Pornos sind schon für Siebtklässler Alltag: Wie das Smartphone die Schulwelt verändert

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MÜNCHEN. Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder auch negative Erfahrungen. Sie werden nicht nur gedisst, sondern kommen ungewollt auch mit Sex und Gewalt in Berührung. Vieles davon fällt unter das Strafrecht.

Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung sowie Erpressung per Smartphone gibt es den Experten zufolge an nahezu jeder Schule. Foto: Shuttesrtock

Es sind nur ein paar wenige Klicks, schon ist der Kopf der Klassenkameradin auf den Körper der Pornodarstellerin montiert und das Sex-Video an die ganze Jahrgangsstufe verschickt. Die Betroffene wird kurz darauf mit Nachrichten bombardiert – mit Worten und Aufforderungen, die üblicherweise nicht in einer Zeitung stehen. Die Folgen für die Jugendliche kann sich jeder ausmalen. Ein Einzelfall? Bei weitem nicht, betonen Lehrer und Polizisten unisono.

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Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung sowie Erpressung per Smartphone gibt es den Experten zufolge an nahezu jeder Schule. Doch oft genug bekommen die Erwachsenen diese Fälle gar nicht mit. Die Täter polieren auf diese Weise ihr Selbstbewusstsein auf, die Mitwisser halten aus Angst lieber die Klappe, die Opfer schweigen aus Scham – und allen zusammen ist oftmals nicht bewusst, dass Grenzen verletzt werden, die zu überschreiten noch vor kurzem undenkbar schien.

«Die Welt da draußen, so verroht sie manchmal ist, so schlampig und vulgär, so sexistisch und rassistisch und antisemitisch, ist in der Welt der Kinder angekommen», schildert Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Eine große Rolle spielen dabei die sozialen Medien, die die Kommunikation in unserer Gesellschaft verändert haben – und damit auch die Kommunikation in den Schulen.

«Live im Pausenhof jemanden zu mobben, ist sichtbar. Da kann man sofort reagieren», schildert Fleischmann. «Im Netz herrscht die Anonymität. Da schreibt man leicht, was man jemandem so nie ins Gesicht gesagt hätte.»

Die Opfer wechseln die Schule

Doch während die Täter sich tatsächlich immer wieder in der Anonymität des Netzes verstecken können, sieht es für die Opfer ganz anders aus: «Derjenige, der dieses Nacktbild mit meinem Kopf gestern in die Klassenchatgruppe gestellt hat, begegnet mir am nächsten Tag im Klassenzimmer, und alle anderen begegnen mir auch. Damit ist die digitale Anonymität überschritten, und das packen die Jugendlichen nicht», berichtet Fleischmann. «Das führt zu echten psychischen Krankheiten und zur Vermeidung der Gruppe, die das alles mitgekriegt hat.» In aller Regel sind es die Opfer, nicht die Täter, die in schlimmen Fällen die Schule wechseln.

Das Fatale ist: «Die Opfer suchen die Ursachen bei sich. Das führt zu ganz massiven Selbstwertschädigungen», erklärt Ilka Hoffmann, Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW. Die meisten zögen sich stark zurück. Während Jungs manchmal aggressiv würden, komme es bei Mädchen häufiger zu selbstverletzendem Verhalten.

Das erleben auch Esther Papp und Cem Karakaya immer wieder. Sie befassen sich am Polizeipräsidium München mit Prävention und haben täglich mit Sexting, Sextortion, Cybermobbing und Cybergrooming zu tun – Begriffe, die viele Eltern noch nie gehört haben, im Leben vieler Kinder aber Alltag sind.

Unter Sexting versteht man die zunächst freiwillige, sexuell motivierte Kommunikation – also das gegenseitige «Scharfmachen» durch Chatnachrichten oder freizügige Aufnahmen, die unter Jugendlichen oft als Liebesbeweis eingefordert werden. Sextorsion wird daraus, wenn diese Bilder oder Videos zur Erpressung eingesetzt werden. Cybermobbing ist das Fertigmachen und Bloßstellen Einzelner über digitale Medien, meist über einen längeren Zeitraum. Und Cybergrooming ist die digitale Kontaktaufnahme zu Minderjährigen mit dem Ziel, ein digitales oder reales sexuelles Verhältnis zu beginnen. Oft geben sich dabei erwachsene Täter als Jugendliche aus.

Exakte Zahlen zu diesen Phänomenen gibt die Kriminalstatistik nicht her. Lediglich der Besitz und die Verbreitung pornografischen Materials durch Schüler wird erfasst – allerdings auch nur die geklärten Fälle. Nach den jüngsten Daten von 2017 waren dies gerade einmal 116. Doch selbst das Landeskriminalamt geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.

Polizei: Wir könnten täglich an jeder Schule Hunderte von Schülerhandys beschlagnahmen

«Wir könnten als Polizei pro Tag pro Schule mindestens 400 Handys beschlagnahmen und Anzeigen erstellen», ist Karakaya überzeugt. Der Beamte geht regelmäßig an Münchner Schulen, um das Bewusstsein der Heranwachsenden zu schärfen. Völlig nüchtern resümiert er, dass Pornos für Siebtklässler inzwischen Alltag sind, die Zwölfjährigen zugleich aber kein Bewusstsein dafür hätten, dass vieles von dem, was ihnen täglich in den sozialen Netzwerken begegnet, Straftaten sind: etwa Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild oder des höchstpersönlichen Lebensbereiches.

