„Gerade in stürmischen Zeiten wichtig“: VBE-Chef Beckmann zum Deutschen Schulleiterkongress

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DÜSSELDORF. Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) sollte eigentlich als Präsenzveranstaltung in Düsseldorf stattfinden – und wird nun digital. Mehr als 80 Referentinnen und Referenten geben vom 26. bis 28. November 2020 Anregungen für die schulische Praxis in der Krise. VBE-Chef Udo Beckmann erklärt im Interview, was er vom DSLK im neuen Format erwartet – und wie sich die Situation für die Schulleiterinnen und Schulleiter derzeit darstellt. Der VBE ist Mitveranstalter des Kongresses.

Sieht den Einsatz von zu vielen Seiteneinsteigern kritisch: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier
„Die Politik muss sich ehrlich machen“: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE / Jean-Michel Lannier

Der Deutsche Schulleiterkongress findet erstmalig digital statt. Hat Sie die Situation unvorbereitet getroffen?

Beckmann: Natürlich nicht! Wir haben im Frühjahr den Kongress absagen müssen. Bei der Verlegung in den November war klar, dass wir nicht mit allen Angemeldeten vor Ort zusammenkommen können. Deshalb wurde sowieso schon die ganze Zeit der Ansatz einer hybriden Veranstaltung verfolgt. Unser neuer Kooperationspartner Fleet hat ein innovatives Kongresssystem entwickelt, mit dem der DSLK auch online eine großartige Erfahrung werden wird – Möglichkeiten zum Austausch inklusive.

Was erwarten Sie sich vom Deutschen Schulleiterkongress?

Beckmann: Wir haben schon beim Deutschen Kitaleitungskongress, der ja im Herbst in mehreren Städten gut gelaufen ist, gesehen, wie sehr sich die Kolleginnen und Kollegen darauf freuen, sich mit anderen auszutauschen, zu netzwerken und auch mal wieder auch über andere Dinge zu reden als immer nur über Corona – über das, was ihre Profession ausmacht, warum sie die Leitung einer Bildungseinrichtung übernommen haben.

Den DSLK in den digitalen Raum zu verlegen, bietet uns auch ganz neue Möglichkeiten. So können viele, die sonst aufgrund der räumlichen Distanz bis Düsseldorf oder der Schwierigkeiten einer Freistellung nicht dabei sein können, nun teilnehmen.

Wie erleben Sie die Situation der Schulleitungen derzeit?

Beckmann: Schulleitungen werden praktisch täglich mit neuen Verordnungen zu Corona konfrontiert, sodass sie kaum noch die Möglichkeit haben, ihre eigentlichen Aufgaben zu erledigen. Schulentwicklung, Unterrichtsentwicklung, Personalentwicklung – das kommt einfach zum Erliegen, weil sie dafür überhaupt keine Zeitressourcen haben. Es wird ständig was oben drauf gepackt. Kontakte zu den Gesundheitsbehörden, Kontakte mit den Schulträgern, Eltern beruhigen, die Lehrkräfte neu auf das einstellen, was sich jetzt ändert, und „ganz nebenbei“ läuft ja auch noch die Digitalisierung der Schule, die ja jetzt auch endlich vorangetrieben werden soll. Dabei beobachte ich im Moment mit Sorge, dass das Kernproblem Lehrkräftemangel durch die öffentliche Diskussion, wann wie schnell welche Digitalisierungsschübe möglich sind, völlig hinten runterfällt. Der Kern vom Bilden und Erziehen ist Beziehungsarbeit und dafür braucht man eben erst einmal die notwendigen Lehrkräfte – und dann erst die Laptops.

Der zum VBE gehörende BLLV spricht gar von einem „Notbetrieb“ der Schulen. Zwei große Problemlagen, Lehrermangel und Corona, würden aufeinanderstoßen, wobei der Lehrermangel in der Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen wird – aber genauso katastrophale Auswirkungen hat auf den Schulbetrieb.

