Forscherin warnt vor schnellen Öffnungen von Kitas und Schulen – Personalmangel droht

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BERLIN. In vier Bundesländern laufen Initiativen, (Grund-)Schulen und Kindergärten nach sächsischem Vorbild zeitnah wieder vollständig zu öffnen. Aus der Forschung kommen kritische Töne zu diesem Vorstoß – auch wenn die Not der Eltern groß ist.

Ältere Lehrkräfte und Erzieher gehören zur Corona-Risikogruppe. Foto: Shutterstock

Die Überlegungen in mehreren Bundesländern zu einem baldigen Regelbetrieb von Schulen und Kindergärten stoßen in der Wissenschaft auf Vorbehalte. «Ich sehe das mit Skepsis», sagte die Erfurter Erziehungswissenschaftlerin Barbara Lochner. «Die Betreuungsbedingungen in der Kita werden sicher schlechter sein als vor der Krise.»

Zwar hätten viele Eltern wegen ihrer Berufstätigkeit oft keine andere Wahl, als ihre Kinder in die Tagesbetreuung zu geben. Doch habe es schon vor der Corona-Krise ein Fachkräfteproblem in den Einrichtungen gegeben. «Wenn wir da jetzt noch die Risikogruppen rausrechnen, dann haben wir eine Situation, die pädagogisch nicht wünschenswert ist», erklärte Lochner. Denn es würden dann noch mehr Erzieherinnen fehlen bei einer gleichbleibend hohen Anzahl zu betreuender Kinder. Lochner ist an der Fachhochschule Erfurt Professorin für die Pädagogik der Kindheit.

Mehr Lehrer und Erzieher nötig – aber die fehlen

In Thüringen hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) vorgeschlagen, Schulen und Kindergärten nach den Sommerferien wieder vollständig zu öffnen – auch wenn es dann noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 gegeben sollte. Eine solche Rückkehr zum vollständigen Regelbetrieb war eigentlich erst für den Zeitpunkt vorgesehen, ab dem es einen Impfstoff oder wenigstens Medikamente gegen die Lungenkrankheit gibt, die durch das neuartige Coronavirus ausgelöst wird. Auch Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg haben eine schnelle Öffnung zumindest der Grundschulen sowie der Kitas angekündigt. Sachsen hatte Grundschulen und Kitas bereits in der vorvergangenen Woche weitgehend für alle Kinder geöffnet (hier geht’s zu einem aktuellen Überblick über die Öffnungsbestrebungen).

Wenn wieder alle Schulen und Kitas regulär öffnen sollten, dann brauche es vor allem in Städten mehr Räumlichkeiten und Personal, sagte Lochner. Woher die zusätzlichen Pädagogen kommen sollten, sei völlig unklar. «Ich halte es für keine gute Idee, dann intensiv mit Quereinsteigern zu arbeiten, das geht ergänzend an manchen Stellen, aber das geht nicht flächendeckend.» Ohne Fachpersonal sei eine gute Betreuung nicht zu leisten. «Dann betreuen wir unsere Kinder irgendwie, stellen aber nicht sicher, dass Kita wirklich ein Bildungsort ist und dort der Infektionsschutz eingehalten wird.»

Eltern fühlen sich hoch belastet in der Corona-Krise

Lochner hatte bei einem Forschungsprojekt im April Thüringer Eltern über das Internet zu ihrer Situation in der Corona-Krise befragt. Nach ihren Angaben haben innerhalb von zwei Wochen etwa 4300 Menschen teilgenommen – davon etwa 3000 in den ersten vier Tagen. Offenkundig hätten die Eltern die Möglichkeit, an der Studie teilzunehmen, auch als ein Sprachrohr verstanden, auf ihre Sorgen aufmerksam zu machen.

Die Studie soll in den nächsten Monaten detailliert ausgewertet werden. Erste Ergebnisse zeigten, dass Eltern bei einigen Kindern die Angst wahrgenommen hätten, sich selbst oder die Großeltern mit dem Virus zu infizieren. Vor allem aber zeigen die ersten Befunde, wie hoch belastet sich Eltern in der Corona-Krise sehen – und dass sie mit den Unterstützungsangeboten durch Schulen und Kitas häufig unzufrieden waren.

