Debatte um Lehramtsausbildung: Neue Kultusministerin lässt GEW außen vor

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MÜNCHEN. Die GEW Bayern fordert eine umfassende Neugestaltung der Lehramtsausbildung – stößt mit ihren Ideen im Kultusministerium des Freistaats allerdings auf taube Ohren.

Hat die GEW nicht mal eingeladen: die neue Kultusministerin von Bayern Anna Stolz (Freie Wähler). Foto: Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus

Bayerische Lehramtsstudierende haben bei einer Befragung zu ihrer Berufsausbildung dieser ein schlechtes Zeugnis ausgestellt (News4teachers berichtete). Das Staatsexamen empfinden drei Viertel der etwa 3.000 Befragten als nicht zeitgemäß. Jeder zweite Befragte fühlt sich nicht stringent und zielführend auf die Prüfung vorbereitet. 40 Prozent überlegen sogar, ihr Studium in Bayern abzubrechen und in einem anderen Bundesland fortzusetzen.

Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern sind die Ergebnisse „eine ganz klare Aufforderung an die Staatsregierung zu einer zeitnahen und grundlegenden Reform“ der Ausbildung von Lehrkräften, so Martina Borgendale, Vorsitzende der GEW Bayern. Ideen, wie eine solche Neugestaltung aussehen könnte, liefert die Gewerkschaft gleich mit. Doch in den offiziellen Prozess zur Weiterentwicklung der Lehramtsausbildung im Freistaat ist die GEW nicht eingebunden.

Schon 2021 beschloss die Landesvertreter*innen-versammlung der GEW Bayern „Eckpfeiler für eine neue Lehrer*innenbildung in Bayern“ (auch darüber berichtete News4teachers). Das Konzept sieht vor, das bisherige Referendariat durch ein Berufseinstiegsjahr zu ersetzen. Bei voller Bezahlung soll dabei die Beratung der angehenden Lehrkräfte im Vordergrund stehen. „Viele Kolleg*innen litten und leiden sehr unter den Gegebenheiten des Referendariats. Es besteht keine Notwendigkeit, erwachsene Menschen über einen Zeitraum von zwei Jahren unter Dauerstress und Druck zu stellen“, sagt die bayerische GEW-Vorsitzende Borgendale. „Was zählt, sind Beratungs- und Unterstützungssysteme für die Kolleg*innen und dass sie gut im Beruf ankommen und möglichst lange gesund bleiben.“

Insgesamt umfasst das GEW-Konzept die folgenden drei Säulen:

  1. Studium mit deutlich höherem Praxisanteil als bisher,
  2. Berufseinstiegsjahr bei voller Bezahlung statt Referendariat sowie
  3. mehr Fort- und Weiterbildungen.

Dabei soll die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nur noch zwischen Primarstufe (Klasse 1-6) und Sekundarstufe (Klasse 7-13) unterscheiden, statt Schulform-bezogen verlaufen. Dies würde die Absolventen vielfältig einsetzbar machen und dem Lehrermangel in bestimmten Bereichen langfristig vorbeugen. Zudem soll der Master-Abschluss das Staatsexamen ersetzen.

Warnung vor Qualitätsverlust

Die GEW Bayern sieht sich in ihrer Forderung nach mehr Beratung zum Berufseinstieg durch das aktuelle Gutachten zur Lehrkräftebildung der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz bestärkt. Diese fordere ebenfalls „professionelles unterrichtsbezogenes Coaching“ und „gemeinsame Planung und Reflexion von Unterricht mit Peers bereits in der ersten Phase“ der Ausbildung. Was die GEW allerdings nicht erwähnt: Die SWK dringt nicht auf eine Abschaffung des Referendariats. Sie plädiert stattdessen für eine bessere Verschränkung von Studium und Praxis, die den Vorbereitungsdienst auf ein Jahr verkürzen könnte.

Doch selbst gegen den Vorschlag das Referendariats zu verkürzen, bildet sich bereits Widerstand. So mahnt der Bundesarbeitskreis (bak) Lehrerbildung, der Verband der Lehrkräfte-Ausbilder im Referendariat, dass eine Verkürzung auf zwölf Monate zu einem Qualitätsverlust führen werde. „Um Kinder und Jugendliche gut unterrichten zu können, braucht es sowohl ein fachlich fundiertes Studium als auch eine ausreichend lange Ausbildungszeit in der Schulpraxis“, sagt Helmut Klaßen, Bundesvorsitzender des bak Lehrerbildung. „Hier erproben die künftigen Lehrkräfte das im Studium erworbene fachliche, fachdidaktische und pädagogische Wissen und reflektieren dieses mit den professionellen Ausbilderinnen und Ausbilder der Praxis (Studienseminare).“

Expertenkommission ohne die GEW

In Bayern arbeitet seit dem Sommer eine Expertenkommission an Vorschlägen, wie sich die Lehramtsausbildung des Landes weiterentwickeln und attraktiver gestalten lässt. Zu dieser gehören Vertreterinnen und Vertreter der Lehrerverbände, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Lehrerbildung an den bayerischen Universitäten sowie ein Mitglied der bayerischen Landesstudierendenvertretung, heißt es auf der Internetseite des Kultusministeriums. Bislang nicht eingeladen: die GEW.

