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Bildungssenatorin Scheeres im N4t-Interview zum Lehrermangel: „Wir beschönigen die Situation nicht“

BERLIN. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) spricht im Interview mit News4teachers über den bundesweiten Lehrkräftemangel, die damit verbundenen Herausforderungen – sowie mögliche Lösungsansätze.

"Blicken wir doch einmal in die anderen Bundesländer": Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

“Blicken wir doch einmal in die anderen Bundesländer”: Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

News4teachers: Der Lehrkräftemangel beschäftigt derzeit deutschlandweit die Bildungspolitiker. Warum trifft er Berlin scheinbar besonders hart und was unternehmen Sie dagegen?

Scheeres: Allein in diesem Jahr haben wir in Berlin 3.000 neue Lehrkräfte eingestellt und damit wieder alle Stellen besetzt. Auch in den letzten Jahren ist uns das zum Schuljahresstart gelungen. Das ist eine enorme Leistung. Richtig ist, dass wir dabei aufgrund des deutschlandweiten Mangels an ausgebildeten Lehrkräften auch auf Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger zurückgreifen mussten. Da Sie behaupten, dass der Lehrkräftemangel Berlin besonders hart treffe, blicken wir doch einmal in die anderen Bundesländer: Diese haben laut Berichten zum Schuljahresstart noch viele offene Stellen. Ein Bundesland demnach über 2.000. Oder sie haben eine Quote an Quereinsteigern, die höher ist als die von Berlin, – und trotzdem nicht alle Stellen besetzt. Wir beschönigen die Berliner Situation nicht mit dem Vergleich mit anderen Bundesländern, aber zur Wahrheit gehört, dass wir es mit einem bundesweiten Problem zu tun haben. Leider. Berlin muss aber in der Tat viele Lehrkräfte einstellen, weil die Stadt wächst und wir zusätzliche Lehrkräfte zum Beispiel für die Inklusion einstellen wollen.

Nun zu Ihrer Frage, was ich gegen den Lehrkräftemangel unternehme. Viele Maßnahmen habe ich bereits in der letzten Legislaturperiode eingeleitet. Dazu gehört die Übernahme der sogenannten Lehrkräfte unterer Klassen, die auch von den Gewerkschaften gefordert wurde. Der Ausbau der Plätze im Vorbereitungsdienst ist sehr bedeutsam. Wir haben das Einstellungsverfahren verbessert und Werbemaßnahmen ergriffen. In der letzten Legislaturperiode wurden an den Hochschulen die Kapazitäten für das Grundschullehramt ausgebaut. Aus heutiger Sicht war das zu spät, aber was hilft mir die Schelte meiner Vorgänger. Und damals waren bestimmte Entwicklungen auch noch nicht absehbar. In den neuen Hochschulverträgen hat das Land auch festgeschrieben, dass die Hochschulen doppelt so viele Absolventen erreichen müssen. Für Berlin war es zudem sehr wichtig, dass wir den sofortigen Einstieg der Lehrkräfte in die Erfahrungsstufe 5 gesichert haben und dass es zukünftig im TvL (Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst der Länder, Anm. d. Red.) auch eine Erfahrungsstufe 6 geben wird. Das sind dann rund 5.350 Euro.

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News4teachers: Quereinsteiger sind vor allem zu Beginn ihrer neuen Aufgabe als Lehrkraft auf die Unterstützung durch ihre Lehrkollegen angewiesen. Stellen sie daher – trotz zwei Anrechnungsstunden – nicht eine weitere Belastung für die bereits unterbesetzten Kollegien dar – besonders wenn an einer Schule nicht bloß ein Quereinsteiger unterrichtet?

Scheeres: Eine hohe Anzahl an Quereinsteigern ist eine besondere Aufgabe für die Schulen. Das sehe ich auch so. Aber was wäre denn angesichts des deutschlandweiten Mangels an Lehrkräften die Alternative? Die Stellen unbesetzt lassen? Damit weiteren Stundenausfall in Kauf nehmen, die Klassen vergrößern oder die Deputatstunden erhöhen? Wäre das der bessere Weg? Wohl kaum. Voll ausgebildete Lehrkräfte ziehen wir natürlich vor und wir nehmen den hohen Anteil an Quereinsteigern auch nicht auf die leichte Schulter. Dennoch halte ich es für falsch, die Kolleginnen und Kollegen, die über den Quereinstieg in den Lehrerberuf kommen, pauschal abzuqualifizieren. Alle haben ein wissenschaftliches Hochschulstudium erfolgreich absolviert, oft wichtige Erfahrungen im Berufsleben gesammelt. Wie Sie wissen, absolvieren sie dann noch berufsbegleitend den Vorbereitungsdienst.