Es habe zwar ein großes Verständnis dafür gegeben, dass die Einrichtungen wegen der Corona-Pandemie geschlossen werden mussten, sagte Lochner. Doch sei in der Zeit, in der die Studie durchgeführt wurde, erkennbar gewesen, «dass die Geduld vieler Eltern mit den Schulen oder den Kitas erst mal am Ende war». Unter anderem hätten die Schulen nicht klar kommuniziert, was mit dem Unterrichtsstoff geschehen sollte, den sich die Kinder zu Hause mit Hilfe ihrer Eltern aneignen sollten. «Offensichtlich hatten viele Schulen und auch die Politik zu hohe Erwartungen daran, dass die Eltern das Homeschooling mal so nebenbei bewältigen», sagte Lochner.

Es habe in der Studie zwar auch ein kleiner Teil der Eltern erklärt, sie würden mit der coronabedingten Situation gut klar kommen. Sie würden sich freuen, jetzt mehr Zeit mit ihren Kindern zu haben. «Aber ich hätte gedacht, der Anteil dieser Eltern ist noch größer», sagte Lochner. «Die Mehrzahl von ihnen hat eher gesagt: Wir kriegen das hin, aber es kostet uns die letzten Nerven.» dpa

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8 KOMMENTARE

  1. Guten Tag,
    ich bin selbst Erzieherin UND 60 Jahre alt.
    Weshalb können die Kinder nicht in kleineren
    Gruppen in vor – und nachmittags Betreuung eingeteilt werden. Z. B. von 8.00 – 12.00
    sowie 13.00 – 17.00 Uhr. Dazwischen wäre Pause zum lüften und reinigen.
    Damit vertrete ich sicherlich weniger die Interessen der Eltern, die arbeiten gehen wollen und müssen. Aber die sozial, emotionalen Bedürfnisse der Kinder.
    Ich weiß nicht ob es aus der Sicht von Virologen und anderen Fachkräften zu verantworten ist.
    Es ist lediglich mein Wunsch für ein bisschen Normalität im Alltag für die Kinder. Und evtl auch bedingt für die Eltern. Ob zum Arbeiten, für kleinere Geschwister, Erledigungen aller Art oder für sich selbst!

    • Klingt gut, wenn wir Lehrkräfte dann für die doppelte Arbeit auch doppelt bezahlt werden. Ich kann Ihnen versichern: Aller Philantropie zum trotze arbeiten weder ich noch die meisten meiner Kollegen umsonst. Beste Grüße.

  2. Auch wir Eltern arbeiten nicht nur von 9.00.bis 11.30 danach fragt niemand. Ich muss seit der Lockerung meine Arbeit mehrfach unterbrechen und Arbeitswege 4x abfahren. Am Ende sitzt der Junge trotzdem 5 Stunden allein zu Hause und hat so gut wie gar nichts gelernt in der Schulwoche. Das hat zu Hause wesentlich besser geklappt und ich hatte weniger Stress und Aufwand. Ich werde auch nicht bezahlt wenn ich meinen Zweitklässler den ganzen Tag hin und her fahre. Das in Zeiten wo viele Menschen ihre Jobs verlieren. Lehrer an Ganztagsschulen sind doch meines Wissens bis mindestens 14.00 in der Schule oder hab ich da was verpasst? Nachmittags übernehmen die Erzieher.

    • Ja, da haben Sie etwas verpasst.

      Zum einen ist offenbar vor der Lockerung nicht deutlich genug kommuniziert worden, zu welchen Bedingungen die Schule geöffnet wird: Kleine Gruppen, weniger Tage/ Stunden, besondere Regelungen für den Unterricht, die diesen stark einschränken

      Das haben sich nicht „die Schulen“ ausgedacht, sondern „das Land“.
      „Die Schulen“, also die Schulleitung, muss im Rahmen der Möglichkeiten entscheiden und planen, was möglich ist. Konkret: Die Räume samt Ausstattung geben die Gruppengröße vor, die Gruppengröße gibt die notwendige Teilung vor und damit die Anzahl der Gruppen.
      Diese müssen von Lehrkräften unterrichtet werden, deren Zahl an Unterrichtsstunden festgesetzt ist.
      Dabei fehlen die KollegInnen
      a) die von vorn herein im Jahr nicht da waren, weil die Schule unterversorgt ist
      b) KollegInnen, die krank sind – wie sonst auch
      c) die von anderen Schulen kamen, weil die Abordnungen aufgehoben wurden, damit die KollegInnen nun nicht von Schule zu Schule fahren
      d) KollegInnen, die zur Risikogruppe gehören, wenn es eine entsprechende Regelung im Bundesland gibt.
      Je nachdem, wie viele Lehrkräfte mit wie vielen Stunden zur Verfügung stehen, muss die Schulleitung dann einen entsprechenden Plan entwickeln. In manchen Bundesländern gibt es zusätzliche Bestimmungen, z.B. dass Lehrkräfte die Gruppen nicht wechseln sollen.
      Tatsächlich waren die meisten Bedingungen vor der Öffnung bekannt, wurden aber nicht öffentlichkeitswirksam benannt, obwohl Lehrkräfte darauf hingewiesen haben.

