GEW: Realschule muss neu aufgestellt werden, damit sie Heterogenität bewältigen kann

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FREIBURG. Die GEW fordert mehr Unterstützung für die Realschulen. Für die laut Gewerkschaft weiterführende „Schulart mit der größten Heterogenität“ sei es besonders wichtig, mehr Ressourcen zu erhalten und Konzepte weiterzuentwickeln. Die GEW hat auch schon Ideen, wie.

Die Realschule bietet ein buntes Bild. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

„Die vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben gesellschaftlich und schulpolitisch einen großen Wandel mit sich gebracht. Das hat sich auf die Realschulen stark ausgewirkt“, sagt Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg. „Damit in den Realschulen weiterhin erfolgreich und angemessen gelehrt und gelernt werden kann, muss diesen Veränderungen Rechnung getragen werden. Ein Arbeiten an der Realschule darf nicht zu einer ständigen Zerreißprobe für die Kolleg*innen werden. Eine Realschule, wie wir sie uns wünschen, braucht deshalb Veränderungen.“

„In einer guten Orientierungsstufe könnten Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern auf unterschiedlichen Niveaus lernen“

Das Wahlverhalten der Elternschaft nach der Grundschule habe sich verändert, verstärkt durch den Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung. So sei an den Realschulen eine heterogenere Schülerschaft als früher entstanden. „Das G-Niveau und der Hauptschulabschluss gehören deshalb inzwischen zum Profil der Realschulen. Ebenso tragen Inklusion und Lernende, die aus den Vorbereitungsklassen in die Regelklassen wechseln, zur steigenden Heterogenität bei und sind gesellschaftlich nicht mehr aus der Realschule wegzudenken“, so heißt es in einer Pressemitteilung. Hintergrund: In den Lehrplänen in Baden-Württemberg wird zwischen G-Niveau (grundlegend) und M-Niveau (Mittel) unterschieden.

„An den meisten Realschulen bestehen die Klassen aus Schüler*innen, die teils im G- und teils im M-Niveau lernen. Während der Orientierungsstufe in Klasse 5 und 6 kann die Leistungsbewertung derzeit ausschließlich auf dem M-Niveau erfolgen. Das belastet Schüler*innen und Lehrkräfte“, sagte Stein.

„In einer guten Orientierungsstufe könnten Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Fächern auf unterschiedlichen Niveaus lernen. Grundlage müsste die Lernstandserhebung in Klasse 5 sein, die Leistungsbewertung auf G- und M-Niveau würde ab dem zweiten Halbjahr in Klasse 5 stattfinden“, skizziert Heike Ackermann, Vorsitzende der GEW-Landesfachgruppe Realschulen, die Vorschläge der Bildungsgewerkschaft.

„Um der heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden, ist es dringend erforderlich, den Klassenteiler deutlich zu senken“

Ab Klasse 7 werden alle Lernenden in allen Fächern dem G- beziehungsweise M-Niveau zugeordnet. Die meisten Realschulen trennen die beiden Niveaustufen in den Prüfungsfächern mindestens in den Klassen 9 und 10, meist aber früher. Ackermann fordert einen besseren Handlungsspielraum bei der Gruppenteilung vor allem für kleinere Realschulen, die in ihren Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt seien. Dies wird vor allem bei der direkten Prüfungsvorbereitung zum Problem, da Lernende beider Niveaustufen innerhalb einer Klasse adäquat auf ihre unterschiedlichen Prüfungen vorbereitet werden müssen.

Die GEW fordert für die Realschulen im Land die Einführung eines Coaching-Systems, um vor allem die Schülerinnen und Schüler, die im G-Niveau lernen, zusätzlich zu unterstützen.

„Um der heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden und mehr Zeit für individuelle Förderung zu haben, ist es dringend erforderlich, den Klassenteiler deutlich zu senken. Der enorme Zuwachs an administrativen und sozialpädagogischen Aufgaben, die die Lehrkräfte bewältigen müssen, belastet diese zusätzlich und erschwert ihre Arbeit“, so heißt es. News4teachers

VDR-Jahreskongress: „Wir wünschen uns eine Renaissance der Realschulen“ – Seitenhieb gegen Gesamtschulen

 

 

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Georg
1 Monat zuvor

Wieso ist an Realschulen die Heterogenität größer als an den Gesamtschulen (oder anderen Schulen des gemeinsamen Lernens bis zum Abitur)?

