Auch im neuen Schuljahr wohl wieder viele Abordnungen in Niedersachsen

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HANNOVER. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sieht sich auf einem guten Weg, die Abordnungen an Grundschulen im kommenden Schuljahr zu reduzieren. Doch die jetzt öffentlich gewordenen Prognosen werfen – zumindest bei Lehrerverbänden und Opposition – Zweifel auf.

Nach den Sommerferien drohen an Niedersachsens Schulen erneut Engpässe bei der Lehrerversorgung. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine parlamentarische FDP-Anfrage hervor. Werden bis zum 8. August nicht alle offenen Stellen besetzt, müssen viele Lehrkräfte damit rechnen, im kommenden Schuljahr zeitweise in anderen Schulen eingesetzt zu werden. Erst gegen Ende der Sommerpause steht aber der genaue Umfang fest. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hatte nach Amtsantritt gesagt, er wolle die «Abordnungskarawanen» stoppen.

Grant Hendrik Tonne - Nahaufnahme
Scheitert Kultusminister Grant Hendrik Tonne daran, die Abordnungen an Grundschulen zu reduzieren? Die vorliegenden Schätzungen bringen noch keine Klarheit. Foto: Foto-AG Melle, derivative work Lämpel – Own work / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
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Der Antwort auf die FDP-Anfrage liegt nach Angaben des Kultusministeriums der noch vorläufige Planungsstand zugrunde; er war vor den Ferien auch die Basis für die Informierung der Schulen über die möglichen Abordnungen. Diese Zahlen könnten sich aber noch verändern. Insgesamt wurden demnach mit Stand 28. Juni Abordnungen im Umfang von 23 310 Unterrichtsstunden neu verfügt. «Darin enthalten sind diverse Sondereffekte im Rahmen des aktuellen Einstellungsverfahrens; beispielsweise werden 8242 Stunden zwischen Grundschulen abgeordnet», erklärte eine Sprecherin des Ministeriums.

Darüber hinaus wurden Stellen umgewidmet. Abordnungen in Höhe von insgesamt 1 949 Stunden wurden mit Stand 28. Juni von den Gymnasien an Grundschulen neu verfügt. Die Gründe liegen im Ausgleich der Unterrichtsversorgung und des Fachbedarfs in den Jahrgängen 3 und 4. Neben den laufenden Einstellungen kann sich laut Ministerium der Bedarf an abzuordnenden Lehrkräften auch durch andere Faktoren wie frühere Rückkehr aus Elternzeit, Aufstockung von Teilzeit, Einstellung qualifizierter Quereinsteiger noch einmal verringern.

Die GEW erwartet noch mehr Abordnungen im neuen Schuljahr

Im Juni hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits gewarnt, die Zahl der Abordnungen könne im neuen Schuljahr weiter zunehmen. «Der Lehrermangel ist noch immer eklatant hoch», sagte die Landesvorsitzende Laura Pooth, die bessere Konditionen für den Lehrerberuf fordert. «Die Abordnungen werden deshalb mindestens genauso hoch sein wie im vorigen Schulhalbjahr», erklärte sie. Der Philologenverband zeigte sich enttäuscht. «Es ist leider nichts eingetreten, was die Abordnungen stoppen könnte. Die ganze Dimension werden wir sehen, wenn der Schulbetrieb wieder angefangen hat» sagte der Landesvorsitzende Horst Audritz.

Philologen befürchten erneute Abordnungswelle an Grundschulen

Kultusminister Tonne sprach dagegen von einer «hohen Dynamik im Einstellungsverfahren» und erklärte: «Stand heute sind 1 780 von 2 000 ausgeschriebenen Stellen besetzt; je besser das Einstellungsverfahren läuft, desto größer ist die Chance, dass wir auch eine bessere Unterrichtsversorgung erreichen und somit weniger Abordnungen erforderlich sein werden.» Die oppositionelle FDP dagegen hielt ihm ein klares Versagen vor. «Tonne ist bereits vor dem Schuljahresbeginn mit seinem Versprechen, die Abordnungen zu reduzieren, gescheitert», kritisierte der FDP-Fraktionsvize im niedersächsischen Landtag, Björn Försterling.

