Lehrerverband gedenkt Opfer des Erfurter Amoklaufs – und fordert multiprofessionelle Teams

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ERFURT. Am 20. Jahrestag des Amoklaufs von Erfurt gedenkt der Thüringer Lehrerverband (tlv) der Opfer – und mahnt zum Aufbau von Netzwerken in und um die Schulen. Thüringens Ministerpräsident Ramelow meint, die Tat habe das Land verändert.

Gedenktafel für die Opfer am Gutenberg-Gymnasium (Foto: Wikimedia)
Gedenktafel für die Opfer am Gutenberg-Gymnasium. Foto: CTHOE / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

„Unsere Gedanken sind bei den Opfern, deren Namen wir hier bewusst nennen wollen“, erklärt Frank Fritze, stellvertretender Landesvorsitzender des tlv, „denn anders als der des Täters wurden diese nicht weltweit von den Medien kolportiert und haben sich deshalb nicht ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Heidrun Baumbach, Monika Burghardt, Birgit Dettke, Yvonne-Sofia Fulsche Baer, Andreas Gorski, Rosemarie Hajna, Susann Hartung, Gabriele Klement, Hans Lippe, Ronny Möckel, Carla Pott, Helmut Schwarzer, Hans-Joachim Schwertfeger, Anneliese Schwertner, Heidemarie Sicker und Peter Wolff sind einen furchtbaren, sinnlosen und viel zu frühen Tod gestorben. Gleichzeitig fühlen wir mit allen Hinterbliebenen – und mit denjenigen, die damals vor Ort waren und bis heute unter den Folgen der Ereignisse leiden.“

Der 26. April 2002 sei ein einschneidender Tag gewesen, so Fritze weiter. Und man sei schnell dabei gewesen, die vermeintlich Schuldigen auszumachen. „Ego-Shooter-Spiele, das Thüringer Schulgesetz, das Waffengesetz, die Einsatzkräfte, die Schulleitung, die Eltern des Täters … In dem nachvollziehbaren Wunsch, das Unerklärliche doch irgendwie zu erklären, wurde damals an vielen Stellen recht eindimensional gedacht. Wem keine dieser Antworten zusagte, der berief sich auf eine mutmaßliche geistige Erkrankung des Attentäters.“ Es sei menschlich, bei traumatischen Ereignissen Ursachen benennen zu wollen – aber die Lage sei extrem komplex, so Fritze.

„Was wir aber nach wie vor schmerzlich vermissen, ist die Etablierung der im Koalitionsvertrag zugesagten multiprofessionellen Teams“

„Vieles, was seit damals verändert worden ist, erachten wir als sehr sinnvoll – etwa die verpflichtende Besondere Leistungsfeststellung nach dem zehnten Schuljahr, die eine Art Sicherheitsnetz für Abiturabbrecher bildet, oder die Entscheidung, Eltern statt bis zum 18. nun bis zum vollendeten 21. Lebensjahr ihrer Kinder über wichtige schulische Belange zu informieren. Was wir aber nach wie vor schmerzlich vermissen, ist die Etablierung der im Koalitionsvertrag zugesagten multiprofessionellen Teams. Seit 20 Jahren mahnen wir an, das schulische Personal einzubetten in ein Kompetenznetzwerk aus Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Schulgesundheitsfachkräften, aber auch Behörden wie den Jugendämtern und der Polizei. Es wäre vermessen zu behaupten, dass sich dadurch etwas so Furchtbares zuverlässig verhindern ließe. Aber neben der damit einhergehenden Entlastung für das schulische Personal würde die Einbindung in multiprofessionelle Teams möglicherweise dazu beitragen, dass problematische Entwicklungen deutlich früher auffallen.“

Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow gedenkt der Opfer. «Den Schmerz und die Fassungslosigkeit werden wir alle für immer in unseren Herzen tragen», sagte der Politiker der Linken laut einer Mitteilung. Der Amoklauf habe Leben zerstört, von einer Sekunde auf die andere geliebte Menschen entrissen und das Land bis auf den heutigen Tag hin verändert.

«Wir alle können unseren Beitrag leisten, indem wir uns mit offenen Augen und Armen begegnen»

Ramelow betonte, dass Zusammenstehen und aufeinander Acht geben eine fortwährende Verantwortung für das Miteinander seien. «Wir alle können unseren Beitrag leisten, indem wir uns mit offenen Augen und Armen begegnen und uns einander zu verstehen versuchen und Hilfe und Halt anbieten.» Ein solcher Umgang sei grundsätzliche Bedingung für ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben. «Er kann auch dazu beitragen, ähnliche Ereignisse unwahrscheinlicher zu machen.»

Am 26. April 2002 tötete ein Ex-Schüler am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen. Der 19-Jährige erschoss zwölf Lehrkräfte, eine Schülerin und einen Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und letztlich sich selbst. Es war das erste Schulmassaker eines solchen Ausmaßes an einer deutschen Schule. Zuvor waren Massaker mit Schusswaffen ein Phänomen, das man in Deutschland aus den USA kannte, etwa von der Columbine High School in Littleton (1999). News4teachers

Ein Tag, der alles veränderte: 20 Jahre nach dem Erfurter Schulmassaker

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