Digitalisierung: Aktionsrat Bildung fordert Pflicht-Fortbildungen für alle Lehrer – und Systembetreuer für jede Schule

9

MÜNCHEN. Der Aktionsrat Bildung, dem zehn der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland angehören, hat ein umfangreiches Gutachten zur Digitalen Bildung in Deutschland vorgelegt.  Darin werden digitale Kompetenzen „als vierte Kulturtechnik“ beschrieben, deren Förderung „analog zum Rechnen, Schreiben und Lesen Eingang in die Gesamtkonzepte der Bildungseinrichtungen finden“ müssen. Die Wissenschaftler philosophieren darin über „ein Konzept für das Bild des Menschen (..), der Digitalisierung produktiv aufnimmt und mitgestaltet, aber auch kritisch verarbeitet“. Die Professoren werden aber auch praktisch: Sie fordern einen „Digitalisierungsbeauftragten“, einen „Systembetreuer“ sowie einen „Organisationsentwickler“ für jede Schule, die das Lehrerkollegium unterstützen.

Die Digitalisierung der Schulen in Deutschland kommt jetzt mit Hochdruck. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)
Die Digitalisierung der Schulen in Deutschland soll mit Hochdruck umgestezt werden. Foto: r. nial bradshaw / flickr (CC BY 2.0)

Es wirkt in der Tat abstrus: Fünf Milliarden Euro will der Bund bald für die Digitalisierung der Schulen ausgeben, und die Länder haben dafür bereits curriculare Eckpunkte entwickelt, damit „allen Schülerinnen und Schülern während ihrer Schulzeit die Entwicklung der Kompetenzen zu ermöglichen, die für einen fachkundigen, verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit Medien in der digitalen Welt“ ermöglicht werden. Dass dafür natürlich auch Personal für Wartung der Technik und Pflege der Inhalte nötig ist, diese Erkenntnis ist allerdings offenbar noch nicht in der Politik angekommen – weder ist dafür Geld vorgesehen, noch findet sich dazu etwas in den von der Kultusministerkonferenz vorgelegten Eckpunkten zum „Digitalpakt“.

Anzeige


Dafür erinnern nun die Professoren des Aktionsrats Bildung daran, dass man den Lehrern in Deutschland die Geräte ja schlecht einfach vor die Schultüren stellen kann.  So heißt es in dem Gutachten:

„In allen Bildungseinrichtungen müssen zur effektiven Verwirklichung des  digitalen Wandels – in enger Rückbindung an die Einrichtungsleitung – die  folgenden Berufsgruppen zusammenarbeiten:

  • Digitalisierungsbeauftragte/-r: In jeder Bildungseinrichtung sollte eine inhaltlich und methodisch ausgebildete Fachkraft vorhanden sein, die unterstützend die Erarbeitung der erforderlichen informationstechnischen  und medienpädagogischen Konzepte und Lehrinhalte begleitet und dem  pädagogischen Personal bei Fragen und Problemen beratend zur Seite steht. Sollte an Schulen diese Aufgabe von regulärem übernommen werden, ist hierfür ein entsprechendes Stundenkontingent  bereitzustellen.
  • Systembetreuer/-in: In jeder Bildungseinrichtung sollte ausreichend informationstechnisch geschultes Personal für die Aufgaben der Systembetreuung zur Verfügung stehen.
  • Organisationsentwicklungsexperte/-expertin: In jeder Bildungseinrichtung sollte eine Expertin beziehungsweise ein Experte die Einbettung  der digitalen Medien in ein umfassendes Gesamtkonzept und Organisationsprofil gewährleisten.“

Allerdings geht es den Wissenschaftlern eher um Grundsätzliches als um das Klein-Klein der Bildungsverwaltung.  „Wenn das alteuropäische Konzept des mit sich selbst identischen Menschen Bestand haben soll, darf Gesellschaft und insbesondere das gesellschaftlich getragene Bildungssystem Digitalisierung nicht einfach laufen lassen, sondern es muss sich ein Konzept für das Bild des Menschen entwickeln, der Digitalisierung produktiv aufnimmt und mitgestaltet, aber auch kritisch verarbeitet“, so postuliert das Gremium.

