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Uni Hohenheim verabschiedet neue Leitlinien zu umstrittenen Tierversuchen – Tenor: Wir brauchen sie

STUTTGART. Was passiert im Verdauungstrakt der Kuh? Der Mehrheit der Bürger wird das egal sein, Forscher der Agraruni Hohenheim haben aber großes Interesse daran. Der Senat der Uni hat deshalb die «Hohenheimer Leitlinien für Tierversuche in Forschung und Lehre» einstimmig verabschiedet. Hauptaussage: Die Möglichkeit von Tierversuchen muss so weit als nötig erhalten bleiben.

Tierversuche sind mittlerweile zum Tests von Kosmetika verboten. Foto: www.understandinganimalresearch.org.uk / flickr (CC BY 2.0)

Tierversuche sind mittlerweile zum Tests von Kosmetika verboten. Foto: www.understandinganimalresearch.org.uk / flickr (CC BY 2.0)

Die Kuh Cosima hat ein Loch im Bauch. Einen Eingriff. Tellergroß, hinten links an der Seite, verschlossen mit einer kleinen Klappe. Professor Markus Rodehutscord und sein Team von der Universität Hohenheim in Stuttgart können dort direkt in Cosimas Magen greifen, den Pansen. Als Experte für Tierernährung will Rodehutscord alles wissen darüber, was im Verdauungstrakt der Kuh passiert. Wie wird welches Futter verarbeitet? Wann wird im Pansen wieviel Methan gebildet? Und warum? Wie wird die Nahrung zersetzt?

Jersey-Rind Cosima ist ein Versuchstier, die es weiter geben muss, wie es in den frisch beschlossenen «Hohenheimer Leitlinien für Tierversuche in Forschung und Lehre» heißt. Man wolle den Einsatz von Tierversuchen aber weiter «auf das unerlässliche Minimum reduzieren», heißt es darin.

Cosima trägt den Eingriff seit sechs Jahren. Vier weitere Kühe im Versuchsstall der Uni haben die Vorrichtung am Bauch. Ein Stück weiter stehen Kühe mit einem besonderen Halsband, deren Nahrungsaufnahme an speziellen Trögen rund um die Uhr auf das Gramm genau registriert wird. Wann nimmt die Kuh welches Futter zu sich?

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Die Forscher versprechen sich Erkenntnisse über die optimale Zusammensetzung des Futters – auch für die Milchleistung. Hier seien einst Selbstbedienungsbürsten entwickelt worden, die heute für das Tierwohl Standard in jedem Stall seien, erzählt Versuchstechniker Raoul von Schmettow. Ähnlich wie ein Weichboden für die Ställe. Vielfach werde für das Tierwohl geforscht – und für mehr Milch. In breiteren Boxen mit weichen Moosgummimatratzen fühlten sich die Kühe wohler. «Die Milchleistung ging nach oben», so von Schmettow.

Versuche an rund 6000 Tieren meldete die Uni Hohenheim im vergangenen Jahr. Keiner der drei großen Forschungsschwerpunkte Bioökonomie, Ernährungssicherung und Gesundheitswissenschaften komme ohne Tierversuche aus, ist Rektor Stephan Dabbert überzeugt. Beim sensiblen Thema baue er auf maximale Transparenz, bei Ausarbeitung der Leitlinien seien auch Tierversuchsgegner eingebunden gewesen.

Die Hohenheimer Wissenschaftler und Studenten machten 2016 Versuche an fast 4000 Hühnern, gut 1700 Mäusen, 150 Schweinen und knapp 90 Rindern. 15 Prozent wurden für den Versuch getötet, etwa um Gewebe oder Organe für Untersuchungen zu haben.

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Die ganz heftigen Versuche gebe es in Hohenheim nicht, berichtet die Tierschutzbeauftragte Ramona Böhm. Gut 80 Prozent der Versuche entsprächen der Kategorie «geringer Schweregrad», etwa wenn an Schweinen Ohrmarken getestet werden oder wenn Ferkeln Blut abgenommen wird, um herauszufinden, ob sie auf neue Objekte im Stall mit Stress reagieren. «Mittleren Schweregrad» haben etwa Versuche mit Hühnern, die mehrere Tage allein gehalten werden, um ihren Kot zu sammeln und zu untersuchen. Für Versuche mit «hohem Schweregrad» gebe es aktuell gar keine Forschungsanfragen.

Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen hatte seine Versuche an Affen im Frühjahr nach anhaltender Kritik von Tierschützern eingestellt. An Nagetieren wird dort aber weiter geforscht. Von Roland Böhm, dpa

 

Strafanzeige nach illegalen Tierversuchen an Uni Münster

MÜNSTER. Nach dem Fund von illegal gehaltenen Versuchsmäusen an der Uni Münster hat die Stadt Strafanzeige gegen drei Mitarbeiter der Medizinischen Fakultät gestellt. Die Veterinärbehörde geht laut einer Mitteilung vom Dienstag davon aus, dass es bei den illegalen Tierversuchen erhebliche Verstöße gegen den Tierschutz gegeben habe. Sie schaltete die Staatsanwaltschaft ein.

Laut Mitteilung stellte die Veterinärbehörde bei etlichen Mäusen «eindeutige Symptome fest, die auf länger anhaltende, erhebliche Schmerzen und Leiden der Tiere hinwiesen.» Nach Einschätzung der Stadt hätten die Verantwortlichen der Einrichtung diese Schmerzen und Leiden erkennen und beenden müssen. Auch sei ein nicht genehmigter chirurgischer Eingriff an einem Tier festgestellt worden. Den Beschuldigten wurde jetzt der Zutritt zu dem Raum entzogen.

Die Uni war nach einem anonymen Hinweis am 20. Juni auf eine nicht genehmigte Anlage mit den Versuchsmäusen gestoßen. Sechs von 77 Tieren mussten wegen ihres schlechten Zustands getötet werden. Nach Angaben der Stadt sieht das Gesetz bei Verstößen gegen den Tierschutz Geld- oder Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren vor.

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