Verbindungsprobleme inklusive: Wie geht Fernunterricht für Grundschüler in der Praxis? Schulleitungen legen Anleitung vor

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GÜTERSLOH. Die Schulen befinden sich auf dem Weg zurück in den Präsenzunterricht. Doch die Fragen, wie Distanzunterricht im Notfall funktionieren kann und wie digitale Medien in Zukunft eingesetzt werden sollen, werden Lehrkräfte weiter begleiten. Im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh haben sich bereits zu Beginn der Krise Grundschulleitungen zusammengeschlossen, um einen Plan für die kommenden Wochen und Monate zu entwickeln. Entstanden ist eine Handreichung zum Fernunterricht, an der sich alle Grundschulen orientieren können – in der Krise und im Alltag.

Corona-Krise: Im Kreis Gütersloh entwickeln Grundschulleiterinnen und -leiter gemeinsam einen Notfallplan für die Schulschließungen - per Videokonferenz. Foto: screenshot / Laura Millmann
Aufgrund der Corona-Krise haben Grundschulleiterinnen und -leiter im Kreis Gütersloh gemeinsam einen Notfallplan für die Schulschließungen entwickelt – per Videokonferenz. Foto: screenshot / Laura Millmann

Ende März haben sie sich zum ersten Mal getroffen – natürlich nicht persönlich, sondern per Videokonferenz. Es waren die Wochen, in denen an Normalität nicht zu denken war. Und an „Corona-Ferien“, wie manche Medien hämisch schrieben, schon gar nicht. „Am Anfang mussten sich natürlich alle erst einmal auf die neue Situation einstellen und es war uns ganz wichtig, die Familien damit nicht allein zu lassen. Aber uns war früh klar, dass es natürlich auch einen Fortschritt beim Lernen geben soll, wenn wir uns längerfristig so einrichten müssen – und dafür braucht es immer auch einen Austausch und Kommunikation“, sagt Christian Absi, Leiter der Grundschule Laukshof in Steinhagen. Die Frage, die seiner Meinung nach über allem schwebt, lautet daher: Wie können die Kinder – auch in der Distanz – zueinander finden und sich austauschen?

Dafür eine Lösung zu finden und diesen Austausch zu ermöglichen, daran haben wohl alle Schulleitungen in Deutschland gearbeitet. Im Kreis Gütersloh hatten sich dafür ganz zu Beginn der Schulschließungen auf Initiative von Stephan Kern, Schulaufsicht für die Grundschulen im Kreis, fünf Experten und Expertinnen zusammengefunden, um einen gemeinsamen Plan zu entwickeln. Man könnte auch sagen, es hat sich eine „Task-Force Distanzlernen“ für die Grundschulen im Kreis Gütersloh gebildet – bestehend aus Schulleiter Felix Heiringhoff, Konrektorin Regina Strüwer, Schulleiterin Heike Neef, Schulleiter Christian Absi sowie Medienberater Martin Husemann.

Das Mittel der Wahl: Videokonferenzen

Da gemeinsame Treffen an einem Ort nicht mehr möglich waren, musste auch dieses Experten-Team von Beginn an auf virtuelle Konferenzen über das Tool „Go to Meeting“ setzen – Übertragungsverzögerung und anfängliche Verbindungsprobleme inklusive. Dennoch sagen alle Teilnehmenden, dass sie digitalen Austausch sehr effektiv empfinden. Sie können in ihren eigenen Büros sitzen und sich dennoch gegenseitig sehen und auch gleichzeitig an einem Dokument arbeiten, das dank des geteilten Bildschirms von Felix Heiringhoff während der Konferenz immer für alle sichtbar war.

Ihnen war von Anfang an klar, dass es nötig sein würde, einen gemeinsamen Fahrplan auf den Weg zu bringen. „Unser Dokument ist als roter Faden gedacht“, erklärt Christian Absi. „Grundschulleitungen, die sich mit der Digitalisierung schon auseinandergesetzt haben, können sicherlich einige Punkte überspringen. Andere müssen es vielleicht Punkt für Punkt von oben abarbeiten. Aber am Ende, das ist unser Ziel, sind wir hoffentlich alle auf einem ähnlichen Stand.“

In einem ersten Schritt musste zunächst, da waren sich alle einig, die Kommunikation mit den Elternhäusern funktionieren. Felix Heiringhoff und sein Kollegium haben dafür zu Beginn den postalischen Weg genutzt und Regina Strüwer erzählt, dass die Klassenlehrerinnen und -lehrer an ihrer Grundschule viel mit den Kindern und ihren Familien telefoniert hätten. Heike Neef ergänzt: „Wir haben außerdem allgemeine Informationen und Anregungen für Aufgaben auch über die Homepage laufen lassen, dann aber auch nach und nach mit dem Verschicken per Mail angefangen.“ Das ist auch die Option, die die Handreichung empfiehlt. An vielen Schulen liegen jedoch noch gar nicht alle E-Mail-Adressen vor, was die Lehrkräfte vor Probleme stellt.

