WIESBADEN. Die GEW Hessen hat einen rasanten Schwenk hingelegt – von einer harten Kritikerin der Schulöffnungspolitik der Landesregierung hin zur Dränglerin für schnelle Schulöffnungen. Tatsächlich will Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) dem jetzt folgen und die Jahrgänge sieben bis elf zurück in den Präsenzunterricht bringen. Augenscheinlich hat die Ankündigung, auch Lehrkräfte der weiterführenden Schulen könnten sich nun Impftermine holen, bei der Gewerkschaft zu einem plötzlichen Umdenken geführt.
Die mutierten Sars-Cov-2-Erreger aus England, Südafrika und Brasilien seien inzwischen auch in Hessen nachgewiesen worden. Dass diese auch in die Schulen und Kitas getragen würden, habe das Auftreten der britischen Corona-Variante in einer Frankfurter Kita gezeigt. Diese Entwicklung beunruhige viele Kolleginnen und Kollegen und auch Eltern sehr – berichtete die GEW Hessen in einer Pressemitteilung noch am 10. Februar
“Die GEW erwartet, dass Schul- und Kitaträger schnellstmöglich genügend Luftfilter bzw. Lüftungsanlagen anschaffen“
Die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald führte darin wörtlich aus: „Einerseits wird es insbesondere für die Kinder mit schlechten häuslichen Lernvoraussetzungen immer wichtiger, dass sie zumindest in einem gewissen Umfang wieder am Präsenzunterricht teilnehmen können. Andererseits erfordern die Mutationen ein besonderes Maß an Schutzvorkehrungen. Daher müssen nun die Schul- und Kitaträger schnellstmöglich genügend Luftfilter bzw. Lüftungsanlagen und CO2-Messgeräte anschaffen.“ Die GEW Hessen erwarte, dass ein Stufenplan mit Inzidenzwerten entwickelt wird, der sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts orientiert.
Was ist seitdem passiert? Luftfilter oder Lüftungsanlagen haben Hessens Schulen nicht bekommen. Die britische Mutation B.1.1.7 ist dafür mittlerweile vorherrschend in Deutschland und in Hessen geworden, auch unter den sich mit wachsender Zahl infizierenden Kindern und Jugendlichen. Die Infektionszahlen sind nochmal kräftig gestiegen: Am 10. Februar lag der Inzidenzwert für Hessen bei 77. Aktuell weist das RKI einen Wert von 166 für das Land aus – was über dem Grenzwert von 165 für die Notbremse des Bundes liegt, die kommende Woche in Kraft tritt (sich dabei allerdings auf kommunale Werte bezieht).
RKI-Chef Prof. Lothar Wieler hat erklärt, dass er den Notbremsen-Wert für deutlich zu hoch hält. Die RKI-Empfehlung für Kitas und Schulen, an der sich die GEW orientieren möchte, lautet also: früher schließen. Hat sich sonst noch etwas in Hessen geändert? Ach ja, eine erfreuliche Nachricht gab es vor den Osterferien für die Lehrkräfte der weiterführenden Schulen dort. Sie dürfen sich seitdem ebenfalls für Impftermine anmelden, nicht nur die Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen wie zuvor (und in anderen Bundesländern bis heute).
