Ein Tag, der alles veränderte: 20 Jahre nach dem Erfurter Schulmassaker

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ERFURT. Zwanzig Jahre liegt der Schrecken von Erfurt jetzt zurück: Am 26. April 2002 erschießt ein ehemaliger Schüler am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen. Das ändert das Leben aller Beteiligten und das Schulsystem.

Außenaufnahme des Haupteingangs des renovierten Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt. Foto: CTHOE / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Das Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Nach dem Amoklauf blieb die Schule für drei Jahre geschlossen und wurde aufwändig umgebaut. Foto: CTHOE / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Seit Monaten schon erreichen Schulleiterin Christiane Alt Anfragen mit Blick auf den Jahrestag des Anschlags am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Dass jährlich die Medien klingeln, «das ist seit 20 Jahren extrem lästig, um das mal so zu sagen», sagt die Frau, die damals wie heute die Schule auf dem Hügel am Rande Erfurts leitet. Dieses Jahr sei es besonders stressig. Die gleichen Fragen, immer wieder.

«Es ist, denk ich mal, irrelevant, immer wieder die Abläufe des Tages aufzurufen. Dafür gibt es gnaden- und endloses Archivmaterial. Darum geht es hier nicht. Und schon gar nicht nach 20 Jahren. Also wenn ich gefragt werde: „Können Sie mal den Tag erzählen von damals?“ Nein, den will ich überhaupt nicht mehr erzählen», sagt Alt.

Am 26. April 2002 tötet ein ehemaliger Schüler am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen. Der 19-Jährige erschießt zwölf Lehrkräfte, eine Schülerin und einen Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und letztlich sich selbst. Es ist das erste Schulmassaker eines solchen Ausmaßes an einer deutschen Schule. Bisher waren Amokläufe mit Schusswaffen ein Phänomen, dass man in Deutschland aus den USA, etwa von der Columbine High School in Littleton (1999) kannte.

«Wir alle kennen ja die desolate Finanzsituation im Bildungssektor oder eben auch bei den Schulträgern»

Dass der Tag für alle 700 Schülerinnen und Schüler in der Schule, das Kollegium, die Notfallmediziner und Polizisten eine traumatisierende Stresssituation, voller Ängste und Verzweiflung war, steht außer Frage. Heute, 20 Jahre danach müsse man sich vielmehr fragen, was daraus für das Bildungssystem resultierte – für ihre Schule natürlich auch, sagt Alt. «Denn das Geschehen von damals war nicht einmalig in Deutschland. Es hat Wiederholungen gegeben und wir können auch nicht ausschließen, dass sich das erneut wiederholt.»

Ereignisse wie von Winnenden im März 2009 oder Ansbach im September 2009 oder zuletzt im Januar 2022 an der Uni in Heidelberg kommen einem in den Sinn.

Seit Erfurt hat sich viel bewegt. Thüringen wie auch andere Bundesländer haben auf der Basis des Geschehens in Erfurt die Sicherheit an den eigenen Schulen überprüft und Warnsysteme ein- und ausgebaut. Sie hatte sehr viel Besuch, wie Schulleiterin Alt sagt.

«Da haben sich Lehrerkollegen, Elternsprecher, Schülersprecher an uns gewandt, weil sie das Gefühl hatten: „Unsere Schule ist auf sowas rein technisch und materiell überhaupt nicht vorbereitet.“» Abgeschlossen ist aus Sicht Alts aber auch dieses Kapitel nicht. «Wir alle kennen ja die desolate Finanzsituation im Bildungssektor oder eben auch bei den Schulträgern.»

Neben den technischen Voraussetzungen wurde auch das Thüringer Schulgesetz in direktem Bezug auf den Vorfall am Gutenberg-Gymnasium überarbeitet. Heute sieht es vor, dass Gymnasiasten am Ende der zehnten Klasse den Realschulabschluss erwerben können. Mit bestandener neunter Klasse erhalten Schüler zudem einen Hauptschulabschluss. Bis 2002 gab es in Thüringen keinen automatischen Abschluss nach Ende der zehnten Klasse. Der Täter wurde in der Oberstufe der Schule verwiesen und stand ohne Abschluss da.

Da er zu dem Zeitpunkt schon volljährig war, wurden die Eltern über den Verweis ihres Sohnes nicht von der Schule informiert. Auch das ist heute anders. Eltern volljähriger Schüler werden über besondere Ereignisse durch die Schule in Kenntnis gesetzt. In Thüringen herrscht laut Bildungsministerium eine sehr hohe Sensibilität im gesamten Bildungswesen, im Schulamt, in der Stadt. «Thüringen muss mit den Ereignissen als Geschichte seines Bildungswesens leben. Wir können es nicht ungeschehen machen, so gerne wir es würden.»