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News4teachers: Mit dem Ziel, den Lehrkräftebedarf der Hauptstadt zu decken, hat Berlin mithilfe von Pfannkuchen auch in anderen Bundesländern um zukünftige Lehrkräfte und Quereinsteiger geworben. Wie passt das mit der „Stralsunder Erklärung“ der Kultusministerkonferenz von 2009 überein, nach der die Länder auf Abwerbungen von Junglehrern anderer Bundesländer verzichten?

Scheeres: Sie sprechen unsere Informationsmaßnahmen an. Die wichtigste ist unser Berlin-Tag, der zweimal im Jahr im Ludwig-Erhard-Haus der Berliner IHK stattfindet. Er richtet sich an alle, die sich für eine Anstellung in einer Berliner Kita oder Schule interessieren. Dort stellen sich auch die Berliner Schulen und Kitas direkt vor. Und ja, wir haben auch einen Tag in Düsseldorf und einen Tag in Stuttgart Pfannkuchen verteilt. Darüber hatten wir die Ministerien vorab informiert.

News4teachers: Im vergangenen Jahr hat Berlin auch versucht, Lehrkräfte aus Österreich und den grenznahen Gebieten der Niederlande anzuwerben: Wie erfolgreich waren die Bemühungen und haben Sie sie in diesem Jahr wieder aufgenommen?

Scheeres: Das zeigt, dass wir alle guten Möglichkeiten ergreifen, um ausreichend Lehrkräfte zu rekrutieren. Auch die Werbemaßnahmen in Österreich waren erfolgreich. Das liegt natürlich auch daran, dass gerade Grundschullehrkräfte in Österreich deutlich schlechter bezahlt werden.

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News4teachers: Einige Bundesländer haben aufgrund des Lehrkräftemangels Einschränkungen angekündigt, etwa im Bereich der Teilzeitarbeit, der Beurlaubung und Frühpensionierung. Sind dies Maßnahmen, die Sie sich auch für Berlin vorstellen könnten?

Scheeres: Gut, dass Ihnen solche Beispiele aus anderen Bundesländern doch noch einfallen. Das zeigt ja auch, dass es sich leider um ein Problem handelt, das deutschlandweit besteht. Nein, bei uns sind aktuell keine Einschränkungen bei der Teilzeitarbeit, Beurlaubung oder Frühpensionierung geplant. Wir verfolgen jedoch Änderungen, die von Lehrkräften gewünscht werden. So setze ich mich für eine Aufhebung der Zuverdienstgrenze bei Pensionären und für eine freiwillige Dienstzeitverlängerung ein. Bisher war es so, dass Lehrkräfte kaum länger arbeiten durften. Darüber laufen zurzeit Gespräche mit der Finanzverwaltung.

News4teachers: “Wir machen den Beruf für Grundschullehrkräfte attraktiver“, kommentierten Sie in einer Pressemitteilung den Beschluss, Grundschullehrerinnen und -lehrer, die ihr Studium nach dem neuen Lehrkräftebildungsgesetz absolviert haben, ab dem Schuljahr 2017/2018 nach E13 zu bezahlen. Inwieweit ist mit der Höhergruppierung auch die Hoffnung verbunden, mehr Junglehrkräfte in die Hauptstadt zu locken beziehungsweise dort zu halten?

Scheeres: Die Höhergruppierung der Grundschullehrkräfte ist insbesondere eine Konsequenz aus der Reform der Lehrkräftebildung, die vor einigen Jahren umgesetzt wurde. Seitdem dauert das Studium für Grundschullehrkräfte genauso lange wie das Lehramtsstudium für Sekundarschulen und Gymnasien. Und für mich steht seitdem fest, dass wir die Grundschullehrkräfte dann auch entsprechend besser bezahlen müssen. Wenn die Lehrkräfte für Gymnasien und Sekundarschulen ein Einstiegsgehalt von 5.100 Euro erhalten, sollen es auch die Grundschullehrkräfte erhalten. Eine ungleiche Bezahlung wäre für mich eine Ungerechtigkeit gewesen. Und natürlich wird dadurch auch der Beruf attraktiver – sowohl was die Aufnahme des Studiums als auch die Annahme einer Stelle in Berlin angeht.

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News4teachers: Noch ist ungewiss, ob auch langjährige Lehrkräfte, die ihr Studium nicht nach dem neuen Lehrkräftebildungsgesetz absolviert haben, eine Möglichkeit erhalten sollen, in die höhere Entgeltgruppe aufzusteigen. Bringt die dadurch entstehende Zweiklassengesellschaft nicht Unruhe in die Grundschulkollegien?