      Zum anderen wird immer wieder deutlich, dass die Arbeitszeit der Lehrkräfte für sehr viele Menschen nicht transparent ist.
      Lehrkräfte arbeiten nicht im Umfang des Schüler-Schultages.
      Die Arbeitszeit gestaltet sich anders und wird anders bemessen.
      Mir fällt kein anderer Beruf ein, in dem so verfahren wird.
      Vielleicht ist es deshalb für viele „unvorstellbar“.

      Festgesetzt ist vor allem der Umfang der Unterrichtsstunden jeder Lehrkraft.
      Dies legt das Land fest und zwar für die Schulform (Grundschule/ weiterführende Schule/ Gymnasium). Lehrkräfte an Ganztagesschulen haben genauso viele Unterrichtsstunden wie Lehrkräfte an Halbtagsschulen.
      „Die Schule“ oder „der Schulleiter“ haben auf die Anzahl der Stunden keinen Einfluss und können die Stunden nicht verändern.

      Diese angesetzten Stunden werden innerhalb der Woche erteilt und können – je nach Schule – sehr unterschiedlich verteilt sein, je nachdem, wann der Unterricht liegt und wie alles gemeinsam in einen Plan passt. Diese Stunden werden also klar gezählt.
      Sie bilden aber nur einen kleinen Teil der Arbeitszeit ab.

      Hinzu kommen zahlreiche Aufgaben, mit denen Lehrkräfte beauftragt werden, deren Stundenumfang jedoch nirgendwo erfasst wird.
      Dennoch gehören die Aufgaben zur Arbeit der Lehrkärfte und damit die Erledigung zur Arbeitszeit.
      Dafür, also für Unterricht, aber auch dessen Vor- und Nachbereitung, die Beratung, die Aufgaben der Schulorganisation etc., werden Lehrkräfte vom Land bezahlt.

      Was auch immer Sie oder andere arbeiten: Es wäre so, als müssten Sie in Ihrem Beruf täglich 3 oder 4 Std. präsent sein. Zusätzlich bekommen Sie viele Aufgaben, die Sie in eigener Zeit-Verantwortung im Gebäude der Arbeitsstelle oder zu Hause erledigen müssen. Kontrolliert wird, ob Sie es tun, aber nicht, wo und wann sie arbeiten oder wie lange sie dafür benötigen.
      Über die Jahre werden immer mehr Aufgaben in Ihre Verantwortung gegeben, die Zahl der Präsenzzeit wird aber nicht angepasst und es wird weiterhin nicht gezählt, wie lange Sie für alle diese Aufgaben benötigen.
      Sollten Sie anmerken, dass dies nicht zu schaffen ist oder dies eine unfaire Ausweitung Ihrer Arbeitszeit sei, wird dies überhört oder als „Faulheit“ ausgelegt.

      Das Land verweigert bisher eine Erhebung der tatsächlichen Arbeitszeit.
      Studien, z.B. der Uni Göttingen, haben erfasst, dass Lehrkräfte weit über die angesetzte Zeit hinaus arbeiten und viele Überstunden leisten, die nicht erfasst und nicht vergütet werden.
      Daraufhin hat eine Landes-Kommission 2 Jahre lang Vorschläge erarbeitet, wie man Entlastung schaffen könnte. Die Vorschläge wurden auch vom „Land“ anerkannt, aber bisher nicht umgesetzt, denn das kostet mehr Geld und braucht zusätzliche Lehrkräfte, die derzeit nicht zur Verfügung stehen, oder zusätzliches Personal, das eingestellt werden müsste. Die Ergebnisse gelten für Niedersachsen, wären aber sicher auf andere Länder und Lehrkräfte übertragbar, zumal die Ländern voneinander die Aufgaben und die Sparkonzepte abschreiben.

      Die Beaufsichtigung oder Betreuung von Kindern ist jedoch die Aufgabe der Kommunen. Hierfür müssten also die Städte und Gemeinden eigentlich Horte, Nachmittagsbetreuung o.a. zur Verfügung stellen und die dort Tätigen auch bezahlen.
      Dies ist in manchen Ländern deutlich umgesetzt, sogar mit ErzieherInnen, in anderen Ländern oder Regionen gar nicht.