Jürgen Hofmann
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Eine Gesamtschule gibt es in Baden-Wü nicht. Dieser Artikel bezieht sich auf die Schullandschaft in Baden-Wü.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Jürgen Hofmann

Dann eben die Gemeinschaftsschulen.

Walter
1 Monat zuvor
Antwortet  Jürgen Hofmann

Ist die baden-württembergische „Gemeinschaftsschule“ etwa keine Gesamtschule?

Carsten60
1 Monat zuvor
Antwortet  Jürgen Hofmann

Die baden-württembergische oder Berliner Gemeinschaftsschule ist keine klassische Gesamtschule, weil sie keine leistungsbezogenen A-, B-, C-Kurse hat, sondern die maximale Heterogenität in jeder Lerngruppe zur Tugend erklärt hat. Zudem sind die Noten abgeschafft bis Klasse 8 oder 9. Gleichwohl sind die Gemeinschaftsschulen irgendwie Teil einer diffusen „Gesamtschulbewegung“, die seit 50 Jahren grundsätzlich gegen das gegliederte Schulsystem gerichtet ist.

Carsten60
1 Monat zuvor

Wenn man den Artikel etwas zwischen den Zeilen liest, dann ergibt sich daraus eigentlich ein Plädoyer für eine Trennung der beiden Niveaus, entweder in unterschiedlichen Schulen oder aber — bei mehrzügigen Schulen — in getrennten Klassen derselben Stufe. Mit anderen Worten: was spricht dagegen, in einer 3-zügigen Realschule eine G-Klasse und eine M-Klasse zu bilden und die dritte dann gemischt zu lassen für die unklaren Fälle? Die Einteilung könnte entweder in einem „Placement-Test“ am Anfang oder aber nach dem ersten Halbjahr nach den Erfahrungen erfolgen.
Ständig wird über die segensreiche Heterogenität geredet, wenn es dann aber darauf ankommt, dann klingt die eher als eine Art von Hindernis. Wird denn nun in besonders heterogenen Klassen besser gelernt oder nicht?
Noch anders gefragt: wieso soll eigentlich Heterogenität eine Tugend sein und nicht nur ein notwendiges Übel? Hier ist die Bildungswissenschaft gefordert, aber die scheint sich zu drücken. Sie untersucht lieber Unwichtigkeiten, damit kann man besser Karriere machen.

Bellabolli
1 Monat zuvor
Antwortet  Carsten60

Lieber Carsten60,

„Wird denn nun in besonders heterogenen Klassen besser gelernt oder nicht?“

Die Antwort ist: NEIN.

Zumindest gilt das für ambitionierte Schüler. Diese werden definitiv ausgebremst und demotiviert. Das Niveau wird eindeutig gesenkt zugunsten der schwächeren Schüler, die trotzdem noch überfordert sind.

lose-lose statt win-win

Meine Perspektive ist die einer Mutter einer Realschülerin, die eigentlich plant, über das Berufliche Gymnasium Abi zu machen. Sie wird sich ganz schön wundern in Klasse 11.

Carsten60
1 Monat zuvor
Antwortet  Bellabolli

… und über das Mobbing als „Streber“ wird gar nicht erst gesprochen, auch hier nicht bei news4teachers. Das scheint auch kein Thema für die Wissenschaft zu sein, mit Ausnahme von ein paar Studien von Prof. Boehnke.

Riesenzwerg
1 Monat zuvor
Antwortet  Bellabolli

@Bellabolli

Das kann ich leider nur bestätigen.

Meine Perspektive ist die einer Lehrkraft in SH – wir haben Gemeinschaftsschulen mit sehr großer Heterogenität und wir haben schön große Klassen und wir trennen erst ab Klasse 10 – da sind dann die SuS raus, die den ESA (Erster Allgemeiner Schulabschluss) bzw. den FSA (Förderschulabschluss) gemacht haben.

