder nicht mehr in die Schule prügeln, dann steht sofort das Ordnungsamt auf der Matte und verhängt Bußgelder. Und die Gerichte urteilen dann, dass Bildung und Sozialisation in der natürlichen Umgebung der Familie für die Kinder nicht genug sei, sondern dass es dafür der Profis in einem Schulgebäude bedarf.

    • Amtsirrtum – die Schulpflich richtet sich nämlich nicht an die Schüler. Sie verpflichtet die Eltern dazu, die Schüler zur Schule zu schicken. Da die Eltern im Regelfall wegen Erwerbstätigkeit die Aufsichtspflicht während ihrer Arbeitzeit nicht wahrnehmen können, verlangt der überwiegende Teil von ihnen, dass die Schule das Betreuungsangebot als Dienstleistung von 7:30 bis 16:00 Uhr zu erbringen habe.
      Die Eltern die sich gegen den Nachmittagsunterricht vehement zur Wehr setzen und mehr Freizeit für den Nachwuchs einfordern, sind die, die mehr Unterricht einfordern. Aber wehe es werden Schülergruppen in Randstunden von den Stundenplanern „freigesetzt“.

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