      In den letzten Jahren wurde mehr Betreuung der Kinder eingefordert. Dies hat aber nicht dazu geführt, dass in allen Bundesländern flächendeckend Horte gebaut und eingerichtet wurden und qualifizierte ErzieherInnen eingestellt wurden.
      Stattdessen einigen sich Kommunen und Land auf ein Mischung innerhalb der Ganztagesschulen. Dabei sind die Kommunen ohnehin für die Gebäude der Schulen zuständig und müssten diese mit Mensen und weiteren Räumen ausstatten, was eine hohe Hürde sein kann, bevor eine Schule den Ganztag anbieten kann.
      Die Kosten für das Personal im Ganztag werden aufgeteilt zwischen Land und Kommune. Vieles wird über pädagogische MitarbeiterInnen, die eben kein ErzieherInnen-Gehalt bekommen, geleistet, manches auch über ÜbungsleiterInnen von Vereinen. Vereinssport ist aber noch nicht wieder möglich, sodass womöglich ein Teil des Personals, das sonst den Ganztag übernimmt, noch nicht in den Schulen ist.

      Den Anspruch auf einen Ganztagesplatz in der Grundschule gibt es bisher nicht. Diesen Rechtsanspruch soll es ab 2025 geben. Ob das realisiert werden kann, ist jedoch noch nicht klar, siehe https://www.news4teachers.de/2019/11/ab-2025-anspruch-auf-ganztag-in-der-grundschule-ohne-personal/

      • Nachtrag:
        Ich finde es unschön, dass behauptet wird, niemand würde sehen, dass Eltern bei 2 Std. Unterricht ein Betreuungsproblem haben.

        Viele Schulen haben über die Osterferien hinweg und sogar an den Feiertagen die Notbetreuung mit Lehrkräften besetzt – zusätzlich zu den üblichen Aufgaben.
        Alleinerziehende hatten in manchen Bundesländern Anspruch auf einen solchen Platz und haben dies noch immer. Das ist aber offenbar unterschiedlich umgesetzt worden und wird auch in manchen Schulen an Grenzen stoßen.

        Viele Schulen sind auch jetzt darum bemüht, das zu realsieren, was möglich ist,
        und die meisten Lehrkräfte sind um ihre Schülerschaft bemüht, halten Kontakt und kümmern sich um den Präsenzunterricht wie auch um Aufgaben für zu Hause.
        Dass dabei nicht immer alles problemlos läuft, stimmt sicher, aber die Möglichkeiten sind auch nicht optimal. Das Beste aus der Situation zu machen, scheint offenbar nicht auszureichen.

      • Palim
        Das haben Sie wunderbar erläutert! Vor allem tatsächlich nur die Fakten,ohne Gejammer oder Rechtfertigungen jeglicher Art. Es wäre schön,wenn jetzt viele Nichtlehrer_Innen dies endlich verstehen könnten. Dann wäre manche sinnlose Debatte überflüssig und das Verständnis aller füreinander führte zu besserer Kommunikation. Da hätten am Ende alle was davon : SuS, LuL UND die Eltern.
        Und zwar auch ohne Corona!!!

  3. Ich bin sowohl Mutter, als auch Erzieherin. Auch ich wünsche mir, dass die Schule wieder läuft und das die Kinder wieder da sind. Nur scheint mir all denen, die nach Öffnung schreien, nicht bewusst zu sein, das neben der Infektionsgefahr auch die Pädagogik und die Sicherheit fehlt. Es hilft letztlich niemandem, wenn wir jetzt 9ffnen.

  4. Lehrer in unseren gebundenen Ganztagsklassen sind sogar bis 16h dort, in Bayern, aber an solchen Tagen, mit Unterricht von 8-16h, mit vielleicht 30 min Mittagspause kann man um 16Uhr allenfalls noch eine Runde für den nächsten Tag kopieren. Dann ist ein 8-Stundentag vorbei und die Kräfte i.d.R. auch aufgebraucht.
    In der Arbeitszeit der Lehrer sind Stunden für Vorbereitung und Korrektur (und noch viel mehr: z.B. Tests konzipieren, Elterngespräche, Bürokratisches zu Inklusion und individueller Förderung) vorgesehen. Die Kollegen am Ganztag haben daher auch freie Vor- oder Nachmittage genau zu diesem Zweck.

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