Im Gutachten heißt es weiter: „Neben dem Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ist der souveräne Umgang mit digitalen  Medien die Voraussetzung für eine systematische Verankerung der Medienbildung im Handeln jedes Einzelnen. Zur Entwicklung digitaler Souveränität gehört neben der Diskussion der Chancen auch die kompetente Auseinandersetzung mit Fragen zu relevanten Sicherheitsaspekten und möglichen Gefahren, die mit der Nutzung digitaler Medien verbunden sind. Ein wesentlicher  Lerninhalt ist es zudem, für die eigene digitale Information Verantwortung zu  übernehmen und folglich die Wirkungen des eigenen Handelns nicht nur zu  kennen, sondern auch reflexiv zu bewerten. Damit Lernende aller Altersgruppen als selbstbestimmte Persönlichkeiten in einer sich ständig verändernden  Gesellschaft bestehen und souverän und verantwortlich am gesellschaftlichen, politischen und beruflichen Leben teilnehmen können, zählt die sichere Beherrschung der Informations- und Kommunikationstechnologien heute zu den Schlüsselkompetenzen. Vollständige digitale Souveränität wird erst möglich, wenn auch auf ethisch-reflexiver Ebene eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit digitaler Information und Kommunikation stattfindet.“

Für Deutschland zeigten empirische Befunde, dass die digitale Transformation inzwischen zwar im Bildungsbereich angekommen sei, oft allerdings recht konventionell: „In Kursen dienen digitale Medien vor allem Präsentationen oder  der Internetrecherche.“ Es sei festzustellen, dass die Potenziale digitaler Medien nicht ausgeschöpft würden, „wenn das Nachdenken über ihre Nutzung an eine bloße Fortführung bewährter pädagogischer Konzepte gebunden bleibt. Dann wird die  Bibliothek durch ein Content-Management-System ersetzt, das Buch durch ein PDF, Vorträge durch MOOCs, das Seminar durch einen virtuellen Klassenraum, die Tafel durch ein interaktives Whiteboard etc.“ Die „gemeinsame Wissenskonstruktion durch Lehrende und Lernende, das adaptive und personalisierte Lernen nicht nur für Lerngruppen, sondern für jeden Teilnehmenden,  die Simulation sozialer Prozesse und ihrer Steuerung“ gerieten dann wohl nicht in den Blick.

„Es ist richtig und wichtig, wenn Pädagoginnen und Pädagogen auch beim Nachdenken über digitale Medien auf den „alten“ Fragen der Didaktik beharren: Wer soll was, wie, warum und wozu lernen? Aber diese Fragen können heute nur noch angemessen beantwortet werden, wenn sie auf  einem soliden Wissen über die Möglichkeiten digitaler Informationsumwelten beruhen.“ Die bisherige Diskussion über die Nutzung digitaler Medien für Lern-  und Bildungsprozesse sei immer noch stark technisch geprägt und auf Infrastrukturen („WLAN für alle“) sowie auf Hard- und Software fixiert. Eine solche  Fokussierung verleitet Förderer und Akteure dazu, ihre Modernisierungsfähigkeit allein durch den Aufbau digitaler Infrastruktur zu dokumentieren. Dabei  werde dann oft vergessen, „dass die Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort das  Nadelöhr jeder Bildungsreform sind, ohne deren begleitende Fortbildung und  Beratung didaktische Innovationen nicht durchdringen“. Die Wissenschaftler fordern deshalb „verpflichtende Weiterbildungstage für den Themenbereich Digitalisierung“.

Lehrkräfte sollten dafür qualifiziert werden, „für die eigenen Unterrichtsziele fachdidaktisch und pädagogisch sinnvolle Unterrichtskonzepte mit digitalen Medien zu entwickeln“. Notwendig seien auch ausgewählte „Leuchtturmprojekte“, die den Aufbau von Infrastruktur mit der Qualifizierung des Personals verbinden und die  Verknüpfung von Forschung, Entwicklung und Implementation von Beginn  an mitdenken. Wer nicht mitziehen will, dem soll die Schulleitung auf den Pelz rücken. „Ziel der Einrichtungsleitungen muss es sein, dem Lehrpersonal eine offene Haltung gegenüber dem Lehren mit digitalen Medien zu vermitteln und auch speziell auf die Bedürfnisse diesbezüglich sehr zurückhaltender und skeptischer Personen einzugehen“, so fordern die Wissenschaftler. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier lässt sich das vollständige Gutachten herunterladen.

Aktionsrat Bildung
Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany leitet das renommierte Institut der Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund
Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany leitet das renommierte Institut der Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund

Unter den Mitgliedern des  Aktionsrats Bildung hat es Veränderungen gegeben. Nach zwölf Jahren hat Prof. Dr. Hans-Peter Blossfeld seine Arbeit für das Gremium beendet. Neu hinzugekommen ist Prof. Dr. Nele McElvany, die als geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung  (IFS) an der Technischen Universität Dortmund „Verantwortung für  eine große Forschungsinstitution im Bereich der Bildungsforschung trägt und damit weiterhin die exzellente wissenschaftliche Expertise und den Rückgriff auf einschlägige Forschungsdaten  sicherstellt“, wie es zur Vorstellung heißt.

