Meidinger: Der Brandbrief von Saarbrücken beschreibt keinen Einzelfall – an vielen Schulen in Deutschland werden Lehrer bedroht

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SAARBRÜCKEN. Dringenden Handlungsbedarf attestiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), Heinz-Peter Meidinger, der Politik und den Landesregierungen nach den jetzt bekannt gewordenen “unerträglichen Zuständen” an einer Gemeinschaftsschule in Saarbrücken. Das Kollegium hatte in einem Brandbrief an Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Alarm geschlagen. Angesichts zunehmender Gewalt, Beleidigungen, Drogen- und Alkoholkonsum sowie unzureichender Unterstützung durch das Land könne von geregeltem Unterricht kaum mehr die Rede sein, heißt es darin. News4teachers berichtete.

Immer öfter sind Lehrer offenbar Angriffen ausgesetzt. Foto: gagilas /flickr (CC BY-SA 2.0)
Immer öfter sind Lehrer offenbar Angriffen ausgesetzt – nicht nur in Saarbrücken. Foto: gagilas /flickr (CC BY-SA 2.0)

Meidinger zeigt sich überzeugt, dass die Saarbrücker Schule kein Einzelfall ist – dass also „an vielen anderen Schulen“ in Deutschland Lehrkräfte ähnlichen massiven psychischen und physischen Bedrohungen ausgesetzt seien. Er betont: „Wir erleben hier auch die Auswirkungen einer verfehlten Inklusionspolitik, die den Schulen ohne Bereitstellung ausreichender Ressourcen aufgedrückt wurde: Förderschulen wurden geschlossen und Lehrkräfte an Regelschulen unvorbereitet mit dieser immensen Herausforderung der Integration von Kindern mit oft schwerwiegenden emotional-sozialen Störungen allein gelassen.“ Auch habe die Politik tatenlos zugesehen, wie sich problematische und besonders förderungsbedürftige Schülergruppen sowie Kinder mit Migrationshintergrund immer stärker an sozialen Brennpunktschulen konzentriert hätten, so Meidinger.

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Der DL-Präsident fordert die Politik und die jeweilige Schulaufsicht auf, sich nicht wie bisher häufig wegzuducken, wenn es Hilferufe von Schulen gebe, weil Lehrkräfte bedrängt und bedroht würden und ordentlicher Unterricht kaum mehr möglich sei. Er betont: „Es ärgert mich, wenn viele Schulminister zwar an jeder neuen Modellschule vor Ort präsent sind und ständig Leuchtturmprojekte vorstellen, aber sich gleichzeitig kein Bild davon machen, wie in sozialen Brennpunkten heute vielfach die Schulrealität aussieht.“

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Meidinger, selbst Direktor eines Gymnasiums in Bayern, forderte auch die Schulleitungen auf, verstärkt die Zusammenarbeit mit der Polizei zu suchen. „Die Angst mancher Schulleitungen davor, die Polizei bei Vorfällen psychischer und physischer Gewaltandrohung zu rufen, weil man einen langfristigen Imageschaden befürchte, teile ich nicht“, unterstreicht der Verbandschef. Im Gegenteil, nur wenn Lehrkräfte und Schulleitungen sich wehrten, würden sie auch respektiert. Eine große Herausforderung für die Schulen sei es, verstärkt die Eltern in den Erziehungsauftrag mit einzubinden. Das sei aber oft äußerst schwierig.

Neben der besseren Ausstattung von solchen Schulen mit mehr Personal, multiprofessionellen Teams und zusätzlichen Beratungsangeboten fordert Meidinger die Landesregierungen auch dazu auf, Schulen und Lehrkräften mehr rechtlichen Schutz und mehr Möglichkeiten zu geben, dauerhaft aggressive Schüler abzuweisen beziehungsweise nicht aufnehmen zu müssen. Bei der Strafverschärfung für Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter, die der Bundestag im vergangenen Jahr beschloss, blieben Lehrer außen vor. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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4 KOMMENTARE

  1. Man muss immer schauen, ob die Brennpunktschulen schon immer in einem Brennpunkt lagen. Zum Brennpunkt werden Stadtteile, wenn die anderen Stadtteile für gewisse Einkommensgruppen unbezahlbar werden. Insbesondere Hartz IV sorgte für Konzentration einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen in gewissen Stadtteilen, die schon vorher eher heruntergekommen waren. Wenn die Menschen zu viel Zeit, zu wenig Akzeptanz und zu wenig Perspektive haben, kommen sie auf “dumme Gedanken”, die sie an die Kinder weitergeben.

  2. Ich weiß, was hilft und es ist die einfachste Variante von allen, ein Federstrich in der Haushaltsplanung sozusagen: mehr Gehalt !

    Und alles wird wieder gut – so ganz von alleine. Traumhaft, nicht wahr? Wenn’s doch immer so einfach wäre.

  3. Diese geschilderten Zustände sind nur eine Zwischenstation auf dem Weg, das dieses Land seit einigen Jahren beschritten hat. Grenzenlose Toleranz gegen Jeden und Allem ohne dabei mit dem nötigen Nachdruck rote Linien zu ziehen. Jetzt wird geliefert, was bestellt wurde und Werte wie Respekt, Anstand und Ehre sind fast verschwunden. Willkommen im bunten Deutschland.

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