Angst und Anpöbelungen sind für viele jüdische Studierende alltäglich

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HEIDELBERG. Wie denken Studierende über den Nahost-Konflikt? Nun fand dazu ein Gespräch zwischen Baden-Württembergs Innenminister Strobl und Studierenden der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg statt. Dabei ging es um Antisemitismus und Sicherheit.

Sich mit Kippa zu zeigen, erscheint in diesen Tagen riskant. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Ängste und sehr persönliche Geschichten haben Studierende der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg mit Innenminister Thomas Strobl (CDU) geteilt. Der Minister besuchte die Hochschule am Freitag, dabei ging es neben Antisemitismus vor allem um das Thema Sicherheit. Es sei eine Schande, dass Juden Angst in Baden-Württemberg haben müssten, sagte der Minister.

Sie habe Angst und schlafe nicht mehr gut, erzählte eine Studentin in der Diskussion. Ein anderer Student berichtet von Anpöbelungen und Beschimpfungen auf einer Kundgebung in Mannheim.

Die Stimmung unter den Studierenden sei bedrückend, beschreibt Werner Arnold, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien. Seit dem Angriff der Hamas auf Israel gebe es zwar keine Panik, aber ein mulmiges Gefühl bei vielen.

Minister Strobl betonte, Juden sollten in Baden-Württemberg nicht nur sicher leben, sondern sich auch sicher fühlen können. Der Minister erklärte, die Sicherheitsmaßnahmen im Südwesten seien auf einem hohen Niveau. So seien die antisemitischen Straftaten im niedrigen dreistelligen Bereich. Zum überwiegenden Teil handele es sich dabei um Sachbeschädigungen. Es gebe wenige Gewalttaten, hieß es.

Auch an Schulen im Südwesten ist trotz des Nahost-Konflikts die Zahl antisemitischer und anderer religiös oder ethnisch begründeter Diskriminierungen nicht auffallend stark gestiegen. Man sei sich aber bewusst, dass die gemeldeten Zahlen kein vollständiges Abbild der Verhältnisse zeigten, berichtete das Kultusministerium. Es gebe eine Dunkelziffer.

«Die gesellschaftliche Stimmung ist wirklich angespannt», sagte Lukas Stadler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule in Heidelberg und Promotionsstudent. Gemeinsam mit anderen Studenten stellte Stadler die Idee vor, mit Videos unter anderem in arabischer Sprache auf Social Media für Aufklärung zu sorgen. Das Problem sei, dass der Diskurs im Internet meist von den Extremen geführt werde (News4teachers berichtete).

Von diesem Projekt war der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus, Michael Blume, begeistert. Das sei genau, was er sich wünsche. Man solle den Terror ernst nehmen, sich aber nicht einschüchtern lassen. Das Projekt wolle er gerne finanziell unterstützen.

Vor dem Gespräch mit den Studierenden wurden Blume und Innenminister Strobl durch die Hochschule und die Bibliothek geführt. Auch gab es ein Gespräch mit dem Rabbiner der Hochschule. «Es gibt auch Antisemitismus in Baden-Württemberg», sagte Blume. Doch die Juden seien diesmal nicht allein, versicherte er dem Rabbiner.

Schon am Donnerstagabend gab es in Mannheim ein Zeichen für gesellschaftlichen Frieden. Vertreter von israelitischen und muslimischen Religionsverbänden hatten sich zum Gespräch getroffen. In freundlicher und offener Atmosphäre diskutierten die Teilnehmer unterschiedliche Sichtweisen, wie eine Sprecherin mitteilte. Alle waren sich einig, dass es sowohl für Juden als auch für Muslime schwierige Wochen sind. Von Pascal Eichner, dpa

Gaza-Krieg: „Die Stimmung auf den Schulhöfen ist angespannt und aufgeladen“

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4 Kommentare
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Achin
3 Monate zuvor

In Klassenzimmern und Elterngesprächen ist jetzt die Zeit für klare Ansagen:

Antisemitismus und Israel-Feindlichkeit gehören nicht nach Deutschland. Erst wenn die Rahmenbedingungen für alle Seiten klar sind, ist wieder Raum für „Verständnis“ oder „Zuhören“.

Knut
3 Monate zuvor
Antwortet  Achin

Aber bitte ausnahmslos alle Tätergruppen und ihre Motive für Antisemitismus sowohl benennen als auch verurteilen und bekämpfen. Gerade Deutschland muss zeigen, dass hier kein Antisemitismus mehr geduldet wird und dass „nie wieder“ ernst gemeint ist und nicht nur Sonntagsreden schmückt.
Egal ob jemand einheimische oder ausländische Wurzeln hat, kein Grund für Antisemitismus darf auf Verständnis stoßen, kleingeredet oder beiseite geschoben werden.

Achin
3 Monate zuvor
Antwortet  Knut

Sehr geehrter Knut,

woraus entnehmen Sie in meinem Kommentar eine Einschränkung der Kernaussage?

Georg
3 Monate zuvor

Und das an einem Ort, an dem so ziemlich zur Bildungselite gehören …