DÜSSELDORF. Noch vor zwei Tagen beteuerte NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP), dass die Schulen keine Corona-Hotspots seien und deren „strengen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnehmen“ wirkten. Aktuelle Daten von den Gesundheitsämtern des Landes zeichnen ein anderes Bild: Danach gehören Schulen durchaus zu den relevanten „Infektionsumfeldern“.
Die Gesundheitsämter kommen offenbar bei der Rückverfolgung von Infektionsketten immer öfter nicht mehr hinterher. In 43 Prozent der Fälle, so berichtet die „Rheinische Post“ unter Berufung auf einen Lagebericht der NRW-Gesundheitsämter zur Woche vom 24. bis 30. September, blieb das “Infektionsumfeld” unklar. Trotzdem wird aus den Daten deutlich, dass Feiern und Reisen nur noch eine geringe Rolle im Infektionsgeschehen spielen – die meisten der nachvollziehbaren Infektionsketten, nämlich 35 Prozent endeten in der Rückverfolgung in „privaten Haushalten“, gefolgt vom Arbeitsplatz (13 Prozent) sowie von Schulen und Kitas (11 Prozent). In sechs Prozent seien Krankenhäuser oder Pflegeheime ermittelt worden.
Robert-Koch-Institut bestätigt: Es gibt mehr Ausbrüche an Schulen
Und das Infektionsgeschehen in Deutschland verschärft sich weiter – mit dramatischer Geschwindigkeit: Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut bundesweit mit 6.638 Neuinfektionen einen neuen Rekordwert für Deutschland, auch in NRW wurden mit 1.213 neuen Fällen im Sieben-Tages-Schnitt so viele Neuinfektionen wie nie registriert. Weil von der Infektion, Testung, Ergebnisermittlung und Veröffentlichung bis zu zehn Tage verstreichen, spiegeln die Daten das Geschehen aus der Zeit vor den Herbstferien.
Noch am Mittwoch behauptete NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer: Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass an den Schulen des Landes kein unkontrolliertes Infektionsgeschehen festzustellen sei und Schulen keine Hotspots seien. «Ganz im Gegenteil: Die strengen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen werden eingehalten und wirken.»
Heute hat das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf die Kultusministerien der Länder relativierende Daten veröffentlicht, die zeigen sollen, dass seit den Sommerferien “nur relativ wenige” Schüler von Corona-Infektionen betroffen seien. Demnach waren in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Bayern offiziell rund 0,04 Prozent der Schüler mit dem Coronavirus infiziert. In Berlin waren es den Angaben zufolge 0,07 Prozent. Es habe zudem “nur relativ wenige” Quarantäne-Maßnahmen gegeben, heißt es. So waren zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen am Stichtag 7. Oktober 98,1 Prozent der Schüler nicht von Quarantäne betroffen. In Bayern befand sich am 15. Oktober rund 1 Prozent der Schüler in Quarantäne. Absolute Zahlen – oder gar Zeitvergleiche, die die Entwicklung verdeutlichen – wurden nicht benannt.
“Wir haben die Beobachtung gemacht, dass es kein verstärktes oder im Vergleich zur übrigen Gesellschaft erhöhtes Infektionsgeschehen an Schulen oder Kitas gibt”, sagte die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) dem RND. “Infektionen finden ganz überwiegend außerhalb der Schulen und Kitas statt und werden von außen hereingetragen.” Tatsächlich gibt es immer mehr Corona-Ausbrüche an Schulen, wie das Robert-Koch-Institut Anfang der Woche bestätigte, ohne konkrete Daten dazu zu nennen (News4teachers berichtete ausführlich darüber – hier geht es zu dem Beitrag).
Datensammlungen machen das Ausmaß des Infektionsgeschehens an Schulen deutlich
Das Ausmaß lässt sich allerdings aufgrund von zwei Datensammlungen erahnen. Zwei Initiativen – eine davon von einer Lehrerin aus Hamburg – sammeln unabhängig voneinander Medienberichte zu Corona-Fällen an Schulen. Als Ausbrüche werden dabei nur solche Fälle aufgenommen, bei denen mehrere Infizierte gleichzeitig an einer Schule offiziell festgestellt werden, was Ansteckungen innerhalb der Schule vermuten lässt. In der ersten Datensammlung lassen sich bundesweit 120 Schulen ausmachen, bei denen drei bis fünf infizierte Schüler und Lehrer gemeldet wurden, 73 Schulen, bei denen fünf bis neun Infektionen auftraten, 33 Ausbrüche mit offiziell zehn bis 19 Betroffenen und sechs Schulen, die mit jeweils mehr als 20 offiziell Infizierten als Hotspots gelten können. Vier Schulen aus Nordrhein-Westfalen sind unter diesen Hotspots.
Aus der anderen Datensammlung, die nach Monaten der Meldung trennt, ergibt sich allein für Oktober ein ähnliches Bild. An fast 1.000 Schulen bundesweit (995) traten danach einzelne Infektionen auf; an 297 Schulen wurden mehrere Fälle gleichzeitig registriert. An 99 Schulen wurden Quarantänemaßnahmen verhängt, ohne dass Infektionszahlen dazu veröffentlicht wurden. Auch die Kitas sind betroffen: 217 mit Einzelfällen, 25 mit mehreren Infektionen – und 129, bei denen Quarantäne verhängt wurde, ohne den Grund dafür zu nennen.
NRW-Städte melden: Schulen sind bei uns die Treiber des Infektionsgeschehens
Dazu passen die Meldungen von NRW-Kommunen aus der vergangenen Woche: Die NRW-Städte Wuppertal, Hagen und Gladbeck hatten vor den Herbstferien wieder eine Maskenpflicht auch im Unterricht der weiterführenden Schulen eingeführt. Zwei der drei Kommunen räumten dabei – als erste in Deutschland – ein, dass sich Schulen als Corona-Hotspots erweisen. „Bei uns spielt sich das Infektionsgeschehen an den Schulen ab“, hieß es zum Beispiel in Gladbeck. (Auch darüber berichtete News4teachers – hier.) News4teachers
Hier geht es zur Deutschland-Karte, auf der @thinktank197 von Infektionen betroffene Kitas und Schulen, über die im Monat Oktober in Medien berichtet wurde, markiert.
Hier geht es zur Deutschland-Karte, auf der von Ausbrüchen betroffene Schulen (mit mindestens drei Infizierten) markiert sind.
Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.