Diese Ankündigung hat offenbar zu einem plötzlichen Umdenken bei der Gewerkschaft geführt. Plötzlich hieß es (in einer Pressemitteilung vom 1. April): Die GEW Hessen halte es aus pädagogischen und sozialen Gründen doch für vorrangig, dass den Schülerinnen und Schülern ab der Klasse 7 eine – zumindest tageweise – Rückkehr in den Präsenzunterricht ermöglicht wird. Dazu erklärte Vize-Vorsitzende Tony C. Schwarz: „Das ist für uns der dringendste nächste Öffnungsschritt, der gegangen werden muss, sobald es die Infektionslage zulässt. Die Schülerinnen und Schüler in diesen Jahrgängen waren seit Weihnachten nicht in der Schule.“
Vor zwei Wochen noch kündigte Hessens Kultusminister Alexander Lorz mit Blick auf das zunehmende Infektionsgeschehen an, dass die Klassen ab der Jahrgangsstufe 7 bis auf Weiteres im Distanzunterricht bleiben müssten. Die Kinder der Jahrgangsstufen eins bis sechs haben in Hessen Wechselunterricht. Auch die Abschlussklassen bekommen Präsenzunterricht. Nun allerdings drängelte die GEW auf weitere Öffnungsschritte. „Eine baldige Rückkehr in den Präsenzunterricht für diese Klassen, zumindest tageweise, muss Priorität haben“, erklärte Landesvorsitzende Wiedwald in einer Pressemitteilung vom 13. April mit Blick auf die Stufen sieben bis elf.
“Gerade viele jüngere Schülerinnen und Schüler benötigen regelmäßigen sozialen Kontakt”
In einer gemeinsamen Erklärung von GEW, Grundschulverband und Arbeitskreis der Direktorinnen und Direktoren hessischer Gesamtschulen vom 22. April heißt es schließlich: Es bestehe besonderer Handlungsbedarf ab der Klasse 7. Diese Jahrgangsstufen befänden sich mit Ausnahme der Abschlussklassen inzwischen seit vier Monaten im Distanzlernen. „Die Priorität der Landesregierung lag bislang auf der Durchführung der Abschlussprüfungen. Aber gerade viele jüngere Schülerinnen und Schüler benötigen regelmäßigen sozialen Kontakt und direkte Interaktionen mit den Lehrkräften besonders dringend“, so heißt es in dem Papier.
Und prompt hat Lorz darauf reagiert. Er kündigte gestern – also nur einen Tag nach Veröffentlichung der Erklärung – an, dass die Klassen sieben bis elf ab dem 6. Mai wieder Präsenzunterricht im Wechsel haben, wenn in dem Landkreis oder der kreisfreien Stadt ihrer Schule die Corona-Inzidenz unterhalb der Bundes-Notbremse liegt.
Bemerkenswert: Alle Pressemitteilungen, die zwischen Januar und Ende März herausgegeben wurden und die Forderungen der Gewerkschaft nach mehr Gesundheitsschutz für Schüler und Lehrer dokumentieren, sind von der Seite der GEW Hessen gelöscht worden. Die älteste dort abrufbare Mitteilung datiert auf den 29. März („Demokratie schützen – Menschen schützen“). Der folgende Button „Ältere Pressemitteilungen 2021“ führt ins Leere. News4teachers / mit Material der dpa
Nachtrag vom 25. April: Die “Älteren Pressemitteilungen 2021” wurden nach Erscheinen dieses Beitrags wieder freigeschaltet – sie sind nun wieder auf der GEW-Seite erreichbar.
In dem Artikel mit dem Titel „Die GEW kämpft jetzt für Schulöffnungen. Kultusminister gibt nach – und kündigt trotz steigender Inzidenzen Präsenzunterricht an“, der am 24.4.2021 auf der Plattform News4Teachers veröffentlicht worden ist, werden Sachverhalte behauptet, die nicht stimmen.
– In keiner Weise setzt sich die GEW Hessen für breite Schulöffnungen mit Präsenzunterricht ein bei zeitgleich steigenden Inzidenz-Zahlen.
– Alle Pressemeldungen der GEW Hessen, auch die älteren, sind und waren immer auf unserer Homepage voll einsehbar.
Unsere Positionen sind klar und haben sich nicht geändert:
Die GEW Hessen fordert seit mehr als einem Jahr, dass ein Stufenplan mit Inzidenzwerten entwickelt wird, der sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts orientiert. Dabei müssen Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz mit dem Recht auf Bildung für alle verbunden werden. Einerseits wird es insbesondere für die Kinder mit schlechten häuslichen Lernvoraussetzungen immer wichtiger, dass sie zumindest in einem gewissen Umfang wieder am Präsenzunterricht teilnehmen können. Das belegen auch sehr viele Untersuchungen von wissenschaftlicher Seite.