Die Partei rechnete vor, dass es nach den Ministeriumszahlen bereits fürs erste Halbjahr verfügte Abordnungen in Höhe von insgesamt 24 925 Unterrichtsstunden pro Woche gebe – ein Wert, der noch über dem des vorigen Schulhalbjahres liege. Zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres 2017/18 am 1. Februar waren laut Ministerium Abordnungen im Umfang von rund 24 500 Stunden erfolgt; darunter waren rund 4 465 Stunden, die von Gymnasien an Grundschulen gingen. Der FDP-Landtagsabgeordnete Försterling meinte dazu: «Die Unterrichtsversorgung im kommenden Schuljahr wird genauso schlecht wie im vergangenen Schuljahr; auch der neue Kultusminister bekommt die Lage nicht in den Griff.» (dpa)

Niedersachsen kommt bei der Lehrersuche voran – drohen trotzdem wieder Abordnungen?

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6 KOMMENTARE

  1. Auch dem nächsten und übernächsten Kultusminister wird es nicht besser gelingen, der Lehrermangel zeichnete sich schon lange ab und Studierendenzahlen und mangelnde Bereitschaft LehrerIn zu werden führen dies fort bei zusätzlichem Bedarf für die Rückkehr zu G9.

    Die Politik ist die einer GroKo, vieles, was Tonne umsetzt, stand genau so im Wahlprogramm der CDU.

    Dass trotz der 500 Stellen aus der quasi gestrichenen Sprachförderung sowie der Streichung von Zusatzbedarfen so viel Bedarf an Grundschulen ist, zeigt auf, wo es brennt.
    Aber auch die Landesregierung in NRW, MIT FDP in der Regierung, hofiert jetzt die Gymnasien und lässt die Grundschulen bei der besseren personellen Ausstattung außen vor.

    Es ist an der Zeit, sich zu überlegen, wie man in 2 Jahren den Zusatzbedarf an den Gymnasien decken will UND den Unterricht in GS gewährleisten kann, wenn die Abordnungen zurück an die Stammschulen müssen.

    • “… stand genau so im Wahlprogramm der CDU.”
      Aber von 2013 bis 2017 regierte rot-grün. War da alles besser? Und fallen die Fehlprognosen über die Zahl der zu erwartenden Schulkinder nicht genau in diese Zeit? Ist es fair, den jetzigen Lehrermangel und die mangelnde Bereitschaft, Lehrer/in zu werden, der CDU anzulasten?
      Zudem denke ich, das sog “Hofieren” des Gymnasiums ist eine Art zurückschwingendes Pendel, nachdem man lange Jahre die Gymnasien degradiert hatte, indem Gesamt- und Gemeinschaftsschulen besser ausgestattet wurden (auch mit kleineren Klassen). Nicht vergessen: Auch führende SPD-Genossen schicken ihre eigenen Kinder lieber aufs Gymnasium oder gar in eine Privatschule.

      • Allgemeine Bevölkerungsentwicklung im Auge behalten. So zu tun, als ob die Zahl der Zuwanderer – in diesem FAll Geflüchtete – die Verwerfungen bei den Prognosen maßgeblich beeinflusst hätte, greift mMn zu kurz. Es sind die Aspekte Migration innerhalb der EU – vor allem Zuzug aus Südosteuropa – und die Binnenmigration innerhalb Deutschlands, die die Schulentwicklungspläne der Kommunen zur Makulatur werden lassen. Man muss nur die Analogie zu Wohnungsmangel in den BAllungszentren und den hohen Leerstandszahlen in den ländlichen Regionen ins Auge nehmen, um zu sehen, woran die Schulentwicklungsplanung krankt.

        Auf der einen Seite sind da die Schulschließungen bzw. die Filialisierung (Nebenstandorte) im ländlichen bereich, und auf der anderen Seite die übervollen Klassen in den Ballungszentren. Überalterung der Einwohner in den ländlichen Bereichen, die zumeist auch noch ein geringes BIP aufweisen, und prosperierende Regionen mit starkem Bevölkerungszuwachs, niedrigen Arbeitslosenzahlen, hohem Anteil an jungen Familien mit Kindern, die letztlich alle Migranten sind, da sie ihren Lebensmittelpunkt aufgrund der besseren Chancen in diese Balungszentren verlegt haben. Das trifft nicht nur akademische Berufe, die im Umfeld der Hochschulen natürlich eine höhere Konzentration aufweisen. Warum soll z.B. ein Handwerker, der im ländlichen Raum als Angestellter zwar sein Auskommen findet, dessen Arbeitgeber ihn aber wegen der höheren Nachfrage regelmäßig auf Montage in die Ballungszentren schickt, nicht den Arbeitgeber wechseln und seinen lebensmittelpunkt dahin verlegen, wo eine höhere nachfrage herrscht und deshalb das Lohnniveau höher ist. Manche Diskussionen sind mir zu monokausal. Die fehlgeschlagenen Schulentwicklungsplanugen der Kommunen sind auf vielfältige Ursachen zurück zu führen. Und manche Trends lassen sich nur mit großem zeitlichen Nachlauf bzw. erheblichen Verzögerungen in statistische Modelle einpflegen.Letztendlich verfügen Amazon, Microsoft, Google etc. über validere Daten zu den Konsumenten als kommunale und staatliche Stellen zu ihren Bürgern. Daran sind aber nicht nur die staatlichen Stellen verantwortlich. Auf der einen Seite werden die Angaben für die Datenerfassung von Behörden böykottiert (Microzensus), und auf der anderen Seite werden den ausländischen datenkraken individuelle Daten in großer Menge sorglos frei Haus zur Verfügung gestellt. Sollen sich jetzt die Behörden, um bessere Prognosen zu erstellen, entsprechend eDatensätze bei diesen Datenkraken kaufen müssen? Ich glaube nicht, dass das jemand will bzw. gutheißen kann.

