Wendemanöver: Jetzt kehrt wohl auch das erste G8-Bundesland zu G9 zurück

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SAARBRÜCKEN. Es könnte ein Thema im Wahlkampf werden: Die saarländische CDU spricht sich für eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren an Gymnasien aus. Die SPD im Land wundert sich über «die Kehrtwende». Sie sei immer für G9 gewesen.

„Mehr Herzblut“: der Miinisterpräsident des Saarlandes, Tobias Hans (CDU). Foto: Staatskanzlei Saarland/Carsten Simon / Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Die CDU im Saarland will nach zwei Jahrzehnten eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Vieles habe sich seit der Einführung von G8, dem Abitur nach acht Gymnasialjahren, verändert, sagte der CDU-Landesvorsitzende und saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). «Jugendliche brauchen mehr Zeit, um den wirklich immer wachsenden Anforderungen gerecht zu werden.» Daher wolle man den Schüler wieder ein Jahr mehr geben – «zum Lernen, zum Arbeiten, zum Forschen».

Das Saarland hatte als erstes westliches Bundesland 2001 das Abitur nach acht Jahren an allen Gymnasien eingeführt. Der frühere Regierungschef Peter Müller (CDU) hatte die kürzere Gymnasialzeit damals mit Wettbewerbsnachteilen gegenüber anderen europäischen Länder begründet.

Hans sagte, heute seien Schüler durch Digitalisierung und Globalisierung vor neue Herausforderungen gestellt. «Wir hatten damals nicht Tablets, die im Unterricht eingesetzt werden. Es gab nicht diesen Informationsfluss von außen.» Auch die Erwartungen an Schulabsolventen hätten sich gewandelt. «Das Gymnasium braucht mehr Herzblut», um «fitte Schüler zu haben, die am Ende die Abiturprüfung ablegen». Dafür brauche es «ein Mehr an Zeit».

Zudem sollen nach dem vorgelegten Konzept der CDU Saar die Profile der weiterführenden Schulen – also Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und Berufsschulen – «geschärft» werden. Eltern könnten derzeit kaum Unterschiede erkennen, sagte Hans. Am Gymnasium zum Beispiel solle Informatik ab Klasse 5 als Pflichtfach unterrichtet werden. «Alles andere ist zu spät.» Es solle «ein richtiger Informatikunterricht» sein, in dem Schüler auch Programmieren lernten – und «nicht so ein Wischiwaschi-Computerunterricht», sagte der CDU-Landeschef.

Mehr Fokus solle auch auf Fremdsprachen und Naturwissenschaften gelegt werden. Die Rückkehr zu G9 an Gymnasien sei ab dem Schuljahr 2023/24 geplant. Rund 100 zusätzliche Lehrer seien zur Umsetzung notwendig – mit Zusatzkosten von rund sechs Millionen Euro.

Mit dem Konzept zieht die CDU Saar in den Wahlkampf. Man wolle am Ende der Legislaturperiode der CDU/SPD-Koalition sagen: «Wenn es nach uns geht, geht es so weiter», sagte Hans. Im Saarland wird am 27. März ein neuer Landtag gewählt. An Gemeinschaftsschulen machen Schüler auch derzeit ihr Abitur nach neun Jahren.

Die saarländische SPD-Landesvorsitzende Anke Rehlinger twitterte nach der Vorstellung des Konzepts: «Wir als SPD waren immer für G9. Dafür sind große Investitionen in Räume und deutlich mehr Lehrerstellen notwendig, dagegen hat sich die CDU leider stets gestemmt, wir mussten in den letzten Jahre um jede Lehrerstelle kämpfen.»

Zur neuen Haltung der CDU schrieb Rehlinger: «Es ist nie zu spät zum Dazulernen, liebe @cdu_saar, nachdem ihr G8 eingeführt hattet! Hätten wir auch in dieser Legislatur schon ändern können. Aber Wahlkampf ist natürlich auch schön.»

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Commerçon teilte mit: «Die CDU gesteht einen Fehler ein und übernimmt die SPD-Position: Gut so. Schlecht, dass die Kehrtwende 74 Tage vor der Landtagswahl offensichtlich taktisch motiviert ist.» Das Saarland hat sich unter SPD-Führung seit 2012 im Bildungsranking stärker als alle anderen Bundesländer verbessert – vom vorletzten Platz auf Platz 5.

In den vergangenen Jahren war die Forderung zur Rückkehr zu G9 an Saar-Gymnasien immer wieder laut geworden. Eine Eltern-Initiative war Anfang 2018 mit einem Volksbegehren für G9 gescheitert. Andere Bundesländer sind bereits zu G9 zurückgekehrt.

