VBE: „Es war noch nie schlimmer“ – Kita-Fachkräfte arbeiten am Anschlag

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STUTTGART. Kitas leiden seit Jahren unter Fachkräftemangel. Aber nun sei die Lage so dramatisch wie nie, klagt der Fachverband VBE Baden-Württemberg. Die Erzieher könnten ihrer Aufsichtspflicht nicht mehr nachkommen. Ist das Kindeswohl gefährdet?

Die Situation in vielen Kitas ist zunehmend untragbar – auch für die Kinder. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Es ist nichts anderes als ein Schrei nach Hilfe: Viele Kitas im Land arbeiten einer Studie zufolge personell so sehr am Anschlag, dass sie Betreuung und Sicherheit der Kinder kaum noch gewährleisten können. Diesen Schluss zieht der Verband Bildung und Erziehung (VBE) aus einer breiten Umfrage unter Kitaleitern in Baden-Württemberg. «Es war noch nie schlimmer», sagt der Landesvorsitzende Gerhard Brand. Doppelt so viele Kitas wie noch vor einem Jahr müssten mit einer «für das Kindeswohl gefährlichen Personalunterdeckung arbeiten». Der Verband fordert eine Fachkräfteoffensive – und 80.000 zusätzliche Stellen allein für Baden-Württemberg.

«Wenn wir nicht mehr Personal an den Kindertagesstätten bekommen, werden wir Kindertagesstätten schließen müssen»

Die Personalnöte seien mittlerweile so gravierend, dass Erzieher die Kinder nicht mehr so beaufsichtigen könnten wie vorgeschrieben. Demnach ist bei einem Drittel aller Kitas an mindestens vier von zehn Arbeitstagen nicht einmal mehr eine Minimalbesetzung vorhanden, die gemäß den Vorgaben notwendig ist, um der Aufsichtspflicht nachzukommen. Die Verantwortlichen müssten jetzt unbedingt handeln, fordert Brand. «Jede weitere Verschiebung wäre unterlassene Hilfeleistung.» Für eine Betreuung in angemessener Qualität brauche es fast doppelt so viel pädagogisches Personal wie derzeit in den Einrichtungen vorhanden sei.

Brand berichtet von einer Kita in Stuttgart, in der, nachdem bereits zwei Erzieherinnen erkrankt waren, sich eine weitere Fachkraft Corona einfing. Die Einrichtung musste notgedrungen schließen, sonst hätte man die Kinder mit einer Auszubildenden und einer Praktikantin alleine lassen müssen. «Die Eltern haben jetzt ein Problem», sagt der VBE-Chef. Drei, vier, fünf Kita-Leiter riefen ihn jede Woche an und teilten ihm mit, dass sie schließen müssten, weil es nicht mehr anders gehe. «Wenn wir nicht mehr Personal an den Kindertagesstätten bekommen, werden wir Kindertagesstätten schließen müssen.»

Allein aus Baden-Württemberg haben rund 2000 Kita-Leitungen an der Studie teilgenommen, deren bundesweite Ergebnisse bereits im April zum Deutschen Kitaleitungskongress präsentiert worden waren. Die Zahlen aus Baden-Württemberg bestätigen die dramatische Zuspitzung der Lage. Ausgewählte Ergebnisse im Detail:

Personalmangel

Acht von zehn Kita-Leitungen (83 Prozent) berichten, dass sich der Personalmangel in den vergangenen zwölf Monaten verschärft hat und es noch schwieriger geworden ist, offene Stellen mit passenden Bewerberinnen und Bewerbern zu besetzen; 2021 waren es 70 Prozent. 16 Prozent aller Kitas (2021: 8 Prozent) haben in den vergangenen zwölf Monaten in mehr als der Hälfte der Zeit «mit erheblicher Personalunterdeckung unter Gefährdung der Aufsichtspflicht» arbeiten müssen.

«Mit Blick auf die enorme Bedeutung der frühkindlichen Bildung für die gesamte Bildungsbiografie von Kindern ist dies eine einzige Katastrophe», konstatiert Brand. Viele Träger stellten aus der Not heraus Personal ein, das nicht mehr «passgenau» sei. «Wir sollten gut ausgebildetes Personal haben und nicht Personal, das bei drei nicht auf den Bäumen ist.»

Betreuungsquote

Für das Verhältnis Erzieher zu Kindern gibt es wissenschaftliche Empfehlungen – im Ü-3-Bereich, also bei der Betreuung älterer Kita-Kinder, liegt sie bei 1 zu 7,5. Im Südwesten wird dieser Normwert in sieben von zehn Kitas gerissen. An 27 Prozent der Kitas im Ü-3-Bereich muss eine einzige Fachkraft sogar zwölf oder mehr Kinder betreuen.

