Unterrichtsausfall: Verbände fordern 110%-ige Lehrerversorgung

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STUTTGART. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat erstmals eine Vollerhebung des Unterrichtsausfalls an den Schulen des Landes vornehmen lassen. Danach fielen im Schnitt 4,1 Prozent aller Stunden des Pflichtunterrichts ersatzlos aus. Die höchste Quote verzeichnen die Gymnasien mit 6,6 Prozent – für den Philologenverband ein Alarmzeichen. „Die Kultusministerin ist angesichts dieser erschreckenden Zahlen dringend aufgerufen, schnell wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung zu ergreifen“, fordert Landesvorsitzender Ralf Scholl.

Haben ordentlich 'was zu zählen - die neuen Unterrichtsausfallermittler von NRW. Foto: Will Jackson / flickr (CC BY 2.0)
Der Unterrichtsausfall ist erstmals in Baden-Württemberg vollständig erhoben worden. Foto:
Will Jackson / flickr (CC BY 2.0)

Nach den vom Kultusministerium vorgelegten Zahlen gab es den geringsten Unterrichtsausfall bei den Grundschulen (1,2 Prozent), den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit Förderschwerpunkt Lernen (2,5 Prozent) und den Gemeinschaftsschulen (2,8 Prozent). Die allgemein bildenden Gymnasien (6,6 Prozent) sowie die beruflichen Schulen (6,0 Prozent) verzeichneten in der Vollerhebung die höchsten Ausfälle, sie liegen vor den Realschulen (4,3 Prozent). Die Abwesenheitsquote der für den Unterricht vorgesehenen Lehrkräfte (Unterrichtsausfall inklusive den durch einen anderen Lehrer vertretenen Unterricht) betrug über alle Schularten hinweg 10,4 Prozent. „In insgesamt 6,3 Prozent aller Fälle konnte der ausgefallene Unterricht damit vertreten werden“, heißt es.

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Die Lehrerversorgung sollte angesichts dieser Zahlen stufenweise auf 110 % erhöht werden, fordert Philologenchef Ralf Scholl. „Der Unterrichtsausfall geht zu Lasten der Bildungschancen unserer Kinder und Jugendlichen. Deshalb muss hier dringend nachgebessert werden, gerade angesichts der gegenwärtig hervorragenden finanziellen Lage des Landes“, so Scholl. Eine Verbesserung der Unterrichtsversorgung würde ihm zufolge zugleich zu einer nachhaltigen Einstellungspolitik beitragen, die auch künftig einen Einstellungskorridor für die besten Referendare eines Jahrgangs beinhalten müsse. Am Gymnasium gebe es derzeit keinen Lehrermangel, sondern in den Bereichen Sprachen und Gesellschaftswissenschaften sogar einen großen Bewerberüberhang.

Scholl kritisiert auch das Erhebungsverfahren. „So wichtig regelmäßige – und zwar nicht nur nach Regierungsbezirken, sondern nach Kreisen aufgeschlüsselte – Daten zum Unterrichtsausfall sind, vor einer nächsten Vollerhebung muss das Kultusministerium erst einmal Hausaufgaben machen“, erklärt der Verbandsvorsitzende. „Bislang sind diese Datenerhebungen nämlich nur dadurch möglich, dass sich die Vertretungsplaner an den Gymnasien mehrere Stunden hinsetzen und von Hand Strichlisten führen, um den Unterrichtsausfall den verschiedenen, abgefragten Kategorien zuzuordnen.“

Der Philologenverband fordert, dass umgehend die softwaremäßigen Voraussetzungen geschaffen werden, damit schon bei der Vertretungsplanung die verschiedenen Ausfallgründe erfasst werden können und über geeignete Schnittstellen dann automatisch die aggregierten Daten für jede Woche als Statistik übermittelt werden können. Scholl: „Wenn an jedem mittelgroßen Gymnasium für jede Vollerhebung drei bis vier Stunden Zusatzarbeit notwendig werden, ist dies für den Unterricht an dieser Schule garantiert nicht hilfreich. Digitalisierung ist eines der großen Ziele dieser Landesregierung. Dies muss auch für die internen Abläufe gelten.“

VBE: “Lösungen vor Ort”

Auch der VBE hat sich zu Wort gemeldet. Die Zahlen zum Unterrichtsausfall belegen nach Ansicht des Landesverbands eine Grundposition des Verbandes. „Schule geschieht immer vor Ort, deswegen müssen die Gegebenheiten vor Ort immer in den Blick genommen werden. Qualität in der Bildung erreichen wir durch passgenaue Lösungen vor Ort“, stellt der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand fest. Ein einheitliches System über Baden-Württemberg zu legen, das als Flächenland regional doch sehr unterschiedlich ist, funktioniert schlecht. Stattdessen ist ein System mit Flexibilität gefordert. Die Ergebnisse der Vollerhebung bestätigen die Position des VBE in dieser Hinsicht eindeutig“, so Brand weiter.

