Was bringt ein Volksbegehren gegen den Lehrermangel? Tullner: eine Scheinlösung

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MAGDEBURG. Nach langen Vorbereitungen geht ein Volksbegehren gegen den Lehrermangel in Sachsen-Anhalt in die heiße Phase. Die Organisatoren wollen am Dienstag in Magdeburg den Startschuss geben sowie Details zu den Plänen für die kommenden Wochen erläutern. Von Mittwoch an können dann auch tatsächlich gültige Unterschriften gesammelt werden. Konkret werden gut 170.000 Unterstützer gebraucht. Gelingt das, kommt der Gesetzentwurf des Bündnisses gegen Lehrermangel in den Landtag.

Lässt sich über den Lehrermangel abstimmen? Foto: Tim Reckmann / pixelio.de

Die Organisatoren wollen mit einem gesetzlichen Schlüssel vorschreiben, wie viele Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und pädagogische Mitarbeiter es pro Schüler geben muss. Getragen wird das Bündnis von der Lehrergewerkschaft GEW, von den Linken sowie von Vertretern von Eltern und Schülern. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hatte zuletzt mehrfach betont, dass er sich nicht gegen mehr Personal sperre. Es fehle jedoch nicht an ausgeschriebenen Stellen, sondern an geeigneten Bewerbern.

„Ich kann Lehrer nicht im Supermarkt kaufen“

Tullner untermauerte gegenüber dem mdr Sachsen-Anhalt nochmal seine Kritik an den Plänen der Initiatoren des Volksbegehrens. Auf den ins Gespräch gebrachten gesetzlichen Personalschlüssel sagte Tullner, er halte diesen für eine Scheinlösung. Wenn gesetzlich vorgeschrieben sei, eine bestimmte Zahl von Lehrern einzustellen, funktioniere das nicht, wenn nicht genügend Lehrer da seien. Genau das sei der Fall. „Ich kann Lehrer nicht im Supermarkt kaufen. Ich muss sie mir ausbilden, das dauert seine Zeit“, so befand er.

Tullner sagte, sein Ministerium habe gesät, der Acker sei nun bestellt. Nun müsse der Nachwuchs an Lehrern wachsen. Grundsätzlich seien die nötigen Schritte aber eingeleitet, beteuerte Tullner. „Wir haben gemacht, was an konkreten kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen möglich ist“, betonte er. News4teachers / mit Material der dpa

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4 KOMMENTARE

  1. Wenn nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte vorhanden sind, es aber einen Betreuungsschlüssel gibt, müssen die nicht vorhandenen Lehrkräfte durch anderes, angemessenes Personal ersetzt werden, bis ausreichend Lehrkräfte eingestellt werden können.
    Gleiches sollte für die im Begehren genannten SozialarbeiterInnen und pädagogische MitarbeiterInnen gelten, sodass das Team in den Schulen nicht allein aus Lehrkräften besteht.

    Zudem muss man dann ggf. mehr Anstrengungen unternehmen, als darauf zu verweisen, dass keine Lehrkräfte vorhanden sind, und dafür sorgen, dass der Beruf der Lehrkraft an den staatlichen Schulen so attraktiv ist, dass viele Menschen gerne bereit sind, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen, ohne dabei das Gefühl zu haben, verheizt zu werden.

    Im verlinkten Artikel steht:
    „Sachsen-Anhalt habe im abgelaufenen Jahr etwa 1.100 neue Lehrkräfte eingestellt. Das werde auch in diesem Jahr gelingen. Nichtsdestotrotz klaffe auch weiter eine Lücke. Das liege an altersbedingten Abgängen und der Familienplanung junger Lehrerinnen und Lehrer.“
    Offenbar liegt es daran, dass auch in Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren viel zu wenig Lehrkräfte eingestellt wurden, obwohl die altersbedingten Abgänge vorhersehbar waren, und die Vertretungsreserve nicht ausreicht.

    Schlimm genug, dass es ein solches Begehren muss!
    Tatsächlich bräuchten wir es in den anderen Bundesländern auch!

    Ich verstehe gar nicht, warum Politiker immer so einfache Entschuldigungen finden.
    Ob sie sich vorstellen können, wie es SchulleiterInnen und Lehrkräften geht, die täglich den Personalmangel in irgendeiner Form auffangen müssen,
    und wie Eltern es finden, dass ihre Kinder nicht angemessen beschult werden können, weil es in der Schule ihrer Kinder weder ausreichend Lehrkräfte noch anderes Personal gibt?
    „Tut mir leid. Ich kann mir ja keine Lehrkräfte im Supermarkt kaufen. Da fällt der Unterricht an 2 Tagen in der Woche leider aus. Bitte sehen Sie davon ab, Ihr Kind zur Betreuung in die Schule zu bringen.“
    Oder
    „Bitte warten Sie mit der Einschulung Ihres Kindes, bis genügend Lehrkräfte eingestellt wurden. Diese Ausbildung dauert ihre Zeit. Sicher haben Sie Verständnis dafür.“

    • Nachtrag:
      Mit Hinweis auf den Artikel, dass mehr als 80 SuS in Berlin keinen Schulplatz finden, weil nicht genügend vorhanden sind, ergänze ich, dass ein fester Personalschlüssel weit häufiger dazu führen würde,
      – dass keine weiteren Klassen gebildet werden können,
      – dass Klassen überbelegt würden,
      – dass mit Verweis auf den nicht eingehaltenen Schlüssel eine angemessene Versorgung hinsichtlich des Unterrichts sowie der Förderung nicht erfolgen kann.

      „Tut mir leid. Wir haben keinen Schulplatz für Ihr Kind. Ggf. finden Sie im Umkreis eines zumutbaren einfachen Anfahrtsweges von 60 km einen Platz. Angesichts des länderübergreifenden Lehrkräftemangels ist dies jedoch nicht zu erwarten.“

  2. Ich unterschreibe sofort. Richtig von Palim: „Schlimm genug, dass es ein solches Begehren (geben) muss! Tatsächlich bräuchten wir es in den anderen Bundesländern auch!“ Seit 10-20 Jahren alles absehbar und immer noch passiert nichts: keine einzige neue Professur in der Deutschlehrerausbildung. Es ist einfach nur Hohn, wenn Bildungspolitiker (aller Parteien) sagen: „Tut mir leid. Ich kann mir ja keine Lehrkräfte im Supermarkt kaufen.“ Nein? Kann man nicht? Ach so!

  3. Sachsen-Anhalt geht es wie den meisten ostdeutschen Bundesländern. Nach der Wiedervereinigung brachen die Schülerzahlen ein, die Folge war, dass die 25 Jahre danach kaum Lehrer eingestellt worden sind. Ich habe eine Bekannte, die Ende der 90er Jahre nach Bonn gegangen ist und dort nun schon etliche Jahre als Lehrerin arbeitet. Das ist die Altersgruppe, die im Osten fehlt: Mittelalte Lehrkräfte, die „im Saft stehen“ und deren Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Haben wir aber nicht. Und deshalb klafft in den Kollegien eine riesige Lücke. Auf der einen Seite, die neueingestellten Lehrer, die bald wieder schwanger werden oder ganz kleine Kinder haben und auf der anderen Seite diejenigen, die kurz vor der Rente stehen und altersbedingt öfter ausfallen. Die Situation war auf Grund der Einstellungspolitik absehbar und wurde dennoch nicht verhindert. Die Planung war kurzsichtig und einseitig aufs Kostensparen ausgerichtet.

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