Scheeres: Da sind Sie falsch informiert. Es steht fest, dass auch die Grundschullehrkräfte, die nach den alten Gesetzen ihr Lehramtsstudium absolviert haben, die Möglichkeit bekommen, auf E13 beziehungsweise A13 zu kommen. Im Entwurf des Doppelhaushaltes haben wir dafür über zehn Millionen Euro zusätzlich eingeplant, perspektivisch werden dadurch Mehrkosten von rund 55 Millionen Euro pro Jahr entstehen. Jetzt geht es darum, die Regelungen entsprechend zu formulieren. Es muss schließlich laufbahnrechtlich sauber geregelt sein. Mittelfristig werden dann alle Grundschullehrkräfte, die nach altem und die nach neuem Lehrkräftebildungsgesetz studiert haben, nach E13 beziehungsweise nach A13 bezahlt. Das ist zwar für das Land kostspielig, aber für mich gerechtfertigt und eine sehr gute Nachricht.

News4teachers: Wäre es möglich, unbesetzte Lehrerstellen, für die kein Personal zur Verfügung steht, mit Vertretern von Berufsgruppen zu besetzen, die Lehrkräfte in ihrer täglichen Arbeit unterstützen könnten,  wie Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen?

Scheeres: Wie gesagt, wir haben alle Stellen besetzt. Ihren Vorschlag, das Lehrdeputat zu erhöhen, dafür aber Assistenten einzustellen, halte ich grundsätzlich für nicht richtig. Wir müssen alle Stellen für Lehrkräfte mit Lehrkräften besetzen und zusätzliche Lehrkräfte für pädagogische Verbesserungen bereitstellen. Wir benötigen weiteres Personal anderer Berufsgruppen, um Lehrkräfte von Aufgaben zu entlasten, die nicht zu ihren Kernaufgaben gehören. Und genau diesen Weg gehe ich. So haben wir 300 zusätzliche Lehrkräfte in diesem Jahr für Inklusion und Integration eingestellt, aber auch mehr Verwaltungsleiter und Erzieherinnen und Erzieher. Die Anzahl der Schulpsychologen wurde in Berlin ebenfalls erhöht. Mehr Geld für mehr Verwaltungsleiter und IT-Fachleute steht wieder im Entwurf des Doppelhaushaltes für 2018 und 2019. Dies aufzunehmen, war mir wichtig.

News4teachers: Eine weitere Facette des Lehrkräftemangels in Berlin ist, dass Berufseinsteiger als Fachseminarleiter einspringen müssen. Statt, wie ursprünglich gefordert, mindestens fünf Berufsjahre vorweisen zu können, haben einige den Referendaren und Quereinsteigern, die sie fachlich begleiten sollen, kaum praktische Erfahrung voraus. Was bedeutet das für die Qualität der Ausbildung?

Scheeres: Wir haben aktuell fast 750 Fachseminarleiterinnen und Fachseminarleiter. Nach der entsprechenden Verordnung beauftragen wir fachlich geeignete Lehrkräfte, die in der Regel eine mindestens zweijährige Tätigkeit im Schuldienst abgeleistet haben. Die Eignung wird durch einen Seminarleiter und den Fachkoordinator überprüft. Dann werden die Fachseminarleitungen zunächst probeweise für ein Jahr beauftragt und werden weiter qualifiziert. Unter den fast 750 Seminarleitungen sind in der Tat rund zehn Kolleginnen und Kollegen, die kürzer als zwei Jahre im Schuldienst waren. Diese haben sehr gute Staatsprüfungsergebnisse und wurden als geeignet erachtet.N4t

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Hintergrund: Grundschullehrer aus der DDR

Lehrkräfte unterer Klassen (LuK-Lehrer) sind in der DDR ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer für die Klassen 1 bis 4. Neben den Fächern Deutsch und Mathematik umfasste ihre Ausbildung ein Drittfach, beispielsweise Sport, Musik oder Werken. Entgegen dem heutigen Standard mussten angehende Lehrkräfte in der DDR weder die allgemeine Hochschulreife noch eine vorher beendete Berufsausbildung vorweisen.

 

 

Ein Kommentar

  1. ZITAT (Scheres): “Allein in diesem Jahr haben wir in Berlin 3.000 neue Lehrkräfte eingestellt und damit wieder alle Stellen besetzt.”

    Sie beschönigt nicht, sie verschweigt eben nur, dass das bei den Grundschullehrern aber zu 41% Quereinsteiger / Seiteneinsteiger waren.

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