Der Aktionsrat Bildung ist ein Expertengremium renommierter Bildungswissenschaftler, das sich 2005 auf Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft konstituiert hat. Einmal im Jahr legt der Aktionsrat ein umfangreiches Jahresgutachten vor. Der Runde gehören neben Nele McElvany an: Prof. Dr. Dieter Lenzen (Vorsitz), Prof. Dr. Wilfried Bos, Prof. Dr. Hans-Dieter Daniel, Prof. Dr. Bettina Hannover. Prof. Dr. Olaf Köller, Prof. Dr. Nele McElvany, Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach, Prof. Dr. Tina Seidel, Prof. Dr. Rudolf Tippelt und Prof. Dr. Ludger Wößmann.

Aktionsrat Bildung: Ob Wertewandel, Einwanderung oder Digitalisierung – “Schulen stehen vor epochalen Veränderungen”

Anzeige


9 KOMMENTARE

  1. WLAN haben wir keins. Die einzige digitale Tafel ist ganz toll, leider fehlt der notwendige Internetanschluss für die Tafel. Ich stelle mir gerade eine schulinteren Fortbildungsveranstaltung vor, wie die ablaufen wird. Mit dem Videomitschnitt ließe sich sicherlich Geld verdienen.

  2. Digitalisierungsbeauftragte und Organisationsentwicklungsexperten halte ich für Quatsch, Systembetreuer im Sinne eines echten Systemadministrators für zwingend erforderlich. So wie die Aufgabenbereiche aber beschrieben sind, erfüllen halbwegs in Word, Tablet & co kundige, aber nicht in Systemadministration ausgebildete und daher sehr kostengünstige Laien das Profil komplett.

  3. “….und dafür entsprechende Stundenkontingente zur Verfügung stellen…”
    Wir haben an Frankfurter Grundschulen jetzt schon mehr Stundenkontingente als Lehrer zur Verfügung.
    Immer noch eine neue Sau durchs pädagogische Dorf treiben, wo es jetzt schon am Nötigen fehlt!

    • Die FDP würde diese Fortbildungen sicherlich in die Ferien verlegen. Allerdings würde sie dann bestimmt wieder unter die 5%-Hürde rutschen. *frechgrins* 😉

  4. Das wird in Frankfurt wie in Nordhessen sicherlich wie gehabt gelöst: Die Schulen sollen Präventionslehrer benennen, die erhalten 0,5 Deputatstunden (=20 Unterrichtsstunden pro Schulajr), haben regelmäßige Fortbildungen (dabei fallen ca. 40 Unterrichtsstunden aus), die sollen auch noch eine zusätzliche offene Sprechstunde je Woche abhalten ((40 Std.) und nach dem Unterricht für Gesprächsbedarfe zur Verfügung stehen.
    Und verwundert wird dann aus der Bildungsverwaltung nachgefragt, warum Schulleitung nicht in der Lage ist, bei so hirnrissigen Rahmenbedingungen Lehrkräfte zu motivieren, sich in den Bereich in der Freizeit einzuarbeiten.
    Grüße nach Frankfurt!

    • In den Niedersächsischen Grund- und SekI-Schulen würde man das ganze per Benennung umsetzen, ganz ohne Deputatsstunden. Jemand muss den Posten übernehmen.
      Fortbildungen fänden mit großen Wegstrecken statt, da Digitalisierung ja für Bildung aber außerhalb von FortBildung erfolgt, und die Lehrkräfte planen vorab zusätzlich noch den Unterricht für die pädagogische Mitarbeiterin, die die Vertretung übernimmt, sofern dafür noch Geld/Stunden vorhanden sind.
      In der FortBildung gibt es einen unkonkreten Rahmenplan, der VORgelesen wird, die eigentliche Arbeit der inhaltlichen Erabeitung und konkreten Umsetzung erfolgt in jeder Schule einzeln.

      Sollte sich dabei eine Schule besonders geschickt anstellen, kämen dann die Politiker vorbei und würden Leuchtturm-Plaketten verteilen, weil die politische Idee so herausragend war und die Politik und Behörde so intensiv an der Umsetzung mitgewirkt haben.

  5. Gibt es die Systembetreuer, die man braucht (denn unsere Schulen brauchen die wirklich!!), in Deutschland? Geld allein genügt nicht. Oder wird es laufen wie bei den Pflegekräften?
    Dennoch: ja, natürlich müsste Geld für technisches Personal bereitgestellt werden. Die Selbstausbeutung der technisch begabten Lehrer hat Grenzen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here