      • “Allgemeine Bevölkerungsentwicklung im Auge behalten.”
        Ja, das ist EIN Teil der Entwicklung. Elterngeld (seit 2007) führt tatsächlich dazu, dass auch im ländlichen Raum mehr Menschen Nachwuchs bekommen und die Schülerzahlen wieder steigen. Diese Kinder kommen zunächst in den Kindergarten und dann in die Grundschule.
        Die Prognose war von 2013, die Kinder, die 12/13 geboren wurden, werden nächstes Jahr eingeschult. Das war also zum Zeitpunkt der Prognose bereits bekannt.

        Der Philologenverband zeigt sich enttäuscht und meint, es sei nichts eingetreten, dass die Lage verbessern könnte.
        DOCH. Es wurde die Sprachförderung gestrichen und eine Menge Zusatzbedarfe auch. Wenn das die Philologen nicht wahrnehmen, ist womöglich an den Gymnasien nichts gestrichen worden.
        Zudem werden die Abordnungen in den Grund- und SekI-Schulen geparkt, um in 2 Jahren für die Rückkehr zu G9 zur Verfügung zu stehen.
        Es gibt Stellen für Gymnasiallehrkräfte, die mit genau diesem Hinweis ausgeschrieben werden, und ja, DIE werden abgeordnet. So behalten die neu eingestellten Gymnasiallehrkräfte nämlich das Gym als Stammschule.

        Wenn aber das alles dennoch nicht ausreicht und die Unterrichtsversorgung trotz Maßnahmen ebenso schlecht ist wie im letzten Sommer, dann zeigt sich deutlich, wie gravierend der Mangel ist und dass er weit mehr Probleme aufwirft, als sich alle zuvor gedacht haben oder wahrhaben wollen.

        Und es braucht dringend Überlegungen, wie man damit in Zukunft umgehen will. Man wird sich auch überlegen müssen, wie man es erreichen will, dass mehr junge Menschen ein Lehramtsstudium womöglich mit dem Schwerpunkt Grundschule aufnehmen möchten.

        • “Das war also zum Zeitpunkt der Prognose bereits bekannt.”
          Eben. Wenn seit 2007 wieder mehr Kinder geboren wurden, kann man nicht 2018 schreien: Hilfe, Hilfe, es gibt plötzlich mehr Kinder. Und ab 2013 regierte erstmal rot-grün. Was haben die denn gemacht außer G9 wieder einzuführen?

          “… dass mehr junge Menschen ein Lehramtsstudium womöglich mit dem Schwerpunkt Grundschule aufnehmen möchten.”
          Ich glaube mich zu erinnern, dass in den letzten 10 Jahren auch mal vor dem Grundschullehramt gewarnt wurde mit dem Hinweis, wegen der demografischen Entwicklung würde man nicht mehr so viele Grundschullehrer brauchen. Das war sogar, nachdem die Inklusion schon bekannt war. Man kam nicht auf die Idee zu sagen, wegen der Inklusion brauchen wir mehr Lehrer. Nein, nein, der bürokratisch vorgeschriebene Schlüssel und der Klassenteiler, die sind heilig. Schulpolitik wird de facto vom Finanzminister gemacht.

  2. Cavalieri schrieb: “Schulpolitik wird de facto vom Finanzminister gemacht.”

    Das ist der alles entscheidende Punkt, den sich jede(r) nochmal vor Augen führen sollte, wenn es mal wieder heißt: “Es geht doch nicht nur um Geld.”/”Wir reden doch hier nicht nur von Geld.”

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