Auslaufmodell Ausbildung? Warum die Corona-Krise junge Menschen ins Studium treibt

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SAARBRÜCKEN. Ausbildung – ein Auslaufmodell? Beispiel: Saarland. Hier gibt es 2.300 unbesetzte Ausbildungsstellen, aber nur 1.300 Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen. Bewerben müssen sich hier nicht die Azubi-Anwärter, sondern quasi die Unternehmen. Deshalb ist in den Personalabteilungen nun Kreativität gefordert.

Ausbildung? Och, nöö – lieber gleich ins Studium. Foto: Shutterstock

Drei Jahre lang studierte Niklas Bayer an der FH Kaiserslautern das Fach «Energieeffiziente Systeme». Bis ihm das Theoretische zu viel wurde und er bei der Contact Air Technik GmbH, einem Wartungsunternehmen am Saarbrücker Flughafen, eine Ausbildung als Mechatroniker begann. «Ich brauchte neben der Theorie auch das Technische und Handwerkliche – das macht mir viel mehr Spaß», sagt der 23-Jährige. Ein Jahr nach dem Ausbildungsstart zieht er eine positive Bilanz: «Genau das, was ich wollte.»

Niklas Bayer ist kein Einzelfall: Bildungs- und Arbeitsmarktexperten beobachten, dass immer mehr junge Menschen lieber zunächst studieren möchten, statt einen handwerklichen Beruf zu erlernen. Nach Angaben der Arbeitsagentur liegt das Durchschnittsalter bei jungen Menschen im Saarland, die eine Ausbildung beginnen, bei 20 Jahren.

Genau um jene Menschen, die zwar ein Studium begonnen haben, aber sich damit nicht wohl fühlen, kümmern sich nun Spezialisten unter den Arbeitsmarktberatern: «Um auch den sogenannten Studienzweiflern den Weg in die Ausbildung zu ebnen», sagt Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland. Der Bedarf ist groß. Seit Jahren gebe es einen Wandel hin zu einem «Bewerbermarkt». So ständen im Saarland aktuell 2300 offene Ausbildungsstellen rund 1300 Bewerbern gegenüber.

Berufsbildungsexperte Friedrich Hubert Esser befürchtet, dass die Zahl der Schulabgänger, die lieber studieren als eine Ausbildung absolvieren wollen, durch die Pandemie weiter steigen wird. «Ich sehe die Gefahr, dass wir bei der Bildungsorientierung, die wir schon vor Corona hatten, künftig noch mehr zu kämpfen haben, weil viele unabhängiger von solchen Krisen werden wollen», sagt der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Auch viele Eltern würden ihren Kindern vermehrt zu einem Studium raten, weil sie in der Pandemie gesehen hätten, wie schnell man als Selbstständiger wirtschaftliche Probleme bekommen könne. Schon die Erfahrungen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 hätten gezeigt, dass die Ausbildungszahlen massiv zurückgegangen seien. «Wir müssen die Entwicklung nun genau beobachten und gegensteuern, wenn diese Studierneigung weiter zunimmt», betont der Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Andernfalls könne der Fachkräftemangel die wirtschaftliche Existenz vieler Betriebe bedrohen.

«Wir haben das Problem, dass sich die Gymnasiasten von diesem Beruf nicht angesprochen fühlen»

Schon jetzt gebe es große Nachwuchsschwierigkeiten etwa bei Anlagenmechanikern im Bereich Sanitär, Heizung, Klima. «Wir haben das Problem, dass sich die Gymnasiasten von diesem Beruf nicht angesprochen fühlen», sagt Friedrich Hubert Esser. Dies sei «auch eine Frage von Klischee, Wertschätzung und Image». Auf der anderen Seite sei dieser Beruf bei IT- und mathematischen Kenntnissen mittlerweile so anspruchsvoll, dass es immer schwieriger werde, Hauptschul-Abgänger darin auszubilden.

Auch bei der Contact Air Technik am Flughafen in Saarbrücken-Ensheim ist man auf der Suche nach Fachkräften und geeigneten Azubis. Um den eigenen Nachwuchs zu sichern, bietet das Unternehmen ab September erstmals den Ausbildungsberuf zum Fluggerätmechaniker an. «Wir wollen eigene Fachkräfte heranziehen, weil wir den Mangel an Personal nicht ausgleichen können», sagt Personalreferentin Stephanie Becker. Die Strategie scheint aufzugehen: Auf zwei Ausbildungsplätze bewarben sich rund 20 Interessierte. Mit insgesamt fünf Azubis unter rund 60 Mitarbeitern erfülle das Unternehmen laut Heidrun Schulz «eine gute Ausbildungsquote».

