Meidinger kritisiert “Schweine-Zyklus” im Lehrerberuf – und fordert: Mehr Stellen für Gymnasien!

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BERLIN. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, will dem seit Jahrzehnten existierenden „Schweine-Zyklus“ bei der Lehrereinstellung ein Ende bereiten – und schlägt ein schlichtes Gegenmittel vor: Einstellungen „über Bedarf“ in Zeiten des Lehrerüberangebots – also bei den Gymnasien: jetzt!

Der “Schweine-Zyklus” beschreibt ein ökonomisches Phänomen. Foto: Tim Geers / flickr (CC BY-SA 2.0)

Eine „ausgesprochen kurzsichtige, perspektivisch allenfalls bis zum Ende der jeweiligen Legislaturperiode reichende Personalpolitik“ bei der Lehrereinstellung hat der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der Mehrheit der Bundesländer vorgeworfen. Er betont: „Dadurch, dass viele Bundesländer zu spät und dann auch überhastet auf Verschiebungen beim Lehrerarbeitsmarkt, beispielsweise den Geburtenanstieg, reagierten, verstärkten sie noch den „Schweinezyklus“ auf dem Lehrerarbeitsmarkt. Der Wechsel zwischen Lehrerüberangebot und Lehrermangel fällt daher zukünftig noch dramatischer aus als bisher schon.“

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Als Beispiel nannte er den Lehrermangel im Grundschulbereich, wo man vor einigen Jahren in einer Reihe von Bundesländern noch ein Überangebot hatte und kurzsichtig Lehramtsstudienplätze abgebaut hat, die jetzt dringend fehlten. Andererseits komme jetzt der eigentlich vor bereits vor fünf Jahren notwendige Ausbau von Lehramtsstudienplätzen zu spät und werde in weiteren fünf Jahren zu einem neuerlichen Überangebot von Grundschullehrkräften zumindest in vielen alten Bundesländern führen, wie die Prognosen der KMK und der Bertelsmann Stiftung bereits zeigten.

Mit Blick auf den Lehrerbedarf an den Gymnasien erklärte der Verbandspräsident: „Im Gymnasialbereich machen viele Bundesländer bei der Lehrerrekrutierung genau wieder denselben Fehler. Wegen des derzeitigen Überangebots gehen die Studienanfängerzahlen massiv zurück und ab 2024 werden die für die Rückkehr des neunjährigen Gymnasiums zusätzlich notwendigen Gymnasiallehrkräfte bitter fehlen!“

Als positive Ausnahme lobt Meidinger das Bundesland Bayern, das zwar auch vom Lehrermangel im Grundschulbereich betroffen sei, aber derzeit im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern ohne die massenhafte Einstellung von pädagogisch in keiner Weise qualifizierten Seiten- und Quereinsteigern auskomme und schon jetzt Modelle für die Deckung des Lehrermehrbedarfs in einigen Jahren wegen des G9 entwickle.

Kritik an hoher Zahl von Quereinsteigern

Meidinger nennt es eine der „schmerzlichsten Erfahrungen“ seiner bisherigen Amtszeit, dass insbesondere in Berlin und den neuen Bundesländern, aber auch in Nordrhein-Westfalen derzeit bei der Einstellung von Quereinsteigern fast alle bisher geltenden Qualitätsmaßstäbe über Bord geworfen werden und teilweise ein einwöchiger Crashkurs für eine dauerhafte Unterrichtstätigkeit genüge. „Damit wird nicht nur dem Anspruch an die Professionalität des Lehrerberufs ein Bärendienst erwiesen, sondern auch einer ganzen Generation von Schülern massiv geschadet, was ihren Kompetenzerwerb und ihre Zukunftschancen anbetrifft.“

Für die Zukunft mahnt der Dachverbandsvorsitzende eine über größere Zeiträume reichende, vorausschauende Personalpolitik im Schulbereich an, dazu gehörten schneller aktualisierte Lehrerbedarfsprognosen, aber auch eine Einstellung über Bedarf in Zeiten des Lehrerüberangebots, um sich für die jeweils folgenden Phasen des Lehrermangels die gut qualifizierten Lehramtsabsolventen zu sichern – und nicht wieder auf unzureichend qualifizierte Seiteneinsteiger angewiesen zu sein. Diesen rechnerischen Übergang könne man für Unterrichtsreserven, für Differenzierungsmaßnahmen und individuelle Förderung sowie die Verkleinerung von Klassen einsetzen. News4teachers

Schweine-Zyklus

Der Begriff “Schweine-Zyklus” ist keineswegs despektierlich gegenüber den Betroffenen gemeint – er beschreibt ein ökonomisches Phänomen: eine periodische Schwankung der Angebotsmenge und des Marktpreises (beziehungsweise der Nachfrage). Der Begriff ist in den Wirtschaftswissenschaften verbreitet, seit mit dem Modell Schweinepreisschwankungen ab 1925 in den USA statistisch beschrieben wurden. 

Bei hohen Marktpreisen kommt es zu verstärkten Investitionen. Diese wirken sich wegen der Aufzuchtzeit erst mit einem Verzögerungseffekt („Time Lag“) auf das Angebot aus und führen zu einem Überangebot (und Preisverfall). Viele Anbieter reduzieren ihre Produktion, die sich ebenfalls erst zeitverzögert auswirkt – und dann wiederum zu einem relativen Überschuss der Nachfrage (Angebotslücke) und dadurch steigenden Preisen führt.

