Bücher bleiben unverzichtbar – beim Lesen am Bildschirm bleibt weniger hängen

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DORTMUND. Lesekompetenz gilt als zentral für den Bildungserfolg und auch die Digitalkompetenz ist eng mit der Lesekompetenz verbunden. Doch bei vielen hapert es daran. Digitale Medien dürfen das Buch nicht ersetzen, warnen Experten.

Lesen ist das A und O. Lesekompetenz gilt als zentraler Schlüssel zum Bildungserfolg. Aber wie viel Buch muss bleiben und wie digital darf es werden, wenn Kinder lesen lernen? Nicht nur die aktuellen Ergebnisse der ICILS-Studie haben diese Frage wieder in Fokus gerückt. Wissenschaftler machen spannende Beobachtungen, wie das Gehirn reagiert, wenn es den komplexen Vorgang «Buch-Lesen» meistern soll oder wenn man es digital füttert.

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Lesen ist eine elementare Voraussetzung für das Lernen. Foto: Berliner Büchertisch / flickr (CC BY-SA 2.0)

Beim Lesen eines Buches bleibe mehr hängen, es habe auch einen höheren Anspruch, ist der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer überzeugt. «Beim Bildschirm-Lesen flackert jeder Blödsinn rüber, jeder kann irgendwas schreiben und per Knopfdruck in die Welt senden.» Er betont: «Lesen lernt man durch Lesen. Wenn nur noch kurze Nachrichten über kleine Bildschirme gelesen werden, ist das hochproblematisch.»

Und: «Lesen bildet, Daddeln nicht» – auch elektronische Lehrbücher verführten zum Daddeln, beobachtet der Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Digitale Medien hätten in Grundschulen nichts zu suchen. Mit Verweis auf Untersuchungen von Wissenschaftlern und Kinderärzten warnt Spitzer: Digitaler Medienkonsum schade im Kindergartenalter der Sprachentwicklung und führe im Grundschulalter zu Störungen der Aufmerksamkeit.

Bei der Lesekompetenz von Kindern in Deutschland hapert es erheblich, wie bei Studien festgestellt wurde. Laut Stiftung Lesen hat jedes fünfte Grundschulkind Probleme beim Lesen. Lernforscherin Katharina Scheiter sagt, dass Kinder und Jugendliche durchaus viel lesen. Das sei ermutigend. «Aber das Leseverhalten hat sich durch die Digitalisierung verändert, auch jüngere Kinder lesen schon digital.» Bei längeren Texten, die auf dem Handy, Tablet, am PC- oder Laptop-Bildschirm gelesen würden, gebe es Schwierigkeiten, das Gelesene tiefer zu verarbeiten und im Gedächtnis abzuspeichern, erklärt die Psychologin vom Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

Wie Lesefähigkeit mit – mäßigen – Digital-Komptenzen der Schüler zusammenhängt

Mit den digitalen Medien gewinne man anreichernde Quellen wie Erklärvideos, Bilder, Grafiken, Animationen – ein Plus. «Die große Frage ist aber: Wie bekommen wir das alles gut verknüpft?» Es bereite Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen Schwierigkeiten, die Inhalte der verschiedenen Quellen einzeln zu verstehen und in Bezug zueinander zu stellen.

Scheiter zufolge sollte die digitale Variante vor allem unterstützenden Charakter haben – sofern sie einen didaktischen Mehrwert habe. Zuhause wie in der Schule müssten Kinder in die digitale Nutzung eingewiesen werden. «Es darf auch im Unterricht nichts ungeleitet geschehen und Schüler dürfen mit dem multimedialen Angebot nicht überfordert werden.» Eine Chance sieht sie dafür, die Schere zwischen bildungsschwachen und -affinen Familien etwas zu schließen: «Digitale Medien haben für die individuelle Förderung ein hohes Potenzial. Man kann viel besser differenzieren.» Die Klassen seien sehr heterogen, bedingt auch durch unterschiedliche soziale Herkunft – hier lasse sich digital gut ansetzen.

Die Zukunft des Lesens – oder: Was macht die zunehmende Zahl digitaler Angebote mit den Lesern?

Hirnforscher und Psychologe Peter Gerjets schaut aufs Gehirn. «Digitales Lesen heißt auch multimediales Lesen, mit Hyperlinks, bewegten und interaktiven Grafiken, Animationen – solche digitalen Leseelemente können das Gehirn stark beanspruchen», erläutert der Experte vom IWM. Das habe sich auch bei Untersuchungen mittels EEG – Stromsignale werden dabei an der Kopfhaut abgelesen – gezeigt. Ein Beispiel: Bei einer Internet-Suchaufgabe beobachten die Forscher des IWM sehr viel Aktivität im Frontalbereich des Gehirns.