Becker schaut optimistisch nach vorne: «Wir hatten gerade schon den ersten Anruf, ob wir auch im nächsten Jahr Fluggerätmechaniker ausbilden.» Von Katja Sponholz, dpa

Stärke der deutschen Bildung ist die duale Ausbildung – sagt Schleicher

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6 KOMMENTARE

  1. Die Pandemie verschärft lediglich den Trend zum Studium, möglicherweise weil die Werbemaßnahmen der Ausbildungsbetriebe noch zu analog sind. Abgesehen davon treibt die Politik die Menschen an die Hochschulen, weil sie die betriebliche Ausbildung schlechter und schlechter gemacht hat.

    • … und weil etliche Propagandisten den Leuten einreden, mit einem Hochschulabschluss (egal in welchem Fach) würde man sozusagen automatisch mehr verdienen und sozial aufsteigen. Gleichzeitig schimpft man auf die bösen Akademiker, die nicht wollen, dass ihre Kinder sozial absteigen. Am Ende gibt’s nur noch Akademiker, und dann? In Südkorea ist man diesem Zustand schon nahe gekommen. Die Folge: Leistungsdruck ohne Ende und nach der Studienzeit ein gnadenloser Wettbewerb, Bildungs-Darwinismus sozusagen.

    • Weil in vielen Bereichen die betriebliche Ausbildung schlecht ist.
      Weil ein geselle im europäischen refernzrahmen als angelernter Arbeiter gilt, da er ja kein Fachabitur und erst recht keinen akademischen Abschluss hat – nicht einmal das Jodeldiplom..

  2. Seit Jahren wird uns in Deutschland weis gemacht, es gäbe in diesem Land keine wichtigere Ressource als Bildung. Gleichzeitig wird das Handwerk sowie die Schulformen, die einst für die schulische Ausbildung der angehenden Auszubildenden in Handwerk und Industrie zuständig waren, schlecht gemacht, sodass es seit Jahren einen eklatanten Fachkräftemangel gibt. Und dann ruft die Bundesregierung noch die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus, ohne in Kooperation mit den dafür zuständigen Ländern zu gehen. Programme wie bspw. „Kein Anschluss ohne Abschluss“ sind doch Realsatire. Das Ende vom Lied: Sanierungswürdige Schul- bzw. Bildungsgebäude, fehlende Digitalisierung in diesen, fehlendes Personal, unbesetzte Lehrstellen, Unterfinanzierung des Rentensystems…
    Eine einzige Lachnummer. Ich rate meinen Kindern vom Abitur oder anschließendem Studium ab. Wenn sie in den nächsten Jahren diese äußerst bescheidenen, von der Kommune getragenen Schulen mit einem mittleren Schulabschluss verlassen, werden sie hoffentlich mit Kusshand genommen.
    Allmählich sch..ß ich auf die für die Bereitstellung von Rahmenbedingungen, in denen mündige Bürger selbstverantwortlich handeln sollen, verantwortlichen Politiker.

  3. Eine Ausbildung nach dem Abitur zu machen ist gut wenn man danach das Studium beginnt. Die Absolventen haben dann wenigsten Ahnung von dem was sie studiert haben. Solche Leute sind der Goldstaub und können sich den Job später aussuchen.

    Der o.g. Anlagenmechaniker ist ein anspruchsvoller Handwerksberuf, der aber im Gegensatz zu einem Facharbeiter in der Industrie schlecht bezahlt wird.

  4. Ich denke, dass es ein Umdenken an den Universitäten geben muss. Die Ausbildungen müssen eben dorthin verlegt werden, wo es die Jugend hinzieht: an die Universitäten. Dann studiert halt jemand „praktische Biologie“ und ein Gärtner hält dann die „Vorlesung”. Es geht sich vielen nur um die Begrifflichkeit “studieren”, das sollen sie dann eben auch bei Ausbildungen sagen dürfen.

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