„Ich bin da nicht vollkommen pessimistisch“: Wie Klimaforscher Rahmstorf Schülern die Klimakrise erklärt

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POTSDAM. Aus vielen Befürchtungen ist längst Realität geworden: Wetterrekorde fallen, Wetterextreme nehmen zu – und ein Ende der Klimakrise ist nicht in Sicht. Klimaforscherinnen und -forscher wie Prof. Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung warnen seit Jahrzehnten. Und werden dennoch nicht müde, Menschen aufzuklären. Rahmstorf etwa trat unlängst im Gymnasium Fridericianum Schwerin auf, um Schülerinnen und Schülern die Lage zu erklären. Seine Botschaft: Sie ist ernst – aber (noch) nicht hoffnungslos.

Die Welt, in der wir leben, steht vor drastischen Veränderungen. Illustration: Shutterstock

Hitzealarm in Südeuropa, Überschwemmungen in den USA, Heftige Regenfälle in Japan – Menschen haben in diesem Sommer in vielen Erdregionen mit Wetterextremen und ihren Folgen zu kämpfen. Studien zufolge häufen sich solche Ereignisse, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht überrascht.

«Vor zunehmender Hitze, Dürre und dadurch Bränden sowie Starkregen und dadurch Überschwemmungen infolge der Erderwärmung durch den Treibhausgasausstoß warnen die Klimaforscher seit Jahrzehnten», sagt Prof. Stefan Rahmstorf, Abteilungsleiter im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und langjähriger Berater der Bundesregierung. «Die Vorhersagen treffen ja auch schon seit vielen Jahren ein, wie die Messdaten belegen.»

Die Wetterextreme nähmen seit Jahrzehnten kontinuierlich zu, erläutert Rahmstorf. Dieser Trend könne sich fortsetzen. «Dieselben Extreme, die seit Jahrzehnten zunehmen, werden auch weiter zunehmen, solange die Welt nicht die Klimaneutralität erreicht hat.» Dabei könnte es künftig sogar zu Ereignissen kommen, die es so in der jüngeren Vergangenheit noch gar nicht gegeben habe.

Wie stark haben Hitzeextreme weltweit schon zugenommen? Wie heiß wird es in Zukunft?
Kurzer Clip aus einem Vortrag in Schönau Anfang Juli. In voller Länge hier zu sehen: https://t.co/EnFIvRWuZn pic.twitter.com/WFhkrpMQni

— Prof. Stefan Rahmstorf 🌏 🦣 (@rahmstorf) July 18, 2023

Schon jetzt seien viele Phänomene leicht erklärbar: «Höhere Temperaturen führen zu verstärkter Dürre, weil aufgrund der stärkeren Verdunstung die Böden und Vegetation schneller austrocknen, wenn es nicht viel regnet», erklärt Rahmstorf. Doch nicht nur Dürre ist eine Folge der Hitze. «Höhere Temperaturen führen auch zu mehr Extremniederschlägen, weil warme Luft mehr Wasserdampf aufnehmen und dann abregnen kann.» Laut einer Studie im Fachjournal «Climate and Atmospheric Science» ist die Zahl der Niederschlagsrekorde stark gestiegen. Im Durchschnitt könne einer von vier rekordhohen Tagesniederschlägen auf den Klimawandel zurückgeführt werden.

Der meteorologische Sommer zeigte in diesem Jahr schon viele Rekorde: So war der Juni laut EU-Klimawandeldienst Copernicus seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie so warm wie in diesem Jahr. Kanada leidet nach Angaben der dortigen Behörden unter der schlimmsten Waldbrand-Saison seiner Geschichte. Und die durchschnittliche globale Temperatur lag im Juli an mehreren Tagen über dem bisherigen Rekordwert aus dem Jahr 2016, wie aus «Climate Reanalyzer»-Daten der amerikanischen Universität von Maine hervorgeht.

Aus Sicht von Rahmstorf gilt es zu handeln – und zwar schnell. Es sei wichtig, durch raschen Klimaschutz das Unbeherrschbare zu vermeiden und sich gleichzeitig an den unvermeidlichen Teil des Klimawandels so gut wie möglich anzupassen, erklärt er. Im Pariser Abkommen hatten die Staaten vereinbart, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch Rahmstorf befürchtet, dass dieses Ziel verfehlt wird. «Solange fossile Energienutzung noch subventioniert wird, selbst gesetzte Klimaziele zum Beispiel im Verkehrssektor ignoriert werden und auch sofort wirksame Gratismaßnahmen wie ein allgemeines Tempolimit nicht genutzt werden, kann von ernsthaften Anstrengungen in Richtung 1,5 Grad nicht die Rede sein.»

