Stark-Watzinger fördert mit Millionensummen die Ausbildung – und vergisst die Schulabbrecher

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BERLIN. Eine Ausbildung in einem Unternehmen steht bei vielen Schulabgängern nicht oben auf der Wunschliste. Die Regierung will das mit Millionensummen ändern. Irritierend: Mehr als 50.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr in Deutschland die Schulen ohne Abschluss – Tendenz steigend. An diese Zielgruppe richtet sich die Initiative aber offensichtlich gar nicht. Stattdessen soll die Berufsorientierung an den Gymnasien verbessert werden.

Bettina Stark-Watzinger
„Die drei I: individueller, innovativer, internationaler“: Bundesbildungsministerin Bettina Stark Watzinger (FDP). Foto: BMBF / Hans-Joachim Rickel

Geht es nach der Bundesregierung, sollte das Beispiel von Abdullah Isik Schule machen: Trotz großer anfänglicher Zweifel entschied er sich für eine Ausbildung – heute ist der 20-Jährige froh über den Schritt. Künftig will Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen, wie sie am Montag in einem Berliner Technologie-Unternehmen ankündigte. «Wir brauchen wieder mehr junge Menschen, mehr fleißige Hände, mehr kluge Köpfe, die auch den Weg in die berufliche Ausbildung gehen wollen», sagte Stark-Watzinger.

Bei Abdullah Isik war der Weg zum Angestellten in dem Unternehmen mit mehr als 7600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keineswegs von Anfang an vorgezeichnet. «In der Schule hatte ich noch keinen Plan», sagt er. Berufsorientierung habe es dort auch nicht gegeben. Den angepeilten Mittleren Schulabschluss schaffte er erst einmal nicht.

«Die Berufsorientierung muss vor allen Dingen auch in den Gymnasien ankommen»

In einem Oberstufenzentrum machte Isik dann doch noch seinen Abschluss. In Berlin werden an diesen Zentren verschiedene Bildungsgänge nach Berufsfeldern zusammengefasst. Doch immer noch wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. In dem Oberstufenzentrum gab es, wie er erzählt, zwar Berufsorientierung mit zahlreichen Tests und Bewerbungstrainings. Doch er habe gedacht: «Wer die zehnte Klasse vermasselt hat, hat in so einem Betrieb keine Chance.» Trotzdem bewarb er sich auf gut Glück bei dem Technologie-Unternehmen, wurde genommen – und nach seiner Ausbildung übernommen.

Stark-Watzinger beklagt einen gegenläufigen Trend: «Die Zahl der Ausbildungsverträge, sie stagniert, teilweise geht sie auch zurück.» Denn immer mehr junge Menschen wollten eine akademische Ausbildung machen. Deshalb startete Stark-Watzinger die «Exzellenzinitiative Berufliche Bildung» mit verschiedenen Maßnahmen. So sollen durch eine Reform des Aufstiegs-Bafög die individuellen Chancen jedes Einzelnen steigen. Mit diesem Bafög wird die Vorbereitung auf Fortbildungsabschlüsse etwa zum Meister oder zur Meisterin gefördert.

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Intensiviert werden müsse zudem die Berufsorientierung in den Schulen. Stark-Watzinger forderte: «Sie muss vor allen Dingen auch in den Gymnasien ankommen.» Zudem sollen laut der Ministerin die großen gesellschaftlichen Themen stärker in den Ausbildungsfokus rücken. «Zum Beispiel die Bekämpfung des Klimawandels, aber auch die Digitalisierung und andere.» Ferner solle bei den Berufsausbildungen «die internationale Mobilität der jungen Menschen» steigen. Die Schritte der «Exzellenzinitiative» werden von Stark-Watzingers Ministerium bis 2026 mit rund 750 Millionen Euro gefördert.

«Keinesfalls darf dies auf eine Förderung von Leuchtturmprojekten hinauslaufen, während die Unterstützung in der Breite ausbleibt»

In Abdullah Isiks Oberstufenzentrum war Praxis zwar bereits groß geschrieben. Doch die Ausstattung dort beschreibt er im Vergleich zu seinen Erfahrungen in seinem High-Tech-Unternehmen als «veraltet». «In unserem Schulsystem ist der Stand der digitalen Technik wie im Jahr 2010», meint er.

