Schleicher zum Lehrermangel: Geld allein macht den Beruf nicht attraktiv

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BERLIN. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, marode Schulen und übervolle Hörsäle – über das deutsche Bildungssystem wird viel geschimpft. Im internationalen Vergleich steht es aber ganz gut da, wie der alljährliche Vergleich der Bildungsausgaben von OECD-Staaten zeigt. In Sachen Lehrermangel meldet sich der PISA-Koordinator Andreas Schleicher zu Wort. Er meint: Die Erhöhung der Bezüge reiche nicht aus, um den Lehrerberuf attraktiv zu machen – es fehle an Gestaltungsmöglichkeiten.

Kritisiert die bürokratische Struktur des Lehrerberufs in Deutschland: OECD-Direktor Andreas Schleicher. Foto: SPÖ / Mag. Gisela Ortner / flickr (CC BY-SA 2.0)

Das deutsche Bildungssystem bekommt im internationalen Vergleich gute Noten für Vorschule, Kita und höhere Abschlüsse. Nachholbedarf gibt es dagegen bei der Grundschulfinanzierung und bei der Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Das geht aus dem jährlichen Ländervergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor, der am Dienstag in Berlin vorgelegt wurde. In dem mehr als 500 Seiten starken Bericht werden die Bildungssysteme und Bildungsausgaben der 36 OECD-Länder und zehn weiterer Länder miteinander verglichen.

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Lob für Deutschlands Engagement in der frühkindlichen Bildung

Deutschland investiere mehr in frühkindliche Bildung pro Kind als der Durchschnitt der OECD-Länder, heißt es in der Studie. «Das finanzielle Engagement in diesem Bereich ist klar zu begrüßen», sagte der stellvertretende OECD-Generalsekretär Ludger Schuknecht. Fast alle Drei- bis Fünfjährigen besuchen in Deutschland inzwischen eine Kita oder eine andere Betreuungseinrichtung. Die Quote sei zwischen 2005 und 2017 von 88 auf 95 Prozent gestiegen. Lob gibt es auch für den Betreuungsschlüssel in der Vorschule. Auf eine Lehrkraft kommen demnach in Deutschland neun Kinder. Im Durchschnitt der OECD-Länder sind es 16 Kinder.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz und hessische Bildungsminister Alexander Lorz (CDU) sagte: «Deutschland punktet mit einer hohen Bildungsbeteiligung von der frühkindlichen Bildung an, mit einem hohen Qualifizierungsgrad und mit einer dualen Berufsausbildung, die für einen gelingenden Einstieg ins Berufsleben und eine überdurchschnittliche Beschäftigungsquote sorgt.»

Bei den Gesamtausgaben für Bildung liegt Deutschland mit 4,2 Prozent der Wirtschaftsleistung leicht unter dem OECD-Schnitt. Es gebe hierzulande allerdings auch weniger Kinder und eine ältere Bevölkerung, sagte Schuknecht. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) wies darauf hin, dass sich die deutschen Bildungsausgaben von 2008 bis 2018 mehr als verdoppelt hätten.

Je höher der Schulabschluss, desto besser die Berufs- und Verdienstaussichten

Weiterhin gilt in allen OECD-Ländern: Je höher der Abschluss, desto besser die Berufs- und Verdienstaussichten. Immer mehr junge Menschen streben höhere Abschlüsse an. 2018 hatte jeder dritte junge Erwachsene in Deutschland einen Hochschul- oder vergleichbaren Abschluss in der Tasche, zehn Jahre zuvor war es nur jeder Vierte. Dass die Zahl der Studenten in Deutschland trotzdem im Ländervergleich immer noch vergleichsweise niedrig ist, begründen die OECD-Experten damit, dass die duale Berufsausbildung mit Praxis und Berufsschule einen so hohen Stellenwert habe.

