Website-Icon News4teachers

Corona-Infektionen an mehreren Schulen – Lehrer fragen: Wie kann das sein? Ministerium sagt doch, Kinder sind nicht so infektiös

Anzeige

STUTTGART. Die Rückkehr der Grundschulen in den Regelbetrieb in Baden-Württemberg ist getrübt durch Corona-Infektionen an mehreren Schulen im Land. Dabei hatte die grün-schwarze Landesregierung das Risiko aufgrund einer Studie als gering betrachtet. Die Lehrer sind verunsichert.

Die baden-württembergische Landesregierung hat sich hinsichtlich der Ansteckungsgefahr durch Kinder festgelegt – das fällt ihr jetzt auf die Füße. Illustration: Shutterstock

Die vollständige Öffnung der Grundschulen und Kitas ist am Montag überschattet worden von Corona-Fällen an Schulen im Landkreis Göppingen und an einem Brettener Gymnasium. «Das sorgt für Verunsicherung der Kollegen, nachdem das Kultusministerium uns gesagt hat, Kinder hätten eine niedrige Viruslast und seien keine Infektionstreiber», sagte der Vorsitzende des Lehrerverbandes VBE, Gerhard Brand. Das sei ein herber Schlag, der die Glaubwürdigkeit des und das Vertrauen in das Ressort von Susanne Eisenmann (CDU) beschädige. Nach mehr als drei Monaten werden wieder alle Grundschüler im Klassenverband unterrichtet. Nur die Fächer Sport und Musik wurden wegen Corona-Risikos zunächst gestrichen. Das Abstandsgebot ist gefallen.

Sprecherin relativiert die Aussage, dass Schulen keine Infektionstreiber sind

Eine Sprecherin von Ministerin Eisenmann betonte: «Auch wenn zahlreiche aktuelle und internationale Studien zeigen, dass Kinder eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen spielen, bedeutet das nicht, dass es generell keine Infektionen an Schulen geben wird.» Es könne keine Lockerungen ohne ein Restrisiko geben. Das betreffe alle Lebensbereiche und damit auch Schulen. Die Sprecherin sagte: «Die Aussage des VBE-Vorsitzenden, die Corona-Fälle an den Schulen beschädigen die Glaubwürdigkeit des Kultusressorts, ist absurd, zeigt aber einmal mehr, wie bequem es ist, sobald Probleme auftauchen, pauschal auf das Ministerium zu schimpfen.»

Anzeige

Wahr ist aber auch: Die baden-württembergische Landesregierung hat sich bei ihrer Einschätzung des Risikos von Schulöffnungen – zumindest öffentlich – einseitig auf eine vorläufige Studie von vier baden-württembergischen Universitätskliniken berufen. Auf einer Pressekonferenz zur Präsentation der Studienergebnisse am 26. Mai befand Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne): Es könne zumindest schon mal ausgeschlossen werden, dass Kinder besondere Treiber des aktuellen Infektionsgeschehens seien (News4teachers berichtete ausführlich über die Veranstaltung).

Einwände, dass die vorgelegte Untersuchung schon vom Setting her ungeeignet ist, Aussagen über Schulöffnungen zu treffen, wurden ignoriert. Eisenmann hatte später nicht ausgeschlossen, dass Kitas und Grundschulen wieder geschlossen werden müssen, falls es Corona-Infektionsherde gibt – am Plan, die Kitas und Grundschulen ohne Abstandsregel zu öffnen, wurden keine Abstriche gemacht.

Daten stammen aus der Zeit nach den Schulschließungen

Wissenschaftlich ist es tatsächlich höchst umstritten, ob Kinder weniger infektiös sind als Erwachsene. Die Daten der baden-württembergischen Studie stammen aus der Zeit nach den Schulschließungen, als das Infektionsgeschehen bereits nahe null war. Entsprechend klein sind die dokumentierten Fallzahlen. Untersuchungen, deren Daten unter Lockdown-Bedingungen erhoben worden seien, könnten aber nicht „das anzeigen, was man später sehen wird“ – also das, was sich nach den Öffnungen zeigt, erklärt Prof. Christian Drosten, Virologe der Berliner Charité. Er sagt: „Nach einem Lockdown verteilt sich das Virus anders in Altersgruppen. Und er prophezeit: „Wir werden eine andere Situation haben, wenn wir aus den Sommerferien herauskommen.“ (Über den wissenschaftlichen Streit um die Schulöffnungen berichtet News4teachers umfangreich – hier geht es zu dem Bericht).