GEW-nee!
1 Monat zuvor

In der Orientierungsstufe gibt es ein Niveau, und das muss das mittlere sein. Nur so ist eine Durchlässigkeit zum Gymnasium gewährleistet- wo ja auch danach unterrichtet werden soll.
Die Vorschläge bringen nur noch mehr Arbeit und mehr Probleme für die Kollegen an den Realschulen. Sie zeugen von wenig Sachkenntnis der Vorschlagenden.
Typisch GEW. Braucht an den Realschulen niemand- da gibt’s bessere Vertreter.

PhilologinvomDienst
1 Monat zuvor
Antwortet  GEW-nee!

Habe ich leider in Berlin auch mehrfach so erlebt: Die Schwächern ziehen das Niveau runter und lernen: „Das wenige, das ich leiste, reicht noch. Ich werde durchgeschleppt. Die Lehrkraft alleine ist für meinen Lernerfolg verantwortlich. Mal lieber nicht anstrengen, sonst müsste ich ja selber denken“. Klinge sehr böse, ich weiß, aber es ärgert mich für diese Kinder, dass sie so die falschen Strategien lernen. Sie werden zu „Epsilons“ erzogen, die nicht selbst denken und (bestenfalls) nur stur ausführen, „Schöne neue Welt“ und Huxley lassen grüßen. -Die Stärkeren bekommen Blätter zum „Selbststudium“. Unser Kind wurde dadurch fast zum Schulverweigerer. Was sie „voneinander“ lernen, ist, dass sich durchsetzt, wer schreit: „Kümmere dich um mich!“ Gut gewollt, schlecht umgesetzt. Vielleicht, weil nicht umsetzbar? Hört sich immer alles nur in der Theorie super an. Praxiserfahrungen werden abgetan, wenn sich jemand profilieren möchte

Palim
1 Monat zuvor

Die Realschule in BW ist damit konfrontiert, dass der Übe4gang nach der Grundschule nicht länger an einen NC gebunden ist, sondern wählbar, wie in den meisten anderen BL.
Eine Orientierungsstufe gab es in NDS für ca. 30 Jahre, sie wurde von allen SuS besucht, die anderen Schulformen begannen erst in Klasse 7.
Die Orientierungsstufe funktioniert nur dann als solche, wenn man die angestrebte Aufteilung der Schülerschaft in Kursen auch mit entsprechendem Personal versieht.

Am Ende wird gefordert, was alle fordern: Wenn Schulen ihren an sie gestellten Aufträgen gerecht werden soll, muss man entsprechende Mittel bereitstellen.
Schulen mit großer Heterogenität in der Schülerschaft sehen sich anderen Anforderungen gegenüber, das wird in BW nach Aufhebung der Zulassungsbeschränkung verstärkt wahrgenommen, ist andernorts aber auch so.

Maja
1 Monat zuvor
Antwortet  Palim

Warum hat man Gesamtschulen überhaupt konzipiert, wenn sich in der Realität herausgestellt hat, dass der angebliche Wert von Heterogenität mehr Hirngespinst irgendwelcher „Experten“ als Tatsache ist?

Palim
1 Monat zuvor
Antwortet  Maja

Wie kommen Sie darauf, dass mit der Gesamtschule Hirngespinste verbunden seien? Wer hat denn Hirngespinste dazu? Und welche?

Ich habe mich gar nicht zur Gesamtschule geäußert, sondern dahingehend, dass man in allen Schulformen für die anstehenden und aufgetragenen Aufgaben ausreichend Ressourcen benötigt.
Spart man diese ein, funktioniert das, was Schule leisten soll, nicht mehr.
Gibt man zusätzliche Aufgaben in die Schulen, muss man diese mit Ressourcen ausstatten, damit die Aufgaben bewältigt werden können. Auch gesellschaftliche Aufträge erledigen sich neben der Erteilung von Unterricht nicht ohne Zeit, Kraft und Aufwand. Auch das gilt in allen Schulformen, wird nun in BW deutlicher, weil sich die Schülerschaft verändert und auf die RS und Gym andere Aufgaben zukommen, die sonst überwiegend in den Hauptschulen (Grundschulen und Förderschulen) zu leisten war.