«Lesen im Internet ist anstrengender und tendenziell oberflächlicher», so Gerjets. «Ressourcen, die für ein tiefes Lesen nötig wären, werden leicht durch Klicken und Multimedia verschwendet.» Das längere Lesen funktioniere am Bildschirm oder Screen nicht so gut wie das Lesen eines Buches. Auch er betont: Das Lesen auf Papier, das Lesen längerer Texte in Büchern sei sehr wichtig. «Das muss unbedingt bleiben. Was man dabei lernt – Konzentration, Gedankengänge länger verfolgen – erweitert das Gehirn.»

Verändert sich unsere Schaltzentrale im Kopf, wenn sie von Kindheit an immer stärker auf digital umschaltet? Der Grundmechanismus des Gehirns ändere sich zwar nicht, die synaptische Struktur aber schon, erklärt Gerjets. «Was nicht aktiviert wird, wird abgebaut. Da ist das Gehirn wie ein Muskel, den man trainieren muss: Use it or lose it.» (Yuriko Wahl-Immel, dpa)

Daddeln und chatten: gut! Arbeiten und informieren: mangelhaft! Deutsche Schüler zeigen sich erneut nur mäßig digital kompetent

 

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5 KOMMENTARE

  1. Man sollte bei den ganzen Aussagen unterscheiden, WAS genau gelesen wird.
    Bedeutet “Digitales Lesen” auch das Lesen eines Kinderbuches als e-book, bei dem Text und Bilder dem Buch entsprechen. Ist dann das Lesen des gleichen Textes auf einem Bildschirm nachteilig?

    Oder bedeutet “Digitales Lesen” das Lesen z.B. im Vergleich zu 1 Seite Sachtest das Erfassen von mulitmedialen Texten im weiteren Sinne mit Links, interaktiven Grafiken etc.
    Über welche Weise würden gleiche Informationen, die auf unterschiedliche Weise verpackt sind, besser von wem erfasst?

    Letztlich steht zudem die Frage im Raum, wann man was lernt. Man braucht doch beides.
    Durch vergleichende Studien hat sich in den letzten 15 Jahren auch in Deutschland das angloamerikansiche Literacy-Konzept weiter verbreitet, das beim Lesen vermehrt nicht allein erzählende Texte, sondern vielmehr auch Grafiken, Tabellen, Übersichten, etc. einbezieht.
    Dies hat m.E. seine Berechtigung, da auf diese Weise häufig Informationen weitergegeben werden.

    Das Erlernen von “Digitalem Lesen” als Informationsaufnahme statt Daddeln gehört dann auch dazu.
    Dabei habe ich Vorstellungen davon, wie dies methodisch erfolgen könnte, auch dazu, wie man dies differenzieren könnte, eine technisch sinnvolle Umsetzung im Unterricht durch pädagogisch aufbereitete Materialien sehe ich noch nicht.

    • Es gibt Forschungsbefunde, dass auch derselbe Text auf Papier – besser – aufgenommen wird. Beim richtigen Lesen liest man nicht nur einmal über eine Stelle, man springt bei anspruchsvollen Texten vor und zurück, z.B. um einen Namen nochmal nachzuschauen. Das Gehirn speichert erstaunlicherweise auch Nebeninformationen, z.B. wo auf der Seite und wo im Buch etwas stand, so wie wir das im sonstigen Leben ja auch kennen. Im E-Buch geht das alles nicht. Ergebnis: man behält weniger. Das hat mich auch erstaunt. Natürlich können gute Leser das kompensieren, aber nur mühsam. Sagte nicht sogar Bill Gates, dass er sich Texte zum Lesen ausdrucke, wenn sie länger sind?

  2. Zunächst finde ich es schade, dass man hier Manfred Spitzer zu Wort kommen lässt. Eine Person, dessen Arbeiten sogar von KollegInnen des eigenen Fachs stark kritisiert wurden (deutlich wird dies sogar am Wikipedia-Artikel, der hauptsächlich aus Kritik an der Arbeit Spitzers besteht). Es gibt sicherlich genug Wissenschaftler, denen man Gehör verschaffen kann.

    @Palim und auch die weiteren zu Wort kommenden Personen haben das gut aufgegriffen. Es ist wichtig sich klar zu machen, worin die Stärken und Schwächen des jeweiligen liegen. Beides sollte entsprechend gefördert werden.

    PS: Warum muss man diesen Titel wählen? Klar ist das eine Aussage der Befragten, aber dieser hat dann doch mehr BILD-Zeitung-Charakter und ist nicht mal als Zitat ausgewiesen.

      • Braucht es für solche Themen einen gewissen Bekanntheitsgrad? Ich denke nicht. Zudem werden auch die wenigsten mit seiner Arbeit vertraut sein. Er ist nur deshalb bekannter, weil er pseudowissenschaftlich arbeitet und populistische Bücher veröffentlicht. Das wirft man ihm vor. Jeder der nur hören möchte, dass Digitalisierung böse und schlecht sei, ist bei Herr Spitzer wunderbar aufgehoben. Fakten dafür liefert er zwar keine, aber darum geht es ja auch nicht.

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