Beckmann: Genau – und das gilt ja nicht allein für Bayern. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass sich die Politik ehrlich machen muss. Sie darf nicht den Eindruck erwecken, wir könnten in der derzeitigen Lage einen „Normalbetrieb“ ohne Abstriche in den Schulen haben. Und da bin ich wieder bei den Schulleitungen. Die stehen vor der großen Herausforderung, das, was politisch angekündigt wird, umzusetzen. Gleichzeitig müssen sie den Eltern und Schülerinnen und Schülern klarmachen, dass es, wenn auf einem Gipfel große Summen für dies oder das versprochen werden, ja noch lange nicht heißt, dass das in den Schulen sofort zur Verfügung steht.

…so wie bei dem Digitalpakt und dem Sofortausstattungsprogramm?!

Beckmann: Genau! Mit all diesen Ankündigungen, aber ohne konkrete Daten und Zielsetzungen werden bei Eltern und der Gesellschaft von der Politik hohe Erwartungen geweckt. Und dann sind es die Schulleitungen und die Lehrkräfte, die in der ersten Reihe stehen. Auf sie prallt alles ein und sie muss dann die Erklärung geben, warum das denn an der eigenen Schule jetzt noch gar nicht funktioniert. Wo bleibt denn die Digitalisierung, wo doch jetzt die Millionen fließen?

Wozu führt das?

Beckmann: Dieser ständige Rechtfertigungsdruck ist eine riesige zusätzliche Belastung, unter der die Schulleiterinnen und Schulleiter stehen. Und dazu kommt, wie eben schon angesprochen, dann noch die Personalnot. Dies ist Ursache für den wachsenden Unmut der Beschäftigten. Nicht umsonst zeigen unsere repräsentativen forsa-Umfragen zur Berufszufriedenheit immer wieder, dass Schulleitungen und Lehrkräfte es als am meisten belastend empfinden, dass die Politik ihre Entscheidungen nicht entsprechend der tatsächlichen Schulrealität trifft. Der Spagat zwischen den Erwartungshaltungen und dem, was man an der einzelnen Schule wirklich zur Verfügung hat, wird immer größer.

Wie sieht’s denn aus bei der Digitalisierung der Schulen?

Beckmann: Wir haben immer noch eine große schulische Digitalwüste. Es gibt einige Leuchttürme. Die hatten wir aber vorher schon. Es gibt aber bisher nach wie vor nur wenige Lehrkräfte, die über einen Dienst-Laptop verfügen. Davon, dass jede Schülerin und jeder Schüler einen Zugang zum günstigen Internet haben, sind wir noch meilenweit entfernt. Auch die von uns geforderten Fortbildungsangebote lassen weiter auf sich warten. Auch paradox: Wenn solche Fortbildungsangebote nur in Präsenzveranstaltungen vermittelt werden. Wie sollen Lehrkräfte denn die Mehrwerte des Digitalen schätzen, wenn sie selbst nicht davon profitieren?

Das malt ein schwarzes Bild. Mit Blick auf das Infektionsgeschehen stellt sich die Frage, ob wir auf Schulschließungen überhaupt besser vorbereitet wären als im März?

Beckmann: Wenn es jetzt wieder zu flächendeckenden Schulschließungen käme, dann wären wir insofern ein Stück weiter, als dass die Schulen aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns gelernt haben und besser darauf eingestellt wären, die Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Es gibt sicherlich größeres digitales Knowhow, das sich die Kollegien in der Regel aber selbst erarbeitet haben. Zudem gibt es wohl schon die ersten Anschaffungen digitaler Endgeräte mit den Geldern des Sofortprogramms, wenngleich sie nicht für vollständige Klassensätze ausreichen, wie wir es immer wieder eingefordert haben. Deshalb gilt, dass wir, was die Ausstattung anbelangt, nicht viel weiter als im März wären.