Europa sei mehr als andere Erdregionen der mittleren Breiten von zunehmender Hitze betroffen. «Dies wird auf häufigeres und anhaltenderes Auftreten einer Wetterlage mit doppeltem Jetstream zurückgeführt, wie sie aktuell wieder herrscht», erklärt Rahmstorf. Der Jetstream ist ein bandartiges Starkwindfeld in etwa zehn Kilometern Höhe, das sich über den nördlichen Breiten um die Erde windet. Bei einem doppelten Jetstream spaltet sich dieser in zwei Äste auf. Die Jetstream-Lagen halten dadurch länger an und sorgen laut einer Studie des PIK für häufigere Hitzewellen in Westeuropa.

«Wir Menschen werden immer häufiger nie Dagewesenes, neue Extremwetter und weitere Veränderungen erleben»

Nach jüngsten Daten der Weltwetterorganisation WMO erreichten die Konzentrationen der Treibhausgase Kohlendioxid, Methan und Lachgas in der Atmosphäre 2021 jeweils neue Höchstwerte. Es bestehe die Sorge, dass Ökosysteme an Land und die Ozeane immer weniger CO2 aufnehmen können. Bislang puffern sie einiges CO2 ab. In einigen Landregionen der Welt sei der Übergang von der CO2-Senke zur -Quelle bereits im Gange, etwa in Teilen des Amazonasregenwalds.

Auch in den Meeren zeigen die Temperaturen diesen Sommer Extremwerte. Generell liege das auch am «Anstieg der Treibhausgase in unserer Lufthülle», sagt Rahmstorf. Von der dadurch zusätzlich eingefangenen Energie gingen wegen der Wärmespeicherfähigkeit des Wassers etwas mehr als 90 Prozent in den Ozean. «Daher gibt es dort seit Jahrzehnten regelmäßig neue Wärmerekorde.»

Nach «Climate Reanalyzer»-Daten liegt die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Meere seit März auf Rekordhöhe: Jeder einzelne Tag ist der wärmste für sein jeweiliges Datum. Messbeginn war vor 40 Jahren. In den vergangenen Tagen lag die Temperatur jeweils circa 0,8 Grad höher als im Schnitt zum selben Zeitraum der Jahre 1982 bis 2011.

Rahmstorf geht davon aus, dass neben der Erderwärmung mehrere weitere Faktoren zu dem Anstieg beitragen. Dazu gehöre auch das El-Niño-Ereignis, das im tropischen Pazifik die Oberflächentemperaturen steigen lasse. El Niño ist ein natürliches Phänomen, das alle paar Jahre auftritt. Es kann die Folgen des Klimawandels verschärfen, weil es einen zusätzlich wärmenden Effekt hat. Je nach Weltregion gibt es durch El-Niño mehr Hitze und Dürren oder mehr Überschwemmungen.

Trotzdem gibt Rahmstorf die Hoffnung nicht auf. «In der Tat bewegt sich schon einiges. Ich bin da nicht vollkommen pessimistisch. Vor zehn Jahren, also vor dem Pariser Abkommen, hat die Wissenschaft auf Grundlage der damaligen Klimapolitik noch mit einer Erwärmung von etwa vier Grad bis 2100 gerechnet. Inzwischen steuern wir mit der jetzigen Klimapolitik auf einem 2,7-Grad-Kurs», erklärte er unlängst in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Spektrum.de.

Zu tun gibt es aber immer noch viel. Denn: «Mit 3 Grad Erwärmung werden wir sehr weit aus der natürlichen Schwankungsbreite der letzten 100.000 Jahre hinauskatapultiert. Wir haben das Klima des Nacheiszeitalters Holozän, also die recht stabilen letzten 10.000 Jahre, inzwischen verlassen. Das bedeutet, dass die Ökosysteme sich weltweit zunehmend nicht mehr an das immer ungewohntere Klima anpassen können. Wir Menschen werden immer häufiger nie Dagewesenes, neue Extremwetter und weitere Veränderungen erleben.» Es sei denn: Die Politik steuert endlich entschieden dagegen.

