Musikalische Bildung fördert das Arbeitsgedächtnis auf Umwegen

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FRANKFURT/MAIN. Wissenschaftler untersuchen das Zusammenspiel von musikalischem und visuellem Arbeitsgedächtnis und musikalischer Bildung.

„Wird mein Kind besser in der Schule, wenn es ein Instrument lernt?“ – Häufig drängen Eltern ihre widerwilligen Sprösslinge zum Lernen eines Instruments in der Hoffnung, dass musikalische Bildung auch für andere kognitive Fähigkeiten oder schulische Leistungen von Vorteil ist. Doch erstaunlich wenig ist bislang wissenschaftlich eindeutig belegt. Forscherinnen und Forscher der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, der Goldsmiths University of London, der Macquarie University in Sydney, des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA) in Frankfurt und der University of Cambridge haben sich dieser Frage nun mithilfe einer neuen wissenschaftlichen Methode genähert.

Trompete in Nahaufnahme
Ein direkter Zusammenhang von musikalischer Bildung und kognitiven Fähigkeiten scheint unwahrscheinlich. Indirekt könnte musikalische Bildung dennoch positive Effekte haben. Foto Shutterstock.

Eine wesentliche Komponente für alle kognitiven Fähigkeiten bilde das Arbeitsgedächtnis, so die Wissenschaftler, also die Fähigkeit, Dinge im Gedächtnis zu behalten und sie ohne externe Hilfsmittel wie Stift oder Papier kognitiv zu verarbeiten. Unklar sei jedoch bislang, ob das Arbeitsgedächtnis universell oder bereichsspezifisch funktioniere. Ob das Gehirn für Musik, Bilder, Sprache oder Mathematik dieselben Bereiche und Kapazitäten nutzt – oder verschiedene, sei bislang ungeklärt.

In Ihrer Studie stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daher das Zusammenwirken von visuellem und musikalischem Arbeitsgedächtnis und der musikalischen Bildung in den Mittelpunkt. „In den bisherigen Forschungen zum Zusammenhang von musikalischer Bildung und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten wurde das musikalische Gedächtnis häufig nicht berücksichtigt. Wir haben diese Triade nun mithilfe des ‚Causal Modeling‘-Ansatzes untersucht, einer relativ neuen wissenschaftlichen Methode, mit der man unter gewissen Voraussetzungen kausale Zusammenhänge feststellen kann“, erläutert Seniorautor Peter Harrison vom MPIEA. Mithilfe von sechs verschiedenen Tests glichen sie das musikalische und das visuelle Arbeitsgedächtnis von 148 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern mit deren Grad an musikalischer Bildung ab.

Die Ergebnisse zeigen: Wenn musikalische Bildung das visuelle Arbeitsgedächtnis beeinflusst, dann über den „Umweg“ des musikalischen Arbeitsgedächtnisses. Das heißt, musikalische Bildung verbessert in erster Linie das musikalische Arbeitsgedächtnis, was dann wiederum einen positiven Effekt auf das visuelle Arbeitsgedächtnis haben könnte. Darüber hinaus ergaben die Tests, dass – andersherum – ein allgemein gutes Arbeitsgedächtnis grundsätzlich eine musikalische Bildung erleichtert.

Diese Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass es eine gemeinsame bereichsübergreifende Komponente gibt, die sowohl das visuelle als auch das musikalische Arbeitsgedächtnis beeinflusst. Ein direkter Zusammenhang zwischen musikalischer Bildung und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten scheine dagegen eher unwahrscheinlich. Langzeitstudien, bei denen die Entwicklung musikalischer und kognitiver Fähigkeiten bei Personen mit und ohne musikalische Bildung verglichen werden, könnten diese Ergebnisse weiter konkretisieren, so die Wissenschaftler. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachmagazin „Music Perception“ erschienen.

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