Ein Schulleiter muss ein Kommunikator in alle Richtungen sein – ob mit Eltern, mit Schülern, mit dem Kollegium, dem Schulträger, der Schulverwaltung. All die Ebenen müssen bedient werden…

Beckmann: Gesundheitsämter jetzt auch noch.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit denen?

Beckmann: Das unterschiedliche Vorgehen der Gesundheitsbehörden bei Infektionen ist ein Problem. Die individuelle Einschätzung des Risikos kann von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt sehr unterschiedlich ausfallen – bei gleichen Rahmenbedingungen. Manchmal muss die ganze Schule in Quarantäne, teils der Jahrgang, die Lerngruppe oder auch nur die direkt neben jemandem Sitzenden. Das ist kaum nachvollziehbar.

Problematisch ist auch, dass die Gesundheitsämter sehr unterschiedlich personell ausgestattet sind. Wie schnell erreicht die Schulleitung jemanden? Wie schnell bekommt sie die Unterstützung, die sie benötigt? Die Schulleiterinnen und Schulleiter haben oft das Gefühl, dass sie auf sich allein gestellt sind. Dazu kommt, dass Schulleitungen in vielen Bundesländern für die Gesundheitsämter immer, also auch am Wochenende, erreichbar sein müssen. Wieder eine neue Aufgabe, die oben drauf gesattelt wurde – ohne dass darüber nachgedacht wird, Entlastungsmöglichkeiten oder Anrechnungsmöglichkeiten zu schaffen, damit die Leitungszeit erhöht wird. Im Gegenteil, aufgrund der dünnen Personaldecke sind Schulleitungen mehr denn je gefordert, im Unterricht noch mit einzuspringen, um den bestehenden Personalmangel aufzufangen. Gerade an kleinen Systemen, an Grundschulen, war das schon vor Corona ein Problem. Und das wächst sich weiter aus.

Wie läuft’s mit den Eltern?

Beckmann: Eltern wollen die bestmögliche Ausbildung für ihre Kinder. Das zeigt sich manchmal eben auch darin, dass sie Angst und Sorge haben, dass ihre Kinder nicht den Abschluss erreichen, den sie sich wünschen. Mitunter erwächst daraus Unzufriedenheit, Frust, dass es nicht so vorangeht wie gewünscht. Das sorgt für Konfliktpotenzial in den Schulen. Wir haben kürzlich Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Gewalt gegen Lehrkräfte veröffentlicht – und wir sehen, dass sich die Konflikte verstärken. Die wachsende Kluft zwischen den Erwartungen und zwischen dem, was Schule noch einlösen kann, wirkt sich aus.

Müssten dann nicht die Lehrpläne in der Corona-Krise abgespeckt werden, damit der Erwartungsdruck auch gegenüber den Schülerinnen und Schülern sinkt?

Beckmann: Genau. Da bin ich bei der Forderung, die Politik muss sich ehrlich machen. Sie muss mal sagen, was mit den vorhandenen Ressourcen, die schon vor Corona auf Kante genäht waren, unter den gegebenen Bedingungen jetzt noch möglich ist. Sie muss klären, wo wir Abstriche machen können, ohne dass es die Bildungs- und Zukunftschancen der Kinder dauerhaft beeinträchtigt. Allerdings möchte ich davor warnen, sich nur noch auf die Kernfächer zu konzentrieren. Gerade in diesen schwierigen Zeiten braucht es auch Zeit für Kreativität. Deshalb ist es der falsche Weg, jetzt mal schnell den Rotstift bei den musisch-kreativen Fächern anzusetzen. Die Anforderungen an die Kultusministerkonferenz ist, jetzt ganz klar und deutlich zu definieren, was unter Corona-Bedingungen machbar ist – ohne gleich alles über Bord zu werden, was nicht Lesen, Schreiben und Rechnen ist.

