Saarbrücker Kollegium schreibt Brandbrief: Beleidigungen, Gewalt, Drogen, Frauenfeindlichkeit – Wir haben Angst vor unseren Schülern!

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SAARBRÜCKEN. Das Kollegium einer Gemeinschaftsschule in einem Saarbrücker Brennpunkt meldet „Bankrott“ an. In einem Brandbrief an Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), den alle Lehrer der Schule unterschrieben haben, ist in Bezug auf den Bildungsauftrag als etwas „objektiv Unmöglichem“ die Rede. Angesichts zunehmender Gewalt, Beleidigungen, Drogen- und Alkoholkonsum sowie unzureichender Unterstützung durch das Land könne von geregeltem Unterricht kaum mehr die Rede sein. Das Schreiben der Schule, deren Schülerschaft angeblich zu 86 Prozent aus nicht-deutschen Kindern und Jugendlichen besteht, sorgt bundesweit für einen gehörigen Medienwirbel.

Es kocht im Kollegium. Foto: pxhere

„Wir stellen seit einigen Monaten eine Zunahme von Respektlosigkeit, Aggressivität und Ignoranz gegenüber dem Lehrpersonal fest“, so heißt es in dem Brief, der der „Saarbrücker Zeitung“ vorliegt und bereits im Juni an das Ministerium geschickt worden sein soll. „Einige Kollegen wurden und werden zum Beispiel als ‚Cracknutte‘, ‚Hurensohn‘, ‚Wichser‘ und ‚Bock‘ beschimpft und die Größe der Geschlechtsteile wird in die Beschimpfungen miteinbezogen. Dabei werden auch Beschimpfungen in fremder Sprache gegen uns gerichtet. Viele Kolleginnen haben Angst, bestimmte Schüler zu unterrichten. Es gibt von Schülern sexuell-anzügliche Bemerkungen wie: ‚Ich habe momentan nichts in der Hand. Wenn ich aber in meine Hose fasse, dann habe ich etwas in meiner Hand und dann freuen Sie sich.‘ Ebenso werden frauenverachtende Bedrohungen ausgesprochen. Ein Schüler sagte zu einer Lehrerin: ‚Ich rede zu Ihnen, wie ich mit Frauen rede.‘ Dieser Spruch erfolgte, nachdem die Kollegin diesen Schüler auf dessen aggressive und freche Ausdrucksweise hinwies.“

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Die Brutalität der Schüler habe ein solches Ausmaß angenommen, dass sich Angst im Kollegium breitmache. „Mittlerweile müssen wir bei unseren pädagogischen Maßnahmen immer unseren Eigenschutz im Auge behalten, da wir im Umfeld dieser hoch gewaltbereiten Jugendlichen auch privat leben.“ Die Liste der Gewalttaten sei lang.

  • „Durch aggressives Pausenverhalten“ sei einem Schüler der Arm gebrochen worden.
  • „Zur Zeit der Abfassung des Briefs musste nach einer Prügelei unter Schülern der 8. Klasse die Polizei gerufen werden.“
  • Pfefferspray wurde vor dem Lehrerzimmer versprüht, ein Klassenbuch verbrannt, ein Handy als Schlagwerkzeug benutzt.
  • Auch echte Waffen kämen zum Einsatz: Innerhalb von zwei Monaten hätten Schüler dreimal ein Messer benutzt. „Einer Schülerin wurde hierbei das Messer an den Hals gedrückt.“

Von geregeltem Unterricht könne kaum mehr die Rede sein. „Eine nicht geringe Anzahl von Schülern erscheint nicht zu dem vorgegebenen Unterrichtsbeginn beziehungsweise gar nicht. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schülern mitgebracht. In vielen Unterrichtsstunden wirkt sich das Verhalten einiger Schüler so störend auf den Unterricht aus, dass eine Vermittlung von Fachwissen nicht oder nur unzureichend möglich ist.“ Auch Drogen und Alkohol seien ein Problem.  „Wiederholt können wir Drogen riechen und an körperlichen Auffälligkeiten auch Drogenkonsum vermuten.“ Ein stark betrunkener Achtklässler sei in der Pause zur Schulleitung geschickt worden. In einem anderen Fall übergab sich ein alkoholisierter Schüler im Sekretariat.

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Die Lehrer bringen die Zustände auch mit der Inklusion in Zusammenhang. Von den 350 Schülern haben dem Brief zufolge 50 Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf. „Durch die radikale Umsetzung der Inklusion ohne die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen in personeller, materieller, sächlicher und räumlicher Hinsicht sind wir Lehrer/innen zunehmend belastet, und es ist die Grenze der Zumutbarkeit erreicht.“ Konkret fordert das Kollegium ein Vetorecht für die Schulleitung bei Zuweisungen von Schülern, die mehrfach von einer Regelschule ausgeschlossen wurden. Nötig sei darüber hinaus Hilfe von zusätzlichen Schulsozialarbeitern. „Es ist eine Verbesserung und Intensivierung der momentan gängigen Angebote notwendig.“

Personell aufgestockt

Tatsächlich hat das saarländische Bildungsministerium Medienberichten zufolge bereits reagiert. Das Personal der Schule sei aufgestockt worden. Weitere Maßnahmen für Brennpunktschulen seien in Vorbereitung. „Nach dem Brief wurden uns mehr Lehrerstunden zugewiesen und wir konnten teilweise Stunden doppelt mit Lehrern besetzen. Wir würden uns dennoch noch mehr Unterstützung wünschen“, so bestätigt die Schulleiterin gegenüber der „Bild“-Zeitung. Andreas Sánchez-Haselberger, stellvertretender Landesvorsitzender GEW, sieht hier die saarländische Bildungspolitik in der Pflicht. Im Gespräch mit SR2 forderte er ein „Sofortprogramm, um die Schulen zu entlasten“ –  durch kleinere Klassen und durch mehr Personal vor allem für Brennpunktschulen. Die aktuellen Mittel seien jedenfalls “viel zu gering”.