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack äußerte sich zurückhaltend zu der neuen «Exzellenzinitiative». Zwar müsse die berufliche Bildung gestärkt werden. «Keinesfalls darf dies jedoch auf eine Förderung von Leuchtturmprojekten hinauslaufen, während die Unterstützung in der Breite ausbleibt.» Bund und Länder müssten zum Beispiel dringend die Berufsschulen besser ausstatten.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge versprach, die «Exzellenzinitiative» bündele neue und bestehende Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung. Denn: «Vom kleinen Handwerksbetrieb, der Wärmepumpen installiert, bis zum großen Unternehmen, das Windräder produziert, spürt die Wirtschaft den Fachkräftemangel.»

Irritierend: Die Bundesregierung will die Zahl der Auszubildenden erhöhen – denkt aber offenbar nicht daran, dafür verstärkt junge Menschen zu gewinnnen, die ohne weitere Förderung in der beruflichen Perspektivlosigkeit landen. Mittlerweile fast jeder zehnte junge Mensch in Deutschland geht einer aktuellen OECD-Studie weder einer Ausbildung noch einer Arbeit nach. Der Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die das betrifft, ist von 8,2 vor Corona auf 9,7 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Karin Prien (CDU) nannte als eine Ursache für den Anstieg die Zuwanderung der vergangenen Jahre. Die Entwicklung sei «erklärbar, aber nicht befriedigend». Man müsse sich diesen Jugendlichen und jungen Menschen noch intensiver zuwenden.

Die hat die Bundesregierung aber offensichtlich gar nicht im Blick. Stattdessen heißt es beim Bundesbildungsministerium (fehlende Artikel im Original, d. Red.): «Mit Blick auf Demografie und erheblich gewachsene Abiturientenquote legt die Exzellenzinitiative einen besonderen Fokus auf die jungen Menschen, die sich zwischen den verschiedenen Qualifizierungswegen Ausbildung, Studium und Fachschule entscheiden können.»

Im Wortlaut

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger erkärt zu ihrer «Exzellenzinitiative»:

«Als Chancenministerium geben wir der beruflichen Bildung mit unserer Exzellenzinitiative Berufliche Bildung nun neuen Schub: Erstens verbessern wir die Förderung individueller Chancen und erhöhen die Sichtbarkeit für die Potenziale einer Ausbildung. Zweitens setzen wir gezielte Impulse für innovative Angebote sowie eine moderne Infrastruktur für die Berufsbildung. Und drittens erhöhen wir die internationale Mobilität und wollen eine internationale Perspektive auch in der beruflichen Bildung zur Selbstverständlichkeit machen. Die drei I: individueller, innovativer, internationaler. Das ist der Dreiklang der neuen Exzellenzinitiative Berufliche Bildung. Sie ist ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in unserem Land.»

FDP-Kampagne: Bundesministerin für Bildung und Forschung (sic!) erklärt Ausbildung und Studium für gleichwertig

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Carsten60
1 Monat zuvor

„Sie [die Berufsorientierung] muss vor allen Dingen auch in den Gymnasien ankommen.“
Das klingt seltsam. Warum soll das so sein? Von dem Textteil davor hat man den Eindruck, dass jetzt zu viele Abiturienten in die Hochschulen drängen, statt eine Berufsausbildung zu beginnen, und dass das der Grund ist. Also eine Art von „Abwerbung“ oder „Gegenreklame“ gegen die Akademisierung?
Da könnte es allerdings auch genügen, den Gymnasiasten klarzumachen, dass sie mit allzu schwachen Kenntnissen sich an den Hochschulen nur herumquälen würden, weil das Abitur heute nicht mehr hinreichend für Studierfähigkeit ist. Dann ergibt sich die Alternative von alleine.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Carsten60

Viel einfacher wäre es doch, den Abiturentenanteil wieder zu reduzieren. 50% ist viel zu viel.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Nee, wichtiger wäre es den Eltern klar zu machen, dass nicht jedes Abiturzeugnis zwangsläufig in einer akademischen Laufbahn enden muss.
Man könnte ja einmal damit anfangen, dass das Abiturzeugnis einfach Abschlusszeugnis heißt und die Hochschulzugangsberechtigung erst durch eine Aufnahmeprüfung erreicht werden muss.

Um einen ausbildungsplatz muss man sich bewerben, einen Studienplatz bekommt mit wenigen Ausnahmen „nachgeworfen“.

lehrer002
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Angemessen wäre eine Abiturientenquote zwischen 25 und 40 Prozent. Diese sollte durch anspruchsvolleren Unterrichtsthemen und Prüfungen, v.a. in den Stadtstaaten und Ländern mit 1,x Schnitten wie Thüringen, schnell erreichbar sein.