Der Deutsche Philologenverband als Organisation der Gymnasiallehrer begrüßte am Mittwoch den Vorstoß der CDU. «Wir haben diesen Schritt lange angemahnt und freuen uns, dass Ministerpräsident Tobias Hans jetzt die Initiative ergriffen hat», teilte der Landesvorsitzende Marcus Hahn mit. Positiv sei, dass Hans kein einfaches «Zurück zu G9», sondern eine Weiterentwicklung des Gymnasiums hin zu mehr Studierfähigkeit vorschlage.

Die Landtagsfraktion der Linken erklärte, G9 sei «überfällig». Es sei «schon bemerkenswert, dass die Saar-CDU kurz vor der Landtagswahl zurück zu G9 will». Jahrelang hätten sich die Christdemokraten «energisch» gegen eine erneute Debatte darüber gewandt. Die Linke habe sich stets gegen G8 ausgesprochen, da «das Turbo-Abi nachweislich ein riesiger schulpolitischer Fehler» gewesen sei. News4teachers / mit Material der dpa

Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Inklusion – sonst droht ihr das Schicksal von G8

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12 Kommentare
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Schattenläufer
8 Monate zuvor

Wahlkampf.
Die CDU hat das jahrelang blockiert und will jetzt, vor der Wahl im März, der SPD ein Kernthema weg nehmen!

Katja Oltmanns
8 Monate zuvor

Diese Entwicklungen sind der Verdienst der Landeselternvertretung Gymnasien im Saarland, die aufgrund einer Elternumfrage im Jahr 2019, eine Rückkehr zu einem neunjährigen Gymnasium gefordert und gegenüber der Politik und den Verbänden vehement vertreten haben.

Rosa
8 Monate zuvor

Herr Ralf Scholl vom BW-PhV-BW hat in dem Ausnahmezustand aufgerufen von G8 zu G9 zurück zu kehren und ist leider mit seinem tragenden Anliegen bei der KM Frau Eisenmann und Frau Schopper nicht auf Gehör gestossen. Diese Forderung zu G9 zurück zu kehren würde einer großen schülerschaft verhelfen in einer angemessenen Zeit die Lernrückstände aufzuholen.https://www.phv-bw.de/pressemitteilung-des-philologenverbands-baden-wuerttemberg-phv-bw-zur-g8-g9-umfrage-der-arbeitsgemeinschaften-der-gymnasialen-elternbeiraete-arge-in-baden-wuerttemberg/

Rosa
8 Monate zuvor

Der Phv-BW hat nicht nach gegeben und immer wieder nachgelegt mit seinem tragenden Anliegen auf eine faire Lernzeit nach dieser schwierigen Lebensphase in der Pandemie! https://www.phv-bw.de/phv-bw-zu-einem-corona-aufholjahr-fuer-schueler-am-allgemeinbildenden-gymnasium-durch-uebergang-auf-g9-ab-september-2021/

Rosa
8 Monate zuvor

Die G8 Schulen haben in diesem Ausnahmezustand im letzten Schuljahr 2021 ein nochmals verkürztes Schuljahr absolviert. Das G7 Schuljahr hat die Lernschwächen und die angehäuften Lernrückstände massiv verstärkt. Die Lernfreude und Lernentwicklung ist bei einer breiten Schülerschaft auf der Strecke geblieben. https://www.phv-bw.de/g9-konzeption-des-phv-bw/ Der Frust der sich bei der Schülergeneration verfestigt hat, bruacht eine angemessene Aufarbeitungszeit. Die Überflieger sind sicherlich nicht der Maßstab, dass man keinen neuen Bildungsweg einschlagen kann und die Richtung der Schulzeit nicht neu überdenken kannn.

Rosa
8 Monate zuvor

Der Aufschrei einer angemessenen Bildungszeit nach dieser langen Pandemiezeit ist sehr groß. Die heranwachsende Generation hat in diesem Ausnahmezustand am wenigsten Aufmerksamkeit, Aufrichtikeit, Ehrlichkeit, Beachtung bekommen um dieser schwierigen Lebenshphase gerecht zu werden. Viele Kinder und Jugendliche sind unverschudet in eine erste Lebenskrise geraten und haben für unsere Gesellschaft in dieser Zeit sehr viel zurück stecken müssen. Viele Entwicklungsmöglichkeiten waren in dieser langen Phase der Pandemie nicht gegeben oder nur erschwert möglich. Diese Genesung braucht Zeit und der Aufruf nach einer fairen Bildungszeit ist nach der schwerden Lebensphase umso wichtiger geworden. Die Lernbeslastung und Lerndruck war für viele Schüler in dieser Zeit eine sehr große Last noch zu den äußeren Umständen. https://www.openpetition.de/petition/online/corona-aufholjahr-im-g9-modus-zur-rettung-der-bildungsqualitaet Die Petition in BW ist bei der Politik und KM leider nicht unterstützt worden und man hat diesem Anliegen keinen Platz eingeräumt.

