Nach dem PISA-Absturz: KMK will jetzt die Sprachförderung verstärken

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BERLIN. Die Kultusminister der Bundesländer haben auf die besorgniserregenden Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie reagiert – und sich auf zehn Grundsätze geeinigt, um die Deutschkenntnisse der Schüler zu verbessern. «Die bisherigen Maßnahmen und Anstrengungen reichen schlicht noch nicht aus», sagte der hessische Bildungsminister und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz (CDU), den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Auch auf den Ausstieg Bayerns und Baden-Württembergs vom geplanten Nationalen Bildungsrat gab es eine Reaktion.

Der KMK-Präsident, Hessen Kultusminister Alexander Lorz, hält wissenschaftliche Expertise für wichtig. Foto: HKM / Manjit Jari

Sprachliche Bildung und Sprachförderung sollen in Zukunft nach dem Willen der KMK «durchgängig und systematisch über alle Bildungsetappen hinweg, vom Übergang aus dem Elementar- in den Primarbereich bis in die Sekundarbereiche der allgemeinbildenden und beruflichen Schulen» erfolgen, heißt es in dem Beschluss der Minister.

Die zehn Grundsätze, auf deren Umsetzung sich alle Länder geeinigt hätten (vollständig im Kasten unten, d. Red.), seien ein dringend notwendiger Impuls, sagte Lorz. «Nur wer bereits bei der Einschulung dem Unterricht folgen kann, hat Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn. Die Sprachförderung muss daher etwa durch Vorlaufkurse bereits vor der Einschulung ansetzen.» In dem Papier wird auch darauf hingewiesen, dass das Thema Sprachförderung sich nicht nur auf den Unterricht in den Fächern Deutsch und Deutsch als Zweitsprache beschränken soll.

Die Leistungen der Schüler in Deutschland haben sich in allen drei gestesteten Kategorien – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – gegenüber der 2016 veröffentlichten Vorgängerstudie verschlechtert, die zweite Verschlechterung in Folge. Die aktuelle Erhebung ergab darüber hinaus einmal mehr, dass jeder fünfte 15-jährige Schüler in Deutschland beim Lesen nur ein sehr geringes Leistungsniveau erreicht. Das heißt, er oder sie kann mit ganz einfachen Leseanforderungen nicht umgehen. Auch in Mathe und Naturwissenschaften liegt der Anteil der leistungsschwachen Schüler bei rund 20 Prozent (News4teachers berichtete).

Statt Nationalem Bildungsrat soll’s jetzt einen Staatsvertrag geben

Die Kultusminister der Länder haben sich bei ihrer Konferenz in Berlin auch auf das weitere Vorgehen verständigt, nachdem Bayern und Baden-Württemberg aus dem geplanten Nationalen Bildungsrat ausgestiegen sind. Wie aus Teilnehmerkreisen verlautete, soll möglichst schon beim nächsten Treffen der Minister im März ein Staatsvertrag oder eine Ländervereinbarung beschlossen werden, damit Schülerleistungen über Bundesländergrenzen hinweg besser vergleichbar werden.

Die Ministerkonferenz schlage darüber hinaus die Einrichtung eines wissenschaftlichen Beirats der KMK vor, der Länder in Fragen der besseren Vergleichbarkeit beraten solle. Die große Koalition hatte vereinbart, genau zu diesem Zweck einen Nationalen Bildungsrat einzurichten. Bayern und Baden-Württemberg hatten nach monatelangen Beratungen Ende November angekündigt, aus dem Vorhaben auszusteigen, weil sie zu viel Einfluss aus Berlin auf ihre Bildungspolitik befürchten. Für Bildung sind in Deutschland die Länder selbst zuständig.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erteilte noch kurz vor der KMK-Sitzung einem einheitlichen Abitur in Deutschland eine Absage. „Ein zentralistisches Abitur wird es nicht geben“, sagte er (News4teachers berichtete).

„KMK hat gezeigt, dass sie handlungsfähig ist“

Jetzt soll’s ein Gremium mit dem Arbeitstitel „Bildungsrat“ – der genaue Name steht noch nicht fest -richten. KMK-Präsident Lorz sagte dazu: «Wissenschaftliche Expertise ist für die Länder und vor allem für die Arbeit der KMK von großer Bedeutung. Daher haben die Länder heute einstimmig beschlossen, ein beratendes Gremium einzurichten. Es soll aus Wissenschaftlern bestehen und bei wichtigen Fragen, wie beispielsweise den Schlussfolgerungen aus empirischen Studien wie PISA oder dem IQB-Bildungstrend beraten.» Damit habe die Ministerkonferenz gezeigt, dass sie handlungsfähig sei. Der ursprünglich geplante Nationale Bildungsrat hatte aus Vertretern von Bund und Ländern sowie aus Verbandsvertretern und Wissenschaftlern bestehen sollen.