«Wir möchten die Täter nicht bloßstellen», sagt Karakaya über den Ansatz der polizeilichen Präventionsarbeit. «Stattdessen soll jedes Kind nachvollziehen können, wie sich die Opfer fühlen.» Diesen geben die Beamten den Ratschlag, sich so früh wie möglich an einen verantwortlichen Erwachsenen zu wenden, Übergriffe etwa per Screenshot zu dokumentieren und im Zweifel auch Anzeige zu erstatten, «um zu zeigen, dass du dir nicht alles gefallen lässt, dass du nicht das Opfer bist, dass du dich wehrst».

«Das sind knallharte Sachen, die die Jugendlichen psychisch gar nicht verarbeiten können», erlebt auch Papp immer wieder. Die Folgen reichten bis hin zum Suizid. Karakaya rät den Schülern deshalb, sich immer zwei Fragen zu stellen, bevor sie etwas posten: «Muss das sein? Und kann es sein, dass ich es später – vielleicht schon morgen – bereue?» Oft erlebe er, dass die Schüler regelrecht schockiert seien, wenn er ihnen zeige, welche Informationen Facebook & Co. über sie preisgeben.

Karakaya und Papp wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Sie sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung – doch die setzten sich mit den Gefahren der digitalen Welt viel zu selten auseinander, geschweige denn, dass sie den Weg mit ihren Kindern gemeinsam beschreiten würden. «Es ist ja bequem, wenn die Kinder mit ihren Smartphones in ihrem Zimmer verschwinden», bilanziert Papp. «Doch hinterher ist das Geschrei groß, wenn was passiert ist.» Von Elke Richter, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wegen Mobbing: Meidinger will Handyverbot für Schüler bis 14

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12 KOMMENTARE

  1. Gesegnete neue Medien, die ja ach so unentbehrlich in dieser Welt sind – und nur kein Smartphone-Verbot an Schulen. Die Kinderlein könnten sonst in den Pausen gar keine Pornos gucken.
    Wo sind denn all die Medienpädagogen, die das Smartphone-Verbot an Schulen kritisieren und deren Konzepte gegen diese Art von Nutzung?

    • Glauben Sie ernsthaft, die Probleme würden durch ein Handyverbot an den Schulen geringer, zumal es ein solches Verbot ja an durchaus vielen Schulen gibt? Das ist doch völlig naiv, das meiste (ich würde sagen über 90%) geschiet doch nicht auf dem Schulhof, sondern zu Hause.

      An meiner Schule ist die Handynutzung für jüngere Schüler verboten, weil wir festgestellt haben, dass diese in der Pause wie blöd Spiele daddeln. Die unappetitlichen “Pornoprobleme” (Pornos, Schülernacktfotos usw.), Beleidigungen im Chat oder Mobbing usw. haben wir trotzdem, sie sind aber in erster Linie kein Schulhofphänomen, diese Straftaten geschehen in aller Regel im Kinderzimmer.

  2. Bei mir gab es das schon in Klasse 3. Der große Bruder guckt Pornos, da guckt man mit und versendet via Whatsapp an die Klassenkameraden den Link. Raus kommt es, wenn schockierte Kinder eben doch offen mit den Eltern reden und dann die Klassenlehrerin informiert wird. Am Elternabend thematisierte Problematik wird müde lächelnd gerade von den Eltern abgewinkt, deren Kinder voll dabei sind. Ältere Schüler teilen es schon auch den Eltern mit, allerdings wollen sie nicht, dass die Eltern handeln, aus Angst dann selbst in die Mobbingfalle zu tappen. Die Elterngeneration jetzt ist zum Teil noch völlig überfordert mit den neuen Medien und die Lehrer haben zum Teil Probleme mit dem einfachen Umgang mit dem PC und verweigern zum Teil die Realität. Eine Forderung : Handy ab 14 ist absurd, wenn doch die Überwachung dieses Gesetztes gar nicht möglich ist.
    Aufklärung ist nötig und das in Schule und Elternhaus. Den Kindern die nicht mitmachen müssen Handlungsoptionen angeboten werden wie anonyme Meldestellen. Und Konzerne müssten höhere Strafen zahlen, wenn sie nicht prüfen, ob die Altersgrenzen nicht eingehalten werden.
    Eventuell wäre ein youtube18 nötig, auch wenn das nicht alle schützt( es gibt immer Eltern, die ihre Kinder an die Accounts lassen), so doch zumindest einen Teil.

    Realität ist, dass die Medien unsere (kleinen) Kinder nicht wirklich bereichern. Die Augen werden schlechter, die Aufnahmekapazität des Gehirns wird verringert. Die Folgen der Strahlungseinwirkungen sind noch gar nicht absehbar. Ständige Erreichbarkeit führt zu Schlafmangel und Erschöpfung und damit schaffen sie Einstiege in die Depression.
    Es wird sich zu wenig bewegt, daraus folgt eine verminderte Gesundheit.
    Die gesundheitlichen Folgekosten sind nicht absehbar.
    Verdienen und profitieren werden nur einige wenige Großkonzerne, deren Verflechtungen für den Durchschnittsmenschen nicht mehr erkennbar sind.

    • Warum ist eine Forderung Smartphone ab 14 absurd? Zigaretten ab 18 ist das dann nicht auch absurd? Wenn ein Gegenstand so viele negative Folgen für die Entwicklung von Kindern hat sollte man schon mal darüber nachdenken (dürfen). Natürlich ist es schwer dieses Gesetz zu überwachen – ebenso wie beim Rauchen. Es würde aber vielleicht ein Bewusstsein bei den Eltern und in der Gesellschaft dafür geschaffen, welche negativen Folgen die Smartphone-Nutzung für die Kinder (aber auch für Erwachsene) hat (Sie haben ja oben noch weitere aufgezählt).
      Für Kinder unter 14 gibt es dann halt Tastenhandys, mit denen man telefonieren aber nicht ins Internet kann.

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