Umfrage: Hispanoamerika im Spanisch-Unterricht stark vernachlässigt

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WIEN. Spanisch ist eine Weltsprache und gilt gemeinhin als „leichter erlernbar“ als Französisch. Wohl nicht nur deswegen wird sie als zweite Fremdsprache unter deutschen Schülerinnen und Schülern zunehmend beliebter und in einzelnen Fällen sogar als erste Fremdsprache angeboten. Der Fokus liegt dabei fast immer auf Spanien, doch das geht an der Realität und den Wünschen der Lernenden vorbei, kritisieren jetzt Romanistinnen der Universität Wien und fordern mehr Authentizität.

90 Prozent der Spanisch sprechenden Menschen leben in Hispanoamerika, der Spanischunterricht in Österreich und Deutschland konzentriert sich trotzdem vorwiegend auf Spanien. Das belegt eine aktuelle Umfrage unter 264 Studienanfängerinnen und Studienanfängern von Elissa Pustka und Linda Bäumler der Universität Wien. Während Spanisch als sogenannte plurizentrische Sprache mit vielfältigen Normen betrachtet wird und die Lehrpläne eigentlich die Berücksichtigung von Sprachvariation einfordern, werde dies in der Praxis kaum umgesetzt. Auch die Studenten wünschten sich demnach mehr Vielfalt.

Spanien steht im Fokus des Spanischunterrichts. Foto: jairojehuel / Pixabay (P. L.)

Der Fokus liegt klar auf Spanien: 81 Prozent der in Deutschland und Österreich befragten Studierenden berichteten, dass das Spanische ihrer Lehrerinnen und Lehrer eindeutig dem spanischen Spanisch zugeordnet werden könne. Hinzu komme der Untersuchung zufolge eine deutliche Dominanz der Madrider Varietät in den Schulbüchern. Authentische Begegnungen hatten die Befragten im schulischen Rahmen außerdem vor allem mit Personen aus Spanien.

Dieser Spanien zentrierte Input zeigte sich auch deutlich in der Fähigkeit der Studienanfängerinnen und -anfänger, regionale Unterschiede in der gehörten Sprache zu erkennen: Ein im Rahmen der Umfrage durchgeführter Test des intuitiven Sprachverständnisses der Probanden zeigte, dass der Madrider Akzent am besten identifiziert wurde, nämlich von 68 Prozent der Teilnehmer. Dagegen kannten nur 26 Prozent der Befragten den Akzent von Mexiko, des mit Abstand größten spanischsprechenden Landes der Welt, mit mehr als einem Viertel aller Sprecherinnen und Sprecher weltweit (rund 113 von 442 Millionen).

Dies sei allerdings keineswegs die Folge eines eingeschränkten Interesses der Spanisch-Lernenden. „Im Gegensatz zur starken Spanien-Fokussierung des Unterrichts steht das enorme Interesse der Spanischstudent*innen an Hispanoamerika“, so die Sprachwissenschaftlerin Elissa Pustka: „Hier gibt es enormen Nachholbedarf.“ Der Großteil der Befragten habe nämlich angegeben, im Laufe ihres Spanischstudiums vor allem die hispanoamerikanischen Varietäten kennenlernen zu wollen, allen voran Mexiko, Argentinien und Peru. Vergleichsweise wenig, nämlich nur ein Drittel, möchte noch die Madrider oder andalusische Varietät kennlernen.

Die Wünsche deckten sich zum Teil auch mit den Reiseplänen der Studierenden: Zwar stehe hier Spanien ganz oben auf der Liste (76 %), daneben planten aber mehr als die Hälfte der Befragten auch Reisen nach Mexiko und Argentinien. Costa Rica, Peru, Chile, Kuba, Kolumbien und Puerto Rico stünden ebenfalls hoch im Kurs.