Gute Noten bekommt Deutschland für die «MINT»-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Absolventen dieser Fächer sind besonders gefragt. Deutschland liegt bei der Anzahl der Abschlüsse hier deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

Trotzdem ist nicht alles gut im deutschen Bildungssystem. Der OECD-Bericht sieht zum Beispiel Probleme bei der Finanzierung der Grundschulen: Dort, wo am ehesten Bildungsnachteile ausgeglichen werden könnten, seien die Investitionen in Deutschland vergleichsweise niedrig, heißt es. Und Defizite gibt es auch bei der Geschlechtergerechtigkeit. Zwar erreichen inzwischen ungefähr gleich viele Männer und Frauen höhere Abschlüsse, aber beim Gehalt haben Frauen dann trotzdem das Nachsehen. «Das Verdienstgefälle ist in Deutschland auf höheren Bildungsstufen größer als im Durchschnitt der OECD-Länder, insbesondere unter den 35- bis 44-Jährigen», heißt es.

Deutschlands Lehrer liegen beim Verdienst mit an der Spitze

Beim Dauerthema Lehrermangel gibt es interessante Befunde der OECD-Bildungsforscher. Am Geld allein kann es demnach nicht liegen: Deutschland sei in Sachen Verdienst eines der besten Länder für Lehrer. Zum Berufseinstieg verdienen sie in Deutschland zum Teil doppelt so viel wie im OECD-Durchschnitt. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sagte im Gespräch: «Es reicht nicht, den Lehrerberuf finanziell attraktiv zu machen.» Man müsse ihn intellektuell deutlich attraktiver machen, mit spannenden Karrieren, vielfältigeren Aufgabenbereichen und mehr Freiräumen in den Schulen. «Das ist immer noch ein sehr industrielles Arbeitsmodell, das es da bei uns gibt. Da sind viele Länder weiter». Von Jörg Ratzsch, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Schleicher vergleicht Schulen mit Lernfabriken – und meint: «In Deutschland ist der Lehrerberuf intellektuell zu unattraktiv»

 

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7 KOMMENTARE

  1. “Man müsse ihn [den Lehrerberuf] intellektuell deutlich attraktiver machen”, so wird Schleicher oben zitiert. Ich höre aber immer nur, dass alles Intellektuelle dem Lehrerberuf mehr und mehr fremd werden muss, dass Lehrer sowas ähnliches werden wie Sozialarbeiter, die die basalen Erziehungsaufgaben der Eltern übernehmen, die diese gemäß Art. 6 GG eigentlich hätten, einschließlich Grundkenntnisse der deutschen Sprache. Der Philologenverband wird doch nur als “elitär” abgewatscht, wenn er darauf insistiert, dass das Gymnasium auch der Wissenschaftspropädeutik in verschiedenen Fächern und der Studierfähigkeit dient. Interesse für ein Schulfach (etwa eine Philologie oder Naturwissenschaft) als Motivation zum Lehrerberuf ist “out”. Das war einmal. Solche Leute stören heute nur die progressiven Schulreformen mit dem “Change Management” und dem “Monitoring”. Nur die soziale Gerechtigkeit, das soziale Lernen sowie Inklusionskompetenz zählen noch als Ziele. Alles Intellektuelle wird als Element “bildungsbürgerlicher Segregation” aus der Schule mehr und mehr eliminiert.
    Schleicher scheint von der Wirklichkeit (bzw. der für die Zukunft angekündigten Wirklichkeit) weit abgehoben zu sein. Wie sagte ein Engländer in einem Vortrag sinngemäß: “from the very high perspective in an airplane you see nothing but clouds.”

  2. … haben die höchste Wochenstundenverpflichtung plus Aufsichten plus Vertretungsstunden;
    … haben mindestens Fakultas für zwei Fächer;
    … müssen im Gegensatz zu anderen die versetzungs-/abschlussrelevanten Klausuren selber korrigieren
    … haben in D auch andere lebenshaltungskosten als in anderen Ländern und einen höheren Steuersatz;
    … die Bezüge der lehrkräfte sehen Kaufkraft bereinigt nicht mehr so “gut” aus.

