Lehrermangel an Grundschulen: Gebauer umwirbt Gymnasiallehrer, der VBE will kleinere Klassen – und mehr Geld

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DÜSSELDORF. Wer ist Schuld an der Lehrermisere an den Grundschulen? In Nordrhein-Westfalen zeigen Regierung und Opposition gegenseitig mit dem Finger aufeinander. Die Schulministerin sucht derweil unter Gymnasiallehrern nach Personal für die Primarstufe. Der VBE hält das alles für nicht ausreichend. Er fordert bessere Arbeitsbedingungen für die Grundschullehrer, um den Beruf attraktiver zu machen – einschließlich der Besoldungsstufe A13/E13 und kleinerer Klassen.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer will Gynmasiallehrer für die Grundschule gewinnen – und lockt diese mit dem Beamtenstatus. Foto: FDP NRW

Im Kampf gegen den Lehrkräftemangel an den Grundschulen will die Landesregierung übergangsweise eingestellte Oberstufenlehrer dort dauerhaft halten. Derzeit seien 391 Stellen an Grundschulen mit Oberstufenlehrkräften besetzt, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Donnerstag in einer Aktuellen Stunde des Landtags. Für sie sollten nun die gesetzlichen Voraussetzungen für einen Verbleib an den Grundschulen geschaffen werden. Den Lehrern war zugesagt worden, nach zwei Jahren auf eine Stelle in der Sekundarstufe II wechseln zu können.

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Anfragen von Gymnasiallehrern, die an der Grundschule bleiben möchten

Für die ersten 43 Lehrkräfte endet nach Angaben des Schulministeriums im Februar 2020 die zweijährige Zeit an der Grundschule. Wie viele von ihnen bleiben wollen, sei noch nicht bekannt. Es häuften sich aber Anfragen von Lehrkräften, die an der Grundschule bleiben möchten, sofern ihnen dort ein Beamtenverhältnis ermöglicht werde. Die Oberstufenlehrer erhalten allerdings nicht das höhere A13-Gehalt, wenn sie an der Grundschule arbeiten.

Der VBE sieht die geplante Gesetzesänderung zwar positiv. «Doch ohne die grundlegende Änderung bei der Bezahlung der Lehrkräfte wird dies nur eine kleine Wirkung haben», sagte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau. Der VBE fordert die finanzielle Gleichstellung der Grundschullehrern mit ihren Kollegen am Gymnasium, also “A13 für alle” (zu den Forderungen des VBE – siehe unten).

Schwarz-Gelb sendet kein Signal für eine höhere Lehrerbesoldung

In einer emotionalen Debatte gaben sich die rot-grüne Opposition und die schwarz-gelbe Koalition gegenseitig die Schuld für die Misere an den Grundschulen. Die SPD forderte von der Landesregierung konsequentere Maßnahmen. Allein 300 zusätzliche Studienplätze für das Grundschullehramt reichten nicht aus, um die Bildungsmisere zu stoppen, sagte der schulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jochen Ott. 30 Prozent der Lehramtsstudenten kämen Statistiken zufolge ohnehin nie in den Schulen an (News4teachers berichtete). Die schwarz-gelbe Landesregierung habe auch kein Konzept für die Neuregelung des Ganztags und sende kein Signal für die lang geforderte höhere Besoldung der Grundschullehrer. Tatsächlich hatte FDP-Landeschef, Familienminister Joachim Stamp, in dieser Woche von einer nur “langfristigen” Perspektive gesprochen (News4teachers berichtete).

“Schnell mal 500 Millionen Euro für die Gymnasien locker gemacht”

Während für die Umstellung der Gymnasien auf den neunjährigen Bildungsgang «schnell mal 500 Millionen Euro locker gemacht» würden, lasse der von Gebauer versprochene Masterplan Grundschule weiter auf sich warten, sagte die Grünen-Schulpolitikerin Sigrid Beer.

Gebauer warf der Opposition vor: «Sie spielen sich zum Robin Hood für die Grundschulen auf.» Dabei habe die rot-grüne Vorgängerregierung jahrelang die Hilferufe der Grundschulen zwar vernommen, aber nicht gehandelt. Die «Fahrlässigkeit» von Rot-Grün habe zu dem Missverhältnis von vorhandenen Stellen aber fehlenden Lehrkräften an Grundschulen geführt. Rot-Grün habe es versäumt, rechtzeitig Lehrerbedarfsprognosen aufzustellen, sagte Franziska Müller-Rech von der FDP. «Sie haben einfach die Augen zu gemacht.»

Am Mittwoch hatten die Landesregierung und Universitäten ein Konzept für den Ausbau der Studienplätze für das Lehramt vorgelegt. So sollen allein für das Grundschullehramt zum Wintersemester 2020/21 rund 300 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden. Insgesamt entstanden damit seit dem Amtsantritt von CDU und FDP 700 neue Plätze.

Beer warf der Landesregierung vor, zu ihrer Halbzeit weiterhin die Frage einer Angleichung der Lehrerbesoldung offen zu lassen. Die CDU-Politikerin Kirstin Korte sagte: «Durch höhere Besoldungsgruppen wird man nicht automatisch den Lehrermangel beheben.» Für AfD-Politiker Helmut Seifen ist die größte Herausforderung nicht das Gehalt, sondern die hohe psychische Belastung der Lehrer. Auch bei einer besseren Besoldung würden sich seiner Ansicht nach nur wenige Lehrer für die Grundschule entscheiden.