Im U-3-Bereich, in dem verlässliche Bindungen und Beziehungen für die Entwicklung besonders wichtig sind, sollte sich ein Betreuer um drei Kinder kümmern. Tatsächlich liegt die Quote hier in vier von zehn Kitas bei 1 zu 5 und schlechter. In 13 Prozent der Kitas betreut eine Fachkraft sogar acht oder mehr U-3-Kinder.

Wertschätzung

Die Erzieher fühlen sich der Umfrage zufolge trotz der Belastungen von ihrem Umfeld wertgeschätzt – von Kollegen, vom Träger, von den Eltern und ganz besonders von den Kindern. Nur mit Blick auf die Politik sehen die Pädagogen das anders: Acht von zehn Kita-Leiterinnen spüren der Umfrage zufolge keine oder nur eine geringe Wertschätzung der Landes- und Bundespolitik.

Gesundheitsgefahren

Neun von zehn Kitaleitungen berichten, dass die hohe Arbeitsbelastung der Erzieherinnen und Erzieher zu höheren Fehlzeiten und Krankschreibungen führt. An sieben von zehn Kitas gibt es demnach kein Konzept zur Gesundheitsprävention für das pädagogische Fachpersonal. Zwei Drittel der Kita-Leitungen fühlen sich psychisch belastet. Einige geben an, sich zur Arbeit zu schleppen, obwohl sie sich nicht arbeitsfähig fühlen.

«Trotz aller angekündigten Fachkräfteoffensiven hat sich die Problemlage nicht verbessert, sondern im Gegenteil noch weiter zugespitzt», sagt VBE-Landeschef Brand. Der Handlungsdruck sei nun massiv – erst recht mit Blick Herausforderungen wie die Integration oft traumatisierter Flüchtlingskinder aus der Ukraine. Diese seien in der Studie noch gar nicht «eingepreist». Brand thematisiert auch die Fachkräfte-Konkurrenz aus dem Grundschulbereich und den Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung für Kinder im Grundschulalter ab 2026.

Der VBE fordert deshalb eine landesweite Fachkräfteoffensive und kräftige Investitionen ins Kita-Personal. Geld sei trotz Corona und Ukraine-Krieg genug da, wie die jüngste Steuerschätzung gezeigt habe, sagt Brand. Der Erzieher-Job müsse attraktiver werden. Die Einkommen seien zwar gestiegen in den vergangenen Jahren, aber von einem extrem niedrigen Niveau kommend. Brand schlug auch vor, dass Kommunen die Kita-Leiter bei Verwaltungsaufgaben unterstützen könnten.

Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert eine Kampagne, um den Arbeitsplatz Kita attraktiver zu machen. Die Verantwortlichen von Land, Kommunen und freien Trägern hätten es in der Hand, Kita-Gruppen kleiner zu machen, mehr für den Gesundheitsschutz zu investieren und mehr Vor- und Nachbereitungszeit zu ermöglichen, sagt die Landesvorsitzende Monika Stein.

«Es sollte aber nicht vergessen werden, dass Kindertageseinrichtungen sogenannte Zusatzkräfte einstellen können»

Sie schätzt, dass bis 2025 zusätzlich 40.000 Erzieherinnen und Erzieher gebraucht werden. «Wenn ein großer Automobilkonzern sagen würde, dass er seine Produktion wegen Fachkräftemangel einstellen wird, könnte man sich sicher sein, dass am nächsten Tag der Ministerpräsident vor der Tür steht, Unterstützung und einen Strategiedialog anbietet.»

Und das zuständige Kultusministerium? Spricht von einer «großen Herausforderungen für alle Beteiligten». Man stehe in engem Austausch mit Kommunen und Gewerkschaften, um die Situation auf dem Fachkräftemarkt kurz- und langfristig anzugehen, sagt CDU-Staatssekretär Volker Schebesta. Das Berufsfeld müsse langfristig attraktiver gemacht werden. «Es sollte aber nicht vergessen werden, dass Kindertageseinrichtungen schon jetzt sogenannte Zusatzkräfte einstellen können, die für Entlastung sorgen können.» Von Nico Pointner, dpa

„Die Kinder haben sich verändert. Sie tun sich viel schwerer damit, Regeln zu akzeptieren“: Eine Kita-Fachkraft berichtet

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Dil Uhlenspiegel
6 Monate zuvor

Könnte man nicht in Schulen ein paar Stühle dazustellen?

Mary-Ellen
6 Monate zuvor

Sehe ich ebenso! Passt!
Wird mir nicht nur im Freundes- sondern auch im Bekanntenkreis bestätigt.
Sogar von „Nichtpädogogen“ und Ehepaaren, die keine Kinder großziehen.
In diesem Falle Niedersachsen.

