Startseite ::: Aus der Wirtschaft ::: Besser Handschreiben: „Kritzelpaten“ trainieren mit Vorschulkindern spielerisch die Feinmotorik

Besser Handschreiben: „Kritzelpaten“ trainieren mit Vorschulkindern spielerisch die Feinmotorik

HERZOGENAURACH. Es ist laut, aber das ist kein Wunder: 50 Vorschulkinder malen gut gelaunt Vorlagen aus, zerknüllen Papier und beteiligen sich aktiv an Fingerspielen. Die Szene könnte aus einem Kindergarten stammen, doch tatsächlich spielt sie in der Firmenzentrale des Sportunternehmens „Puma“ im bayerischen Herzogenaurach. Es ist der Auftakt des Projekts „Kritzelpate“ des Schreibmotorik Instituts, Heroldsberg, und des Didacta Verbands.

Kritzelpatinnen Sandra Golbeck (v.l.) und Fußballnationalspielerin Kathrin Hendrich motivieren die Kita-Kinder, die Fingerübungen mitzumachen. Foto: Blanca Melendez Photography

Kritzelpaten, das sind Freiwillige, die versuchen, bei Kindern, „die Freude und den Spaß am Umgang mit Stift und Papier zu wecken und zu unterstützen“, so heißt es in der Broschüre. Dabei sollen „einfache und spielerische Übungen helfen“. Das Ziel: Kindern die Chance geben, später in der Schule eine „ermüdungsfreie, schnelle und lesbare Handschrift zu erlenen“. Das Projekt ist Teil der Aktion „Handschreiben 2020“, mit der das das Schreibmotorik Institut (SMI) und der Didacta Verband eine verbesserte Förderung der Schreibmotorik in Kindergärten und Grundschulen etablieren möchten. Denn: „In der Schule haben Kinder oftmals Probleme, flüssig zu schreiben. Es besteht eindeutig Förderbedarf“, sagt Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat für Motorik des SMI.

Lehrkräfte berichten von Problemen
Marquardt nimmt Bezug auf die 2015 veröffentlichte Umfrage zum Thema Handschreiben, die das Institut in Kooperation mit dem Deutschen Lehrerverband in Auftrag gegeben hatte. Rund 2000 Lehrkräfte – überwiegend aus Deutschland – beteiligten sich damals. Die Ergebnisse konnten zwar nicht auf die Allgemeinheit der Lehrerschaft übertragen werden, ließen aber dennoch Problemfelder erkennen. Die Mehrheit der 772 teilnehmenden Grundschullehrerinnen und -lehrer (83 %) gab etwa an, dass sich die Voraussetzungen, die Kinder mitbringen, um Schreiben zu lernen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Eine Grundschullehrerin aus Baden-Württemberg schrieb dazu: „Ich stelle in der Grundschule fest, dass viele Kinder mit der falschen Stifthaltung in die Schule kommen.“ Ähnlich hoch war der Anteil der 1230 Lehrkräfte weiterführender Schulen, der die Meinung vertrat, die Handschrift der Schüler habe sich im Durchschnitt in den vergangenen Jahren verschlechtert (79 %). Viele Schüler „schreiben Zahlen und Buchstaben mit sehr umständlichen und unergonomischen Bewegungen. Dadurch können sie nicht flüssig und schnell schreiben“, so eine hessische Sekundarstufen-Pädagogin. Insgesamt antworteten die Befragten, dass aus ihrer Sicht, 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen Probleme haben, flüssig und leserlich zu schreiben.

Der Clown zum Ausmalen war bei vielen Kinderm sehr beliebt. Foto: Blanca Melendez Photography

Doch nicht nur Lehrkräfte nehmen wahr, dass Kinder heutzutage häufiger Probleme beim Handschreiben haben, auch Erzieherinnen berichten davon, wie Claudia Franke von der Kindertagesstätte „Villa Herzolino“ in Herzogenaurach: „Im Zuge unseres Vorschulprogramms üben wir gezielt das Stifthalten, die Handhabung des Schreib- und Bastelmaterials. Trotzdem beobachte ich, dass Schwächen da sind. Das viele Basteln und Malen haben nicht automatisch eine funktionierende Stifthaltung zur Folge.“ Gerade die strebt aber das Schreibmotorik Institut an. „Eine Voraussetzung, um später Schreibenlernen zu können, ist die motorische Kompetenz, einen Stift feinräumlich bewegen zu können“, sagt Christian Marquardt. Die dafür notwendige Hand­ und Fingerkoordination trainiere das Projekt „Kritzelpate“. Die zugehörigen Übungen habe das SMI auf Basis von Studienergebnissen aus 25 Jahren Forschung entwickelt. Trotz des wissenschaftlichen Hintergrunds präsentieren die sich nach außen jedoch eher spielerisch: „Wenn Üben lediglich bedeutet, etwas abarbeiten zu müssen, dann bleibt der Lerneffekt aus. Kinder müssen so motiviert werden, dass sie mir Herz und Seele bei der Sache sind“, so Marquardt.

