„Bildungsallianz“ geplatzt – RLV träumt vom Wiedererstarken des dreigliedrigen Schulsystems

16

TÜBINGEN. Nach dem Motto «Vogel, friss oder stirb» seien die Gespräche über gemeinsame Bildungsreformen gelaufen, klagt die Opposition. Die Regierung wirft SPD und FDP vor, keine Vorschläge gemacht zu haben: Die sogenannte «Bildungsallianz» in Baden-Württemberg ist gescheitert. Der Realschullehrerverband (RLV) bedauert das – nicht. 

Die Verhandlungen sind geplatzt. Foto: Shutterstock

Nach dem Ende der Gespräche über gemeinsam getragene Bildungsreformen haben sich Opposition und Regierung gegenseitig die Schuld für das Scheitern zugeschoben. «Wir haben keinen Sinn gesehen, diese Gespräche fortzusetzen», sagte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch am Donnerstag im Kloster Bebenhausen bei Tübingen, wo die Runde getagt hatte. Das Treffen habe nichts von einem ergebnisoffenen Gespräch gehabt, so Stoch. Es sei stattdessen nach dem Motto «Vogel, friss oder stirb» abgelaufen. Er sprach von einem traurigen Tag für das Land.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke sagte, er habe bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nur wenig Offenheit zu Gesprächen gesehen. Man sei vor die Wahl gestellt worden, das Regierungspaket zu unterschreiben oder eben nicht. Er wolle aber den Mut nicht sinken lassen und erneut eine Einladung an die Fraktionsvorsitzenden aussprechen. «Vielleicht gelingt ja eine Verständigung ohne gewisse Leute», sagte Rülke.

Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz gab dagegen der Opposition die Schuld für das Scheitern der Gespräche. Er habe den Eindruck, SPD und FDP seien von Anfang an nicht bereit gewesen, an einem Strang zu ziehen, sagte Schwarz. Man habe die Gelegenheit geboten, über Dinge zu sprechen, die nicht im Koalitionsvertrag geregelt seien. Es sei schade, dass die Opposition dazu nicht bereit gewesen sei. «Damit hat sie eine Chance für sich vertan», sagte er. Die AfD war nicht eingeladen zu den Gesprächen.

Ministerpräsident Kretschmann sagte, er hätte gerne über konkrete Sachthemen geredet. Neue Vorschläge von SPD und FDP habe er aber nicht ausmachen können. «Parteiübergreifenden Konsens kann es ja nur geben, wenn alle etwas vorlegen», sagte Kretschmann. Seine Koalition habe etwas vorgelegt.

«Zum Gelingen der Reform müssen die Schularten Realschule sowie die Hauptschule
unbedingt eigenständig bleiben»

Die grün-schwarze Koalition hatte sich im Vorfeld auf gemeinsame Vorschläge für grundlegende Reformen geeinigt. Unter anderem will die Koalition den Werkrealschulabschluss abschaffen und erreichen, dass sich bestehende Werkrealschulen mit Realschulen zu Verbundrealschulen zusammenschließen. Hintergrund: Werkrealschulen sind in Baden-Württemberg ehemalige Hauptschulen, die leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler in einem zehnten Schuljahr zu einem mittleren Abschluss führen. Der Realschullehrerverband warnt vor «Zwangsverbünden» – träumt aber gleichzeitig von einem Wiedererstarken des tradierten dreigliedrigen Schulsystems.

«Zum Gelingen der Reform müssen die Schularten Realschule sowie die Hauptschule
unbedingt eigenständig bleiben. Ein Verbund dieser zwei eigenständigen Schularten
kann nur freiwillig erfolgen, und zwar da, wo er strategisch Sinn macht.
Zwangsverbünde, wo Eigenständigkeit möglich wäre, lehnt der RLV vehement ab», so
heißt es in einer Pressemitteilung.

