Startseite ::: Politik ::: Trotz Lehrermangels: Baden-Württemberg schickt Tausende Lehrer über die Ferien in die Arbeitslosigkeit – GEW: „Verantwortungslos“

Trotz Lehrermangels: Baden-Württemberg schickt Tausende Lehrer über die Ferien in die Arbeitslosigkeit – GEW: „Verantwortungslos“

STUTTGART. Erst gestern hatte die Bertelsmann Stiftung eine neue Prognose herausgegeben, die einen Schüler-Boom vorhersagt – und Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann (CDU) reagierte als erste: Sie wolle den eigentlich geplanten Abbau von 700 Lehrerstellen stoppen, kündigte sie an. Das hindert die amtierende KMK-Präsidentin allerdings nicht daran, in ihrem Bundesland Tausende der doch so dringend benötigten Lehrkräfte über die Ferien in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Mal wieder. Das Kultusministerium zieht sich jedes Jahr aufs Neue mit dieser Praxis den Unmut von Lehrerverbänden und der Opposition zu – bleibt aber bei seiner Linie.

Die Bundesagentur registriert von Jahr zu Jahr mehr arbeitslose Lehrer während der Ferienzeiten. Foto: Daniel Bagel / flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Bundesagentur registriert von Jahr zu Jahr mehr arbeitslose Lehrer während der Ferienzeiten. Foto: Daniel Bagel / flickr (CC BY-NC 2.0)

Rund 9000 Lehrer werden nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zum Beginn der Sommerferien allein in Baden-Württemberg arbeitslos. Das seien mehr als jemals zuvor, kritisierte die GEW am Donnerstag in Stuttgart. Am 27. Juli 2017 endeten die Verträge von fast 4000 befristet beschäftigten Pädagogen, die als Vertretungslehrer den Unterrichtsbetrieb aufrecht erhielten; 5000 Referendare würden entlassen, obwohl die meisten ab dem 11. September wieder in den Klassenzimmern stünden. GEW-Landeschefin Doro Moritz sagte: «In Zeiten des Lehrermangels zeigt sich die grün-schwarze Landesregierung als Arbeitgeber ohne Verantwortung.»

Es geht um 20 Millionen Euro

Das Kultusministerium wies die Zahlen als zu hoch zurück und unterstrich, man wolle finanzielle Spielräume für Qualitätsverbesserungen nutzen. Die erforderlichen Mehraufwendungen beliefen sich auf rund 20 Millionen Euro jährlich – «eine Summe, die auch schon die Vorgängerregierung davon abgehalten hat, diese Forderung umzusetzen», betonte Ministerin Susanne Eisenmann (CDU). Überdies würden die Referendare nicht entlassen. «Das Ende einer Ausbildung und eine Entlassung sind zwei komplett verschiedene Dinge.»

Ein Schüler-Boom kommt – und die Politik ist nicht vorbereitet. Es droht ein dramatischer Engpass an Lehrern

Für die SPD-Fraktion appellierte Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei an die Landesregierung, «mit diesem ungerechten, nicht vermittelbaren Unfug Schluss zu machen». Juso-Landeschef Leon Hahn äußerte sich ähnlich: «Wieder sind es vor allem die jungen Angestellten, die den grün-schwarzen Sparkurs ausbaden.» Die FDP im Landtag sprach von einem Armutszeugnis, das Bemühungen zur Gewinnung von dringend benötigten Lehrern zuwider laufe. Den Antrag der FDP-Fraktion, das Referendariat um die Zeit der Sommerferien zu verlängern, habe Grün-Schwarz abgelehnt, kritisierte der Bildungsexperte Timm Kern.

GEW: Lehrer wandern ab

Nach Moritz‘ Worten können die Schulleitungen nicht planen, weil sie oft erst im September über die Personalausstattung im neuen Schuljahr Bescheid bekämen. «Wir erwarten, dass diese Praxis gestoppt wird und die ständige Lehrerreserve endlich weiter aufgestockt wird», verlangte die Gewerkschafterin. Im Land dringend benötigte Lehrkräfte wanderten in benachbarte Bundesländer oder die Schweiz ab, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfänden.

Hire and fire: Bundesländer schicken im Sommer tausende Lehrer in die Arbeitslosigkeit – trotz Lehrermangels

Eisenmann sagte, die Wartezeit zwischen Ausbildungsabschluss und Beginn der beruflichen Tätigkeit sei keine Besonderheit des Schulbereichs. Auch Juristen oder Vermessungsingenieure hätten keinen Anspruch auf eine unmittelbare Übernahme in den Staatsdienst nach Abschluss ihres Referendariats. Die Referendare wanderten nicht in großer Zahl ab. Fast 90 Prozent eines Jahrgangs bewerben sich demnach für den Schuldienst in Baden-Württemberg. dpa

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