Nicht überraschend, ließ der damalige Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) bei der konstituierenden Sitzung bereits erkennen, dass eine umfassende Neugestaltung, wie von der GEW propagiert, nicht gewünscht ist. So begrüßte er die Teilnehmenden unter anderem mit den Worten: „Für unsere ausdifferenzierte bayerische Schullandschaft hat sich die Grundstruktur der schulartspezifischen Lehrerbildung mit Studium und schulpraktischer Ausbildung im Vorbereitungsdienst bestens bewährt.“

Entsprechend kritisiert die GEW-Landesvorsitzende Martina Borgendale: „Eine Reform anzustreben und dann nur Verbände einzuladen, die der bildungspolitischen Ausrichtung der Staatsregierung nahestehen, widerspricht dem eigenen Ansinnen. Und eine Gewerkschaft in diesen Zeiten des hohen Drucks im System außen vor zu lassen und damit faktisch die auszuschließen, die ihren Finger in die Wunde legen und für eine angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen stehen, drückt wenig Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten und ein eigenwilliges Demokratieverständnis aus.“ News4teachers (ach)

Verband warnt vor Abschaffung des Referendariats: „Darf nicht im Studium aufgehen“

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uesdW
5 Monate zuvor

„Hier erproben die künftigen Lehrkräfte das im Studium erworbene fachliche, fachdidaktische und pädagogische Wissen und reflektieren dieses mit den professionellen Ausbilderinnen und Ausbilder der Praxis (Studienseminare).“

Oh ja, solche Ausnilder gab es auch, aber leider auch andere. Wenn man als Student sich manche Geschichten hört, kann ich schon verstehen, dass die Angst da ist.

Rainer Zufall
5 Monate zuvor

Wer unzufrieden ist, kann gerne nach BW kommen. Keine Schadenfreude an dieser Stelle, das System Bayern ist „bestens bewährt“, die müssen nicht um Personal ringen 😀

Müllerin
5 Monate zuvor

Die Bayerischen Lehramtsstudierenden sollten sich erstmal in anderen Bundesländern informieren, wie glücklich und zufrieden man dort mit dem Bachelor/Master ist, wobei der Bachelor polyvalent sein muss. Da muss man sich z.B. zweimal um einen Studienplatz bewerben, was zu Wartezeiten führen kann. Als Faustregel könnte gelten: Mit Bachelor/Master dauert alles etwas länger, und den „Hamster im Laufrad“ gibt’s gratis dazu. Von den Reformern angekündigt war natürlich das Gegenteil, wie so oft.

Lisa
5 Monate zuvor

Ich verstehe die Einwände gegen das Staatsexamen nicht. Es wird überall dem Master gleichgestellt und das bei nur sechs Semestern Studium. Fand ich das Beste am Abschluss.

Unfassbar
5 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Bachelor ist 5-6 Semester, Master ungefähr 9-10.

lehrer002
5 Monate zuvor

Die GEW ist in Bayern auch praktisch bedeutungslos. Der BLLV ist dort der zentrale Verband für Grund- und Mittelschullehrkräfte. Dann gibt es noch den Philologenverband für Gymnasien und den Realschullehrerverband. Hier in NRW sind VBE und GEW die zentralen Gerwerkschaften. Daneben gibt es aber auhc hier kleinere wie lehrer.nrw. Dass nur die im jeweiligen BL bedeutendsten Verbände eingeladen werden, ist normal.

Thomas
5 Monate zuvor
Antwortet  lehrer002

Dass es den Realschullehrerverband wirklich gibt, muss man mir als Realschullehrer erst mal beweisen Ich merke davon nichts und würde die Bedeutung des brlv deutlich unter der GEW einordnen.

Lehrerin
5 Monate zuvor

Wenn die GEW in Bayern den Stufenlehrer haben will, wie oben angeführt (Primarstufe 1-6 und Sekundarstufe ab 7), dann hat sie sich doch selbst disqualifiziert. Die Bayern, die seit Jahrzehnten an der Spitze der Bildungsqualität in Deutschland stehen, wollen sich doch nicht solchen unsinnigen Nivellierungsexperimenten aussetzen. Fachkompetente Ausbildung für genau die angestrebten Schularten ist unabdingbar. Ein Unterricht in einer gymnasialen Oberstufe z. B. in Chemie braucht ein ganz anders fundiertes Studium als für einen mittleren Abschluss.
Eine GEW, die Bayern auch noch auf unterstes Niveau bringen will wie in gewissen anderen Bundesländern, damit der Unterschied nicht so auffällt, braucht keiner.

ed840
5 Monate zuvor
Antwortet  Lehrerin

Es gibt Bundesländer, die Kinder nach der 4. Klasse streng nach Leistungsstand / Notenschnitt auf die Schularten verteilen. Es gibt auch ein Bundesland wo die Kinder 6 Jahre gemeinsam in die Grundschule gehen und anschließend die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder ein Gymnasium besuchen sollen oder in die integrierte Sekundarstufe gehen. Bundesländer mit strikter Aufteilung nach Leistungsstand schnitten bei IQB deutlich besser ab und auch die sozialen Disparitäten sowie die Disparitäten zwischen Kindern mit ohne Migrationshintergrund waren dort weniger hoch. Ob und ggf. welche Schlüsse man daraus ziehen möchte, dürfte individuell verschieden sein.