Und: «Wenn die Umsetzung gelingt, bekommt die Realschule als ‚Mittelschule‘ ihre zwei
starken Flanken zurück: Das neunjährige Gymnasium mit dem klaren Schwerpunkt
auf akademischer Bildung und die für ein sinnvoll gegliedertes Schulsystem so
wichtige Hauptschule mit sehr hohem Praxisbezug. Nun gilt es, die in der
Vergangenheit geschwächten Hauptschulen zu stärken, denn das Land braucht für die
Zukunft gute Abschlussschüler aller drei Schularten!»

G9 soll nach den grün-schwarzen Plänen zum Schuljahr 2025/2026 eingeführt werden und mit den Klassen fünf und sechs starten. Die Gymnasien sollen zudem die Option erhalten, G8-Züge anzubieten – allerdings ohne dafür zusätzliche Mittel zu bekommen. Verständigt hat sich die Koalition  auch darauf, die Grundschulempfehlung wieder verbindlicher zu gestalten (News4teachers berichtete). Außerdem soll es mehr Ganztagesgrundschulen geben. Grundschulen in Brennpunkt-Gegenden sollen gar zu verbindlichen Ganztagesschulen werden.

«Wir kommen jetzt wieder ins normale Verfahren: Die Regierung regiert, die Opposition opponiert»

Diese Reformen will die Regierung nun auch ohne Unterstützung der Opposition umsetzen. «Wir kommen jetzt wieder ins normale Verfahren: Die Regierung regiert, die Opposition opponiert», sagte Kretschmann. Er wolle in der nächsten Woche eine Regierungserklärung abgeben. Darin werde die Koalition zusammenfassen, was sie in dieser Legislaturperiode noch vorhabe – «und darüber hinaus», sagte Kretschmann.

CDU-Fraktionschef Manuel Hagel lobte das Paket der Koalition. Dieses gehe die notwendigen Reformen für ein modernes Schulsystem der Zukunft an. «Unser Paket hat eine klare Botschaft. Wir geben uns nicht mit Mittelmaß zufrieden. Wir wollen zurück an die Spitze», sagte Hagel. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sagte, man sei nun deutlich weiter als man es sich je habe vorstellen können.

Schon vor den Gesprächen hatte sich angedeutet, dass eine Einigung schwierig werden könnte. Man habe bisher wenig von einem offenen Austausch gespürt, sagte SPD-Fraktionschef Stoch vor Beginn der Gespräche. FDP-Fraktionschef Rülke sagte, eine Einigung könne nicht so aussehen, dass die Regierung eine Ansage mache und die Opposition salutiere. Kretschmann hatte bereits am Dienstag klargemacht, die Vorschläge seiner Koalition auch ohne Einigung mit der Opposition umsetzen zu wollen.

In der vergangenen Woche hatte die Koalition bereits eine interne Einigung im Bereich der frühkindlichen Bildung vermeldet und ein Programm zur Sprachförderung an Kitas und Grundschulen vorgestellt. Damit sollen Kinder mit Sprachproblemen frühzeitig gefördert werden.

Karin Broszat, Landesvorsitzende des Realschullehrerverbands, kommentiert das Aus der Gespräche: «Die ‚Irrealos‘ der SPD hatten schon einmal die Chance, das Schulsystem sinnvoll zu gestalten und sind krachend gescheitert. Andreas Stoch war von 2011 bis 2012 Kultusminister. Ihm und seiner Partei ist ein Großteil der Bildungsmisere in unserem Land anzurechnen. Ihr Ausscheiden aus der ‚Allianz‘ bedauert im Realschullehrerverband kein Mensch!» News4teachers / mit Material der dpa

Bildungsabsteiger Baden-Württemberg: Wie bekommen Politiker die Schülerleistungen wieder nach oben?

 

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

16 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Der Zauberlehrling
1 Monat zuvor

Aus die Maus. Schicht im Schacht.

Wie schön wäre es gewesen, hätten alle mal an einem Strang _und_ in die selbe Richtung gezogen.

Eine vollständige Neuordnung des Systems, weiterhin unter dem Motto „Kein Abschluss ohne Anschluss“, das hätte dem Bildungsabsteiger sicherlich gut getan.

Abschlüsse und Prüfungen vereinheitlichen.

