Die Geschlechterdebatte erreicht die Schulklos: Erstes Gymnasium richtet eine Unisex-Toilette ein

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BREMEN. Die US-Serie «Ally McBeal» hat die Unisex-Toiletten populär gemacht: Dort tauschen Kollegen den Büro-Tratsch und trocknen gemeinsam ihre Tränen. Auch hierzulande sind WCs für alle auf dem Vormarsch – als Zeichen gegen Diskriminierung. In Göttingen hat jetzt ein Gymnasium eins eingerichtet.

Die Geschlechter-Verwirrung hat offenbar nicht nur die deutschsprachigen Hochschulen erreicht - Beispiel aus London. Foto: flickr / Cory Doctorow (CC BY-SA 2.0)
“Geschlechtsneutrale Toilette”  – Beispiel aus London. Foto: flickr / Cory Doctorow (CC BY-SA 2.0)

Es gibt Toiletten für Frauen und Toiletten für Männer. Doch auf welche gehen Menschen, die sich weder als das eine noch als das andere fühlen? Im Alltag müssen sie sich meist entscheiden – und stehen dann mitunter gefühlt auf dem falschen Klo. In den USA und Schweden gibt es deshalb schon länger Unisex-Toiletten. Aber auch in Deutschland ist die Geschlechterdebatte auf dem stillen Örtchen angekommen.

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So haben die Grünen in Bremen, einige Schulen und Universitäten Unisex-Toiletten eingerichtet. Im Göttinger Hainberg-Gymnasium sind seit diesem Schuljahr zwei der zwölf WC-Anlagen geschlechtsneutral. «Es gab keine große Diskussion darüber», sagte Schulleiter Georg Bartelt. «Wir haben die alten Männlein-Weiblein-Symbole überklebt.» Jetzt steht nur noch schlicht «Toilette» auf den Türen der Räume.

Eine Schülerin des Gymnasiums, die im Landesschülerrat sitzt, hatte die Unisex-Toiletten angeregt. Bartelt war während seiner Studienzeit mit einem Kommilitonen befreundet, der sich unwohl mit seinem Geschlecht gefühlt hatte. «Vielleicht war ich deshalb sofort offen dafür», sagte der 61-Jährige. Die Klos für alle einzurichten sei kein großer Aufwand gewesen. Bewirkt hätten sie dagegen viel: Zwei Jugendliche hätten sich inzwischen getraut, sich zu ihrer Transsexualität zu bekennen.

Weniger Schlangen

Auch die Grünen in Bremen haben bisher nur gute Erfahrungen mit ihren Toiletten mit beziehungsweise ohne Urinal gesammelt, die es seit dem Umzug in die neue Parteizentrale im vergangenen März gibt. Die Mitarbeiter hätten darüber vorher sehr kontrovers diskutiert, sagte Søren Brand. Doch jetzt seien die Reaktionen auf die Unisex-Klos durchweg positiv. «Diese sollen nicht nur Menschen ansprechen, die sich nicht als Frau oder Mann fühlen. Sie sind auch praktikabel – um Schlangen vor einer bestimmten Toilette zu vermeiden.»

Die niedersächsische Landesregierung befürwortet Unisex-Toiletten in öffentlichen Gebäuden. «Toiletten nur für Frauen oder Männer diskriminieren trans- und intergeschlechtliche Menschen», sagte Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) im Frühjahr auf eine Anfrage aus der FDP-Fraktion. Diese baurechtlich vorzuschreiben sei aber nicht geplant. Weder in Niedersachsen noch in Bremen gibt es eine Vorgabe für Schulen, dass diese geschlechtsneutrale Toiletten einrichten müssen. Dies sei Angelegenheit der Schulträger, heißt es aus dem Kultusministerium in Hannover.

Die Hochschulen und Universitäten sind seit jeher Vorreiter, was Geschlechterfragen betrifft. Toiletten für alle haben unter anderem die Universitäten Göttingen, Lüneburg und Bremen sowie die Hochschule Hildesheim-Holzminden-Göttingen.

Die German Toilet Organization steht solchen Vorstößen gespalten gegenüber. Es sei es gut, wenn Unisex-Toiletten Diskriminierung verhinderten. «Gleichzeitig wollen wir aber zu bedenken geben, dass Unisex-Toiletten wiederum von anderen als Einschränkung wahrgenommen werden können, solange nicht auch geschlechtergetrennte Toiletten vorhanden sind», sagte Sprecher Johannes Rück. In vielen Kulturen würden gemischte Klos die Sitten oder religiöse Regeln verletzen. dpa

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13 KOMMENTARE

  1. Kann man bei großen toilettenanlagen machen, wenn die Anzahl geschlechtsspezifischer Toiletten groß genug bleibt.

    “Die Hochschulen und Universitäten sind seit jeher Vorreiter, was Geschlechterfragen betrifft.”

    Das halte ich aus den verschiedensten Gründen für das größere Problem, weil damit mehr Politik als seriöse Forschung gemacht wird.

    • in der praxis dürfte die unisex-Toilette ohne trifftigen Grund ohnehin kaum von Mädchen benutzt werden. Daher und wegen der pissoirs wurden wahrscheinlich jungentoiletten umgewidmet.

          • Das bedeutet nichts, wenn man die Aussagenlogik betrachtet:
            “Biologisches Mädchen -> benutzt Sitztoilette wie gedacht”
            “benutzt Pissoir wie gedacht -> biologischer Junge”
            Diese Aussagen sind logisch äquivalent zueinander. Insbesondere kann man aus “benutzt Sitztoilette wie gedacht” nicht auf das biologische Geschlecht des Benutzers und aus “biologischer Junge” nicht auf das bevorzugte Toilettenmodell schließen.

  2. Wenn es genug Toiletten in einer Einrichtung gibt, in denen Männer und Frauen getrennt ihre Geschäfte machen können, spricht nichts gegen eine Toilette ohne Zuordnung; auch Behindertentoiletten sind aus praktischen Gründen i.d.R. nicht einem Geschlecht zugeordnet. Ärgerlich und unnötig ist dagegen, die Sache als Werbeaktion für Transsexualität aufzuziehen. Es handelt sich um wenige Promille der Bevölkerung, für die ein unangemessener Wirbel gemacht wird.

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