Wissenschaftler: Mangelnder Politikunterricht gefährdet die Demokratie

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HAGEN. Das politische Wissen der Bürger in Deutschland ist insgesamt nur gering und hnoch dazu heterogen verteilt, haben Wissenschaftler aus Hagen und Marburg ermittelt. Das gefährde Demokratie und Chancengleichheit gleichermaßen.

Politisches Wissen hat großen Einfluss auf die Qualität einer Demokratie und auf die politische Chancengleichheit. „Seit der Aufklärung gilt politisches Wissen als Voraussetzung für die Mündigkeit der Bürger“, schreiben etwa Markus Tausendpfund und Bettina Westle, die gemeinsam das politische Wissen der deutschen Bevölkerung untersucht haben.

Viele fragen sich gerade, ob die Wähler in den USA wissen, was sie tun. Doch auch bei den Bürgern in Deutschland sind offenbar Zweifel angebracht. Foto: Michael Schwarzenberger / Pixabay (P. L.)

Insbesondere das von Partizipationstheorien der Demokratie häufig gezeichnete Bild des demokratischen Bürgers als bestens informiertem, politisch kenntnisreichem und selbstbewusstem Homo Politicus treffe auf die Bürger in Deutschland nicht grundsätzlich zu. „Das politische Wissen in Deutschland ist insgesamt auf einem eher geringen Niveau, aber je nach sozialen Gruppen sehr heterogen“, formuliert Markus Tausendpfund, Sozialwissenschaftler der Fernuniversität in Hagen.

Um das Wissensniveau der Bürger in Erfahrung zu bringen, nutzten die beiden Wissenschaftler ein Wissensquiz der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften des Jahres 2018 (ALLBUS 2018) mit insgesamt 21 Fragen, beispielsweise danach, wer den Bundeskanzler wählt (das wussten 60 Prozent), wer die Richtlinienkompetenz hat (28 Prozent) oder was der Begriff „Wahlgeheimnis“ bedeutet (81 Prozent).

Auch bei der Zuordnung bekannter Politiker zu politischen Parteien zeigten sich die Befragten keineswegs sicher. Wussten 90 Prozent von ihnen noch, dass Angela Merkel Mitglied der CDU ist, war das bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nur 60 Prozent bekannt. Lediglich jeweils 40 Prozent ordneten Außenminister Heiko Maas richtigerweise der SPD und Katrin Göring-Eckardt Bündnis 90 / Die Grünen zu.

Ähnliches zeigte sich auch für Fragen zur Politik, zu zentralen Themen und zum Wahlsystem. Seit vielen Jahren liege etwa die Quote der richtigen Antworten zur Bedeutung von Erst- und Zweitstimme zwischen 50 und 60 Prozent.

Viele Menschen wüssten mithin gar nicht genau, was sie bei der Wahl tun, so Tausendpfund. Die Frage nach Erst- und Zweitstimme werde regelmäßig in Wahlbefragungen gestellt. An ihr zeige sich, dass das Wissensniveau verhältnismäßig stabil bleibt. Tausendpfund: „Vor der Wahl bzw. im Wahlkampf wird der Unterschied etwas bekannter, danach wird er wieder vergessen.“

Ein weiterer Befund kann die Besorgnis noch steigern: Es gebe durchaus Bevölkerungsgruppen mit sehr hohem politischem Wissen: Diese kennen die zentralen Institutionen und Verfahren des politischen Systems, wichtige Akteure sowie politische Themen. Das seien insbesondere Bürger mit besserer Bildung, höherem Einkommen und eher Männer mit stärkerem politischem Interesse. Nach Tausendpfund und Westle sind es tendenziell vor allem die Gruppen, die Grüne und FDP wählen, AFD-Anhänger eher nicht.

Bevölkerungsgruppen mit höherem politischem Wissen beteiligten sich stärker an der Politik. Für sie sei die Demokratie ein Wert an sich, sie nähmen eher an Wahlen teil und seien besser gegen Populismus gewappnet. Wer dagegen wenig weiß, sei seltener politisch engagiert, weniger demokratisch eingestellt, intoleranter und anfälliger für populistische Vereinfachungen komplexer Probleme sowie weniger wachsam gegenüber politischen Eliten.