Vom Hauptschulabschluss an Gemeinschaftsschulen, Werkrealschulen, Realschulen und im AVDual angefangen über den mittleren Bildungsabschluss an Gemeinschaftsschulen, Realschulen und Berufsfachschulen bis hin zur allgemeinen Hochschulreife an den allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien. Alles auf jeder Stufe nicht einheitlich mit kleinen Unterschieden in den Stoffgebieten, etc. Bevor man auf ein „bundeseinheitliches Abitur“ setzt.

Die vergleichbaren Lehrpläne ergeben sich dann von selbst.

Der Abstieg in Baden-Württemberg vom vom vielen Herummurksen an der Bildung. Die längste Zeit am Stück unter der Oberaufsicht des Ex-Lehrers Kretschmann. Unter seiner Leitung wurde so vieles an die Wand gefahren. Da hilft auch das Lehramtsstudium in den 70ern nichts.

Aber einfach so aufzustehen, während der Ex-Lehrer quakt – unhöflich.

RainerZufall
1 Monat zuvor

Und ohne WRS läuft es dann in BW so erfolgreich wie in anderen Bundesländern, hm? Klingt für mich jetzt nicht so vielversprechend.
Aber ich schätze, wir haben noch ewig Zeit, über die Bildung zu streiten…

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor

Wenn BW zurück an die Spitze will, dann sollte man weg von den Einheitsschulen und wieder hin zur Dreigliedrigkeit. Gerade das Profil der Realschulen wurde ja unter Herrn Kretschmann massiv verwässert. Der Ausbau von häufig dysfunktionalen Gemeinschaftsschulen tat dabei sein Übriges. Warum sonst verlor man denn den „Platz an der Spitze?“

Lisa
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich selbst sehe das Problem eher für die Bildungsaufsteiger. Früher konnte ein guter Realschüler auf das dreijährige berufliche Gymnasium und hat dort Abitur gemacht. Das waren in meiner eigenen Abschlussklasse der mittleren Reife immerhin 10 Schüler von 32.
Heutzutage geht die Schere so weit auseinander, dass dem guten Schüler anderer Schularten ganz konkretes Pensum fehlt. Er ist in Mathematik und Englisch unter Umstände Jahre zurück. Das „bunte“ Schulsystem gab viele Möglichkeiten, davon profitierten auch Nichtmuttersprachler, die vielleicht erst mit 15 Jahren gute Schüler werden. Die Realschulen waren da vollumfänglich die “ Mittelschulen“.

Unfassbar
1 Monat zuvor
Antwortet  Lisa

Die guten Realschüler sind heute schon am Gymnasium.

Ragnar Danneskjoeld
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Dann hätte es ja auch keine Gründe gegeben, von der Dreizügigkeit abzurücken, um unnötiges Durcheinander zu vermeiden, nicht wahr? Kaum ein Bundesland ist seit Kretschmann und dessen Reformen jedenfalls derart abgestürzt wie BW. Früher Top 3, mittlerweile Mittelfeld.

Lisa
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

„Fehlende politische Kontinuität ist für langfristige Bildungsprozesse toxisch.“ Tatsächlich war das auch ein Argument des Vertreters des Pisa- Gewinners Singapur im Interview von Kulturradio.

„Darüber hinaus gibt es natürlich aber auch noch Einflussfaktoren auf die Bildung jenseits der Politik. Es kann durchaus sein, dass sich gesellschaftlicher Wandel (Frauenerwerbsquote, Migration, Familienstrukturen etc.) im früher ländlich und traditionell geprägten Baden-Württemberg besonders deutlich vollzogen hat. Das wäre mal eine Untersuchung wert“

Ich kenne diese Welt, die sie beschreiben, sehr gut, ich komme daher. Das von der SPD damals beschriebene Bildungsverliererin “ Katholisches Arbeitermädchen vom Lande “
Ist es denn aber zwangsläufig so, dass solch ein Wandel negativ auf Bildung wirkt? Es könnte in der Theorie doch auch anders sein, Schüler werden offener, kritischer, aufstiegswilliger, befreien sich von Hierarchien? An was hakt es diesmal?