Die Orientierungsstufe in NDS wurde kaputt gespart und dann abgeschafft. Mit den vielfältigen Aufgaben ächzen viele Lehrkräfte und sehen sich zugleich dem Lehrkräftemangel gegenüber. Alle Mahnungen werden jedoch in den Wind geschlagen und die Schulen weiterhin mit Anforderungen überhäuft, während qualifiziertes Personal fehlt.
„Alles zum halben Preis“ ist sonst eher der Slogan eines Schlussverkaufs, man sollte es als Grundprinzip der Bildungspolitik stoppen, da die Rechnung nicht aufgeht.

Maja
1 Monat zuvor
Antwortet  Maja

@Palim
Soweit mir bekannt ist, haben sich Gesamtschulen nicht bewährt, was vor allem auf die große Heterogenität der Schülerschaft zurückzuführen ist.
Schüler mit höchst unterschiedlicher Lernfähigkeit gemeinsam zu unterrichten und gleich gut zu fördern ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Mir hat bisher auch noch niemand sachlich einleuchtend statt moralisierend erklären können, warum eine äußere Differenzierung nicht für alle Beteiligten besser ist.
Natürlich kann man konzeptionelle Fehler mit einem hohen (auch personellen Aufwand) etwas korrigieren. Das betrifft nicht nur Schulen. Aber warum das, wenn es einfacher und zufrieden stellender wäre, systemische Fehler gar nicht erst zuzulassen.
Richtig: „Die Orientierungsstufe in NDS wurde kaputt gespart und dann abgeschafft.“ Ich kenne sie auch noch und fand sie gut. In den sog. Hauptfächern wurden die Schüler in den verschiedenen Leistungskursen A, B oder C unterrichtet, in Nebenfächern aber gemeinsam.
In den Klassen 5 und 6 fand also eine wichtige Differenzierung bzw. Gliederung statt, die für den weiterführenden Schulweg ab Klasse 7 (Hauptschule, Realschule oder Gymnasium) ausschlaggebend war.

Carsten60
1 Monat zuvor
Antwortet  Palim

@ Palim: andere Probleme als mangelnde finanzielle Mittel kommen erstaunlich wenig vor bei dem, was Sie schreiben. Das Land Berlin gibt pro Schüler mehr Geld aus als alle anderen Länder, aber das Resultat ist dennoch enttäuschend, teilweise katastrophal.
Wie wär’s denn, als Ursache eine gewisse Tendenz zu benennen, dass nicht pragmatisch vorgegangen wird, sondern nach Parteiideologie der jeweiligen Regierung? In Berlin scheiterten schon gewisse Pläne der SPD-Schulsenatorin an den Fraktionen der Grünen und der Linken im Abgeordnetenhaus, z.B. die Abschaffung der MSA-KLausuren an Gymnasien, die es im restlichen Deutschland ohnehin nicht gibt. Auch so kann man Schule machen: die Regierung blockiert sich selbst. Und Fehler hat natürlich nie jemand gemacht, jedenfalls wird das nicht zugegeben. 🙂

simmiansen
1 Monat zuvor

Willkommen in der Arbeitswelt von Grundschullehrern.
Wir zerreißen uns schon ewig zwischen dem Anspruch individueller Forderung und Förderung in unseren extrem heterogenen Klassen sowie den Bedingungen in der Wirklichkeit!

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  simmiansen

… wobei aber die Streuung bezogen auf das zu vermittelnde Fachwissen und das zu Beginn vorhandene Wissen an den weiterführenden Schulen erheblich größer ist als an der Grundschule. Das pubertätsbedingte rebellisch werdende Verhalten kommt noch oben drauf und das umso stärker, je problematischer der Hintergrund der Schüler ist.

Achin
1 Monat zuvor

Was ich an Realschulen gut finde:
1. Sie haben es nicht nötig, einem Guru (m/w) aus vergangenen Jahrhunderten zu folgen, weder einem Herrn Steiner (Waldorf-Schulen) noch einer Frau Montessori.
2. Sie versuchen, mit Realismus zu arbeiten und nicht auf der Grundlage einer Traumwelt, die gesellschaftliche Komplexität verdrängt oder leugnet.
3. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler haben in und durch Realschulen ihren Weg gefunden, in eine Ausbildung oder in ein Studium. Sehr viele von ihnen können soziologisch als „Bildungsaufsteiger“ bezeichnet werden.