Möglichkeiten für den Seiteneinstieg in den Schuldienst sollen erweitert werden

Die Landesregierung will durch eine gesetzliche Änderung auch die Möglichkeiten für den Seiteneinstieg erweitern. Künftig werden für den berufsbegleitenden zweijährigen Seiteneinstieg auch Masterabsolventen von Fachhochschulen zugelassen. Bisher stand dieser Weg nur Absolventen von Universitäten offen. Außerdem soll die Anerkennung ausländischer Lehramtsbefähigungen aus Staaten außerhalb der EU erleichtert werden. Die schulrechtlichen Änderungen sollten am Donnerstag im Landtag eingebracht werden.

Die VBE-Forderungen

DÜSSELDORF. Anlässlich der heutigen Landtagsdebatte zur Grundschule stellt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW Eckpunkte vor, die aus seiner Sicher erforderlich sind, um die Primarstufe zu stärken. Das sei dringend notwendig.

„Die Landesregierung muss jetzt ein wertschätzendes Zeichen für die vernachlässigten Grundschulen setzen. Personalmangel erfordert echte Maßnahmen. Es bringt doch nichts, wenn der Finanzminister Stellen in einen Haushalt einstellt, von denen alle vorher wissen, dass sie leerlaufen werden. Aufstieg durch Bildung darf kein Versprechen bleiben, sondern ist ein notwendiger Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft des Landes. Ohne die Stärkung aller Schulformen wird das aber nicht gelingen“, erklärt Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE NRW. Anne Deimel, stellvertretende Landesvorsitzende und Autorin des Denkanstoßes, erklärt dazu: „Die Geringschätzung für die Bildungsarbeit an den Grundschulen einiger Abgeordneter wirkt sich leider sehr negativ auf nötige haushaltspolitische Entscheidungen aus.“

Der VBE NRW fordert konkret:

  • Gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit
  • Doppelbesetzung aus sonderpädagogischer Lehrkraft und Grundschullehrkraft in allen inklusiven Klassen
  • Eine sozialpädagogische Fachkraft für jede Schule
  • Vertretungsreserven für jede Grundschule
  • Eine deutliche Erhöhung der Anrechnungsstunden
  • Maximal 24 Kinder pro Klasse
  • Maßnahmen zur Steigerung der Lehrergesundheit”

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Für die Grundschulen ist kein Geld da, das Gymnasium wird gepäppelt – wie Schwarz-Gelb die Zukunft verspielt

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5 KOMMENTARE

  1. Gymnasiallehrer, die wie in den meisten Bundesländern ab Klasse 5 ausgebildet sind, können sicherlich auch problemlos in Klasse 4 eingesetzt werden (in Berlin und Brandenburg problemlos an Grundschulen bis Klasse 6).

    In der Schuleingangsphase (Klasse 1 und 2) würde ich Gymnasiallehrer ohne Fortbildung dafür nicht einsetzen (es ist, wie hier oft behauptet, eben doch nicht das Gleiche wie an weiterführenden Schulen!), aber wenn sie die Klasse 3 und weiter übernehmen, kann das ja schon eine Hilfe sein.

    • Nur kann man das irgendwann im Lehrermangel gar nicht mehr steuern, weil man nicht mehrfach im Schuljahr die Klassenleitungen und Fachlehrkräfte in Hauptfächern wechseln will, weil man seine Klassen mit Klassenlehrkräften versorgen muss,
      ggf. auch, weil Gymnasiallehrkräfte überwiegend in ihren Fächern eingesetzt werden wollen oder sollen und sie dann quer durch alle Schuljahre ihr Fach erteilen, dann auch in Klasse 1 oder 2.

      Obwohl wir intern immer die Regelung hatten, dass die Stammlehrkräfte oder ausgebildete GrundschulkollegInnen den Erstunterricht, also Klasse 1+2, übernehmen sollten, zeigt die Realität, dass die Möglichkeiten dies manchmal nicht hergeben.

      • Ach was, Sie malen mal wieder den Teufel an die Wand!

        Nie klappt alles immer und überall perfekt. Immer gibt es Ausnahmen und besondere Bedingungen. Normalerweise erfolgt der Einsatz ja von Schuljahresanfang an und nicht mittendrin. Normalerweise kann man Gymnasiallehrer in Klasse 3 und 4 auch einsetzen (in Berlin und Brandenburg dann bis Klasse 6 an den Grundschulen). Das bedeutet dann auch für sie fachfremder Unterricht und Klassenleitung.

        Das alles kann die ausgebildeten Grundschullehrer schon sehr entlasten!

  2. Fakt ist: Gymnasiallehrkräfte (und Quer- und Seiteneinsteiger) können keine grundlegende Einführung in die Schrift leisten. Hier sind sprachdidaktische Kenntnisse notwendig, die sie einfach nicht haben (können). Da reicht es bei Weitem nicht, dass man das Abc kann oder nur Silben klatschen lässt! Wenn die Grundlagen des Lesens und Schreibens nicht richtig gelegt werden, dann läuft gewaltig etwas schief, besonders für die Kinder, die sich sowieso mit dem Schriftspracherwerb schwertun!

  3. Zitat: “Es häuften sich aber Anfragen von Lehrkräften, die an der Grundschule bleiben möchten, sofern ihnen dort ein Beamtenverhältnis ermöglicht werde. Die Oberstufenlehrer erhalten allerdings nicht das höhere A13-Gehalt, wenn sie an der Grundschule arbeiten.”

    Widerspricht ja so ziemlich auch den hier oft gelesenen Aussagen, es gehe den meisten Lehrern nur ums Geld und dass Gymnasiallehrer an Grundschulen nicht arbeiten wollen und können. (Dass sie verbeamtet werden wollen, ist wohl verständlich, wenn um sie herum alle anderen auch verbeamtet werden.)

    Widerspricht auch den Aussage, dass Gymnasiallehrer an Grundschulen immer und überall (!) ihr Gymnasiallehrergehalt bekommen.

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