Psychologie: Warum wir überall Gesichter sehen – sogar auf dem Mars

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BERLIN. Das Hinterteil eines Motorrads schaut mit großen Augen herüber. Klingt gaga? Über ein Phänomen unserer Wahrnehmung.

Das “Gesicht auf dem Mars” sorgte 1976 für Aufregung. Foto: Nasa

Hier glotzt ein Betonpoller, dort kneift ein Hausdach die Augen zusammen und an der nächsten Ecke pfeift ein Baumstamm. Fast jeder dürfte das kennen: Plötzlich sieht man irgendwo ein Gesicht, wo eigentlich keines ist. Das Phänomen ist ein beliebter fotografischer Gag: Auf Twitter folgen mehr als 600 000 Menschen der Seite «Faces in Things» («Gesichter in Dingen»). Dort werden Bilder von grimmig dreinschauenden Putzmobs oder langnasigen Kleiderhaken veröffentlicht.

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Aber auch Forscher beschäftigen sich mit Pareidolie, wie der Effekt in der Fachsprache heißt. «Pareidolie ist phänomenologisch und experimentell ausgiebig untersucht worden», sagt Rainer Mausfeld von der Universität Kiel. Kanadische und chinesische Forscher gewannen beispielsweise 2014 den Ig-Nobelpreis, der für kuriose und gleichzeitig seriöse Forschung vergeben wird. Sie hatten untersucht, was bei Pareidolie im Gehirn passiert.

Der emeritierte Wahrnehmungspsychologe Mausfeld erklärt, was hinter dem Effekt steckt: Für den Menschen und seine sozialen Interaktionen sei es extrem wichtig, Gesichter auch als solche zu erkennen, sagt er. «Für sozial organisierte Lebewesen ist es das wichtigste Konzept zum Andocken an “Meinesgleichen”.» Schon Säuglinge seien in der Lage, Gesichter wahrzunehmen.

Vor einigen Monaten hatten britische Forscher sogar berichtet, dass Babys bereits im Mutterleib eine Vorliebe für Gesichter haben. Sie hatten Schwangeren im letzten Drittel der Schwangerschaft mit Licht Muster auf die Bauchdecke gestrahlt, die stark vereinfacht und schematisiert an ein Gesicht erinnerten. Die ungeborenen Babys verfolgten die «Gesichter» durch Drehung ihres Köpfchens, wenn die Wissenschaftler das Lichtbild über die Bauchdecke bewegten. Projizierten die Forscher das Lichtbild verkehrt herum auf die Bauchdecke, taten die Babys das nicht.

Psychologie-Studie: Schöne Gesichter werden leichter vergessen

Da Gesichter für das Zusammenleben so wichtig sind, entscheidet das Gehirn recht großzügig, ob ein bestimmter Anblick als Gesicht zu werten ist. Der Psychologe Mausfeld drückt es so aus: «Die Aktivierungsbedingungen für das uns biologisch vorgegebene Konzept “Gesicht” sind sehr breit angelegt und umfassen geometrische Konstellationen, die nur sehr grob mit einem wirklichen Gesicht Ähnlichkeit haben.»

Deshalb können Menschen beispielsweise in einer Hausfassade ein Gesicht erkennen, ein Auto lächeln oder den Betonpoller grimmig gucken sehen. Manchmal hat Pareidolie extreme Folgen. So wurde im Jahr 2004 eine angebissene, 10 Jahre alte Käsebrotscheibe für 28 000 US-Dollar versteigert, auf der mit etwas Fantasie das Antlitz der Jungfrau Maria zu erkennen war.

Für noch mehr Aufregung sorgte das «Gesicht auf dem Mars». Die Nasa-Sonde «Viking 1» hatte 1976 Fotos von der Oberfläche des Roten Planeten gemacht. Auf einem der Bilder war deutlich ein Gesicht zu erkennen – inklusive Augen, Nase und Mund. Verschwörungstheoretiker sahen das als Beweis für intelligentes Leben auf dem Mars.

Und so sieht die Gesteinsformation auf dem Mars aus der Nähe aus – das Foto entstand 25 Jahre nach dem ersten. Foto: Nasa

Das Interesse war so groß, dass die Nasa rund 25 Jahre später eine weitere Sonde auf das Gesicht ansetzte. Die wesentlich höher aufgelösten Fotos des «Mars Global Surveyor» zeigten deutlich: Das Gesicht ist eine Felsformation, die aus einem anderen Winkel aufgenommen jeglicher menschlicher Züge entbehrt. Von Valentin Frimmer, dpa

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