Wichtig ist es aus VBE-Sicht, dass allen Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern freiwillige Testmöglichkeiten angeboten werden. Auch das Kultusministerium erwartet vom Gesundheitsministerium, dass zügig ein eigenständiges und überzeugendes Testkonzept für das pädagogische Fachpersonal entwickelt werde.

VBE: Sicherheit der Lehrerinnen und Lehrer muss verstärkt werden

Noch vor den Sommerferien muss laut Brand die Sicherheit der Pädagogen an den Grundschulen verstärkt werden: mit Plexiglasscheiben am Pult, freiwilliger Testung der Lehrer einmal pro Woche und der Auflage für die Schüler, einen Mundschutz mitzubringen und diesen bei enger Interaktion mit den Lehrern anzulegen. Nach den Sommerferien sollten diese Schutzmaßnahmen bestehen bleiben und dann längerfristig geschaut werden, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt. Die verlangten Sicherheitsvorkehrungen seien ab Schulbeginn im September für alle Schularten einzuführen. Er sehe für die kalte Jahreszeit Gefahren voraus, wenn 30 Kinder in engen Klassenzimmern ohne Belüftungsmöglichkeit die Schulbank drücken. Brand: «Da gehen wir schon ein gewisses Risiko ein.»

Die Hiobsbotschaft von Corona-Ausbrüchen an Schulen im Südwesten bestärke diejenigen unter den Lehrern, die wegen Infektionsgefahr für von ihnen betreute Eltern oder Partner oder für sich selbst die Öffnung der Schulen kritisch sehen. Der VBE habe sich aber bewusst für die Wiederaufnahme des Regelbetriebes ausgesprochen.

Nach Angaben des Landkreises Göppingen ist an fünf Schulen je ein Schüler positiv auf das Virus getestet worden. Drei Schulen befänden sich in Göppingen, zwei Schulen seien in Geislingen. Eine Grundschule sei geschlossen worden, werde aber an diesem Dienstag wieder eröffnet. Zehn Kinder und zwei Lehrkräfte aus dem engeren Kontaktkreis des infizierten Kindes müssen die Quarantänezeit einhalten und werden diese Woche nochmals getestet. Insgesamt 500 Schüler würden seit Freitag getestet, bislang sei keine weitere Infektion nachgewiesen worden, sagte eine Sprecherin des Kreises Göppingen.

An einem Brettener Gymnasium (Kreis Karlsruhe) fällt wegen mehrerer Infektionen mit dem Coronavirus bis mindestens Mittwoch der Präsenzunterricht aus. Bei drei Schülern und einer Lehrerin wurde das Virus nachgewiesen.

Zeitversetzte Pausen führen zu erheblicher Unruhe an den Schulen

Die Pädagogen plagt aber laut Brand noch etwas anderes: Die aus Infektionsschutzgründen zeitversetzten Pausen führten zu erheblicher Unruhe an den Schulen. Ein Grundschulrektor habe ihm zurückgemeldet: «Von einer ruhigen Lernatmosphäre kann man nicht sprechen.»

Mitte März hatten die Schulen in Baden-Württemberg wegen des Coronavirus komplett geschlossen. Die Abschlussklassen sind bereits seit dem 4. Mai in die Schulen zurückgekehrt, die Viertklässler seit Mitte Mai. Seit Mitte Juni gibt es bereits an allen Schulen in Baden-Württemberg einen Unterricht im Schichtbetrieb im Wechsel mit Fernunterricht und mit einem abgespeckten Stundenplan.

Das Evangelische Seminar in Maulbronn ist bis zum 10. Juli wegen je eines Covid-19-Falles im Umfeld sowie unter der Schülerschaft geschlossen.

Im bayerischen Landkreis Neu-Ulm sind in drei Grundschulklassen und einer Kindergartengruppe Coronavirus-Infektionen festgestellt worden. Deswegen seien nun 98 Kinder und Erwachsene in Quarantäne geschickt worden, berichtete eine Sprecherin des Landratsamtes am Montag. News4teachers / mit Material der dpa

Fußen Schulöffnungen auf falschen Studien? Drosten: Schwedische Untersuchung weist bei jungen Menschen sogar häufiger Corona-Infektionen nach

Anzeige
Die mobile Version verlassen