Die USA wurden hingegen nur von 18 Prozent der Befragten ausgewählt, immerhin nach Mexiko auf Rang 2 der größten spanischsprechenden Länder der Welt (gemeinsam mit Spanien und Kolumbien, mit je rund 45 Millionen Sprechern).

Die klare Entscheidung zwischen den Spanisch-Varietäten entspricht dabei auch auf persönlicher Ebene meist nicht der Realität der Lernenden. „Als künftige Spanischlehrer*innen erleben zahlreiche Studierende einen inneren Konflikt: Einerseits spüren sie eine Erwartung, später in ihrem Unterricht kastilisches Spanisch zu sprechen, andererseits nehmen sie nach Reisen durch die spanischsprachige Welt und durch vielfältigen Medienkonsum, beispielsweise von Filmen oder Musik, ihre eigene Sprachkompetenz häufig als hybrid wahr“, so Linda Bäumler. Dieses natürliche Ergebnis authentischer Sprachkontakte gelte in der normativen Didaktik häufig noch als verpönt, genauso wie das in ganz Hispanoamerika akzeptierte „neutrale Spanisch“ (español neutro) mexikanischer Synchronsprecher.

An die Verantwortlichen in Schule und Politik haben die Forscherinnen eine klare Empfehlung: „Unsere Ergebnisse zeigen ganz klar: Schüler*innen sollten so früh und so viel wie möglich mit authentischen Materialien der spanischen Sprache aus aller Welt in Kontakt kommen. Auch im Universitätsstudium sollte auf einen angemessenen Anteil hispanoamerikanischer Lehrender und Themen gesetzt werden. Darüber hinaus sollten Auslandsaufenthalte ein selbstverständlicher Teil des Studiums sein,“ so Elissa Pustka und Linda Bäumler. (zab, pm)

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6 KOMMENTARE

  1. Interessantes Ergebnis. Ich habe ein völliges anderes Bild vom Spanischunterricht erlebt. Es war vor Jahren zumindest Trend nach dem Abi nach Südamerika zu gehen. Deswegen waren Spanischlehrer meist auch durch diese Erfahrungen geprägt. Spanien als Reise- und Lernziel war dagegen für viele weniger interessant. Wenn ich als gebürtiger Spanier an meine Kollegen und Bekannten denke, ist auch dort selbiges Bild erkennbar.

  2. Es ist ja auch unnötig, jetzt allzu viele Mittel in andere Sprachen (außer Englisch) zu stecken? Wozu denn? Es sollte jeder Englisch beherrschen, dann können sich alle miteinander verständigen. Der Rest sollte Hobby sein!! Wenn alle eine Fremdsprache lernen, aber jeder eine andere, was hat denn das für einen Sinn?

    • Wer mit dem Erlernen einer zweiten oder gar dritten Fremdsprache überfordert ist und das für unnötig hält, für den gibt es ja noch immer die Möglichkeit, die entsprechende Schulform zu wählen. Ansonsten kann mal ja mal über den Sinn und Nutzen anderer Fächer sprechen. Sport? Ist doch auch ein Hobby und kann man ja in seiner Freizeit ausüben.

      • Naja ich halte Mathe, Englisch, Physik und Co. Doch schon etwas wichtiger als Sport, Musik und Kunst. Es gab schon tödliche Unfälle aufgrund falscher Kommunikation oder weil man was nicht verstanden hat. Für wen Sport oder Kunst sein Leben ist soll entsprechend auf eine spezielle Schule gehen aber Englisch braucht jeder.

  3. Kunst und Musik ist angwandte Mathematik. Wer da von abkehr spricht, hat in Bildungspolitischen fragen sich ganz rauszuhalten.

  4. Es ist doch in jeder Sprache so, dass man eine Standard-version lernt. Dann kann man sich mit Büchern, Fernsehen und Musik in den Sprachgebrauch der anderen Länder einarbeiten.

    In unserem VHS-Kurs kamen zwei von drei Lehrerinnen aus Südamerika. Die dritte kam aus Deutschland.

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