Der wichtigere Schritt ist und bleibt für Alt eindeutig die Prävention. «Und da haben wir in Thüringen letztlich relativ wenig Struktur.» Seit knapp zwei Jahrzehnten setzt sie sich nach eigenen Angaben dafür ein, dass es in den Schulen Sozialarbeiter und einen schulpsychologische Dienst gibt. Das laufe heute besser als vor 20 Jahren. Aber: «Wir haben die alten Strukturen. Es wurde ein bisschen ergänzt, aber da könnte wesentlich mehr passieren – und müsste.»

Es brauche fest zugeordnete Menschen mit einem Büro vor Ort, die für Lehrkräfte, Eltern sowie Schüler ansprechbar sind. «Unser Ereignis ist ja nun, sagen wir mal die Apokalypse, aber hier geht es ja auch um die ganz normalen Alltags-Konfliktsituationen professionell zu bewältigen, die in einer Schule oder immer da, wo Menschen miteinander leben und arbeiten, zwangsläufig vorkommen.»

«Wir wurden dann ausquartiert und dann haben sie die Schule komplett verändert»

Am Gutenberg Gymnasium hat es 18 Jahre gedauert, dass eine Sozialarbeiterin eingestellt wurde. Die wenigen verfügbaren Stellen seien zunächst auf die sogenannten Schwerpunkte gesetzt worden. «Das war sicherlich keine kluge Entscheidung, denn schließlich hat ein solches Attentat auch an einem Gymnasium stattgefunden, nämlich an unserem. Und damit war es sehr absurd, diese Schulart erstmal in die Warteschleife zu setzen.»

Das Gutenberg-Gymnasium ist nach Angaben der Stadt «eine der schönsten Schulen in Erfurt». Ein wenig außerhalb vom Zentrum gehen hier an Schultagen 648 Schülerinnen und Schüler und 60 Lehrkräfte ein und aus. Nach dem 26. April 2002 wurden umfangreiche Rekonstruktions- und Umbauarbeiten an dem Gebäude vorgenommen. Der Schulbetrieb wurde erst drei Jahre später wieder in dem Haus aufgenommen.

«Wir wurden dann ausquartiert und dann haben sie die Schule komplett verändert», erinnert sich die ehemalige Schülerin Nathalie. «Das fanden viele von uns gar nicht so cool. Weil dann so plötzlich alles weg war. Also dann waren viele sehr beliebte Lehrer und Lehrerinnen weg. Und auch deine vertraute Umgebung – der Schulhof, und der Baum, den du so mochtest – das war plötzlich alles weg und anders.» Erwachsen verstehe sie das. Doch damals, als Kind, sei es schwer gewesen.

Der Schulalltag war noch lange Zeit nach der Tat «echt mitgenommen», erinnert sich Nathalie. Viele hätten versucht, die Schule zu verlassen. Auch Nathalie wollte wechseln, doch es klappte nicht. Noch Jahre später schließt sie eine Wohnung in der Nähe der Schule kategorisch aus. Zu schmerzhaft die Erinnerung. Menschenmassen behagen ihr nicht, Filme mit Schusswaffen setzen ihr zu. Doch mit den Jahren verblassen die Erinnerungen, änderte sich für Nathalie der Umgang. «Ich war noch so klein», sagt die heute 32-Jährige.

Was seit 2002 als feste Konstante geblieben ist, sind die jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen. Jedes Jahr am Tag der Tat versammeln sich Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte von heute und damals, Angehörige der Opfer und Erfurter, die sie kannten, sowie Politik und Medien an den Stufen vor der Schule und gedenken der Getöteten. Mit kleiner Corona-Ausnahme: Vor zwei Jahren fand der Gedenktag gar nicht statt, voriges Jahr unter scharfen Auflagen.

In diesem Jahr ist der Tag etwas anders als in den Jahren zuvor gestaltet, sagt Schulleiterin Alt. Mit Teilen ihrer Biografie sollen die Opfer in den Ansprachen detaillierter porträtiert werden. «Wir haben die Gruppe der aktuellen Schüler, für die ist es ja so ähnlich wie aus dem Geschichtsbuch und wir müssen versuchen, da Leben einzuhauchen in diese Thematik und besonders die Opfer aus ihrer Anonymität rausholen, indem wir über sie erzählen.»

Nach 20 Jahren gibt es außer 13 Lehrkräften keine Personen mehr an der Schule, die Zeitzeugen sind. Die letzten Schülerinnen und Schüler, die damals Fünftklässler am Gutenberg-Gymnasium waren, sind 2010 von der Schule gegangen. Doch auch viele Ehemalige kehren zum Jahrestag – wenn es der Arbeitsalltag denn zulässt – an die Schule zurück.

«Als wir in der Schule waren, war es schon mehr oder weniger Pflicht, dass da alle runtergehen und, naja, traurig sind», erinnert sich Nathalie. Auch nach ihrem Abschluss geht sie noch hin. Es sei ihr immer «wie eine Art Ehemaligentreffen» vorgekommen. Doch irgendwann hört sie auf. «Ich glaube schon, das war bei mir so eine Art Eigenschutz.»