Wichtig: Spaß beim Üben
Diesem Anspruch scheinen die Materialien gerecht zu werden. Der sechsjährige Leo zum Beispiel ist besonders begeistert von der Kopiervorlage des Clowns. Die galt es auszumalen, um die gesamte Bewegungsbandbreite des Handgelenks zu erfahren. Leo hat den Clown zusätzlich aber noch modifiziert: „Das ist ein Roboterclown. Ich habe ihm einen Motor eingemalt, sodass er laufen kann – hier wird der Wasserstoff abgekühlt. Und Antriebsdüsen hat er auch, damit er fliegen kann.“ Seine Erzieherin, Sigrid Funk vom integrativen Montessori-Kinderhaus in Herzogenaurach, scheint ebenfalls überzeugt: „Wir führen schon jetzt viele Schreibübungen durch, aber ich kann mir vorstellen, dass wir das Material auch noch aufnehmen.“

An dem Tisch schräg gegenüber malt die sechsjährige Laura gerade den lachenden Smiley auf dem letzten Glied ihres Zeigefingers nach. Er hilft ihr, darauf zu achten, beim Schreiben und Malen nicht zu verkrampfen. „Solange der Stift locker und entspannt gehalten wird, lacht das Gesicht. Sobald der Stift jedoch zu fest gehalten wird, verändert sich das Gesicht des Smileys – er sieht traurig aus“, heißt es in der Erklärung. Für die Kinder sei das leicht zu erkennen, weshalb sie sich auch gegenseitig verbessern würden, sagt Marianela Diaz Meyer, die Leiterin des Schreibmotorik Instituts. Sie selbst nutzt den Smiley zu Hause, um mit ihrer Tochter Schreiben zu üben.

Die deutsche Fußballnationalspielerin Kathrin Hendrich unterstützt das Projekt „Kritzelpate“. Foto: Blanca Melendez Photography

Soziales Engagement
Das heißt, auch wenn es nach Spiel und Spaß aussieht, trainieren die Kinder eigentlich fleißig ihre Feinmotorik. Doch warum üben sie ausgerechnet in der Firmenzentrale von „Puma“? „Puma unterstützt soziale Projekte rund um die Welt und wir ermuntern auch unsere Mitarbeiter, sich sozial zu engagieren“, sagt Dietmar Knoess, Global Director Human Resources bei „Puma“. Deshalb nehmen zum Auftakt der bundesweiten Initiative Mitarbeiterinnen des Sportunternehmens die Rolle der Kritzelpaten ein. Außerdem weiß Knoess aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein kann, eine verkrampfte Stifthaltung zu korrigieren: Er ist Vater von zwei Söhnen im Grundschulalter, deren Schrift er „entziffern“ muss.

Unterstützung erhalten die „Puma“-Kritzelpatinnen von der deutschen Fußballnationalspielerin Kathrin Hendrich. „Ich interessiere mich im Allgemein für soziale Projekte. Außerdem studiere ich im Fernstudium Bildungswissenschaft und arbeite gerne mit Kindern“, erklärt Hendrich ihre Teilnahme. Ob es ihr selbst schwer gefallen sei, Schreiben zu lernen – das weiß sie heute nicht mehr, aber missen möchte sie es nicht: „Ich schreibe gerne mit der Hand, vor allem Zusammenfassungen fürs Studium schreibe ich auf Papier. Ich glaube, dass man sich das dann besser einprägt.“ Damit könnte sie recht haben: Ähnliches besagt die 2014 veröffentlichte wissenschaftliche Studie „The Pen Is Mightier Than the Keyboard“ von Pam Mueller und Daniel Oppenheimer. Demnach fördert das Schreiben mit der Hand sowohl die Lesekompetenz als auch die Erinnerungsfähigkeit.

Angelockt hat der Projektauftakt auch den Bürgermeister von Herzogenaurach, German Hacker. „Als Sachaufwandsträger ist die Stadt verantwortlich, dass die Kindergärten und Schulen ihren Aufgaben entsprechend ausgestattet sind“, erklärt Hacker seine offizielle Rolle. Sein Interesse geht aber viel weiter, besonders vor dem Hintergrund der Grundsatzdebatte zur digitalen Bildung: „Digitale Medien sollten nicht verteufelt werden, aber Kinder müssen auch bestimmte Grundfertigkeiten erlernen, wie mit der Hand zu schreiben, ohne die können sie nicht digital arbeiten.“

Diese Basis zu legen, ist nun nicht mehr nur das Ziel des Schreibmotorik Instituts. „Puma“-Personalchef Knoess kann sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen, sodass die Mitarbeiter des Sportunternehmens regelmäßig mit den Kindergartenkindern üben. „Manchmal ist sozial sein gar nicht so schwer“, sagt Knoess. Er hofft, dass auch andere Firmen sich bald am Projekt „Kritzelpate“ beteiligen werden. Anna Hückelheim, Agentur für Bildungjournalismus

 

Das Schreibmotorik Institut e.V.
Der gemeinnützige Verein besteht seit 2012. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen das Schreiben mit der Hand und der Schreiblernprozess. Mit dem Ziel, eine individuelle, lesbare, flüssige und effiziente Handschrift zu fördern, entwickelt das Institut entsprechende Konzepte und Methoden.
Im Zuge des Projekts „Kritzelpate“ stellt das Institut Unternehmen, die sich im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility-Aktivitäten beteiligen wollen, Übungsmaterialien zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Schreibmotorik Instituts.

 

Zunehmende Probleme beim Handschreiben: Lehrer möchten, dass Schüler ihre Motorik besser trainieren

Ein Kommentar

  1. Kritzelpate. 🙂 Schön!

    Es muss also nicht immer alles nur noch auf Englisch daherkommen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*