Auf Arbeitsmärkten etwa führen hohe Gehälter oder allgemein gute Chancen in einem bestimmten Bereich zu einer steigenden Zahl von Studienanfängern, die dann nach mehreren Jahren gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt drängen. Die schlechteren Job-Aussichten schrecken sodann neue mögliche Studienanfänger ab. Als klassische Beispiele für solche Arbeitsmärkte in Deutschland gelten der Ingenieurberuf – und eben der Lehrerberuf.

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6 KOMMENTARE

  1. Zitat: “Als Beispiel nannte er den Lehrermangel im Grundschulbereich, wo man vor einigen Jahren in einer Reihe von Bundesländern noch ein Überangebot hatte und kurzsichtig Lehramtsstudienplätze abgebaut hat, die jetzt dringend fehlten.”

    Eben. Daran lag / liegt es nicht – nicht an den Gehältern.

    • Und die Erde ist ‘ne Scheibe.

      Die Zahl der Studienplätze für S2 hat ja ebenfalls abgenommen und dennoch gibt es mehr Abgänger mit S2-Examen als Planstellen, obwohl die Übertrittsquoten an GY gestiegen sind und zusätzliche s2-Stellen an Schulen des “längeren gemeinsamen Lernens” im SekI-Bereich geschaffen worden sind. Irgendetwas kann an Ihrer Theorie also nicht stimmen, folglich sollten Sie Ihre Arbeitshypothese noch einmal überarbeiten.

      Übrigens eine pauschale Aussage ist aufgrund unterschiedlicher Tendenzen in Ost und West schlecht möglich. Tasache ist nämlich, dass vor allem die die FNBL zuwenige Lehramtskandidaten hervorbringen – folglich also im Osten zuviele Studienplätze gestrichen worden sind. Das ist vermutlich Folge der tatsache, dass viele im Osten geborene Lehramtsstudenten im Westen studiert haben und wegen der Verbeamtungsmöglichkeiten auch dort iohren Berufseinstieg gesucht haben.

  2. Tatsache ist, dass es noch in den 1980er Jahren eine massive Lehrerarbeitslosigkeit gegeben hat. Viele mussten sich anderweitig beruflich orientieren, sozusagen als “Quer-Aussteiger”. Herr Meidinger hat das damals auch noch miterlebt als junger Lehrer. Insofern ist die Bezeichnung “Schweine-Zyklus” durchaus berechtigt. Überspitzt gesagt: Mal finden auch ausgebildete Lehrer mit guten Noten keine Stelle, und mal nimmt man jeden, der lesen und schreiben kann, als Lehrer. Und das zyklisch bis in alle Ewigkeit.
    Eins ist auch klar: Wenn immer höhere Anteile von Jahrgängen aufs Gymnasium gehen, braucht man auch mal mehr Planstellen für die Gymnasien. Denn die haben schon jetzt die größten Klassen. Ich argwöhne, dass unsere ministeriellen Prognostizierer diesen Effekt einfach unter den Tisch fallen lassen.

    • Die GY sind nicht das Problem. In Zeiten, in denen weniger geprüfte referendare als Berufseinsteiger zur Verfügung stehen als Planstellen vorhanden sind, steigt die Zahl der Versetzungsanträge von anderen Schulformen, dan denen S2-Lehrkräfte eingesetzt sind, an die GY erheblich an. Es gibt also eine Fluktuation, die die Prognosefehler ausgleicht.

      Das Dilemma an Grundschulen ist, dass zum einen die die Zahl der Studienplätze zu stark zurück gefahren worden ist, und zum danderen, dass viele der fertigen Grundschullehrkräfte nach der Verbeamtung auf Lebenszeit erst einmal in die Familienphase eintreten und danach größtenteil in Teilzeit zurückkehren. Das führt rechnerisch dazu, dass eigentlich 30% mehr Grundschullehrkräfte ausgebildet werden müssten als Planstellen vorhanden sind, um einen Personalpuffer aufzubauen, der zu einem süpäteren Zeitpunkt als Personalreserve für Dauervertretungen eingesetzt werden kann.

      • “… nach der Verbeamtung auf Lebenszeit erst einmal in die Familienphase eintreten und danach größtenteil in Teilzeit zurückkehren.”
        Und bei den Gymnasien ist das grundsätzlich anders? So allmählich haben wir auch an den Gymnasien 50-60 % Lehrerinnen (sogar bei dem Nachwuchs im Fach Mathematik), und Halbtagskräfte gibt’s da auch. Die Zahl der Teilzeitlehrer/innen müsste ja eigentlich auch den Behörden bekannt sein, so dass man Prognosen darauf stützen könnte.
        Und wieviele Gymnasiallehrer haben wir denn, die zwangsweise (also nicht aus freien Stücken) an anderen Schulformen eingesetzt sind? Manche werden doch die Gesamtschulen lieben.

        • An den Gymnasien gibt es wenigstens noch einen signifikanten Anteil Männer, die meistens Vollzeit arbeiten und ebenso meistens die Babypause nur so kurz wie möglich machen.

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