Andererseits erfordern insbesondere die Mutationen ein erhöhtes Maß an Schutzvorkehrungen. Deshalb müssen die Schul- und Kitaträger schnellstmöglich genügend Luftfilter bzw. Lüftungsanlagen und CO2-Messgeräte anschaffen.
Eine Umsetzung der AHA-L-Regeln in der Schule ist nur möglich, wenn Schulen im Wechselmodell arbeiten. Deshalb haben wir es begrüßt, dass der Kultusminister seine Absicht nicht umgesetzt hat, an den Grundschulen den Unterricht im eingeschränkten Regelbetrieb nach den Osterferien zu öffnen.
Es ist aus unserer Sicht richtig, dass die Grundschulen im Wechselbetrieb weiterarbeiten, wenn die Inzidenzwerte dies zulassen. Sollten die Inzidenzwerte zu hoch sein, muss in den Distanzunterricht übergegangen werden. Das gilt für die Jahrgangsstufen 5 und 6 und für den Unterricht in den Abschlussklassen an den allgemeinen und berufsbildenden Schulen.
Wir halten es aber auch für eine sehr wichtige Aufgabe, dass man nun Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7-11, die seit Dezember nicht in der Schule waren, unterstützt, fördert und ihnen Angebote des sozialen Lernens macht. Hierfür ist es aus unserer Sicht richtig, diesen Schülerinnen und Schülern zumindest einmal in der Woche ein Unterrichtsangebot im Wechselmodell in der Schule zu machen. Damit es möglich bleibt, die AHA-L-Regeln auch in der Schule weiterhin einzuhalten, haben wir vorgeschlagen, die Abschlussklassen auch ins Wechselmodell zu geben.
Diese Haltung vertritt die GEW Hessen seit Monaten und das ist auch in unseren Veröffentlichungen nachzulesen. Daraus zu konstruieren, die GEW Hessen sei (offensichtlich ohne Vorbedingungen) für breite Schulöffnungen, ist nicht nur schlecht recherchiert, sondern einfach eine böswillige Unterstellung.
Als besonders bemerkenswert stellt der/die ungenannte Autor:in fest, dass alle Pressemitteilungen zwischen Januar und März 2021 gelöscht worden seien. Damit wird suggeriert, dass die GEW Hessen etwas zu verbergen habe. Dies ist ebenfalls eine substanzlose Unterstellung, die der GEW Hessen schaden soll.
Die GEW Hessen stellt ihre Pressemitteilungen immer an drei Stellen auf der Homepage ein. Hätte es den Wunsch gegeben, unsere inhaltlichen Positionen kennen zu lernen, hätte es dazu vielfache Möglichkeiten gegeben. Im Pressearchiv seit 2012 finden sich alle 20 Pressemitteilungen der Monate Januar bis März des Jahres 2021. Ebenso finden sich alle Mitteilungen auf der Startseite, wenn man sich die älteren Mitteilungen anschaut. Allerdings klappte nach einem technischen Update vom 23.4.21 eine einzige Weiterleitung nicht. Wir haben diesen Fehler bereits behoben. Bei einer soliden journalistischen Recherche hätte man sicherlich sehr schnell die anderen Wege gefunden.
Selbstverständlich muss nicht jeder/jede Redakteur:in Positionen der GEW Hessen teilen, aber wenn man die Positionen kommentieren möchte, sollte man diese Aussagen als eigene Meinung kenntlich machen und vor allem nicht mit Unterstellungen arbeiten.
Freundliche Grüße
Maike Wiedwald
Vorsitzende GEW Hessen
Chemnitz: Inzidenz unter Schülern bei 700 – Lehrerverband versteht Schulschließungen nicht