Kommen wir auf den Anfang zurück. Wie kann denn der Deutsche Schulleiterkongress die Schulleitungen bei all diesen Herausforderungen unterstützen?

Beckmann: Mit dem Deutschen Schulleiterkongress haben wir ein Forum geschaffen, in dem Schulleitungen praxistaugliche Tipps in unterhaltsamen Workshops erhalten und diese in Diskussionen und im Austausch mit anderen weiter vertiefen können. Zudem sind die Hauptvorträge mit hochkarätigen Rednerinnen und Redner besetzt, die von ihren Führungserfahrungen berichten – ob Dirigent, Schiffskapitän oder Zirkusdirektor: Auf der Meta-Ebene geht es stets um gutes Führen und darum, das Kollegium zusammenzuhalten. Gerade in stürmischen Zeiten, wie wir sie gerade erleben, sind da sicher viele Anregungen für die Teilnehmenden dabei. News4teachers

www.deutscher-schulleiterkongress.de

Deutscher Kitaleitungskongress: „Am Ende geht es um die Kinder“ – Wie die Kita-Kollegien sich in ihren Alltag zurückkämpfen

 

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4 KOMMENTARE

  1. Ein Zusammenschluss großer bundesweiter Elternverbände, Verbände und Privatpersonen fordert seit Wochen, die Schulen jetzt in der Pandemie unbürokratisch mit erheblichen finanziellen Mitteln auszustatten – damit die Schulen letztlich auch über die Pandemie hinaus besser arbeiten können.

    Bitte die bundesweite Petition von Elternverbänden, Verbänden und Privatpersonen mitzeichnen und in allen Verteilern verbreiten:

    https://www.openpetition.de/petition/online/bildungsgerechtigkeit-und-gesundheitsschutz-in-der-pandemie

  2. Als kongresserfahrener Mitmensch kann ich nur bestätigen, dass lebendiger Austausch unter verschiedensten Leuten aus der Branche eine hocherfreuliche und produktive Sache sein kann. Das Kongressprogramm zeigt einen akut angesagten Schwerpunkt: Ausbau der Digitalisierung – gut. Und einen zweiten, immerwährenden Schwerpunkt: Ausbau der Perönlichkeit – auch gut, aber in b e i d e n Schwerpunkten macht es nur wirklich Sinn, wenn auch die organisatorischen, strukturellen und rechtlichen R a h m e n b e d i n g u n g e n für SCHULE mitthematisiert werden. Die Referent*innen mit dieser Thematik gehen unter im Aufgebot der Digis und Personal Coaches….
    Am Beispiel Umgang mit Corona wird es deutlich:
    ZITAT:“…auch mal wieder auch über andere Dinge zu reden als immer nur über Corona – über das, was ihre Profession ausmacht, warum sie die Leitung einer Bildungseinrichtung übernommen haben.“
    Die extreme Herausforderung durch das Virus ist der ultimative Test auf die Fähigkeiten einer Schule, praktische, konzeptionelle, kommunikative, kreative – und organisatorische Antworten zu finden.
    Und was liefert der Kongress?
    Verweigerung – genau dieses Themas!

  3. Schulleiter haben wegen Corona am meisten an der Jacke.

    Trotzdem kann es nicht sein, dass Schulen einen gestafften Unterrichtsbeginn ablehnen.

    Die Busse sind mehr als überfüllt. Bei 1,5 m Abstand müssen 5-10 mal soviel Busse fahren.

    Hilfreich wäre nach wie vor ein Schichtunterricht mit Vormittagschicht und Nachmittagschicht.
    Natürlich bei halbiertem Lehrplan und halbiertem Unterricht.
    Hier sind die Kultusministerien gefordert.

    „lass uns doch erst mal sehen wie sich das Ganze entwickelt“
    „Da müssten wir ja den Lehrplan anpassen“
    „Da müssten wir ja einen neuen Stundenplan machen“
    Mit so einer Einstellung kommt die Katastrophe.

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