Rosa
8 Monate zuvor
Ragnar Danneskjoeld
8 Monate zuvor

Liebe Rosa, haben Sie es mal mit einem Privatleben versucht…? Ist definitiv ersprießlicher als durch das inflationäre Posten von Beiträgen den eigenen Blutdruck in ungeahnte Höhen zu treiben…

Teacher Andi
8 Monate zuvor

Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf G8 war wie so Vieles ein teurer Schuss in den Ofen. Die Idee war, die Jugendlichen schneller auf den Arbeitsmarkt zu bringen, das Ergebnis war, dass kaum jemand gleich nach dem Abitur weitergemacht hat, es gab die Inflation der Bummeljahre, Auslandsaufenthalt, Orientierungszeit, Überbrückungspraktika oder -jobs etc. Zudem haben etliche eine Ehrenrunde gedreht aufgrund des komprimierten Lehrstoffs, oder das hektisch von der Regierung angebotene Überbrückungsjahr genutzt, um mal durchschnaufen zu können. Somit hat G8 eigentlich keinen Nutzen vorzuweisen, denn die unterforderten und hoch talentierten Schüler konnten ja schon immer ein Jahr überspringen.
Das erste G8 Abitur ist denkbar schlecht ausgefallen und man hat, wiederum hektisch und ohne weitere Begründung, die Abi-Schnitte angepasst (nachgebessert), sprich hochkorrigiert, so dass (Wortlaut damals Herr Spahn) „das G8 Abitur besser ausgefallen ist als das parallel gelaufene G9 Abitur.!“ Schulterklopfen auf der Basis einer impertinenten Lüge! Für die letzten G9 Abiturienten war das ein Schlag ins Gesicht!
Im Grunde wollten die Betroffenen das G8 gar nicht, das haben sie ja dann auch deutlich gezeigt, aber es wurde trotzdem durchgezogen, Gebracht hat es nichts als Unfrieden und Leid. Sukzessive rudert man nun wieder zurück, das hätte man mit etwas gesundem Menschenverstand auch günstiger haben können. Aber so läuft es seit Jahrzehnten in der Bildungspolitik, da die Verantwortlichen in ihrer abgehobenen Arroganz nicht auf die Betroffenen hören. Gelder werden für fragwürdige Reformen verprasst, die wahrhaft sinnvoller eingesetzt werden könnten.

Klugscheisser
8 Monate zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Man wollte gern Bildungskosten sparen. Wenn ein ganze Schuljahr wegfällt, spart es Lehrkräfte, Räumlichkeiten, Schüleranfahrten.

Es war ein reines Sparprogramm umrahmt von der Hoffnung des jüngeren Steuerzahler, der ein Jahr mehr als Geldquelle herhält.
Daneben wieder ein Vergleich, dass der verkürzte Abschluss in anderen EU Ländern normal ist, ohne wieder mal vertiefend zu gucken, wie die Schullandschaft dort gestaltet war.

Georg
8 Monate zuvor

Ich habe als Lehrer in NRW von keinem einzigen Schüler gehört, dass er sich aufgrund von G8 überarbeitet hat, zudem wurden die Abiturschnitte immer besser und die Abiturquote immer höher. Das Niveau wurde spätestens mit der Kompetenzorientierung deutlich gesenkt und wird mit der Rückkehr auf G9 aufgrund des in weiten Teilen identischen, nur ausgeschmierten Lehrplans, nicht wieder auf G9alt zurückkehren. Das beste Drittel des gymnasialen Jahrgangs wird sich aufgrund von G9 noch mehr langweilen als bei G8.

der Finne
8 Monate zuvor

@Teacher Andi.
Bei Ihrer Aufzählung fehlt noch die Erwähnung der hohen Anzahl an späteren Studienabbrechern… Den heutigen (G8-) Gymnasien fehlt es an einem großen Stück Lebensvorbereitung, z.B. durch die schultägliche Integration und Inklusion… Aus meiner Sicht sollte sich DE an Finnland orientieren. Finnland war bisher regelmäßig besser in PISA platziert, dort beträgt die Abiturquote um die 90 Prozent, die Menschen sind dort ingesamt zufriedener….