Jugendliche kommen immer früher mit Internet-Pornografie in Kontakt – nur die wenigsten reden darüber mit Eltern oder Lehrern

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STUTTGART. Jugendliche nutzen offenbar immer früher pornografische Inhalte im Internet. In vielen Fällen erfolgt der „Erstkontakt“ bereits mit 12 Jahren, wie Wissenschaftler in einer Online-Befragung ermittelt haben. Orientierungshilfen von Eltern oder Lehrern erhalten die Jugendlichen kaum.

Kinder und Jugendliche werden sehr früh über Online-Kanäle mit sexuell expliziten Inhalten konfrontiert. Das bestätigt eine repräsentative Befragung von Kommunikationswissenschaftlern der Universitäten Münster und Hohenheim in Stuttgart. Fast die Hälfte der 1048 befragten 14- bis 20-Jährigen gibt an, „Hardcore-Pornografie“ mit entblößten Geschlechtsteilen gesehen zu haben. Bei den 14- und 15-Jährigen als jüngster Teilgruppe der Studie ist es immerhin ein Drittel. Rund die Hälfte dieser Online-Funde kommt ungewollt zustande.

Das Internet bringt Jugendliche immer früher mit Pornografie in Kontakt. Das Bild des einsamen männlichen Porno-Nutzers entspricht kaum noch der Realität. Foto: U.S. Army photo by Edward N. Johnson / flickr (CC BY 2.0)
Das Internet bringt Jugendliche immer früher mit Pornografie in Kontakt. Das Bild des einsamen männlichen Porno-Nutzers entspricht kaum noch der Realität. Foto: U.S. Army photo by Edward N. Johnson / flickr (CC BY 2.0)
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Das durchschnittliche Alter, in dem die Jugendlichen erstmalig Kontakt mit sexuell expliziten Medieninhalten haben, liegt bei 14,2 Jahren. Männliche Jugendliche sind mit durchschnittlich 14,0 Jahren deutlich jünger als Mädchen (14,8 Jahre).

Dabei findet der Erstkontakt offenbar immer früher im Leben der Jugendlichen statt. Die 14- und 15-Jährigen, die bereits Kontakt mit harter Internet-Pornografie hatten, gaben an, beim Erstkontakt im Durchschnitt 12,7 Jahre alt gewesen zu sein.

Der erste Kontakt findet mehrheitlich zu Hause statt. Der Zugang erfolgte zu 70 Prozent über Laptop, Computer oder Smartphone. Andere Medien wie Fernsehen, Video oder Zeitschriften haben weitgehend ausgedient. In 40 Prozent der Fälle sind die Jugendlichen nicht allein, wenn sie das erste Mal pornografische Bilder oder Filme sehen, sondern sie tun dies mit Freunden. Im Alter zwischen 14 und 15 Jahren gilt dies sogar in 60 Prozent der Fälle.

Bei der Hälfte aller Jugendlichen ist der Erstkontakt gewollt. Allerdings zeigen sich hier geschlechtsspezifische Unterschiede. „Von den Mädchen gaben knapp 60 Prozent an, dass der Kontakt zu pornografischen Inhalten ungewollt war, bei den Jungen waren es nur 37 Prozent“, so Jens Vogelgesang von der Universität Hohenheim. Zu ungewollten Kontakten zählten die Forscher beispielsweise das Gezeigtbekommen von Pornografie durch Dritte oder das zufällige Antreffen dieser Inhalte im Netz. Nach dem Erstkontakt nutzen außerdem deutlich mehr Jungen häufiger sexuell explizite Online-Angebote als Mädchen.

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„Die Ergebnisse legen nahe“, so Thorsten Quandt vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster, „dass Kinder und Jugendliche mit etwas konfrontiert werden, was sie weder sehen wollen noch richtig verstehen. Da die Mediennutzung oft heimlich passiert, müssen Kinder und Jugendliche mit der Verarbeitung dieser Inhalte allein und ohne elterliche oder schulische Einflussnahme zurechtkommen.“

„Eltern und Lehrer spielen nur eine nachgeordnete Rolle. Das Fehlen von Orientierung durch Erziehungspersonen ist ein ernstes Problem“, mahnt Quandt. „Die Studie führt deutlich vor Augen, dass die Erstkontakte im heutigen Online-Zeitalter schon sehr früh stattfinden, selbst mit teilweise jugendgefährdenden Inhalten.“

Der Umfrage zufolge spricht mehr als die Hälfte der Jugendlichen nach dem Erstkontakt mit niemandem darüber, nur 4 Prozent diskutieren den Vorfall mit Lehrern oder Eltern. Die Diskussionsbereitschaft sei dabei abhängig vom Gefühl beim ersten Sehen von pornografischen Inhalten.

„Waren die Jugendlichen durch die Inhalte erregt, war die Redebereitschaft deutlich geringer, als wenn sie die Inhalte belustigend oder abstoßend empfanden“, berichtet Vogelgesang. Trotz der gestiegenen Offenheit in der Gesellschaft und vieler Aufklärungskampagnen gelte weiterhin: „Das Reden über die eigene Sexualität ist unter vielen Jugendlichen noch immer ein Tabuthema, mit dem sie entweder weitgehend allein gelassen werden oder das sie mit ihren Freunden erkunden.“

„Die Ergebnisse der Studie legen nahe,“ so Vogelsang, „dass das holzschnittartige Bild des einsamen männlichen Porno-Nutzers in Teilen falsch ist. Für einen nicht unerheblichen Teil der Jugendlichen ist der erste Kontakt mit Pornografie eng an den sozialen Kontext gebunden.“

„Die Befunde werfen außerdem wichtige Fragen zum Umgang mit dem Pornografiekonsum von Jugendlichen auf“, ergänzt Thorsten Quandt. „Sie verdeutlichen, dass es sich nicht um ein randständiges Mediennutzungsphänomen handelt. Es ist vielmehr eine weit verbreitete Form der jugendlichen Mediennutzung.“

Die Studie ist in einer Publikation des Springer Verlags erschienen (DOI 10.1007/978-3-658-18859-7_5).

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