„Deswegen ist es elementar wichtig, dass die Staatlichen Schulämter in der Fläche bleiben“, schiebt Brand eine Forderung des VBE nach. „Aktuell sind die Verwaltungseinheiten flächendeckend verteilt, sie sind nah an den Schulen und ermöglichen so eine lokale Steuerung, die angesichts der Zahlen zum Unterrichtsausfall auch unbedingt notwendig ist“, erläutert der VBE-Landesvorsitzende. Die Zahlen der Vollerhebung belegen ihm zufolge auch, dass deutlich mehr als die Hälfte des ausgefallenen Unterrichts vertreten wird. „Wieder einmal zeigt eine Statistik, dass Lehrkräfte bereit sind, weit über das normale Maß hinaus ihren Dienst zu tun. Diese Mehrbelastung muss das Kultusministerium im Blick haben und auf den Gesundheitsschutz der Lehrkräfte achten“, mahnt Brand.

„Unterricht, der vertreten wird, kann dabei nicht immer die Qualität haben, die Baden-Württemberg braucht, um bei den Bildungsstudien wieder an die Spitze zu gelangen. Schritte, die dazu notwendig sind, moniert der VBE – sie werden aber nicht gegangen“, kritisiert der VBE-Landesvorsitzende.

Auch er fordert: „Notwendig wäre eine 110-prozentige Versorgung mit Lehrkräften um dem Unterrichtsausfall begegnen zu können. Dem VBE ist klar, dass dafür aktuell nicht genügend Lehrkräfte vorhanden sind. Langfristig muss dies aber das Ziel sein. Ebenso muss es das Ziel sein, endlich eine zuverlässige Prognose der Schülerzahlen zu erreichen.“ bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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3 KOMMENTARE

  1. Klar, dass in den Grundschulen am wenigsten Ausfall verzeichnet wird. Auf Grund der verlässlichen Grundschule müssen wir möglichst alle Stunden vertreten. D.h. in Grippezeiten viel zusätzlicher Unterricht durch Vertretung und Einsatz von Pensionären als U70. Als L. mit halben Deputat kann dann schnell mal mehr auf dem Plan stehen. Und die Bezahlung dieser Stunden ist ein Witz. An Freizeitausgleich ist nicht zu denken, dann müsste mich ja auch jemand vertreten.

    • Die Vergütung für die Mehrarbeit ist de facto ein Witz, vorallem für tariflich beschäftigte Lehrkräfte, die ja von dieser zusätzlichen Vergütung auch noch Sozialabgaben – im gegensatz zu den beamten – abführen müssen. Da bleibt zu wenig Netto von Brutto, um in der MAV einen Anreiz zu sehen.

      Das ist auch ein Hauptgrund, warum viele Dauervertretungen ablehnen. Zwar nennt die ADO eine Überschreitung der Wochenstundenzahl um bis zu fünf zusätzliche Stunden zulässig, sie geht aber von einem Ausgleich durch Freizeit im Folgehalbjahr aus. Der Ausgleich durch Minusstunden im Folgehalbjahr ist aber für Schulleitungen, die ohnehin zu wenig Lehrkräfte haben, nicht akzeptabel. Sie drängen also auf Abrechnung der Mehrarbeit zu diesen nicht sonderlich attraktiven Vergütungssätzen. – Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

  2. Die 110% kann man formal bequem dadurch erreichen, indem die Stundenplaner per Dienstanweisung 5 zusätzliche Springstunden je Lehrkraft einbauen. An den zweiten Feierabend zuhause hat das Dezernat ja noch nie gedacht.

    Frage: Wurden in den 6,6% an den Gymnasien die ausgefallen Stunden in der Oberstufe mitgezählt? Diese werden deutlich seltener vertreten als Stunden in der Sek I. Falls ja, müsste man die Zahlen mal aufschlüsseln.

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