Zumindest bei vielen jungen Menschen scheint das Problem angekommen zu sein (nicht zuletzt deshalb, weil die Schule das dafür notwendige Wissen vermittelt): In Schwerin leiteten Schülerinnen und Schüler das Referat des renommierten Klimaforschers mit eigenen Vorträgen zum Thema ein. News4teachers / mit Material der dpa

Klimawandel: Unterricht – egal bei welchen Temperaturen? Lehrer-Verbände fordern einheitliche Hitzefrei-Regeln

 

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Fakten sind Hate
11 Monate zuvor

Das Artikelbild ist vielsagend. Monokultur (ein Baum, sonst nur eintönige Wiese) wird zur Wüste.

Spanien lässt mit ihren Treibhäusern lässt grüßen. Da möchte aber keiner ran. Schließlich möchte jeder die billigen spanischen Paprika, anstatt die Paprika aus der Umgebung. Diese werden übrigends ins Ausland transportiert, da diese deutlich schmackhafter sein sollen, und man deshalb dort größeren Gewinn erzielen kann.

Achja. Dann gibt es noch die Fleischtheke. Am Ende des Tages wird da gerne mal 60% des Fleischangebots (Zahl stammte aus einer Doku von vor paar Jahren) weggeworfen. Beim Bäcker ist das bekanntlich ebenfalls üblich.

Da will aber keiner ran.

Einer
11 Monate zuvor

Wetterextreme nehmen zu – und ein Ende der Klimakrise ist nicht in Sicht.“?

Liebe Redaktion,
wer schreibt denn so einen Satz? Das ist als hätte eine Zeitung über Carl Benz geschrieben „Ende des Autowahn ist nicht in Sicht“ oder 1980 vom Ende der PC-Ausbreitung geschrieben.
Wir sind nicht mitten in der Klimakrise. Alles was wir bemerken sind die allersten Folgen unseres Handelns.
Ansonsten viele Grüße und weiter so
sagt Einer

Bayer
11 Monate zuvor
Antwortet  Einer

Hat H. Lesch dann Unrecht, wenn er von, Klimakrise habe schon
begonnen und als Folge von Riesenzecken, Allergien und vielen weiteren Erkrankungen, nicht nur der Natur sondern auch der Menschen spricht?

https://www.zdf.de/wissen/leschs-kosmos/gesundheitsrisiko-klimakrise-wie-heiss-ist-zu-heiss-100.html

Marc
11 Monate zuvor

Zur Herrn Rahmstorf könnte man auch mal solche Kontroversen berichten:

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/streit-mit-skeptikern-die-rabiaten-methoden-des-klimaforschers-rahmstorf-a-505095.html

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/stefan-rahmstorf-verurteilt-eklat-um-klimaberater-der-bundesregierung-a-796623.html

Er fällt schon sehr durch seine rabiate eher diskussionsfeindliche Art auf. Ob das die richtige Person dann für eine Schule ist, weiß ich nicht.
Auch da er zu den besonders krassen Apokalyptikern gehört. Bei so einem wichtigen Thema in dem viel diskutiert werden soll, hätte ich gerne jemanden sitzen, der Diskussionen offen eingestellt ist

Georg
11 Monate zuvor

Mich ärgert bei der ganzen klimadebatte, dass viel zu oft Wetter mit Klima identifiziert wird und viel zu viele Leute ohne Ahnung von Klimatologie viel zu moralisch argumentieren. Dazu kommt noch der Anschein, dass unter dem Deckmantel des Klimaschutzes Politik gemacht werden soll.

Übrigens haben auch Windräder Einfluss auf das lokale Klima, weil sie die Luft durchwurzeln und den Boden dadurch austrocknen.

Pensionist
11 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Durchwurzeln? Ich dachte immer, die Propeller machen den Wind!

Georg
11 Monate zuvor
Antwortet  Pensionist

LOL

Durchwirbeln war gemeint.

Uwe
11 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Das Problem der extremen Rechten ist vor allem: Sie haben ganz ernsthaft den Konsens aufgekündigt innerhalb der Grenzen der Realität zu argumentieren. Damit verunmöglichen sie natürlich auch letztendlich die Demokratie und Kommunikation macht auch keinerlei Sinn mehr. Ende der Zivilisation.

Georg
11 Monate zuvor
Antwortet  Uwe

Die extremen Rechten haben generell andere Dinge im Kopf als Klimatologie – und sei es nur ein großes Vakuum.

Uwe
11 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Oh mit extremer Rechte meinte ich Sie.