Startseite ::: Praxis ::: Ist das pädagogisch sinnvoll – oder schlicht Unfug? In der Ergometer-Klasse lernen Schüler auf dem Heimtrainer

Ist das pädagogisch sinnvoll – oder schlicht Unfug? In der Ergometer-Klasse lernen Schüler auf dem Heimtrainer

BREMEN. Lernen auf dem Ergometer – für eine Bremer Klasse ist das inzwischen Schulalltag. Die drei Trainingsgeräte im Klassenzimmer stehen kaum noch still. Selbst beim Nähen sind die Räder hilfreich.

Sinnvoll im Klassenzimmer? Fahrrad-Ergometer. Foto: KMJ / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Sinnvoll im Klassenzimmer? Fahrrad-Ergometer. Foto: KMJ / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Sein Referat bereitet der zehnjährige Aldin auf dem Heimtrainer vor. «Die Tiere passen sich an ihren Lebensraum an», schreibt er in sein Heft, während er gleichmäßig in die Pedalen des Ergometers tritt. Auf dem Tisch, der über dem Fitnessgerät aufgebaut ist, hat der Fünftklässler verschiedene Unterlagen über Wirbeltiere ausgebreitet. Bald soll er in einer Präsentation erklären, wie Tiere sich tarnen. Dass er dabei Rad fahren kann, gefällt ihm. «Das macht sehr viel Spaß», sagt er.

Drei Ergometer mit hohen Tischen stehen seit Februar in der Klasse 5b der Oberschule an der Ronzelenstraße in Bremen. Jeweils 3 der insgesamt 22 Schüler verfolgen den Unterricht auf dem Rad, nach 15 Minuten wird gewechselt. «Man kann sich besser konzentrieren, wenn man fährt», sagt der elfjährige Eser, der gerade an einer Präsentation über Kaiserpinguine arbeitet. «Ich bin lieber auf dem Rad als auf dem Stuhl.» Die zehnjährige Daliah sieht das ähnlich. «Ich finde es langweilig, auf dem Platz zu sitzen. Auf dem Ergometer kann ich mich auspowern. Ich kann mich hier besser konzentrieren.»

Die Idee für sogenannte Ergometer-Klassen stammt aus Österreich. Der Wiener Sportwissenschaftler und Gymnasiallehrer Martin Jorde initiierte die erste Klasse 2007 an einem Wiener Gymnasium. Er stellte bei seinen Schülern positive Veränderungen in der Fitness, bei den Noten und im Sozialverhalten fest. Die erste deutsche Schule mit Ergometern im Klassenzimmer war ein Gymnasium im bayerischen Aschaffenburg. Seit vergangenem Jahr können Schüler dort während des Unterrichts Rad fahren. Die Bremer Schule ist nach Angaben des Projektleiters Harald Wolf die zweite in Deutschland, die Ergometer im Unterricht einsetzt.

„Unglaublich innovativ“

«Ich halte das für einen unglaublich innovativen Weg», sagt der Sportwissenschaftler der Universität Göttingen, Arne Göring. Es sei gut, Bewegung in den Klassenraum zu holen und systematisch zu nutzen. «Bewegung regt den Kreislauf an und fördert die Durchblutung des Gehirns.» Dies könne sich positiv auf die Lernleistung auswirken. Aber: «Ein Teil der Aufmerksamkeit wird auch auf die Bewegung gelegt.» Es könnte sein, dass sich manche Schüler nicht voll auf ihre Aufgabe konzentrieren.

Die Lehrerin der Bremer Inklusionsklasse 5b, Ursula Böning, sieht in den Rädern eine Bereicherung. «Die Kinder sind manchmal bis 16.00 Uhr in der Schule. Dann sitzen sie sehr viel», sagt sie. Auf den Rädern könnten sie sich abreagieren. Für den Unterricht seien die Ergometer hilfreich. Als sie einigen Jungs in der Textilgruppe neulich Nadel und Faden in die Hand gegeben habe, sei die Ablehnung groß gewesen. «Sie haben dann auf dem Rad genäht. Das war besser.»

Klassenlehrer Dirk Baumgartner nutzt die Ergometer auch, um Themen zu vermitteln. Ihm zufolge bekommen die Kinder ein besseres Bewusstsein für ihren Körper, wenn sie auf dem Display sehen, wie sich ihre Herzfrequenz verändert oder wie viele Kilojoule sie beim Treten verbrauchen. Für stark übergewichtige Schüler könnte das Rad eine Hilfe zum Abnehmen sein.

Adipositas-Experte rät zu fünfmal Schulsport in der Woche

Den fünf beeinträchtigten Schülern der Inklusionsklasse kommen die Geräte aus Sicht der Lehrer zu Gute. «Leon hat gelernt, vorwärts zu treten. Das war für ihn anfangs sehr schwer», erzählt Ines Biedermann, die als pädagogische Fachkraft in der Klasse ist. Für Leon, der das Down-Syndrom hat, sei das regelmäßige Radeln wichtig. Auf die Frage, ob ihm das Fahren Spaß mache, antwortet der Schüler ohne zu Zögern «Ja» und dreht sich wieder zu seinem gemalten Bild.

Die Oberschule in Bremen ist nach den ersten Monaten mit den Ergometern so überzeugt, dass sie jüngst einen zweiten Klassenraum mit drei Geräten ausgestattet hat. Zwei weitere Klassen sollen nach den Sommerferien folgen. Für die Kosten hat sie wie bei den ersten Geräten finanzielle Unterstützer gefunden. «Wir nehmen das Ergometer inzwischen als Unterrichtsmethode wahr», sagt Wolf.

Die Auswirkungen auf das Verhalten und die Leistungen der Bremer Schüler sollen wissenschaftlich untersucht werden. Eine Studierende der Universität Oldenburg wird Wolf zufolge ihre Masterarbeit über die Ergometer-Klasse schreiben. Zudem sei eine Zusammenarbeit mit der Universität Rostock geplant, um die Auswirkungen auf beeinträchtigte Kinder zu beleuchten. Von Helen Hoffmann, dpa

4 Kommentare

  1. Offenbar ist wirklich keine Idee zu bescheuert, um sie nicht mal ausprobieren zu wollen. Irgendeinen Depp gibt es immer, der danach unterrichtet und zur „wissenschaftlichen“ Begleitung gibt es dann erst eine Masterarbeit (was ist die bitte wert, wo ist da wissenschaftlicher Anspruch?) und dann eine „Studie“, deren Ergebnis wir doch heute schon alle kennen.

  2. Vorschlag: Der Sitzungssaal des Bremer Stadtparlamentes sollte ebenfalls mit Ergometern ausgestattet werden. Mit der elektrischen Energie, die die Abgeordneten während der Plenarsitzungen erzeugen, könnte man dann eventuell eines dieser hässlichen Windräder einsparen…

  3. Die Fachkompetenz der Kommentatoren ist sensationell, jeder Kommentar ist überflüssig

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*