Weitere Möglichkeiten, die in der Handreichung ebenfalls aufgelistet werden, sind, dass die Eltern die Materialien in der Schule abholen (Option 3) oder Lehrkräfte sie auch per Instant Messenger verschicken (Option 4). Bei der vierten Option ist jedoch ausdrücklich vermerkt: „Datenschutzkonformität beachten, nicht WhatsApp nutzen!“ Zugleich werden alternative Anbieter aufgelistet. Medienberater Husemann hat jedoch eine klare Vorstellung, wo es letztendlich hingehen sollte: „Das, was wir jetzt hier machen, solche Videokonferenzen, darauf sollte es hinauslaufen. Das wird natürlich nicht bei allen Schulen sofort klappen, dafür braucht es ja auch Ausstattung und Know-How, aber das ist die beste Möglichkeit, um Kinder trotz Distanz miteinander ins Gespräch zu bringen.“ Für die Zukunft sollten Schulen darauf vorbereitet sein.

Unterschiedliche Lernbedingungen im Blick haben

In der Handreichung für die Grundschulen im Kreis Gütersloh sind außerdem Tipps vermerkt, in welcher Form Lerninhalte aufbereitet werden können (zum Beispiel über Arbeitspläne per Mail sowie über Clouds, Learning Apps und Online-Tutorials) und wie die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse an die Lehrkräfte übermitteln können.

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In dem Wissen, dass nicht alle Familien über die gleichen Voraussetzungen für das Homeschooling verfügen, müssten Lehrerinnen und Lehrer auch schon mal einzelnen Schülern hinterhertelefonieren und individuell klären, wer an welcher Stelle noch Hilfe braucht, macht Felix Heiringhoff die Schwierigkeiten deutlich, die während der Schulschließungen aufgetreten sind. „Wir müssen immer im Blick haben, dass wir die Familien in einer solchen Situation nicht noch zusätzlich stressen. Zumal wir auch keinen direkten Zugriff auf die Kinder hatten und wir auch nicht mehr in der direkten Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe standen. Das sind natürlich alles Überlegungen, die bei uns eine Rolle gespielt haben“, ergänzt Christian Absi.

Doch trotz all dieser Herausforderungen und Hürden haben die Schulschließungen auch dazu geführt, an den Schulen Potenziale freizusetzen oder solche zu erkennen. „Ich sehe es ja in meinem Kollegium, alle sind alle sofort total kreativ geworden, wenn es darum ging, die Kinder erreichen zu können und ihnen spannende Aufgaben zu stellen“, sagt Heike Neef. „Diese Erfahrung können wir nun nutzen – auch weil sozusagen die blinden Flecken aufgedeckt wurden, was bei der Ausstattung und der Versorgung noch nicht so gut läuft.“

Blick in die Zukunft: Chance für die Digitalisierung

Ihre Schulleitungskollegen der anderen Grundschulen bestätigen diesen Eindruck. Sie alle haben das Gefühl, dass „medienaffine Lehrkräfte jetzt nochmal einen Kick“ bekommen hätten, wie Martin Husemann es ausdrückt, und sonst eher skeptische Lehrkräfte die Gelegenheit genutzt hätten, Neues auszuprobieren. Zudem mache die Krise allen deutlich, wie sinnvoll und entlastend die Technik sei. „Diese Erkenntnisse können helfen, ein bisschen Tempo aufzunehmen, was die Etablierung der Digitalisierung an Schulen angeht“, meint Christian Absi.

Die Schulleitungen sehen die Chance, bei der Digitalisierung der Schulen jetzt einen großen Schritt nach vorne zu machen. Foto: Shutterstock

Außerdem hoffen die Schulleitungen sowie der Medienberater Martin Husemann auf einen Schub, was die Ausstattung der Schulen angeht. „Wir haben in den Diskussionen immer wieder gemerkt, dass es unglaublich schwierig ist, alle Kinder mitzunehmen, wenn die mediale Ausstattung nicht gegeben ist“, so Husemann. „Wenn die Schulen bereits jetzt eine 1-zu-1-Ausstattung mit Tablets (für Schüler und Lehrer) hätten, würde die Situation ganz anders aussehen.“ Sein Wunsch ist es, dass diese Erkenntnis auch bei den Politikern hängen bleibt.

Nun müssen die Grundschulen im Kreis Gütersloh und überall in Deutschland aber mit dem arbeiten, was vorhanden ist, und ein System schaffen, das in der jetzigen Situation für alle leistbar – für Kinder und Eltern, für Kolleginnen und Kollegen. Laura Millmann / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zum Konzept der Schulleiterinnen und Schulleiter aus dem Kreis Gütersloh.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

Wie Fernunterricht als Videokonferenz klappt – und welche Rolle die Eltern dabei spielen: Ein Lehrer berichtet aus seiner Praxis

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1 KOMMENTAR

  1. Na, DAS klingt doch alles ganz GROSSARTIG…
    Der Schulträger in meinem Bundesland /Landkreis hat jetzt vollmundig angekündigt, dass es nach den Sommerferien für unsere Schule (unfassbar!) WLAN geben wird: in der Verwaltung UND im Lehrerzimmer !!!!! Da stehen drei Rechner press nebeneinander für 14 Lehrkräfte…. Was soll man da noch sagen, außer: Finde den Fehler ????????

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