Auch im Hinblick auf die Erkennung von Fake News seien politische Faktenkenntnisse und politisches Verständnis eine wichtige Basis, um neue Informationen kritisch beurteilen und falsche erkennen zu können. Dieser Aspekt werde angesichts des Informationsüberflusses durch das Internet immer bedeutender. Eine kommunikationswissenschaftliche Hypothese besagt außerdem laut Tausendpfund und Westle, dass Menschen mit größerem politischem Wissen stärker von neuen Informationen aus den Medien profitieren als solche mit geringem. Nur wenn neue Informationen mit alten vernetzt und in diese eingebettet werden könnten, ergeben sie demnach Sinn und können dauerhaft im Gedächtnis verankert werden.

Die Gründe für die Defizite im politischen Wissen vieler Staatsbürger sieht Markus Tausendpfund vor allem in fehlendem Politikunterricht. Daneben spiele die Struktur der Medienlandschaft eine wichtige Rolle.

Der Ausgangspunkt der Defizite bei bestimmten Gruppen ist für Tausendpfund aber oft die Schulzeit. Seit vielen Jahren werde über die Bedeutung des Politikunterrichts im Unterricht debattiert, so der Hagener Wissenschaftler, der eine deutliche Position einnimmt: Der Politikunterricht ist seiner Meinung nach „zu gering bis nicht existent. Häufig wird dieses Fach mit anderen wie zum Beispiel dem Wirtschaftsunterricht kombiniert. Wir müssen das Fach Politik im Blick halten, weil das politische Wissen ja sehr ungleich verteilt ist.“ Der Politikunterricht könne einerseits das politische Wissen fördern und dazu beitragen, die soziale Ungleichheit bei diesem zu verringern. Andererseits könnten nur in der Schule alle künftigen Bürger erreicht werden.

Aber auch außerschulische Angebote seien wichtig, denn solche Angebote können nach Tausendpfunds Ansicht das politische Wissensniveau ebenfalls fördern. Zentrale Vorbedingung für den Erwerb und Erhalt politischen Wissens ist für ihn das persönliche politische Interesse. Die Förderung des politischen Interesses sei demnach eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

In mittelfristiger Rückschau kommt aus Tausendpfunds Sicht neben dem Politikunterricht auch den Medien eine große Verantwortung für den geringen Wissensstand der Bevölkerung zu. „Das war ein sehr langer Prozess.“ Er habe begonnen, als das Privatfernsehen ab 1984 und etwa zeitgleich die Privatradios die Medienlandschaft stark differenzierten, so der ehemalige Journalist. Bis dahin hätten die Zuschauer der politischen Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender oft „nur mit dem Ausschaltknopf ausweichen“ können.

Die neuen Privatsender dagegen hätten ein anderes Verständnis von Berichterstattung als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Bei ihren Nachrichten gehe es weniger um Fakten als um Entertainment. „Personen, die häufig Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender konsumieren, haben eindeutig ein höheres politisches Wissen. Nachrichtensendungen privater Sender reduzieren das Wissen eher“, so Tausendpfund. „Das ist primär darauf zurückzuführen, dass dort Nachrichten einfach anders vermittelt werden – unterhaltender eben.“ Wichtig seien Emotionen und Unterhaltung. Die Bild-Zeitung verkaufe ja auch Nachrichten völlig anders als etwa die F.A.Z., die Süddeutsche Zeitung oder die Zeit.