Es gehe bei dem Gedenken im Kern immer darum, den Opfern nahe zu sein, sagt Alt, die für die Gestaltung final verantwortlich ist. Sie denen nahe zu bringen, die sie nicht kannten, um das Ausmaß des Verlustes und die Achtung vor dem menschlichen Leben zu vermitteln. «Eines Tages gibt es auch keine Zeitzeugen mehr in Form von Lehrkräften. Auch dann wird das Gedenken zu dieser Schule gehören.» Von Monia Mersni, dpa

Hintergrund: Der Ablauf des Massakers am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, so wie ihn die Polizei rekonstruiert hat

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Carsten60
27 Tage zuvor

„Heute sieht es [das Schulgesetz] vor, dass Gymnasiasten am Ende der zehnten Klasse den Realschulabschluss erwerben können.“ … „Der Täter stand ohne Abschluss da.“
Das Getue um diese Abschlüsse ist unerträgliches Juristen-Denken. Vor Jahrzehnten wurde ein ausreichendes Zeugnis nach Klasse 10 an einem Gymnasium überall unbürokratisch als „mittlere Reife“ anerkannt, ohne eine Prüfung und ohne weiteres Brimborium. Intern wusste man, dass es sogar etwas mehr wert war, weil an einem Gymnasium mehr gelehrt und verlangt wurde als an einer Realschule. Warum geht das jetzt nicht mehr?
Ich vermute mal, dass sich Leute damit wichtig machen wollen, die uns die „abschlussbezogenen“ Bildungsziele beschert haben. Da gibt’s dann eben überall dieselben Ziele für das Absolvieren der Sek I. Auch ein Schritt in Richtung eines einheitlichen Schulsystems. Unterschiedliche Niveaus soll es nur noch intern geben („innere Differenzierung“), aber nicht mehr zwischen den Schulformen. Dass Gymnasien formell auch einen Hauptschulabschluss vergeben sollen, ist ein schlechter Witz. Die Hauptschulen sollen abgeschafft werden, aber der Abschluss bleibt bis in alle Ewigkeit erhalten.

dickebank
25 Tage zuvor
Antwortet  Carsten60

@Carsten60 – „Das Getue um diese Abschlüsse ist unerträgliches Juristen-Denken. Vor Jahrzehnten wurde ein ausreichendes Zeugnis nach Klasse 10 an einem Gymnasium überall unbürokratisch als „mittlere Reife“ anerkannt, ohne eine Prüfung und ohne weiteres Brimborium.“

Nee, das waren diejenigen, die nach zentralen Prüfungen am Ende des 10. Jahrganges gerufen haben. Am GY müssen eben nachweislich die für alle anderen Schulformen der SekI geltenden Bestimmungen für das Erlangen der Schulabschlüsse ebenfalls erreicht werden. Besonderes Problem mit Einführung des G8 war ja, das am Ende des 9. Jahrganges allenfalls der HA (Hauptschulabschluss nach Klasse 9) vergeben werden konnt. Die Versetzung in den 10. Jahrgang inkludiert entsprechend den Bestimmungen der APO-SekI den HA. Hinzukam noch, dass die Vollzeitschulbesuchspflicht mit neun Schuljahren nicht erreicht wurde, weshalb ja mindesten ein Jahr in der EF abzusitzen war oder ein weiteres Schuljahr als Berufsvorbereitungsjahr an einem BK erfolgten musste. Aber dafür wurde den Gymnasiasten ja auch die teilnahme an den ZP10 erlassen.

BTW früher gab es sogar Realgymnasien, an denen die „mittlere Reife“ abgenommen worden ist. Früher galt sogar derjenige als Akademiker oder Studierter, der einige Semster an einer Universität oder Hochschule eingeschrieben war, auch wenn er keinen akademischen Abschluss erreicht hatte.

Carsten60
25 Tage zuvor
Antwortet  Carsten60

Laut Wikipedia („mittlerer Schulabschluss“) gibt es für den mittleren Schulabschluss in den 16 Bundesländern nicht weniger als 10 verschiedene offizielle Bezeichnungen, natürlich mit einem entsprechenden Wust von bürokratischen Vorschriften. Andererseits gibt es in manchen Fächern dafür einheitliche KMK-Bildungsstandards. Eine wirkliche Glanzleistung unseres föderalen Schulsystems! 🙂

Enjoy your chicken Ted!
26 Tage zuvor

Also, dass Eltern bei volljährigen SuS informiert werden, ist nach wie vor ein Mythos. Sie haben nämlich ein Widerspruchsrecht auf das man sie vor Kontaktaufnahme mit den Eltern hinweisen muss. Haben leider aktuell den Fall in einer 12.

RalleKalle
26 Tage zuvor