Sapperlot
6 Monate zuvor

Ja, es ist tatsächlich eine Schande wie im reichen Deutschland mit Kindern umgegangen wird. Hauptsache sie sind irgendwie verwahrt. Der bayerische Bildungsplan lässt sich in meiner Kita null umsetzen , wir sind schon froh wenn sich niemand ernsthaft verletzt. Müssen wegen Personalmangel ständig die Öffnungszeiten verkürzen bzw. Notgruppen anbieten. Leider bekommen wir dann den ganzen Unmut der Eltern direkt ab. Ja…wenn keiner da ist , können die Kinder halt leider nicht betreut…(und es ist momentan nix anderes als Betreuung) werden. Bei der letzten EB Sitzung ist dann die Stimmung komplett gekippt, die Eltern beschweren sich…..sind dennoch leider nicht bereit an Träger und die Politik zu schreiben..etc. um die Bedingungen für ihre Kinder zu verbessern..weil o Ton: das bringt uns ja jetzt kurzfristig gar nichts, da klagen wir lieber mit Anwälten unsere Beiträge ein. Und organisieren ein super mega eventmäßiges Sommerfest…das ist ein!!! Tag für die Kinder. Der Alltag interessiert irgendwie nicht. Da sind die Eltern ja auch nicht dabei. Aber hey , danke für das Engagement. Ich würde mir so sehr wünschen wieder kindgerecht und pädagogisch wertvoll arbeiten zu können…..willkommen im Smaland…scheint ja für die Eltern komplett in Ordnung zu sein. Ich könnte echt heulen.

Gerlinde Lang und
3 Monate zuvor
Antwortet  Sapperlot

Meine Güte, das ist ja der reinste Albtraum! Mein „Kind“ ist nunmehr 40, aber was da damals in Stuttgart ablief war auch nicht viel besser. Keine Ganztagsbetreuung. Ich alleinerziehend. Wir Frau stürmten das Jugendamt und die Sozialämter – dann kam endlich die erste Ganztageskita. Dass es nach so vielen Jahren nun so zugeht, sogar im reichen Westen, ist eine Schande. Ich lebe nun seit längerem in BB und kann nur sagen, dass ostdeutsche Familien diese Probleme nie hatten und auch jetzt nicht haben. Die Gehälter der Betreuer*innen müssten auch angehoben werden. Sie machen so einen immens wichtigen Job!!!!

Daniela Rieth
3 Monate zuvor

Wenn zweckgebundene Förderungen in der freien Wirtschaft falsch eingesetzt wurden oder nicht bis zuletzt lückenlos nach gewiesen werden, tritt einem die Finanzbehörde auf den Schlips. Und das zurecht!Beim „gute Kita Gesetz“ fehlt mir hier die komplette Nachweispflicht und Transparenz für den Bürger wohin genau die kompletten Gelder geflossen sind…jeder Träger sollte diesbezüglich einmal gründlich einer Buchprüfung unterzogen werden.
Und ja, es ist nicht grundlos, dass es bis heute die Kinderrechte der UN Kinderrechtskonvention nicht ins Grundgesetz geschafft haben…das Recht auf Bildung wäre so einklagbar und würde eine Flut an Klagen auslösen..so dann lieber keine Kinderrechte ins Grundgesetz aufnehmen.
Wenn jede Gruppe zusätzlich EINE päd. Hilfskraft dazu einstellen dürfte, diese also „refinanziert“ werden würde, könnten die päd. Fachkräfte schon menschenwürdiger arbeiten und der Beruf würde wieder mehr Spass machen. Eine einheitliche wertschätzende Bezahlung und eine vergütete Ausbildung on topp….all dies würde den Berufsstand aufwerten und dazu führen, dass wieder mehr Menschen Lust bekommen sich zum Erzieher ausbilden zu lassen.Wo ist eigentlich die Lobby der Erzieher, wer hilft ihnen, wenn sie nach dem Mutterschaftsurlaub wieder in ihre Grundstufen eingruppiert werden und jeden Cent umdrehen müssen? Als Strafe weil sie selber Mütter oder Väter sind! Warum hier nicht ermöglichen, dass Päd. Mitarbeiterinnen ihre Kinder kostenfrei mit in die Einrichtung nehmen dürfen?Es gäbe so viele kreative Möglichkeiten uns Erzieherinnen Wertschätzung zukommen zu lassen. Vermutlich zu einfach für unsere Politik…da zu naheliegend, zu normal!
Warum stattdessen wieder Gelder in zum Scheitern verurteilte Aktionen stecken…fragt doch endlich mal die Experten an der Front anstatt die übersatten Politiker weit weg von der Realität und allesamt gut mit Supernannys versorgt…Lernen aus „Versuch und Irrtum“ aber bitte nicht unsere Kinder zu Experimentiergegenständen machen…reichte doch schon der Umgang diesbezüglich mit den Pandemievorschriften!