Vergrößert – aber nicht unbedingt verbessert – werde die Medienvielfalt durch Twitter, geschlossene Facebook-Gruppen etc. Sie immunisierten die User sogar offensichtlich gegen Fakten, die nicht in ihr Weltbild passen, wobei Tausendpfund aber betont, dass hier die Datenlage für konkretere Aussagen noch nicht ausreiche. Klar sei aber, dass das Internet ein breites Angebot von Informationen bereithalte, von „seriös“ bis „höchst problematisch“. (zab, pm)

https://www.news4teachers.de/2020/10/die-demokratie-steht-auf-dem-spiel-demokratische-bildung-ist-aufgabe-aller-faecher

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3 KOMMENTARE

  1. „Das politische Wissen der Bürger in Deutschland ist insgesamt nur gering und hnoch dazu heterogen verteilt, haben Wissenschaftler aus Hagen und Marburg ermittelt.“

    Im ersten Reflex dachte ich: „OK, wo ist jetzt die Neuigkeit?“
    Dann dachte ich: „Verdammt, diese Wissenschaftler – lügen die schon wieder oder irren die sich schon wieder?“
    (IRONIE !!!)

    Tja, leider völlig ernst gemeint:
    Geliefert wie bestellt.
    Zeigt Wirkung.
    Lässt sich genau so schlecht aufhalten wie eine Virus-Pandemie.
    (Dummheit scheint sich exponentiell zu verbreiten. – Das ist aber nur eine Beobachtung von vielen Bürgern, keiner davon ist Wissenschaftler.)

    Aber immerhin liegt auch das wieder an den Schulen? – Na, dann ist ja doch alles irgendwie so wie wir es kennen und das ist schon fast wieder beruhigend.
    (Wahrscheinlich denken ja auch tatsächlich viele Leute, das jede Schule selbst bestimmt, was und wie sie Inhalte vermittelt …!)

  2. Am besten gefällt mit das hier:

    „Die neuen Privatsender dagegen hätten ein anderes Verständnis von Berichterstattung als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Bei ihren Nachrichten gehe es weniger um Fakten als um Entertainment.“

    Ja, diese Privatsender müssen auch Gewinne erwirtschaften und bedienen dadurch zwangsläufig andere Zielgruppen und machen andere Nachrichten. Thank you, Mr. Obvious. Man könnte auch die provokante Frage stellen, warum Privatsender nicht auch einen Teil des ÖR-Geld-Topfes bekommen, wenn sie politische Arbeit machen.

    Zum Rest: Ja, politische Bildung ist wichtig. Problematisch ist aber, dass einfach kaum noch Zeit dafür ist. Woher Die Zeit nehmen? Es fängt doch schon damit an, dass z.B. SuS mehr in die Entscheidungen in der Schule eingebunden werden- in einigen Bundesländern. Aber haben sie tatsächlich so viel Entscheidungskompetenz? Nein. Damit ist dann aber die Wurrschnittsaufgabe der politischen Bildung oft erledigt.

    Im Grunde müsste der Unterricht in Deutschland epochaler werden und erst nach 11 Jahren zum mittlerem Schulabschluss führen. Das ist die einzige Konsequenz, welche die Tatsache berücksichtigt, dass die Schulen immer mehr Arbeit erledigen müssen, welche früher die Eltern erledigt haben.

  3. Das ist alles richtig. Meine politische Bildung zu meiner Schulzeit bestand daraus sich vom Lehrer (SPD-Kreisrat) indoktriniert zu lassen. Ein paar Mitschüler gingen dann in die JuSo und waren ab dann die Lieblinge. Andere waren in der JungenUnion und wurden richtiggehend gekonnt. Alle Beschwerden waren folgenlos. Heute sieht es nicht anders aus meine Tochter wird von einigen Lehrern mit den Ideologien der Grünen zugepflastert. Wer nicht freitags mit zu den FFFs ging wurde gebrandmarkt. Dies geht soweit, dass die Schüler Zuhause rumschnüffeln sollen was die Eltern so wählen. Die Schule hat politisch ein neutraler Ort zu sein und ein Lehrer der seine politische Gesinnung reindrücken will gehört sofort mit empfindlicher Strafe belegt und aus dem Schuldienst entfernt. Was glauben Sie weshalb die feindselige Stimmung gegenüber den Lehrern entsteht? Das kommt von einigen wenigen, die ihre Macht total unmoralisch ausleben. Die Schüler vergessen solche Ungerechtigkeiten nicht. Zudem ist das ein Schaden für diese Partei und wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf die gesamte Lehrerschaft.

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