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In den vergangenen zwei Jahren gab es immer wieder Brandbriefe aus Schulen, die sich angesichts der Fülle der Herausforderungen mit der Inklusion sowie der Integration einerseits und fehlendem Personal andererseits kaum mehr in der Lage sehen, ihren Auftrag zu erfüllen. Wenn eine Schule in einem so genannten Brandbrief meldet, dass sie überlastet ist und ihre pädagogischen Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, dann ist das keine Kleinigkeit. Wir erinnern uns: 2006 geriet die Berliner Rütli-Schule im Problemstadtteil Neukölln bundesweit in die Schlagzeilen, weil sie der Gewalt auf dem Schulhof nicht mehr Herr wurde und dies in einem Brief an die Senatsverwaltung mitteilte. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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15 KOMMENTARE

  1. Sag ich doch und werde nicht müde, es zu wiederholen: Die Attraktivität des Lehrerberufs steigern?!?

    Ganz einfach: mehr Gehalt – und alles ist wieder gut.

    Ich danke für diese umsichtige und nachhaltige Politik und die Berufsverbände und Einzelpersonen hier, die dies den Politikern genau so weismachen.

    • Ich wiederhole es auch: Eine Gehaltserhöhung um einige 100€ pro Monat kommt das Land wesentlich günstiger als eine signifikante Verkleinerung der Klassen und die Anstellung diverser Sozialarbeiter, Schulpsychologen (auch für die Lehrer), Krankenschwestern, Verwaltungskräfte usw.

        • Streik ist nicht möglich, Remonstrationen sind nur sehr eingeschränkt möglich und entsprechend wirkungslos.

          Die einzige Möglichkeit wäre Dienst nach Vorschrift bzw. Arbeitsvertrag. Alle Aufgaben, die nicht bezahlt werden (Geld oder Entlastung) und nur mündlich vereinbart wurden, werden ab sofort eingestellt, Unterricht nur nach Vorschrift, also ohne methodischen Schnickschnack, ohne Kopien (erst recht, wenn der Lehrer die Kopien bezahlen muss) usw.. Allerdings scheitert dies an der Selbstaufopferung der Lehrer und ihrem Sinn nach dem Wohlergehen der Schüler, egal wie nervig einzelne von ihnen sind. Das Land und der Schulträger weiß das ganz genau und kann sich darauf verlassen, besonders wenn es viele befristet angestellte Lehrer (Interesse an Vertragsverlängerung) und Referendare (Interesse an einem guten Examen) gibt.

      • Mehr Gehalt wäre sicher angemessen, nur wie soll das durchsetzbar sein?
        Lehrer arbeiten ja eh schon nichts, sind nur am jammern und so weiter….
        Da traut sich die Politik nicht dran…

        Während Piloten eine Erhöhung von 10% bekommen erhalten wir in Hessen nach JAHREN der Nullrunden mal in zwei Stufen 4,2% (das deckt gerade die Inflation) und ein Jobticket, für das man sich öffentlich rechtfertigen muss….

        • Diese Brennpunkt-Schulen brauchen mehr Lehrer,Sozialarbeiter und ein eigenes Wachpersonal in den Pausen und zur Abwehr von gewalttätigen Schülern, welche man noch beim Aggressionsabbau in Basketball-Kursen einsetzen könnte.
          Derartiges Wachpersonal gibt es inzwischen auch in Krankenhäusern in problematischen Wohngegenden im Ruhrgebiet.

  2. Die Ministerien müssten mit offenen Brandbriefen überschwemmt werden! Nur Druck von außen scheint dort ein Umdenken und Umsteuern in Gang setzen zu können.
    Auf Verstand und Einsicht zu hoffen, scheint nach einer jahrzehntelang verkorksten Bildungspolitik mit den hinterlistigen Attributen “modern”, “fortschrittlich” und “gerecht” nur noch naiv.

    • So lange die Abiturquote zunimmt, gleichzeitig mit besser werdenden Durchschnittsnoten, und der Anteil Schulabgänger ohne Abschluss nicht weiter zunimmt, hat das Ministerium keinen Anlass, irgendetwas zu ändern.

    • Ja – dann stellen die mehr Mitarbeiter für die Poststelle und die Registratur ein und rechnen die zusätzlichen Personalkosten zu den Bildungsausgaben. Seht her, die Bildungsausgaben steigen kontinuierlich …

    • Danke für den Link. Bemerkenswert fand ich den Schluss aus der vergleichsweise geringen Anzahl Buchveröffentlichungen zum Lernverhalten in muslimischen Staaten. Das finde ich aber sehr schade, weil ursprünglich gerade dort das Wissen sprudelte (z.B. altes Babylon, arabische Zahlen usw.).

      Fazit des Artikels: Radikales Sortieren der Klassen nach Lernwillen und Lernfähigkeit, drastische Erhöhung der Anforderungen insbesondere in lernwilligen und lernfähigen Gruppen, damit alle Schüler an das Maximum ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit gebracht werden sowie fachsystematischer Unterricht, insbesondere Abschaffung von Mischfächern wie Gesellschaftslehre oder Mensch-Natur-Technik.

      Sehr reaktionär, wie ich finde, und damit langfristig gut für Deutschland. Ich erwarte heftigen Gegenwind hier in den Kommentaren.

  3. Frau Eisenmann würde wohl zu den geschilderten Zuständen sagen: “Die Lehrer gehen mit der Heterogenität schlicht nicht gut um.” Schulkinder sollten sich vom Weihnachtsmann kompetente Bildungspolitiker wünschen…

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