Verpasste Chancen: Migrantenkinder besuchen seltener eine Kita

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BERLIN. Kinder aus Migrantenfamilien besuchen immer seltener eine Kita. Das geht aus einer Bilanz des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hervor. Damit werden dem Expertengremium zufolge wichtige Chancen versäumt. Andererseits gibt’s Lob für die Schulen: Die Integration von Flüchtlingskindern sei gut gelungen.

«Fast täglich sind da Kinder, die krank in die Schule kommen und um 8.20 Uhr vor mir stehen und fragen, kann ich nach Hause.», Birgit Dittmer-Glaubig von der Mittelschule Simmernstraße. Pexels / Pixabay (CC0 Public Domain)
Bei Kindern aus Einwandererfamilien sinkt der Anteil derjenigen, die eine Kita besuchen. Foto: Pexels / Pixabay (CC0 Public Domain)

Dass innerhalb kurzer Zeit so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war für die staatlichen Behörden und Institutionen laut SVR ein Stresstest – nicht nur bei der Erstaufnahme, Unterbringung oder bei Asylentscheidungen, sondern auch im Bildungssystem. Im Bildungsbereich habe die Herausforderung vor allem darin gelegen, die geflüchteten Kinder ohne Vorlaufzeit in den schulischen Alltag zu integrieren. Inzwischen lasse sich sagen, dass staatliche Institutionen mit erheblicher Unterstützung von Wohlfahrtsverbänden und Ehrenamtlichen die Herausforderung der Flüchtlingsaufnahme grundsätzlich bestanden haben – einschließlich der Schulen, so bilanzieren die Wissenschaftler.

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SVR-Mitglied Prof. Dr. Claudia Diehl kommentiert: „Die organisatorische Leistung und das große Engagement, die dies in der ganzen Bundesrepublik ermöglicht haben, verdienen höchste Anerkennung. Von den sechs- bis zwölfjährigen Flüchtlingen, die zwischen 2013 und 2016 eingereist waren, gingen im Jahr 2016 bereits 95 Prozent zur Schule. Ein Erfolg ist auch, dass einige zentrale Bildungskennziffern stabil geblieben sind oder sich sogar verbessert haben. So hat zum Beispiel der Anteil der Jugendlichen der ersten Zuwanderungsgeneration, die eine Gesamtschule besuchen, weiter zugenommen.“

„Allerdings“, so schränkt Diehl ein, „gibt es auch Entwicklungen, die Sorge bereiten. So hat sich der Anteil der selbst zugewanderten Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben, mehr als verdoppelt. Zudem ist die frühkindliche Betreuung bei Kindern mit Migrationshintergrund leicht rückläufig. Weiterhin besuchen Kinder mit Migrationshintergrund deutlich seltener eine Kita als Kinder ohne Migrationshintergrund.“

Kita-Plätze werden knapper

2018 wurde nur noch ein Fünftel der Kinder mit Migrationshintergrund in einer Kita betreut – 2015 waren es noch zwei Prozent mehr. Bei den älteren Kindern bis sechs Jahre ist der Unterschied noch eklatanter: Der Anteil der betreuten Drei- bis Sechsjährigen sank im gleichen Zeitraum von 90 auf 82 Prozent. Für Familien ohne Migrationshintergrund dagegen stieg der Anteil der betreuten Kinder im Untersuchungszeitraum leicht an – bei den unter Dreijährigen auf 41 Prozent, bei den älteren Kindern auf 99 Prozent. Die Betreuungsplätze seien über die Jahre knapper geworden. Gerade für Familien mit Migrationshintergrund könne es schwierig sein, einen Kitaplatz für ihr Kind zu finden. Damit werde die Chance vertan, eine neue Sprache in einem Alter zu lernen, in dem Kinder dazu besonders gut in der Lage seien, so betont Diehl.

Der SVR empfiehlt deshalb, die Angebote frühkindlicher Betreuung weiter auszubauen und Zuwandererfamilien gezielt darauf anzusprechen, um Startnachteile auszugleichen. Für ältere zugewanderte Jugendliche sollte der Zugang zu Bildungseinrichtungen flexibler gestaltet werden, damit sie Bildungsabschlüsse nachholen können. Bei Menschen mit wie ohne Migrationshintergrund ist Bildungserfolg weiterhin noch zu stark von der sozialen Herkunft abhängig. Das bleibt eine der Baustellen im Einwanderungsland Deutschland. „Insbesondere im Bildungsbereich sind hier stärkere Anstrengungen erforderlich“, sagte der SVR-Vorsitzende Thomas Bauer.

Der SVR empfiehlt vor allem, die Angebote frühkindlicher Betreuung weiter auszubauen und Zuwandererfamilien gezielt darauf anzusprechen, um Startnachteile auszugleichen. Für ältere zugewanderte Jugendliche sollte der Zugang zu Bildungseinrichtungen flexibler gestaltet werden, damit sie Bildungsabschlüsse nachholen können. Bei Menschen mit wie ohne Migrationshintergrund ist Bildungserfolg weiterhin noch zu stark von der sozialen Herkunft abhängig. Das bleibt eine der Baustellen im Einwanderungsland Deutschland. News4teachers / mit Material der dpa

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2 KOMMENTARE

    • Deswegen fordere ich ja auch, das letzte Jahr, ggf. besser die beiden letzten Jahre vor der Einschulung verpflichtend und kostenlos zu machen. Ein kostenpflichtiges drittes Bonusjahr an der Kita gibt es bei einem nicht bestandenen Sprachtest.

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