Eine Beteiligung des Bundes ist damit wohl vom Tisch, auch wenn Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) noch darauf hofft: «Ich halte es für sehr gut, dass die Kultusminister diesen Handlungsbedarf sehen und doch ein Beratungsgremium einsetzen wollen», sagte sie am Freitag in Berlin. Es bleibe abzuwarten, wie der Beirat ausgestaltet und wie die Bundesebene dann miteinbezogen werde. Sie werde weiter die Hand reichen, um die Verzahnung der Bildungsinstitutionen in Deutschland hinzubekommen. News4teachers / mit Material der dpa

Reaktion auf die PISA-Studie

BERLIN. Die KMK hat die folgenden zehn Grundsätze für eine Stärkung der Bildungssprache Deutsch beschlossen. Darin heißt es wörtlich: „Sprachliche Bildung und Sprachförderung erfolgen durchgängig und systematisch über alle Bildungsetappen hinweg, vom Übergang aus dem Elementar- in den Primarbereich bis in die Sekundarbereiche der allgemeinbildenden und beruflichen Schulen.

  1. Sprachliche Bildung ist Querschnittsaufgabe aller an schulischer Bildung Beteiligten und durchgängiges Unterrichtsprinzip in allen Fächern, Lernbereichen und Lernfeldern; entsprechende Angebote des Ganztags bieten hier zusätzliche Potentiale.
  2. Konzepte zur sprachlichen Bildung und Sprachförderung sind Teil von Unterrichts- und Schulentwicklung.
  3. Sprachliche Bildung und Sprachförderung tragen zu einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung und Welt- sowie Wertorientierung bei.
  4. Sprachliche Bildung und die gezielte Ausbildung bildungssprachlicher Kompetenzen tragen zur individuellen Begabungsentfaltung bei.
  5. Für die sprachliche Bildung und Sprachförderung wird Mehrsprachigkeit als Ressource verstanden; entsprechende Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler werden erkannt und angemessen genutzt.
  6. Sprachförderung basiert sowohl auf standardisierten als auch informellen Diagnoseverfahren.
  7. Sprachliche Bildung und Sprachförderung orientieren sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und werden nach Möglichkeit durch evidenzbasierte Maßnahmen und Verfahren unterstützt.
  8. Die Digitalisierung ist zugleich Herausforderung und Chance für die sprachliche Bildung und Sprachförderung.
  9. Die Vermittlung von Konzepten der sprachlichen Bildung und Sprachförderung sollte möglichst Bestandteil aller Phasen der Lehrerbildung sein und ist im Rahmen der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern zu berücksichtigen.“

Die vollständige KMK-Empfehlung „Bildungssprachliche Kompetenzen in der deutschen Sprache stärken“ mit einer Dokumentation der aktuellen Maßnahmen in den Ländern nach den zehn Grundsätzen können Sie hier herunterladen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Bildungsforscherin McElvany zu den PISA-Ergebnissen: Die Grundschulen legen die Basis!

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4 KOMMENTARE

  1. Natürlich ist keine Rede davon, dass man mit BISS schon vor 7 Jahren die Sprachförderung in Angriff genommen hat:
    https://www.kmk.org/themen/allgemeinbildende-schulen/individuelle-foerderung/sprachfoerderung.html
    Darin wird auf einen KMK-Beschluss „Grundsätze zur Förderung von SuS mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben oder Rechnen“ von 2003 verwiesen !! Man hangelt sich von einer Förder-Maßnahme zur nächsten, von einer Expertenkommission zur nächsten, von einem Beratungsgremium zum nächsten, von einer Ankündigung zur nächsten, und nichts davon wirkt. Garniert wird das ganze dann mit klugen (z.T. salbungsvollen) Sprüchen, wie wichtig doch sprachliche Bildung sei, so als wäre das nicht schon immer so gewesen und zudem vollkommen selbstverständlich (der berühmte Fußballtrainer spricht: „der Ball ist rund“). So kann man noch 50 Jahre weiter machen, derweil die PISA-Ergebnisse doch nicht besser werden.

    • Von Förder-Maßnahmen im Sinne zusätzlicher Ressourcen ist gar keine Rede.
      Man deklariert die Förderung als etwas, das in allen Fächern zu jeder Zeit stattfindet, muss aber tatsächlich nicht eine einzige Lehrerstunde finanzieren.

      Es ist nicht falsch, dass in jedem Fach der sprachliche Anteil mit bedacht und Sprachliches in den Blick genommen werden sollte,
      das allein befähigt aber Kinder anderer Erstsprache nicht, in lateinischer Schrift und deutscher Sprache alphabetisiert zu sein und sich mündlich wie schriftlich verstständigen zu können.
      Es befähigt ebensowenig Kinder mit deutscher Muttersprache, dem Unterricht folgen zu können, wenn der Wortschatz winzig und der Satzbau nicht existent sind.

  2. „Die Leistungen der Schüler in Deutschland haben sich in allen drei gestesteten Kategorien – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – gegenüber der 2016 veröffentlichten Vorgängerstudie verschlechtert, die zweite Verschlechterung in Folge. Die aktuelle Erhebung ergab darüber hinaus einmal mehr, dass jeder fünfte 15-jährige Schüler in Deutschland beim Lesen nur ein sehr geringes Leistungsniveau erreicht. Das heißt, er oder sie kann mit ganz einfachen Leseanforderungen nicht umgehen. Auch in Mathe und Naturwissenschaften liegt der Anteil der leistungsschwachen Schüler bei rund 20 Prozent.“ Das ist schlimm! Wenn ich dann in das strahlende Gesicht des hessische Bildungsministers und Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz, sehe (aber auch aller anderen Bildungsminister/innen), dann wird mir ganz flau! Sie können und wollen es nicht besser machen!

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