    • Lebenshaltungskosten werden ja gerne angeführt, warum hohe Gehälter gar nicht hoch seien. Die Lebenshaltungskosten sind aber überall anders. In ländlichen Regionen sind Mieten ggf. eher gering, das Lehrergehalt ist aber genauso hoch wie in der Großstadt (trotzdem sollen die eine Buschzulage bekommen).

      In Berlin mit dem derzeit höchsten Einstiegsgehalt für Lehrer (5300,-) soll es bald einen Mietendeckel geben. Niemand soll mehr als 30% seines Haushaltseinkommens für die Miete ausgeben. Werden bzw. dürfen dann nach Ihrer Argumentation, dicke bank, die Lehrergehälter dann auch wieder sinken? Die brauchen dort dann ja nicht mehr so viel (z.B. für hohe Mieten) ?!?

  3. Zitat: “Er meint: Die Erhöhung der Bezüge reiche nicht aus, um den Lehrerberuf attraktiv zu machen – es fehle an Gestaltungsmöglichkeiten.”

    Na das stimmt doch auch. Wir Lehrer verdienen gut. Dass wir jetzt einen Lehrermangel haben, liegt vor allem und zuerst an den Fehlplanungen und “Überraschungen” der letzten Jahre und Jahrzehnte. Wie der KMK-Präsident im Fernsehen sagte, gibt es keinen Mangel an Bewerbern für die Lehramststudiengänge, alle Plätze sind belegt – ohne dass es in vielen Bundesländern bereits ein A 13 für alle gäbe.

  4. Ich kann über meinen Verdienst nicht meckern. Ich verdiene gut und die verbeamteten Kolleginnen und Kollegen auch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, die einen Abschluss an der Universität absolviert haben. Ich bin aber auch seit 20 Jahren Lehrer und erlebe, dass die Aufgabenbreite immer mehr zunimmt.
    Aktuelles Problem: Im letzten Kalenderjahr lagen die Druckkosten je Schüler um 2 Cent über den Schnitt der anderen Schulen. Dazu ist ein Bericht mit Erklärung fällig.
    Seiteneinsteiger werden bei uns nicht qualifiziert – dafür ist gar nicht die Zeit da, die werden eingestellt, weil die Hütte brennt. Das “Anlernen” erfolgt im laufenden Betrieb.
    Zum dritten Mal in diesem Jahr ist ein Fragebogen fällig, der in jeweils abgewandelter Form mit über 60 Fragen den Entwicklungsstand der digitalen Infrastruktur und der pädagogischen Qualifizierung des Personals abfragt.
    Wie in den Monaten vorher hat sich die Zahl der PCs nicht erhöht, ein WLAN wird es auch in absehbarer Zukunft nicht geben, einen Handyempfang lässt das Gebäude nicht zu, private Geräte dürfen in der Schule nicht genutzt werden.
    Mit so einem Pillepallekram schlägt man sich rum, füllt irgendwie nebenbei die nicht besetzten Inklusionsstellen und ist nur noch als Feuerwehr aktiv und nicht als aktiver Gestalter.
    Schlicht: Die Rahmenbedigungen haben sich verschoben. Das Berufsbild “Lehrerin/Lehrer” ist heute umfangreicher als vor 5 jahren, deutlich umfangreicher als vor 20 Jahren- mit Aufgaben, für die man ebenfalls nicht qualifiziert wurde, sondern was sich jede Lehrkraft selbst aneignen muss.
    Und das alles läuft unter dem Deckmantel, Schulen und Lehrkräften mehr Gestaltungsspielräume zu geben – was in der Praxis meint: Man lässt alle im Regen stehen.

    • “Ich verdiene gut und die verbeamteten Kolleginnen und Kollegen auch im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, die einen Abschluss an der Universität absolviert haben.”

      Ich verdiene auch gut. Die angestellten Lehrer schon deutlich weniger gut. Absolventen aus dem MINT-Bereich würden in der freien Wirtschaft bei deutlich besseren Arbeitsbedingungen aber deutlich mehr Geld verdienen (auch pro Jahresarbeitsstunde). Dem Rest Ihres Kommentares stimme ich zu, besonders dem letzten Absatz.

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