Lehrer_X
1 Monat zuvor

Sehe hier gespalten drauf. Als hauptsächlich tätiger in der Berufsvorbereitung, genau da, wo so viele scheitern und schon als Scheiternde ankommen, muss man auch eins sagen: wir müssen uns viel zu viel um die Problemfälle kümmern, dabei sind die Auffangnetze schon gewaltig. Nach einigen Jahren da frage ich mich langsam auch, ob weniger nicht mehr wäre und die Jungen mal merken müssen, dass einen irgendwann keiner mehr auffängt – und damit bin ich nicht der einzige Kollege.
Bewusst sind wir uns, dass genau die häufiger dann die Kundschaft bei der Polizei werden, aber das Geld mal für die ausgeben, bei denen noch was zu retten ist, DAS wäre mal was.

Tigrib
1 Monat zuvor
Antwortet  Lehrer_X

Seh ich auch so.
Der Anteil derer, die keine Lust, keine Anstrengungbereitschaft, kein Interesse, aber riesige Ansprüche haben, wächst. Und eine Veränderung im Verhalten und in den Einstellungen lässt sich kaum, wenn sogar gar nicht erreichen. Da helfen auch keine Millionen von Staatsseite.

CoronaLehren
1 Monat zuvor

Die Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Gymnasien sollte erhöht werden, an den beruflichen Gymnasien, Fachoberschulen, Berufsoberschulen, etc. ist das unnütz, da allein schon über das Profil vorhanden – ´auch über häufig abgeschlossene Berufsausbildungen der Lehrkräfte.

Im Gegensatz zu den Wechslern von „vor dem Pult“ zu „hinter’s Pult“ an allgemeinbildenden Gymnasien. Vorurteil oder Klischee?

Wenn man sich die Lehrpläne „Wirtschaft“ am allgemeinbildenden Gymnasium BW anschaut, fragt man sich, wo die Ersteller BWL studiert haben. Von sachlogischer Struktur keine Ahnung.

Irgenwann merkt auch der letzte, dass man einen Dachstuhl nicht auf’s Dach interpretieren, aufleiten oder hinphilosophieren kann. Gute Handwerker braucht die Republik, Pflegekräfte, etc.

Boomerin
1 Monat zuvor
Antwortet  CoronaLehren

An keiner Schule ist die Berufsorientierung „unnütz“, eher im Gegenteil. Und sei es auch nur, damit sich KuK auf den neuesten Stand bringen in Sachen Stellenbörsen, Ausbildungsmessen und moderne Bewerbungsschreiben.
Rechtschreibung etc. sollte auch nicht nur als Spleen von Deutschlehrern betrachtet werden, sondern von allen gleich wichtig genommen und entsprechend korrigiert werden.

Andre Hog
1 Monat zuvor

Schulabbrecher sind keine FDP-Wähler … und daher für Stark Watzinger völlig uninteressant.

Mo3
1 Monat zuvor

1. Schulabbrecher zeichnen sich i.d.R. nicht durch Verlässlichkeit, Fleiß und Durchhaltewillen aus – das macht sie nicht gerade zu begehrten Azubis. Ein Schulabschluss alleine hilft da auch nicht.
2. Aus der Praxis kommt oft die Empfehlung, erst mal eine praktische Ausbildung zu machen, bevor man in dem Fachbereich studieren geht. Ohne Studium sind aber die Aufstiegschancen oft verbaut – zumindest in den großen Firmen.
3. Was hilft es „Werbung“ für die Ausbildung zu machen, wenn jeder sieht, dass die Berufe dann nicht wirklich wertgeschätzt werden – siehe Pflegepersonal.

Echt
1 Monat zuvor
Antwortet  Mo3

Das ist die (oft bittere) Realität. Bei vielen Stellenbesetzungen geht es nicht um die tatsächlich erworbenen berufsbezogenen Qualifikationen durch Weiterbildung und Berufserfahrung, sondern einzig um den Abschluss, der an einer Uni oder Fachhochschule erworben sein soll. So bekommen beispielsweise viele erfahrene Hebammen jetzt junge studierte Kolleginnen vorgesetzt, die das Niveau der Geburtshilfe nun endlich mal heben sollen. Das soll dann auch ein höheres Gehalt rechtfertigen. Wertschätzung für eine grundständige Berufsausbildung ist das nicht.