DÜSSELDORF. Von einem «Akademisierungswahn» oder einer «Überakademisierung» ist die Rede. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer fordert eine «Bildungswende» in Deutschland. Denn: «Wir gehen von einer Viertelmillion Fachkräften aus, die im Handwerk fehlen. Uns fehlen in der Ausbildung sehr viele junge Leute.» Tatsächlich sieht sich die Bundesregierung in der Pflicht, gegenzusteuern. So erklärt Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mal eben die berufliche Bildung für gleichwertig gegenüber der akademischen – im offensichtlichen Bemühen, die vermeintliche Schieflage zu korrigieren. Aber: Gibt‘s die überhaupt? Unser Gastautor Gerd Möller, ehemaliger Abteilungsleiter im NRW-Schulministerium, sieht das Problem woanders: in der nach wie vor hohen Zahl an Schulabbrechern nämlich.
Was kann man gegen den Fachkräftemangel tun? 10.000 Schülerinnen und Schüler verlassen in NRW die Schule ohne Abschluss
Der akute Fachkräftemangel gefährdet in vielen Branchen bereits heute ein funktionierendes Wirtschaftsleben. Es ist zu befürchten, dass er sich aufgrund der demografischen Entwicklung noch weiter verschärfen wird, wenn die Babyboomer vermehrt in den Ruhestand treten. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen, wie das sich abzeichnende Problem gelöst werden könnte. U.a. wird als Ursache für den Fachkräftemangel angeführt, dass zu viele Schülerinnen und Schüler das Abitur anstreben und anschließend ein Studium aufnehmen und damit dem Facharbeitermarkt nicht zur Verfügung stehen. Diese Analyse übersieht aber, dass jährlich eine große Zahl von Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen und somit große Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden – und in Folge weitgehend dem Fachkräftemarkt fehlen.
Am Ende des Schuljahres 2020/21 verließen in Nordrhein-Westfalen 179.350 junge Menschen die allgemeinbildenden Schulen (ohne Weiterbildungskollegs).Von den 179.350 Jugendlichen verließen am Ende des Schuljahres 2020/21 10.125 (5,6 %) Abgänger die Schule ohne Hauptschulabschluss, 27.670 (15,4%) Abgänger verließen die Schule mit einem Hauptschulabschluss. 64.145 (35,8%) Abgänger erreichten die Fachoberschulreife, 6.255 (3,5%) den schulischen Anteil der Fachhochschulreife und 71.155 (39,7%) die Hochschulreife.
Abgänger ohne Hauptschulabschluss nach Schulformen
In der Schulstatistik (Amtliche Schuldaten) werden die Abgänger ohne Hauptschulabschluss nach drei Kategorien unterteilt: Abgangszeugnis ohne Abschluss, Abschlusszeugnis der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ und Abschlusszeugnis der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“. Hiernach haben am Ende des Schuljahres 2020/21 4055 (2,3%) Abgänger ein Abgangszeugnis ohne Hauptschulabschluss erhalten. Weitere 6.070 Schulabgänger (3,4 %) ohne Hauptschulabschluss verließen die allgemeinbildenden Schulen mit einem Abschlusszeugnis der Förderschule (Förderschwerpunkte „Geistige Entwicklung” oder „Lernen”).
Betrachtet man die Abgänger ohne Hauptschulabschluss der verschiedenen Schulformen, stellt man erhebliche Unterschiede fest. Erwartungsgemäß verließen die meisten Jugendlichen die Förderschule GS/HS ohne einen Hauptschulabschluss mit einem Abgangszeugnis oder Abschlusszeugnis der Förderschulen mit den Förderschwerpunkten „Geistige Entwicklung“ oder „Lernen“. Das waren 2020/21 mit 5000 Schülerinnen und Schüler 70,7% aller Abgänger der Förderschule GS/HS.
Besorgniserregend ist auch der hohe Anteil der Abgänger an den Hauptschulen ohne Hauptschulabschluss mit 14%. Deutlich höher als der Durchschnitt (5,6%) aller allgemeinbildenden Schulen ist auch der Anteil der Abgänger ohne Hauptschulabschluss an den Waldorfschulen mit 8,4%. Bemerkenswert ist auch der relativ hohe Anteil der Schülerinnen und Schüler ohne Hauptschulabschluss an den Realschulen mit immerhin 2,3%. Selbst am Gymnasium verlassen 575 Schülerinnen und Schüler (0,9%) die Schule ohne Hauptschulabschluss.
Vergleich der Kreise bzw. kreisfreien Städte
Beim Vergleich der Quoten für „Abgänge ohne Hauptschulabschluss“ zwischen den 53 Landkreisen/kreisfreien Städten werden nur die Abgänger mit einem Abgangszeugnis ohne Abschluss berücksichtigt. Hierfür spricht, dass die Abgänger mit einem Abschlusszeugnis der Förderschulen mit den Schwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „Lernen“ häufig Förderschulen in anderen Kreisen besuchen, die nicht ihrem Wohnort entsprechen. Dadurch könnte es zu Verzerrungen der Quoten kommen. Landesweit beträgt der Anteil der Jugendlichen mit einem Abgangszeugnis ohne Abschluss 2,3%.
Von allen kreisfreien Städten und Kreisen Nordrhein-Westfalens war der Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger von allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss mit 7,8 Prozent in Gelsenkirchen am höchsten, gefolgt von Herne (5,9 Prozent) und Krefeld (4,4 Prozent). Die niedrigsten Anteile gab es in den Kreisen Olpe (0,7 Prozent), Gütersloh (1,2 Prozent) und im Rhein-Kreis Neuss (1,2 Prozent). Zwischen dem höchsten Anteil in Gelsenkirchen und dem niedrigsten Anteil im Kreis Olpe lagen damit 7,1 Prozentpunkte.
Gründe für diese Diskrepanzen können vielfältig sein. Folgt man den Befunden der empirischen Bildungsforschung, wonach es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Bildungserfolg gibt, dann dürften die Unterschiede (Varianz) in den Quoten ohne Hauptschulabschluss der Landkreise/kreisfreien Städte durch den Sozialindex zu einem erheblichen Teil aufgeklärt werden. Ein Vergleich der Quoten mit dem Sozialindex in den einzelnen Landkreisen/kreisfreien Städten zeigt eine signifikante Korrelation von r=0,59, was einer Varianzaufklärung von rund 35% entspricht. Mit anderen Worten: Je höher der Kreissozialindex, desto höher ist tendenziell die Quote der Abgänger mit einem Abgangszeugnis ohne Abschluss.
Fazit: Ungefähr jeder zwanzigste Jugendliche in NRW verlässt die allgemeinbildende Schule ohne Hauptschulabschluss. In der Hauptschule ist es sogar jeder Siebte. Diese Ergebnisse sind alarmierend, da diese Schüler es schwer haben werden, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wie die Autorengruppe Bildungsberichterstattung im Bericht „Bildung in Deutschland 2020“ darstellt, münden statistisch betrachtet zwei Fünftel der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss bei der Ausbildungssuche zunächst in eine Maßnahme des Übergangsbereichs. Bei den Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss sind es sogar 70 %.
Viele von ihnen bleiben auch langfristig ohne Ausbildung. Es besteht dringender Handlungsbedarf, die Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss deutlich zu senken, hierbei sollte ein besonderes Augenmerk auf die großen Unterschiede auf Kreis/Stadt-Ebene gelegt werden. Hierdurch würde auch ein erheblicher Beitrag für den Fachkräftemarkt geleistet. Von Gerd Möller
„Überakademisierung ist ein Irrweg!“ Handwerkspräsident fordert Wende in der Bildung