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Brandenburg und Berlin sind ebenfalls zweigliedrig. Vom Platz an der Spitze sind beide Länder weit entfernt.

Dejott
1 Monat zuvor

Realschule und Hauptschule dürfen sich nicht überschneiden….blabla….die Hauptschulen müssen gestärkt werden…blabla….
Letztlich geht es nur darum, dass man meint, es wäre unbedingt notwendig, die schwächsten und schwierigsten Schüler aussortieren zu müssen-damit Schule gelingt.
Dummerweise ist das Quatsch. Dummerweise wird auch niemand auf diese tollen Hauptschulen wollen. Und dummerweise wird man auch kaum vollständig ausgebildete Lehrkräfte finden, die dort arbeiten wollen.
Und in Wirklichkeit sieht man die Hauptschule sowieso als Resterampe.
Dabei sind das Menschen, um die wir uns kümmern sollten.
Die Dreigliedrigkeit hilft überhaupt nicht, weil man echte Stellschrauben nicht anpackt: Klassengröße, Sozialarbeiter, Bürokratie, Lehrpläne, Gebäude….

Martina
1 Monat zuvor
Antwortet  Dejott

Es geht nicht ums Aussortieren der „schwächsten und schwierigsten Schüler“ wie immer gern und selbstgefällig behauptet wird, sondern darum, dass man mit äußerer Differenzierung den unterschiedlichen Lern- und Leistungsfähigkeiten der Schüler am nächsten kommt.
„Bildungsgerechtigkeit“ ist ein Begriff, den man mit frömmelnder Ideologie oder nüchternem Realitätssinn füllen kann. Und es fragt sich, was den Schülern am meisten hilft.
Ihr Kommentar klingt nach ziemlich viel Verachtung für Hauptschüler und -schule, auch wenn Sie betont fürsorglich schreiben: „Dabei sind das Menschen, um die wir uns kümmern sollten.“

Dejott
1 Monat zuvor
Antwortet  Martina

Es ist das Gegenteil der Fall. Ich habe besonders die Hauptschüler am Herzen.
Dummerweise rufen immer die Gruppierungen am lautesten nach einer frühen und konsequenten Differenzierung, die sich nur um daa obere Drittel kümmern würden. Das macht einen doch mehr als stutzig und lässt einen erahnen, was der eigentliche Antrieb ist. Man möchte halt unterrichten, sein Ding machen und die sozialen Probleme den unteren Schulformen überlassen. Für die es dann erst Recht keine Lehrer gibt.

Besseranonym
1 Monat zuvor
Antwortet  Dejott

Die Dreigliedrigkeit wäre sinnvoll, wenn nur das reine Können/Wissen über die Zuordnung zur Schulform entscheiden würde ( meinetwegen überprüft durch aussagefähigen Tests).
Da ich am Ende der Schullaufbahn, an beruflichen Schulen unterrichte: Viele „Nur-Hauptschüler‘ hätten deutlich mehr erreichen können. 30 Menscjen mit meist v.a. gesellschaftlich- sozialen Problemen in einem Raum etwas beibringen zu wollen ( Hut ab vor den HS/MSlehrerInnen ).
Wir können Schulformen einteilen, wie wir wollen, solange die Gesellschaft diese gewollte Separiererei ( “ mein Kind geht aufs Gymnasium “ *)weiter unterstützt, geht’s unbefriedigend (=6) weiter wie bisher.

* Ich erlebe nicht selten Kids, die das nicht schafften und nach einer Rückwärtsschul-Odyssee bei uns vollkommen demotiviert ankommen.
Kompletter Irrsinn: Es gibt auch noch FOS/BOS.

Ragnar Danneskjoeld
1 Monat zuvor

Andreas Stoch war von 2011 bis 2012 Kultusminister.“

Leider war er länger Minister (2013-2016), zuvor hatte das Amt eine unfähige Mannheimerin mit Doppelname inne. Die trat wegen erwiesener Unfähigkeit zurück und dann aus der SPD aus. Man sollte als Verbandsvertreterin wenigstens wissen, wann der Totengräber der eigenen Schulform Minister war…